Durch die Zeit

Möge es klappen

Bei der Hitze nicht viel gemacht. Morgen aber einen Termin bei meiner Hausärztin. Ich will ja gegen die Reha-Klinik, die man mir zugestanden hat, Einspruch einlegen. Was soll ich in einer Einrichtung, die sich auf Jugendliche mit Canabis-Missbrauch spezialisiert hat und dann so ein bisschen anderes nebenbei macht?

Die Klinik, in die ich will, ist da ganz anders aufgestellt, eben insbesondere auf mein „spezielles Thema“. Heute Argumente zusammengeschrieben, die für diese Klinik sprechen und die dann – hoffentlich – meine Ärztin morgen dann gut in Medizindeutsch umsetzt.

Ich will einfach mal positiv sein und hoffen, dass es funktionieren wird.

Proust (78)

Nicht nur Marcel, auch seine Großmutter ist von Saint-Loup – mit Vornamen Robert – begeistert. Er ist adlig, hat aber was für die Sozialisten übrig; er ist äußerst elegant gekleidet, wirkt aber natürlich; er errötet schnell, steht aber seinen Mann; er hat Geld, zeigt es aber nicht; er … kurz, nicht nur der ideale Mann sondern auch der ideale Freund. »Es war sehr bald zwischen ihm und mir eine ausgemachte Sache, daß wir Freunde fürs Leben geworden seien … (2.444). Bloch ist ebenfalls in Balbec – mit seinen ihn anhimmelnden Schwestern – und fällt unangenehm auf, als er lautstark gegen die angebliche »Judeninvasion« (2.448) im Seebad wettert. Man erinnere sich: Bloch ist selbst Jude.

Am bezauberndsten aber fand meine Großmutter die Natürlichkeit Saint-Loups in der völlig unkomplizierten Art, in der er seine Sympathie für mich bekundete, für die er Worte fand, wie sie selbst, sagte sie, nicht treffendere und zärtlichere hätte ausdenken, Worte, für die »Sévigné und Beausergent« hätten zeichnen können; er scheute sich nicht, über meine Fehler zu scherzen – er hatte sie mit einem Scharfblick erkannt, der meine Großmutter amüsierte –, aber doch nur so, wie sie selbst es getan hätte, auf eine liebevolle Art und verbunden mit fast übertriebener Bewunderung meiner guten Seiten, die er mit einem Überschwang rühmte, der nichts von der kühlen Reserve hatte, durch die im allgemeinen junge Leute seines Alters sich ein Ansehen geben zu müssen glauben. Auch zeigte er in seinem Bemühen, jedem geringsten Unbehagen bei mir zuvorzukommen, mir Decken über die Beine zu legen, sobald es kühler wurde, und ohne daß ich es merkte, es ohne darüber zu sprechen so einzurichten, daß er abends länger bei mir blieb, wenn ich ihm traurig oder mißgestimmt vorkam – eine Aufmerksamkeit, die meine Großmutter vom gesundheitlichen Standpunkt aus, unter dem etwas mehr Abhärtung erwünscht gewesen wäre, beinahe zu weitgehend, als Beweis inniger Zuneigung jedoch um so rührender fand. (2.443f)

„Was für eine ‚itz!“

So eine vom Service aus dem Sterneschnuppen von vor einem Jahr.

Hieß für mich heute nur dann Klamotten an, wenn ich das Haus verlassen musste – einmal Vogelfutter, einmal Buch – ansonsten Sparflamme auf allen Bereichen. Aber erholsamer Mittagsschlaf nach drei Horrornächten und mit den Videos für meinen Mann sind wir auch durch.

Der Prosecco jetzt ist also verdient.

Proust (77)

Großmutter und die Marquise sind von Standesdünkel dann doch nicht ganz frei. Tiefe Verbundenheit zwischen Marcel und seiner Großmutter, Angst vor Trennung (Tod), Marcels These von den »Seelen und ihrer künftigen Wiedervereinigung« (3.433). Ein Neffe der Marquise tritt auf, es ist der junge Marquis von Saint-Loup-en-Bray: ein junger Mann »groß, schlank, mit freiem Hals, stolz erhobenem Haupt und durchdringendem Blick« (2.434), »dessen Haut so hell war und dessen Haare so golden schimmerten, als hätten sie alle Strahlen der Sonne in sich aufgesogen« (ebd.). Sehnsucht Marcels, mit ihm Freundschaft zu schließen, doch Saint Loup beachtet ihn mehrere Tage nicht. Dann werden sie einander vorgestellt und Saint Loup »erklärte mir nach einer langen Unterhaltung, er habe größte Lust, mich täglich mehrere Stunden zu sehen« (2.438).

