Durch die Zeit

Nicht für diese Welt

Manchmal denke ich, dass ich – nicht mehr? – für diese Welt geschaffen bin. Mein Mann und ich haben uns – wir sind praktisch veranlagt in diesen Dingen – uns schon mal zu Weihnachten dieses Jahr ein Internet-Küchen-Radio geschenkt.

Er hat es heute schon an den Küchenschrank angebracht. Meine Aufgabe, wie immer, war, es einzurichten, also mit dem Internet zu verbinden, Sender einstellen, Uhr richten und all den Krampf.

Hey! Ich habe erstmal kaum diese Anleitung lese können (zu klein geschrieben und schlecht gedruckt) und dann so gut wie nicht verstanden, denn alle Sonderbedinungen und -wege wurden genannt, aber wie man einem endlich gefundenem Sender einen Programmplatz zuteilt … *kotz* *würg* *schrei* *fluch* …

70 Minuten später habe ich dann – heldenhaft! – die ersten sechs Plätze belegt und kapiert, wie umständlich das alles funktioniert. Aber dann auch feststellen müssen, dass es nur zehn – in Ziffern: 10 – belegbare Sendeplätze gibt. Das ist super doof, denn ich hatte soo Lust, mir eine Batterie von Sendern zusammenzustellen, um bei langen Kochsessions mal das und mal das hören zu können.

Kurz: Hände weg von ›Grundig Ktichen Radio RKR 3000 BT DAB+ Web‹.

Proust (187)

Marcel trifft sich entweder mit Albertine allein oder zusammen mit ihren Freundinnen (Andrée, Rosemonde, Gisèle). Guckt aber auch nach anderen jungen Frauen und benötigt »sieben bis acht Glas Portwein« (4.351), um sie anzusprechen. Über das Verlangen (stark!). Als immer mehr Gäste – und damit immer mehr junge Mädchen – kommen, versucht er Albertine von diesen fernzuhalten, aus Angst, sie könnte der »sapphische(n) Liebe« (4.354) erliegen. Der frönen – Skandal im Grand-Hôtel de Balbec – Blochs Schwester mit ihrer Freundin in aller Öffentlichkeit. Schützend hält aber Monsieur Nissim Bernard die Hand über sie – der selbst einen jungen Hotelbedienten aushält.

Ich ging dann zu dem Konditor, der gleichzeitig Erfrischungen feilbot, und nahm dort hintereinander sieben bis acht Glas Portwein zu mir. Sofort stellte dann da, wo zuvor ein unüberbrückbarer Zwischenraum zwischen meinem Wünschen und Handeln bestanden hatte, die Wirkung des Alkohols eine Linie her, die beides verband. Es gab nun keinen Platz mehr für Zögern oder Furcht. Es schien mir, daß das junge Mädchen mir einfach zufliegen müsse. Ich ging zu ihr, und wie von selbst flossen mir die Worte von den Lippen: »Ich würde gern mit Ihnen spazierengehen, wollen wir uns nicht auf die Falaisen begeben? Es stört uns dort niemand hinter dem kleinen Wald, der das zur Zeit unbewohnte Holzhaus vor jedem Luftzug schützt.« Alle Schwierigkeiten des Lebens waren geebnet, es gab kein Hindernis mehr für die Vereinigung unserer beiden Körper. Kein Hindernis wenigstens mehr für mich. Denn für sie, die ja keinen Portwein getrunken hatte, hatten die Hindernisse sich ja keineswegs zu einem Nichts verflüchtigt. Hätte sie es getan und hätte die Welt etwas von ihrer Realität in ihren Augen verloren, so hätte ihr seit langem gehegter Traum, dessen Verwirklichung ihr nun auf einmal möglich erschien, vielleicht überhaupt nicht darin bestanden, mir in die Arme zu sinken. (4.351)

GT (59)

Definitv keine Lust nach der letzten Sitzung. Vollbesetzung, also zu sechst. Von C.II bekomme ich die Kontaktdaten von C.I, die ja aufgehört hat. Es beginnt äußerst verhalten und überraschend früh bin ich dran. Ich bin in einem echt doofen Dilemma, wie ich finde, und der Psychodoc dreht es dann äußerst elegant. Ehe wir es uns versehen sind vier von uns in einem offenen, sehr anstrengenden da überaus forderndern Austausch, der echt viel fordert.