Auf unseren Ausflugsfahrten hatte sie [die Marquise] uns gegenüber rühmend seine [Saint Loups] große Klugheit erwähnt, vor allem sein gutes Herz; schon stellte ich mir vor, er würde von Sympathie für mich erfüllt, ich würde sein bevorzugter Freund sein, und als vor seinem Eintreffen noch seine Tante meiner Großmutter zu verstehen gab, er sei unglücklicherweise einer üblen Person in die Hände gefallen, auf die er ganz versessen sei und die ihn nicht loslassen wolle, dachte ich, überzeugt, daß eine solche Art von Liebe schicksalhaft mit Geisteskrankheit, Verbrechen und Selbstmord enden müsse, an die kurze Zeit, die unserer Freundschaft vergönnt sein würde, einer Freundschaft, die in meinem Herzen doch schon so groß geworden war, bevor ich ihn überhaupt kannte, und ich beweinte sie bereits wie auch das viele Unglück, das ihn erwartete, ganz als handle es sich um ein geliebtes Wesen, von dem man uns mitgeteilt habe, es sei schwer krank und seine Tage seien gezählt. (2.433f)

*Huch*

Das ein oder andere Klische eines Homos erfülle ich ja locker. Nach drei Wochen Pause zwei Tage an der Arbeit und was ist: Das rechte Handgelenk macht schlapp, weil es zuviel die Maus hat schubsen müssen gestern und heute.

Proust (76)

Weiteres zur Sehnsucht Marcels nach Milch- (vgl. 2.413), Dorf- (vgl. 3.415) oder eben überhaupt nach Mädchen. Erste und völlig erfolglose Annäherungsversuche. Ähnlicher Zustand bei der Vorbeifahrt an drei Bäumen wie bei den Kirchtürmen von Martinville (vgl. Nr. 20), »in dem er sich der Welt entrückt und dem Wesen der Dinge … nahe fühlt« (L. Keller, 2.810). Gespräch mit der Marquise über Chateaubriand, Vigny, Hugo, Balzac. Sie kannte sie quasi alle – und damit auch ihre Schwächen.

Doch ebenso, wie es mir nicht genügt haben würde, wenn meine Lippen von den ihren Lust empfangen hätten, sondern nur, wenn auch ich sie ihr hätte schenken können, so wollte ich, daß die Vorstellung von mir, die in dieses Wesen eindringen und dort haften bleiben würde, mir nicht nur seine Aufmerksamkeit, sondern auch seine Bewunderung, ja sein Verlangen eintrüge und es zwingen möchte, die Erinnerung an mich bis zu dem Tag zu bewahren, da ich sie wieder träfe. (2.416)

Proust (75)

Marcel darf nicht – auf Anraten des Arztes – »den ganzen Tag bei großer Hitze am Strand in der Sonne« (2.398) sein. Die Marquise de Villeparisis bietet an, ihn und die Großmutter auf Spazierfahrten mitzunehmen. Das freut ihn, man plaudert über Künste und Künstler, sogar über Politik und ist erstaunt, »um wieviel ›liberaler‹ sie war als größtenteils die Bourgeoisie« (2.406). Man fährt auch an Geschöpfen vorbei »die wie natürliche Blüten eines so schönen Tages und doch nicht wie die Blumen der Felder sind« (2.409), kurz Marcel sehnt sich nach weiblicher Bekanntschaft.

Und wenn ich auch jetzt, wo ich leidend war und niemals allein ausging, sie [die Mädchen] nicht würde besitzen können, war ich dennoch glücklich wie ein im Gefängnis oder Hospital auf die Welt gekommenes Kind, das lange Zeit gemeint hat, der menschliche Organismus vertrage nur trockenes Brot oder Medikamente, und das dann plötzlich erfährt, Pfirsiche, Aprikosen, Trauben seien nicht nur eine Zierde der Landschaft, sondern köstliche und bekömmliche Nahrungsmittel. (2.409)

Essen kann glücklich machen

  • Amuses Bouches 1: Kaltes Selleriesüppchen, Mohnchip, Sellerie-Apfel-Kompott
  • Amuses Bouches 2: Gebratener Lachs, Rote Beete, Meeretichschaum, Rettich
  • Pochierte Entenleber auf eingelegten Aprikosen, verfeinert mit Sanddorn und schwarzen Indischem Pfeffer, neue Mandeln
  • Delice von der bretonischen Artischocke „poivrade“ mit Apfelaromen, kleine grüne Basilikumravioli, ligurische Oliven
  • Tranche vom wilden Steinbutt „in grün“ avec des herbes en folie, Radieschen aus dem eigenem Hochbeet, Piemonteser Haselnüsse
  • Ein Päckchen von Elsässer Taube und Wachtel aromatisiert mit Fichtensprossen und Gewürzen auf einer Essenz von Waldpilzen, pochiertes Wachtelei, Spinatblätter
  • Kleine lauwarme Feigentarte mit Waldbeeren grüner Pfeffer, Sauerampfer
  • Mara des Bois Erdbeeren, Zitrone und Fenchel
  • Petit Fours et chocolates

WMDEDGT 8/20

Der tiefere Sinn des Eintrags ist HIER nachzulesen.