Das Ergebnis ist in der Hinsicht wenig schön, weil ich noch weit aus mehr zu bearbeiten habe, als ich dachte, andererseits ist wieder mehr Klarheit da, was das Ganze besser beherrschbar macht.

Verlängerung hat der Psychodoc beanatragt, ist guter Dinge, denn er bittet zum Einzel nächste Woche.

Ich nutze die Gunst der Stunde und frage J., ob er auch in meine Richtung muss (muss er, er will ja auf den Zug). Also haben wir auf den Weg dorthin noch 20 Minuten Zeit und – geschickt, geschickt wie ich sein kann – nach der Therapie haben wir ein Date zu einem Fotoshooting. (Aber ich hatte da auch leichtes Spiel, der hat das Moddeln gerade für sich entdeckt und ist auch wirklich prädestiniert dafür. Was mich freut, dass er mit so einem alten Sack wie mir, immerhin liegen knapp 30 Jahre zwischen uns, es sich gut vorstellen kann. Das wäre mir in seinem Alter wohl anders ergangen.)

An manchen Tagen

An manchen Tagen hat man sogar was zu erzählen:

  • Mein Mann ist Zeuge! Ich habe mich wirklich bemüht, das Gespräch mit meiner Mutter zu ihrem Geburstag lang und ausführlich zu gestalten. Es wurden 1:37 – also: eine Minute, siebenundreißig Sekunden.
  • Heute D. – einer Freundin meines besten Freundes, die ich auch etwas kenne – geschrieben, weil ich eine Empfehlung für ein juristisches Fachbuch brauche. Im Nachgang festgestellt, dass sie der erste Mensch ist den ich kenne, der einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat. Aber sie ist ja in der Zwischenzeit „wer“ (= politisches Amt, schätzungsweise min. 9.000 Euro brutto).
  • Eine Kollegin von „über’m Flur“ bringt von ihrem Mann – seines Zeichens Konditormeister – übergroße Dominosteine mit. Nach der ersten Probe habe ich zwei weiter gleich gebunkert und wenn morgen um 6:40 Uhr noch was davon in der Küche liegt, dann sind die A L L E mir!
  • Jobmäßig stand das Telefon heute für meine Verhältnisse nicht still. Schon ein komisches Gefühl ‚gebraucht‘ zu werden.

Proust (186)

Im Zimmer angekommen behauptet Marcel, nicht Albertine, sondern Andrée zu lieben. Er erklärt es den Lesenden – nicht Albertine – mit dem »Zweitaktrhythmus« (4.336) derjenigen »die zu sehr an sich selber zweifeln, um  zu glauben, eine Frau könne sie jemals lieben, sowie auch daran, da sie selbst sie jemals wirklich zu lieben in der Lage sind« (ebd.). Unlogischerweise begründet er ihr gegenüber seine Nicht-Liebe durch den Verdacht ihre lasterhaften Neigung zu Andrée. Das weist sie natürlich weit von sich. »Ich hätte an jenem Abend abreisen sollen« (4.345) resümiert er – aber dann wäre die Recherche nie solang geworden!

… wir machen einen ersten Schritt vorwärts, indem wir derjenigen, die wir lieben, unsere Zuneigung und unsere Hoffnungen eingestehen, wobei wir sogleich befürchten, ihr zu mißfallen, und auch beschämt feststellen müssen, daß die Sprache, die wir ihr gegenüber verwendet haben, nicht eigens für sie erschaffen wurde, sondern uns schon für andere gedient hat und wieder dienen wird, daß sie uns, wenn sie uns nicht liebt, nicht verstehen kann, und daß wir in diesem Fall in der geschmacklosen, schamlosen Art des Pedanten gesprochen haben, der an Ungebildete feingeschliffene Worte richtet … (4.337)

Proust (185)

Über die Aussprache von »de Ch’nouville« (4.321) bzw. »d’Chenouville« (ebd). Madame de Cambremer lädt Marcel wiederholt ein. »Darauf stieg sie, den Kopf wiegend und den Krummstab ihres Sonnenschirms schwenkend, in den Wagen und fuhr durch die Straßen von Balbec, beladen mit den Zeichen ihres geweihten Amtes wie ein alter Bischof auf der Firmungstournee.« (4.329) Marcel verdrückt sich mit Albertine auf sein Zimmer, im Lift klärt er dem Boy auf, dass die Marquise »Marquise von Cambremer und nicht Camembert heiße« (4.331). Das ist dem egal, denn er fürchtet nur um sein Trinkgeld, was Marcel in Albertines Gegenwart nicht geben will.
Solche Seiten kann nur Proust schreiben.