Da letzter Urlaubstag, penne ich bis gegen 8:30 – danach etwas Tee, etwas Zeitung – kurz nach 9 schnell eine Ladung Wäsche in die Maschine und vor den Computer – seit Wochen will ich mich um meine Finanzen kümmern – auch wenig kann viel Arbeit machen – 10:30 ist soweit alles geregelt, Zeit um meine Urlaubslektüre zu besprechen – 12:15 gibt es ein Stück kalte Pizza als Mittagessen und Wäsche im Garten aufgehängt – danach geht es für die Lektüre von Simon Raven: Alomsen fürs Vergessen – Fielding Gray aufs Bett – wo ich dann auch einschlafe – 13:45 Wäsche im Garten eingesammelt – noch ein bisschen Schreibtischarbeit, dann gegen 14:45 mit dem Mann zu Freunden, die im Urlaub unsere Blumen gegossen haben – anschließend gleich Einkauf und kurz vor 16 gibt es dann ein Brötchen mit Leberkäse – das tägliche ‚prousten‚ schließt sich an und um 16:45 schaffe ich es endlich, mich mal zu rasieren – dann Hörbuch und ein bisschen spielen – 17:55 Küche, Salat richten mit Schinken und Ei – 18:20 mal was essen –

Proust (74)

Eines morgens prallen Marcels Großmutter und die alte Dame (vgl. Nr. 72) – die niemand Geringeres ist als die Marquis de Villeparisis – zusammen und können nicht mehr so tun, als würden sie sich nicht kennen. Glück für Marcel, denn die Marquis sorgt für erste Bekanntschaften, darunter die Prinzessin von Luxemburg. Die Marquis zeigt sich den beiden deutlich zugewandt – sie steigen im Prestige der Hotelgeäste. Das hindert aber die »Frauen des Notars, des Anwaltskammervorsitzenden und des Gerichtspräsidenten« (2.395) nicht daran, vor allem über die Marquis und die Prinzessin herzuziehen, denn die röchen »auf eine Meile im Umkreis nach einem bestimmten Gewerbe« (2.396).

Inzwischen hatte die Prinzessin von Luxemburg uns die Hand gereicht, und von Zeit zu Zeit wandte sie sich, während sie ihre Unterhaltung mit der Marquise fortsetzte, zu uns um, um meiner Großmutter und mir freundliche Blicke zuzuwerfen, die jenen embryonalen Kuß enthielten, den man mit einem Lächeln einem Kleinkind mit seiner Bonne zuwirft. Sie hatte sogar in ihrem Eifer, nicht so zu wirken, als throne sie in einer über der unseren liegenden Sphäre, zweifellos die Distanz falsch berechnet, denn infolge einer falschen Einstellung tränkten sich ihre Blicke mit derartiger Güte, daß ich den Augenblick kommen sah, da sie uns streicheln würde wie zwei nette Tiere, die im Jardin d’Acclimatation durch ein Gitter ihr den Kopf hinstreckten. (2.391f)

Sommerlekütre – Rückschau

  • Connelly, Michael: Late Show – Ein actionreicher Krimithriller, aber nach klassischem Rezept ohne Eigenheiten. Muss man nicht lesen.
  • Cunningham, Michael: Ein Zuhause am Ende der Welt – Nicht fertig gelesen. Typisch amerikanischer Hinfühl-Literatur, nicht mehr auf der Höhe der Zeit.
  • Goldschmidt, Georges-Arthur: Vom Nackexil – Wer ihn nicht kennt, unbedingt „Die Absonderung“ lesen. Das hier eine Ergänzung, dazu. Er hat halt nur das eine Thema, aber das in einer Feinheit, die manchmal an Proust erinnern lässt.
  • Henschel, Gerhard: SoKo Heidefieber – Auf Henschel ist Verlass! Wunderbare Krimisatire, die sich Drehung für Drehung hochwindet. Das ist Sommerurlaubslektüre at the best.
  • Hensel, Kerstin: Regenbeins Farben – Tja, wenn konzentriert, hätte das eine klasse Novelle werden können – so aber einfach zu langamtig.
  • Höhtker, Christoph: Schlachthof und Ordnung – Ich hätte es mir denken können, dass es nichts für mich ist. Aber ein Versuch war es wert, wenn man denkt, es könnte Parallelen zur Cornoa-Impfstofffindung haben. Aber dann war es dann doch nur eine Art Doku-Thriller aus verschiedenen Perspektiven – einfach nur ermüdend.
  • Karples, Eric: Marcel Proust und die Gemälde aus der Verlorenen Zeit – Ich bin Karples echt dankbar, dass er die Bilder zusammengetragen hat und ich sie nicht mühseelig im Internet recherchieren muss. Ein beonderes Plus bei der Proust-Lektüre.
  • Leroy, Jerome: Der Schutzengel – Ein eher formstrenger Politthriller, der etwas an Logik zu wünschen übrig lässt. Woher kommt die Manie des Protagonisgten für die Frau? Für eine Verfilmung geeignet und dann sicher spannend.
  • Pleschinski, Hans: Wiesenstein – Eine Biographie über Gerhart Hauptmann in Romanform, an manchen Stellen arg bemüht, um die Infos an den Leser zu bekommen. Daher stellenweise arg bemüht, stellenweise aber auch schön erzählend.
  • Proust, Marcel: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 2: Im Schatten junger Mädchenblüten – Meine dritte Lekütre – und ich muss mich täglich bremsen, maximal 15 Seiten zu lesen.
  • Pynchon, Thomas: Die Enden der Parabel – Auch da hätte ich mir denken können, dass es nichts für mich ist. Einfach zu unlogisch für mich. Aber: Es gibt – auf den ersten 300 Seiten – schon grandiose Stellen. Höhtker hätte da mal schauen können, wie man es gut macht. Ich warte jetzt darauf, dass ich mir die Hörspielfassung leisten kann und ziehe es mir dann rein.
  • Ruschel, Rudolf: Ruhet in Friedberg – Skuriller ‚Krimi‘. Wer das nicht verfilmt, ist selber daran schuld. Aber noch ein Buch in diesem Stil: definitv Nein.
  • Shakespeare, William: Sämtliche Werke – Die Tage waren zu kurz, also doch nicht täglich ein Drama gelesen.