Auf ein Zeichen ihrer Schwiegertochter machte Madame de Cambremer Miene, sich zu erheben, und sagte zu mir: »Mögen Sie nicht, wenn Sie schon nicht in Féterne bei uns wohnen wollen, wenigstens einen Tag dieser Woche zu uns zum Dejeuner kommen, morgen zum Beispiel?« Und in ihrem Wohlwollen setzte sie, um mich vollends zu einem Entschluß zu bewegen, noch hinzu: »Sie werden dort den Grafen von Crisenoy wiedersehen«, den ich keineswegs vermißt hatte aus dem einfachen Grund, daß ich ihn gar nicht kannte. (4.326)

Wohl noch dieses Jahr

Morgen geht der Blutwert über meine Abstinenz, der heute endlich vorlag, an die Rehaklinik – und dann werde ich wohl bald wissen, wann ich ‚einrücken‘ soll.

Proust (184)

Um Marcel einzuladen, hat sich Madame de Cambremer mit ihrer Schwiegertochter – Madame Elodie de Cambremer-Legrandin – zu ihm an den Strand begeben, wo er gerade mit Albertine ist. Mehr oder weniger fundierte Gespräche über bildende Künstler wie Monet, Elstir, Poussin, Degas, Vermeer, Manet und Komponisten wie Mozart, Wagner, Chopin und Debussy. Als Madame de Cambremer – die »einzige noch lebende Schülerin Chopins« (4.315) – erfährt, das Marcel Chopin mag, tickt sie etwas aus: »Ich verstehe«, so sie zu Marcel, »daß Sie als Kü-hünstler so etwas lieben müssen. Es ist soo schön!« (4.320)

»Ah! Sie sind in Holland gewesen, kennen Sie die Vermeers?« fragte Madame de Cambremer in strengem Ton, ganz, wie sie gefragt haben würde: »Kennen Sie die Guermantes?« Denn der Snobismus wechselt zwar seinen Gegenstand, nicht aber den Ton. Albertine verneinte: Sie glaubte, es handle sich um irgendwelche lebenden Menschen. Doch es fiel nicht weiter auf. (4.316)

# 556

Ich werde langsam …

… alt und wunderlich. Jetzt stehe ich schon freiwillig an einem Sonntag um 7:30 Uhr auf.

Liegt wohl daran, dass man, je älter man wird, sich bewußter wird, dass die Zeit, die man (noch) hat, doch ganz schön begrenzt ist. Daher will man sie so gut wie möglich nutzen – auch wenn der notwendige und ausführliche Mittagsschlaf das frühe Aufstehen dann wieder relativiert.

Proust (183)

Marcel spürt / (er)ahnt / vermutet / unterstellt / … Albertine, dass sie ihm gegenüber nicht ganz aufrichtig ist – »Selbstintoxikation« (4.301) durch Beobachtungen und Erinnerungen. Unerquickliche Gespräche und Marcel lästert mit bösen Worten über sie. Albertine wie Andrée lehnen lesbische Liebe – wie zwischen einer Schwester von Bloch und deren Cousine – lautstark ab, was Albertine nicht hindert, das Paar heimlich zu beobachten und dann zu behaupten, sie hätte nichts gesehen. Zärtlichkeiten zwischen den Freundinnen: Andreé legt »schmeichelnd ihren Kopf an Albertines Schulter« und küsst sie »mit halbgeschlossenen Augen in die Beugung des Hals[es]« (4.301). Madame de Cambremer lädt Marcel wiederholt ein und stellt die Ankunft von Robert de Saint-Loup und Baron de Charlus in Aussicht.

Diese Beschreibungen [dass Madame Swann als Kokotte Swann oft zum Besten gehalten hat] trugen dazu bei, daß sich im weiteren Verlauf meine Einbildungskraft dem Spiel überließ, sich vorzustellen, Albertine könnte, anstatt ein braves junges Mädchen zu sein, der gleichen Unmoral und Täuschungsbereitschaft huldigen wie eine ehemalige Kokotte, und ich dachte an alle Leiden, die mich in diesem Fall erwarteten, wofern ich sie jemals geliebt haben sollte. (4.302)

Proust (182)

Marcel lässt Albertine hin und wieder durch den Liftboy – »klein, schlecht gebaut und eher häßlich« (4.284) – holen. Tolles Porträt desselben. Als er mit der Lokalbahn zu den Verdurins will, bleibt diese liegen. Zufällig trifft er Doktor Cottard, beide gehen ins nahgelegene Casino um die Wartezeit zu verbringen. Dort sehen sie, wie Albertine und Andrée zusammen Walzer tanzen. Cottard: »Es ist zu wenig bekannt, daß Frauen Lust vor allem durch die Brüste spüren« (4.289). Marcel meint auch zu beobachten, wie die beiden sich »irgendwelche lustvollen geheime Schauer mitteilen und offenlegen wollten« (4.289f). Fazit: »Noch nicht … begann mein grausames Mißtrauen feste Gestalt anzunehmen« (4.287). Über die Konkurrenz von Doktor Cottard in Balbec und Umgebung.

Er [der Liftboy] trat dann in mein Zimmer, ließ aber die Tür offenstehen, denn obwohl er gewissenhaft seinen »Job« besorgte, der sehr hart war, da er in viel Putzen von fünf Uhr früh an bestand, konnte er sich nicht zu der Anstrengung aufraffen, eine Tür zu schließen, und wenn man ihn darauf aufmerksam machte, daß sie offen sei, ging er nur zurück und stieß sie mit dem Höchstmaß an Mühe, das er aufzubringen vermochte, leicht an. (4.281)

Nächster Schritt auf der Karriereleiter

Ganz offiziell bin ich nun Mitglied im exklusiven „Festausschuss“! Mitverantwortlich ab jetzt für die wesentlichen Dinge eines Unternehmens wie Betriebsausflug und Weihnachtsfeier. Wenn das mal kein Sprung auf der Karriereleiter ist?

Proust (181)

BAND IV: SODOM UND GOMORRHA – Teil II – Zweites Kapitel

Der »Kummer um meine Großmutter» (4.270) lässt nach und Marcel beginnt »durch Albertine doch allmählich etwas wie ein Verlangen nach Glück zu empfinden.« (ebd.) Er macht sich auf »in Féterne Madame de Cambremer und in La Raspelière Madame Verdurin einen Besuch« (4.273) mit der Lokalbahn zu machen, bricht aber in Gedanken an die Großmutter ab. Er lässt Albertine holen – Vorahnung von »Mißtrauen« (4.277) und »Angst« (ebd.) – die nun doch die ganze Saison in Balbec bleibt und wünscht, ihn jeden Tag zu sehen. Françoise dazu: »Ich kenne genau ihre Art von Charakter, sie wird Monsieur Kummer machen.« (4.278)
By the way: Der bisher schönste Frauenvorname in der Recherche: »Eléonore-Euphrasie-Humbertine« (4.275).

Eine solche Erinnerung hatte mir wie mit einem Zauberstab die Seele wieder verliehen, die ich seit einiger Zeit zu verlieren im Begriff gewesen war; was hätte ich mit Albertine anfangen sollen, wo doch meine Lippen einzig und allein ein verzweifeltes Verlagen verspürten, ein Wesen zu küssen, das verstorben war? (4.274)

Proust (180)

Auch der Hoteldirektor berichtet, wie schlecht es der Großmutter beim letzten Besuch gegangen sei. Auf Wunsch der Mutter legt er sich an den Strand und träumt wieder von der Großmutter. Langsam fängt er sich und trifft Albertine, die furchtbar schlecht gelaunt, weil ihr langweilig ist. Prousts Ansicht eines Frühlingtages.

[Ende Teil II, Erstes Kapitel]

Unter so viel Azurbläue brachte ein leichter, aber kühler Wind die sich rötenden Blütensträußchen [der Apfelbäume] leise zum Erschauern. Blaumeisen setzten sich auf die Zweige und hüpften zwischen den Blüten hin und her, die so nachgiebig stillhielten, als habe ein Liebhaber exotischer Dinge und Farben diese lebendige Schönheit künstlich hergestellt. Diese aber rührte gerade deshalb zu Tränen, weil sie, so weit sie in ihren Effekten raffinierter Kunstfertigkeit ging, dennoch spüren ließ, daß sie natürlich war, daß diese Apfelbäume dort auf freiem Feld wie Bauern auf einer großen französischen Landstraße standen. Dann folgten auf die Strahlen der Sonne plötzlich Regenstreifen; sie schraffierten den ganzen Horizont und woben die Reihe der Apfelbäume in ihr graues Netzwerk ein. Diese aber trugen weiter blühende, rosige Schönheit zur Schau in dem eisig gewordenen Wind und unter dem Platzregen, der herniederrauschte; es war ein Frühlingstag.