Darüberhinaus diverse Krimis, aber keiner, der erwähnenswert wäre.

glücklich | zuhause

  • So ein Nudisten-Urlaub ist – ich wiederhole mich – mit sehr, sehr wenigen Ausnahmen absolut kein ästhetisches Vergnügen.
  • So ein Nudisten-Urlaub ist – körpergefühlstechnisch bezogen – ein nicht nachlassendes Erleben. Und dieser Aspekt schlägt den ersten dann um Längen.
  • Hab dort auch „meinen“ Tadzio getroffen. Selten einen so schönen ca. 12-bis 13-jährigen Knaben gesehen, der mir dauernd über den Weg lief und mich dann formvollendet grüßte.
  • Mir hat der Urlaub jedenfalls sau gut getan, auch wenn zwei Wochen dann doch irgendwie zu kurz – vorallem dann, wenn es danach noch zum Rest der Ursprungsfamilie geht.
  • Schlaftechnisch eine neue Qualität erreicht: Durchschlafen trotz Horrorträume.
  • Essen kann echt glücklich machen (siehe einer der nächsten Posts).
  • Lesetechnische fast alles mau, meine Urlaubslektüre eher ein Reinfall (siehe einer der nächsten Posts).
  • Definitv werde ich das nächste Mal schauen, ob ich irgendwie Kontakt bekomme, um mit anderen dann Boule zu spielen – denn sich nackt bewegen ist so grandios.
  • Wer kennt jemand in Frankreich, der uns eine Miettes besorgen kann? Wir wollen keine 16 Euro Porto für etwas ausgeben, was 4,90 Euro kostet.

Proust (73)

Über die Eitelkeiten der Hotelgäste: Wer durfte bei wem am Tisch speisen? Wer wurde von wem eingeladen? Da Marcels Großmutter auf Reisen grundsätzlich keine Bekanntschaften macht – das verringert nur die Zeit an der frischen Luft – macht auch er keine, obwohl er doch so gerne Mademoiselle de Stermaria vorgestellt worden wäre. Françoise dagegen freundet sich mit dem halben Hotelpersonal an, darunter auch dem Kaffeekoch.

Unaufhörlich wiederholte er [der Anwaltskammerpräsident] den Namen Aimé [der Oberkellner], was dazu führte, daß, wenn er jemanden zum Abendessen eingeladen hatte, sein Gast bemerkte: »Ich sehe, Sie sind ja sehr gut bekannt in diesem Hause« und auch seinerseits fortwährend den Namen Aimé aussprechen zu müssen glaubte, und zwar aufgrund einer Neigung, in der Schüchternheit, Gewöhnlichkeit und Dummheit eine Rolle spielen, die aber jedenfalls gewisse Personen zu der Annahme führt, es sei geistreich und elegant, Leute, mit denen sie gerade zusammen sind, in allem zu kopieren. (2.379)

Proust (72)

Balbec ist ein »kleines Sonderuniversum« (2.358) was auch für das Palace-Hotel mit seinen Gästen und Bediensteten zutrifft. Es werden u.a. – durchaus ironisch – vorgestellt: ein selbsternannter König nebst Gattin, »der Notar, der Gerichtspräsident, der Anwaltskammervorsitzende« (2.359) nebst Gattinnen, eine alte Dame, der Hoteldirektor, Monsieur und Mademoiselle de Sterima, Oberkellner Aimé, eine unfähige Schauspielerin mit gleich drei männlichen Begleitern, der Schwager von Legradin, … Alle stehen stellvertretend für verschiedene Personen- bzw. Gesellschaftstypen, die sich gegenseitig missachten, da sie sich unterschätzen.

Doch in diesem Hotel handelten offenbar alle nach dem gleichen Prinzip, obschon in verschiedenen Formen, und brachten wenn auch nicht der Eigenliebe, so doch gewissen Erziehungsgrundsätzen oder Denkgewohnheiten das köstliche Beben zum Opfer, das man fühlt, wenn man sich mit der Sphäre eines unbekannten Daseins vermischt. (2.361)

Proust (71)

Die Großmutter kann Marcel beruhigen, wohnen sie doch Wand an Wand, können sich durch Klopfzeichen verständigen. Erstes Erwachen – »… wie süß war dieser erste Augenblick des Morgens, der wie eine Symphonie mit der rhythmischen Eröffnung eines Dialoges durch meine drei Schlägen anhob« (2.349) – erste Begeisterung über die Morgenstimmung(en). Analyse des Grauens, in fremder Umgebung sein zu müssen, Marcel definiert es als Widerstand gegen die »Notwendigkeiten des Lebens« (ebd.) Trotz seines Veränderungsunwillen – eine gewisse Begeisterung über den Aufenthalt kann er nicht leugnen.

Und anstatt sich zu verlieren, wächst die Furcht vor einer Zukunft, in der uns der Anblick unserer Lieben und die Unterhaltung mit ihnen, das heißt das, woraus wir heute unsere größten Freuden ziehen, versagt sein werden, immer weiter an, wenn wir uns vorstellen, daß zu dem Schmerz eines solchen Verlustes noch etwas hinzutreten wird, was uns jetzt noch fürchterlicher als jener scheint, nämlich daß wir ihn nicht als Schmerz verspüren, sondern fühllos dagegen sind; denn dann wäre unser eigenes Ich verwandelt, und nicht nur der Reiz, den unsere Eltern, unsere Geliebte, unsere Freunde für uns haben, wäre für uns verloren, sondern auch unsere Neigung für sie; sie würde dann so völlig aus unserem Herzen herausgerissen sein, von dem sie heute einen beträchtlichen Teil ausmacht, daß wir uns in jenem Leben ohne sie gefallen könnten, das uns heute noch grauenhaft erscheint; das aber wäre der wahre Tod unsrer selbst, ein Tod, auf den freilich eine Auferstehung folgt, aber doch nur in Gestalt eines neuen Ichs, zu dessen liebender Anerkennung die zum Sterben verdammten Teile des alten Ichs sich nicht aufschwingen können. (2.351)

Proust (70)

Betrachtungen einer Skulptur an der Kirche von Balbec: »Tyrannei des Besonderen« (2.335). Weiterfahrt nach Balbec-Plage mit der Großmutter [unlogisch, da die Großmutter für einen Tag eine Freundin besucht und demnach noch gar nicht da sein kann] ohne Françoise, die vorgefahren ist, wenn auch in die falsche Richtung. Ankunft im Hotel, Beschreibungen, Fahrt mit dem Lift in sein Zimmer. Die Einsamkeit, die Fremdheit, das Wegsein setzt Marcel ungemein zu. »Da trat meine Großmutter ein; und der Ausweitung meines beengten Herzens boten sich auf einmal unermeßliche Räume dar« (2.345).

Doch er [der Liftboy] gab keine Antwort, sei es aus Erstaunen über meine Worte, Konzentration auf seine Tätigkeit, aus Gründen der Etikette, Schwerhörigkeit, Ehrfurcht vor dem Ort, an dem wir uns befanden, Angst vor Gefahr, Trägheit der Intelligenz oder wegen einer Vorschrift des Direktors.(2.343f)

Proust (69)

Damit Marcel bei der Reise vor Aufregung keine Erstickungsanfälle bekommt, gibt es – auf ärztliches Anraten – bei der Abfahrt »eine reichliche Dosis Bier oder Cognac« (2.321). Die Fahrt verläuft überraschend reibungslos, als Lektüre gibt es die Lieblingsschriftstellerin der Großmutter: Madame de Sévigné. Beobachtung eines Sonnenaufgangs im fahrenden Zug. Beobachtung eines jungen Mädchens an einer Station, die ihm »auf der Stelle den Vorgeschmack eines bestimmten Glücks« (2.329) verschafft. In Hochstimmung kommt er in Balbec an – das er sich ganz anders vorgestellt hat.