Proust (179)

Nicht nur ein Treffen mit Albertine, sondern auch eine Einladung der Madame de Camremer zu einer Matinee sagt er ab – zu sehr ist er in den Erinnerungen an seine Großmutter versunken. Weitere Betrachtungen über die Trauer. Betrachtungen über das Hotelpersonal. Die Mutter kommt trifft zufällig nicht nur »Dann-kannst-du-dich-freuen« am Strand – eine Madame Poussin, die ständig ihre Töchter warnt – sondern auch Albertine. Sie macht für Marcel einen Termin mir ihr aus. Der erfährt von Françoise wie schlecht es der Großmutter in Balbec wirklich gegangen sei und welcher Aufwand es war, eine Photographie für ihn herzustellen. Er sagt Albertine ab, obwohl die im Hotel wartet.

Gleich auf der Schwelle des Hotels zog ein junger Page seine Mütze, um mich zu begrüßen, und setzte sie sofort wieder auf. Ich glaubte, Aimé [der Oberkellner] habe ihm – nach seinem eigenen Ausdruck – »einen Wink« gegeben, er möge sich mir gegenüber aufmerksam betragen. Im gleichen Augenblick aber sah ich auch schon, daß er die Mütze für eine andere Person, die nach Hause kam, wieder genauso zog. Tatsächlich verstand dieser junge Mann auf der Welt nichts weiter, als die Mütze zu ziehen und wieder aufzusetzen, dies aber in Vollkommenheit. (4.256)

Ein halbes …

… Glas Wein gönne ich mir nachher. Irgendwie muss man es ja feiern, dass ich seit vier Wochen keinen Tropfen Alk getrunken habe.

Proust (178)

In der Nacht erleidet Marcel »einen Anfall von Herzschwäche« (4.231) und vermisst seine Großmutter. Er realisiert, dass sie tot ist. Trauer und (ausführliche) Erinnerung. Alptraum, in dem er sich vergeblich bemüht, seine tote Großmutter zu besuchen. Albertine, die seit drei Tagen in einem benachbarten Seebad ist schreibt ihm ein »Briefchen« (4.242) und will wissen, ob sie ihn sehen kann bzw. er sie sehen will.

Denn mit den Störungen des Gedächtnisses ist eine Intermittenz*, eine Arrhythmie des Herzens verbunden. (4.233)

* Physik: Reguläres Verhalten, welches durch seltene, kurzzeitige Phasen chaotischen Verhaltens unterbrochen wird.

Home Office

Zwei Rechner, zwei Tatstauren, zwei Mäuse, zwei Bildschirme – und ich versuche stündlich mehrfach, Programm von dem einen auf den anderen Bildschirm zu schieben. Aber soviel Office habe ich dann doch nicht im Home und habe lange nicht mehr soviel rumgescrollt.

Proust (177)

Die zweite Ankunft in Balbec ist überschrieben mit »Arrhythmien des Herzens« (4.224). Der Hoteldirektor empfängt Marcel, der Vorsitzende der Anwaltskammer ist tot, der Gerichtspräsident befördert (vgl. Nr. 72, 74). Auch die Verdurins (vgl. u.a. Nr. 21-31) mit ihrem kleinen Kreis sind in der Gegend. Sie haben das Schloss La Raspelière von den Cambremers gemietet (vgl. Nr. 34, 104). Und auch die Baronin Putbus mit (!) der Kammerfrau (vgl. Nr. 173) hat ihr Kommen angekündigt. Man sieht an dem »vgl.«: Proust führt sein Personal zusammen.