Sonnenaufgänge gehören zu langen Eisenbahnfahrten wie hartgekochte Eier, illustrierte Zeitungen, Kartenspiele und Flüsse, auf denen Kähne sich abmühen, ohne vorwärtszukommen. … Sie [die Farbe(n)] belebte sich, der Himmel ging in ein kräftiges Rot über, das ich mit dicht an die Scheiben gedrückten Augen besser zu sehen versuchte, denn ich fühlte, daß es in engem Zusammenhang mit dem tiefen Leben der Natur stand; da aber der Schienenweg die Richtung wechselte, machte der Zug eine Kurve, die Morgenszene wurde im Rahmen des Fensters von einem nächtlichen Dorf mit blau im Mondschein liegenden Dächern und einem Waschhaus abgelöst, auf dem die opalenen Perlmuttertöne der Nacht unter einem noch von all seinen Sternen übersäten Himmel eine trübe Schicht bildeten, und ich war unglücklich, meinen rosa Lichtstreifen am Himmel aus den Augen verloren zu haben, als ich ihn von neuem, aber nun schon rot, im gegenüberliegenden Fenster bemerkte, wo er bei einer neuerlichen Kurve der Trasse wiederum verschwand; so verbrachte ich meine Zeit damit, von einer Seite zur anderen zu eilen, um die lückenhaft und in entgegengesetzter Sicht auftauchenden Fragmente meines schönen scharlachfarbenen, launenhaft flüchtigen Morgenhimmels zusammenzusetzen, sie zu rentoilieren*, um eine Totalansicht, ein fortlaufendes Bild davon zu erlangen. (2.326-328)

*Kunstwissenschaft: ein Gemälde, dessen Leinwand brüchig geworden ist, auf eine neue übertragen

Proust (68)

BAND II: IM SCHATTEN JUNGER MÄDCHENBLÜTEN – ZWEITER TEIL – NAMEN UND ORTE: ORTE

Etwa zwei Jahre später. Bei Marcel, jetzt wohl irgendwas zwischen 16 und 18, treten Erinnerungen an Gilberte nur noch selten auf. Er soll zusammen mit der Großmutter in das [erfundene] Seebad Balbec. Die Vorfreude ist groß, doch das Drama beginnt, als der Körper »begriffen hatte, daß er mit von der Partie sein solle« (2.314). Ohne die Mutter! In einem fremden Zimmer! Fremde Umgebung! Keine Bekannte! Wird er sich von der Mutter entfremden? Sie sich von ihm?

Daher lebt der beste Teil unseres Gedächtnisses außerhalb von uns, in dem feuchten Hauch eines Regentages, dem Geruch eines ungelüfteten Raums oder dem Geruch eines eben entzündeten, aufflammenden Feuers, das heißt überall da, wo wir von uns selbst das wiederfinden, was unser Verstand als unverwendbar abgelehnt hatte, die letzte Reserve, die beste, der Vergangenheit, die, wenn all unsere Tränen versiegt scheinen, uns immer noch neue entlocken wird. Außerhalb von uns? In uns, besser gesagt; doch unseren Blicken entzogen, in einer mehr oder weniger langanhaltenden Vergessenheit. Dank diesem Vergessen allein können wir von Zeit zu Zeit das wiederfinden, was wir gewesen sind, den Dingen gegenüberstehen wie jenes Wesen von einst, von neuem leiden, weil wir nicht wir selbst mehr sind, sondern der andere, und weil der liebte, was uns jetzt gleichgültig ist. (2.310f)

Proust (67)

Weiteres Intrapsychisches beim Prozess der (notwendigen) Entliebung. Marcel stellt nun auch die Besuche bei Madame Swann ein, schreibt zwar hin und wieder noch Gilberte Briefe in der Hoffnung, sie würde um ihn kämpfen – tut sie aber nicht. Frühling ist’s und Marcel passt Madame Swann an den Sonntagen bei ihren Spaziergängen ab. Nahezu hymnische Beschreibung ihrer Toiletten und ihres Auftritts, denn dank ihrer Kenntnis »von den Riten und der Liturgie … zwischen ihrer Toilette und der Jahreszeit, ja der Stunde« (2.303) sorgt sie für »notwendige, einzigartige Beziehungen« (ebd.) – nicht nur Marcel ist hin und weg.

Plötzlich erschien dann auf dem Sand der Allee, langsam, spät und üppig wie die schönste Blüte, die sich erst zur Mittagsstunde auftut, Madame Swann, von einer Toilette umwogt, die jedesmal eine andere, doch, wie ich mich zu erinnern glaube, meist malvenfarben war; dann hißte und entfaltete sie im Augenblick ihres größten Glanzes auf einem langen Stiel den Seidenwimpel eines großen Sonnenschirms vom gleichen Farbton wie die flatternden Blütenblätter ihres Kleides. …  Strahlend, beglückt durch das schöne Wetter, die Sonne, die noch nicht lästig war, die Sicherheit und Ruhe des Schöpfers ausstrahlend, der sein Werk vollendet hat und sich um das Weitere nicht mehr sorgt, in der Gewißheit, daß ihre Toilette – mochten gewöhnliche Passanten sie auch nicht zu schätzen wissen – die eleganteste von allen sei, trug sie diese für sich selbst und für ihre Freunde, natürlich, ohne ihr übertriebene Aufmerksamkeit zu zollen, doch auch ohne völlig unbeteiligt daran zu sein; sie hinderte die kleinen Schleifen an Rock und Taille nicht daran, leicht vor ihr herzuflattern wie Geschöpfe, deren Anwesenheit ihr bewußt war, denen sie jedoch mit aller Nachsicht erlaubte, sich ihrem Spiel hinzugeben, nach ihrem eigenen Rhythmus, sofern sie nur ihren Schritten folgten, und selbst auf den malvenfarbenen Sonnenschirm, den sie oft beim Kommen noch nicht aufgespannt hatte, ließ sie manchmal, ebenso wie auf einem Strauß Parmaveilchen, ihren Blick fallen, der so froh und weich, wie er war, noch zu lächeln schien, selbst wenn er sich nicht mehr auf einen ihrer Freunde, sondern auf einen leblosen Gegenstand heftete. (2.301f)

[Ende Band 2, Teil 1]

Proust (66)

Marcel scheint sich entliebt zu haben. Spontan entschließt er, Gilberte zu besuchen, sich mit ihr zu versöhnen »und sie nur noch als Verliebter zu sehen« (2.282). Alles nicht ganz logisch, aber so ist der Mensch. Um ihr zukünftig ausreichend Geschenke machen zu können, verkauft er eine teure Vase. Auf dem Weg zu Gilberte sieht er sie »neben einem jungen Mann« (2.283) einhergehen – und aus ist es mit der Versöhnung. Niedergeschmettert tröstet er sich »in den Armen von Frauen, die ich nicht liebte« (2.285), das Geld hat er ja dafür jetzt. Funktionsweise und Analyse der menschlichen Psyche bei freiwilligen oder erzwungenen Entliebungsprozessen.

So sind die verschiedenen Epochen unseres Lebens miteinander verschränkt. Man lehnt um dessentwillen, was man liebt und was einem eines Tages völlig gleichgültig sein wird, verachtungsvoll ab, das zu sehen, was einem heute noch gleichgültig ist und was man morgen liebt, und, hätte man sich schon früher zu einer Begegnung bereit gefunden, auch früher schon hätte lieben können, wodurch man die gegenwärtigen Leiden abgekürzt hätte, freilich nur, um sie durch andere zu ersetzen. (2.287)

Proust (65)

Marcel ist weiter damit beschäftigt »mit Fleiß« (2.264) die Beziehung zu Gilberte zu zerstören und begeht »einen langen und grausamen Selbstmord an jenem Ich, das in mir Gilberte so sehr zugetan war« (ebd.). Beschreibungen über die Änderungen, die Madame Swann im Hause vornimmt und ausführliche Beschreibung ihrer Toiletten. Alles wird zeitgemäßer und echter. Proust kann auch kurz und knackig und fasst nach mehreren Seiten zusammen: »Madame Swann ist eigentlich der Abriß einer ganzen Epoche …« (2.277).

Ich verfluchte dieses eitle Geschwätz von Leuten, die oft, ohne die Absicht, uns zu schaden oder zu nützen, aus gar keinem Grund, nur aus Redebedürfnis, manchmal auch weil wir unseres ihnen gegenüber nicht unterdrücken konnten und sie eben indiskret sind (wie wir selbst), uns zu gegebener Zeit so großen Schaden zufügen. Allerdings spielen sie bei dem verhängnisvollen Bemühen um die Zerstörung unserer Liebe eine weit geringere Rolle als zwei Personen, die beide die Gewohnheit haben, die eine aus allzu großer Güte, die andere aus einem Übermaß von Schlechtigkeit, alles zu vernichten in dem Augenblick, da es sich einrichten wollte. Diesen beiden Personen aber sind wir nicht so böse wie den zudringlichen Cottards, denn die letztgenannte ist diejenige, die wir lieben, die andere sind wir selbst. (2.268)

Proust (64)

Im Salon von Madame Swann lauscht Marcel den Gesprächen zwischen ihr, Madame Verdurin, Madame Bontemps und Madame Cottard. Alle versuchen ihr Können in den Schatten zu stellen, damit die anderen dann widersprechen müssen. Themen sind u.a. die Hutmode, die Einführung des Telefons und – ganz verrückt – die des elektrischen Lichtes. Marcel wartet weiter, es ist schon wieder Neujahr, auf einen Brief von Gilbert – und leidet weinend so vor sich hin.