Je mehr neue Sprachen er [der Hoteldirektor] lernte, desto schlechter sprach er die früheren. Er teilte mir mit, er habe mich ganz oben im Hotel untergebracht. »Ich hoffe«, sagte er, »daß Sie darin keinen Mangel an Unhöflichkeit sehen; es war mir unangenehm, Ihnen ein Zimmer zu geben, dessen Sie unwürdig sind, aber ich habe es betreffs des Lärms getan, weil Sie so niemand über sich haben und Ihre Ohrtrompete« (er meinte das Trommelfell) »schonen. Aber Sie können beruhigt sein, ich lasse die Fenster schließen, damit die Flügel nicht klappern, denn darin bin ich unerträglich« (welche Worte zwar nicht zum Ausdruck brachten, was er meinte, nämlich daß er in diesem Punkt unerbittlich sei, wohl aber vielleicht die Ansicht der Etagendiener). Die Zimmer waren im übrigen dieselben wie bei meinem ersten Aufenthalt. Sie lagen keineswegs tiefer, doch war ich in der Achtung des Direktors gestiegen. Ich könne mir Feuer machen lassen, meinte er, wenn ich wolle (denn auf ärztliche Anordnung war ich schon zu Ostern gereist), doch er fürchte, daß die Decke vielleicht »reparabel« sei. »Vor allem warten Sie immer mit dem Auflegen neuer Scheite, bis die alten entbrannt sind« (statt verbrannt). »Es ist nämlich wichtig, daß der Kamin nicht zu glühen anfängt, zumal ich, um das Zimmer freundlicher zu gestalten, eine alte chinesische Passepartoutvase« (Potpourrivase) »daraufgestellt habe, die entzweigehen könnte.« (4.225)

5

  • 6:30 schon auf gewesen. Aber entweder hat man was von Tag oder schläft aus.
  • Dank des Tatorts von heute weiß ich, dass ich an verschiedenen Parasomnien ‚leide‘.
  • Wer eine absolut grandios gemachte Graphic Novell lesen / gucken will, dem sei aber sowas ans Herz gelegt: Martin Panchaud: Die Farbe der Dinge! Die Personen sind auf Kreise reduziert, alles aus Vogelperspektive aber so geschickt in Szene gesetzt. Leider etwas teuer – aber echt, echt gut!
  • Vom gleichen Zeichner – kostenlos – seine Adaption von StarWars. Es gibt Leute, die können es echt!
  • Morgen eine Stunde länger schlafen oder so, denn ich hab‘ HomeOffice und kann vom Bett ungewaschen gleich an den Rechner fallen.

Proust (176)

Françoise meldet Albertine, für die sie nur Verachtung übrighat, was sie Marcel auch wissen lässt. Der ›schießt‹ zurück. Es kommt zu »Küssen und Zärtlichkeiten« (4.206). Er trifft sie danach eine Zeitlange nicht mehr. Keller, der Übersetzter und Kommentator, schreibt in Fußnote 1 zu Seite 201 – ja, heute ist Sonntag, ich mache es mir mal einfach: »Mit einer Betrachtung über die verschiedenen Pariser Salons beschließt Proust auf den folgenden Seiten … jenen Romanteil, der den gesellschaftlichen Aufstieg des Protagonisten nachzeichnet.« (4.819) Der Salon von Odette Swann hat enormen Aufschwung genommen und läuft fast dem der Herzogin von Guermantes den Rang ab.

»Sie [gemeint ist Françoise] sind eine ausgezeichnete Person«, sagte ich mit honigsüßer Stimme, »Sie sind sehr nett, Sie haben viele gute Eigenschaften, aber Sie haben nichts dazugelernt, seit Sie in Paris angekommen sind, sowohl, was Toilettenfragen anbetrifft, als auch in der Aussprache der Wörter und hinsichtlich all der Schnitzer, die Sie machen.« Dieser Vorwurf war ganz besonders einfältig, denn die französischen Wörter, auf deren exakte Aussprache wir so stolz sind, sind in sich selbst nichts weiter als »Schnitzer« aus dem Mund von Galliern, die das Lateinische oder Germanische schlecht aussprachen, denn wahrhaftig besteht unsere Sprache nur aus fehlerhaft ausgesprochenen anderen Sprachen. (4.204)

Ein Tag.

Von allem etwas, von nichts ausreichnend.

Proust (175)

Marcel eilt nach Hause, wo er Albertine auf sich warten wähnt. Die ist aber gar nicht da. Blanke Enttäuschung. Über Eigenheiten von Françoise. Banges, nervöses, anstrengendes Warten, ob Albertine doch noch kommt. Sie meldet sich per Telefon, ergeht sich in Ausflüchte, Marcel droht so lange, bis sie sich von der Freundin aufmacht. Marcel glaubt ihr so gut wie kein Wort:

»An jenem Abend durchlief mich diese Gewißheit nur wie ein leiser Schauer, in dem jedoch schon die Ahnung langer Leiden mitschwang.« (4.300) Wie recht er mit der Ahnung hat!»Dann sind Sie mir eben sonst böse; es ist ärgerlich, daß es heute abend zu spät ist, sonst wäre ich noch zu Ihnen gekommen, aber ich werde morgen oder übermorgen kommen und mich bei Ihnen entschuldigen.« – »O nein, Albertine, ich bitte Sie, jetzt habe ich schon diesen Abend durch Sie verloren, lassen Sie mich wenigstens die nächsten Tage in Ruhe. Vor vierzehn Tagen oder drei Wochen bin ich nicht wieder frei. Hören Sie, wenn es Ihnen unangenehm ist, daß wir uns über einem solchen unerquicklichen Eindruck trennen – und im Grunde haben Sie vielleicht recht –, dann ist es mir doch lieber, Müdigkeit hin, Müdigkeit her, da ich nun schon bis jetzt gewartet habe und Sie noch unterwegs sind, wenn Sie gleich zu mir kommen. Ich trinke dann eben eine Tasse Kaffee, um mich wachzuhalten.« – »Wäre es nicht möglich, daß wir es auf morgen verschieben? Die Schwierigkeit ist nämlich die …« (4.198f)

30 Euro mehr

Weil die nächste Ausbildungsrunde virtuell stattfindet, kam mir die Idee, eine neue Webcam zu kaufen. Auf dem Weg ins Geschäft kam ich dann aber ins Grübeln. Warum eine neue Wegcam? Ich habe eine, die funktioniert, niemand hat sich bisher beschwert. Und was habe ich davon, wenn ich mir eine neue kaufe? Im Grunde nichts.

Aber dann war ich schon im Geschäft und bin halt so rumgeschlunzt, kam an kleinen Lautsprecheranlagen vorbei und da ich nur einen Brüllwürfel besitze, der nur pseudo-stereo kann …

Schätzungsweise werde ich mich spätestens morgen fragen, warum ich nicht schon früher auf die Idee gekommen bin.

Proust (174)

Marcel verabschiedet sich, weil er von den ›Herzogs‹ mit nach Hause genommen wird. Der Herzog plaudert noch etwas mit seinem Bruder (= Baron de Charlus) und tritt unbeabsichtigt ins Fettnäpfchen. Auf der Treppe kommt ihnen Madame d’Orvillers den Gehenden entgegen – kurzes, knackiges Portrait derselben. In der Kutsche fragt Oriane, wem sie Marcel noch vorstellen soll. Der wünscht sich die Baronin Putbus, was Oriane brüsk abweist – weiß sie doch auch nicht, dass Marcel vielmehr an deren Kammerzofe interessiert ist, da Robert ihm berichtete, dass diese ›zu haben‹ sei.

»Oh! du bist immer ein Original gewesen, von dir kann man sagen, daß du nie dieselben Neigungen wie alle anderen gehabt hast …« Doch kaum hatte der Herzog diese Worte gesagt, als er, wie man sagt, rot anlief, denn er kannte, wenn auch nicht die Sitten, so doch den Ruf seines Bruders sehr wohl. Da er darüber niemals mit ihm sprach, war es ihm um so peinlicher, etwas gesagt zu haben, was sich möglicherweise darauf beziehen könne, und noch mehr, daß es so ausgesehen hatte, als ob es ihm peinlich sei. Nach kurzem Schweigen fuhr er, um den Eindruck seiner letzten Worte zu verwischen, fort: »Wer weiß, du warst vielleicht in eine Chinesin verliebt, …« (4.177)

Proust (173)

Endlich sind Swann und Marcel ungestört. Swann berichtet, dass der Fürst ihm ›gestand‹ dass er auch Dreyfusianer sei und als Katholik Messen für ihn habe lesen lassen – wie auch seine Frau, vor der er seine politische Einstellung geheim gehalten hatte. Marcel wird zum Souper mit der Fürstin eingeladen, sagt ab, da er ja noch Albertine erwartet. Er lügt Swann an indem er behauptet, er würde Gilbert demnächst schreiben, dabei ist sie für ihn »wie eine Tote, die man lange beweint hat, dann ist das Vergessen gekommen, und wenn sie jetzt wiedererstünde, würde sie sich nicht mehr in ein Leben eingliedern, das nicht mehr für sie gemacht ist« (4.170f). Die Fürstin ist mächtig in Baron de Charlus verknallt.

Von einem gewissen Grad der Schwäche an, ob diese nun durch Alter oder Krankheit verursacht ist, wird jedes Vergnügen, das auf Kosten des Schlafes geht oder sich auch nur außerhalb unserer Gewohnheiten abspielt, wird jede Regelwidrigkeit zu einer Last. (4.166)

GT (58)

Echt keine gute Stunde für mich.
Viele Anzeichen sprechen dafür, dass es eine gute Stunde für die anderen war.
Sicher ein sehr gute Stunde für C.I, denn es war ihre letzte.

Proust (172)

Marcel unterhält sich mit Swann, Baron de Charlus mit Madame Surigs, in erster Linie aber mit ihrem Sohn Victurnien (Nr. 170f). Madame de Saint-Euverte muss sich vom Baron Schmähungen anhören und bitte Marcel ihn dennoch morgen auf ihre ›Garden-party‹ (Nr. 168) mitzubringen. Der verabschiedet sich, um Albertine nicht länger warten zu lassen, gerät aber in die Fänge Swanns, der ihm, als einzigem Vertrauten, erzählen will, was der Fürst mit ihm zu besprechen hatte und was ja schon für das ein oder andere Gerücht (Nr. 169) gesorgt hat.

»Können Sie sich vorstellen, daß dieser unverfrorene junge Mann hier«, sagte er zu Madame de Surgis und wies dabei auf mich, »ohne das geringste Gefühl dafür, daß man von dieser Art von Bedürfnissen nicht spricht, mich fragt, ob ich zu Madame de Saint-Euverte gehe, das heißt, wie ich annehmen muß, ob ich Durchfall habe. Wie auch immer, ich würde gewiß versuchen, mich an einem bequemeren Ort zu erleichtern als bei einer Person, die, wenn mein Gedächtnis nicht trügt, ihren hundertsten Geburtstag feierte, als ich begann, in der Gesellschaft, das heißt nicht bei ihr, zu verkehren. Und doch, wem zuzuhören könnte interessanter sein? Wie viele historische Erinnerungen, gesehen und erlebt in der Zeit des Ersten Kaiserreichs und der Restauration, wie viele intime Geschichten auch, die gewiß nichts Heiliges an sich hatten, aber wahrscheinlich sehr pikant waren – nach den immer noch losen Schenkeln der ehrwürdigen Tänzerin zu schließen! Was mich daran hindern würde, sie über diese aufwühlenden Epochen zu befragen, ist die Empfindlichkeit meines Geruchsapparates. Die Nähe dieser Dame genügt. Plötzlich sage ich mir: ›Mein Gott, sollte meine Abortgrube schadhaft geworden sein?‹ Statt dessen aber hat einfach die Marquise bei ihrer Gästejagd den Mund aufgetan. Sie begreifen, daß, wenn ich das Pech hätte, bei ihr zu verkehren, diese Abortgrube sich zu einem ungeheuren Jauchefaß ausweiten würde. Dennoch trägt sie einen mystischen Namen, bei dessen Anhören ich immer mit Jubilieren im Herzen – obwohl sie selbst längst sämtliche Jubiläen hinter sich gebracht hat – an jenen blöden Vers denken muß, der dekadent sein soll: ›Grün, ach wie grün war damals meine Seele …‹ Mir freilich liegt eine Grünanlage mehr, wenn sie sauberer ist. Wie ich höre, gibt diese Person, die unermüdliche Jägerin, ›Garden-parties‹; ich selbst würde das eher als eine ›Einladung zum Kloakenkorso‹ bezeichnen. Wollen Sie sich etwa damit verunreinigen?« fragte er Madame de Surgis, die diesmal ernstlich in Verlegenheit geriet. (4.151f)

Heute so

Heute morgen nach einem Artikel in der Frankfurter Rundschau über sexuellen Missbrauch richig mies drauf gekommen. OK, der hat es echt hefitger erlebt als ich und die Folgeschäden waren / sind weit aus größer und nachhaltiger – aber da gibt es so eine Art ‚Solidarität‘.

Nachmittags dann mit S. fast zwei Stunden durch die Natur (statt Wein in Kneipe) und uns gegenseitig unser Leid geklagt. In der Straßenbahn zurück wäre ich vor Müdigkeit und Erschöpfung fast eingeschlafen. Das Zuhören ist gerade wesentlich einfacher, als selber zu reden.

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