Wenn man liebt, ist die Liebe zu groß, um ganz in uns enthalten zu sein; sie strahlt aus auf die geliebte Person, trifft in ihr auf eine Fläche, an der sie nicht weiter kann, und ist dadurch gezwungen, zu ihrem Ausgangspunkt zurückzukehren; in dieser Rückwirkung unseres eigenen zärtlichen Gefühls glauben wir dann das Gefühl des anderen zu erkennen und lassen uns viel stärker bezaubern als auf dem Hinweg, weil wir es nicht als das unsere wiedererkennen. (2.262)

Proust (63)

Marcel besucht Madame Swann häufig, und nicht nur zu den Stunden, an denen sie zum Tee empfängt. Beschreibung des Salons (Raum) mit seinen vielen Blumen. Die Gespräche der Damen: (falsche) Schmeicheleien, Tratsch und Klatsch. Von der heimlichen Konkurrenz zwischen den Salons (Gesellschaft) von Madame Verdurin und Madame Swann.

Wir alle müssen, um die Wirklichkeit für uns erträglich zu machen, ein paar kleine Torheiten in uns nähren. (2.237)

Proust (62)

Marcel lebt »in dem Wahn, meiner Liebe drohe keine Gefahr, solange ich die Eltern Swann für mich habe« (2.223f). Denkste. Als Gilberte wegen ihm von einer Tanzstunde daheimbleiben muss, zeigt sie ihm die eisigkalte Schulter und er findet den Mut zu dem Entschluss »sie nicht mehr zu sehen, ohne es ihr jedoch mitzuteilen« (2.227). Die Umsetzung des Entschlusses gestaltet sich dann schwierig, weil Gilberte ihn unausgesprochen mitträgt, und er hatte doch gehofft … . Analyse der Ambivalenzen bei Trennungen. Er macht sich die Trennung dadurch einfacher, dass er nach wie vor Madame Swann besucht – wenn Gilberte nicht da ist.

Ich schrieb Gilberte einen Brief, in dem ich meinem Zorn freien Lauf ließ, nicht jedoch ohne auch gleich für alle Fälle Rettungsbojen in Gestalt von scheinbar zufälligen Wörtern anzubringen, an die meine Freundin eine Versöhnung hätte anknüpfen können; einen Augenblick später hatte dann der Wind gedreht, und nun richtete ich zärtliche Sätze an sie, in denen die ganze Süße bestimmter Ausdrucksformen trostlosen Kummers lag, ein »Niemals mehr«, das so rührend klingt für die, die es verwenden, und so unerfreulich für die, die es liest, sei es, daß sie nicht daran glaubt und »Niemals mehr« durch »Heute abend noch, wann immer ich Ihnen genehm bin« übersetzt oder es aber für wahr hält und es als Ankündigung einer jener endgültigen Trennungen versteht, die uns so vollkommen gleichgültig sind im Leben, wenn es um jemanden geht, in den wir nicht verliebt sind. (2.229f)

Proust (61)

Bergotte ist Marcel zugetan und empfiehlt ihm statt Cottard den Arzt du Boulbon zu konsultieren, der mehr Verständnis für intelligente Menschen hätte. Marcels Eltern sind nicht begeistert von der Beziehung zu Swanns und nun auch zu Bergotte, aber als sie erfahren, dass er ihren Sohn als ›intelligent‹ bezeichnet hat, ändert sich das. Marcel wagt nicht Gilberte zum Tee einzuladen, da die Eltern es seiner Meinung nach an Etikette mangeln lassen. Block revolutioniert sein »Weltbild« (2.214) indem er ihn ins Bordell mitnimmt. Dort wird ihm die Jüdin Rachel mehrfach angeboten. Aus Zuneigung schenkt er der Puffmutter Möbel aus dem Erbe seiner Tante Léonie

Als ich sie [die Möbel] nun aber in dem Haus wiedersah, wo diese Frauen sich ihrer bedienten, traten mir alle Tugenden vor Augen, die das Zimmer meiner Tante in Combray durchduftet hatten, und schienen mir Qualen auszustehen in diesem martervollen Kontakt, dem ich sie wehrlos ausgeliefert hatte! Hätte ich eine Tote der Vergewaltigung preisgegeben, ich hätte nicht so gelitten. Ich kehrte zu der Kupplerin daraufhin nicht mehr zurück, denn die Möbel schienen mir zu leben und mich anzuflehen wie in einem persischen Märchen die scheinbar leblosen Dinge, in denen Seelen eingeschlossen sind, die ein Martyrium erdulden und um Befreiung bitten. (2.217f)

Proust (60)

Marcel plaudert mit Bergotte und Swann zuerst – durchaus manieriert bzw. klugscheißerisch – über die Berma, dann – in eher lästerhaftem Ton – über Norpois. Ausführliche Beschreibung und Versuch einer Charakterisierung Gilbertes, mit der ›bahnbrechenden‹ Erkenntnis, dass sie von beiden Elternteilen geerbt hat, dennoch könnte ein geübter Zeichner nach dem Text wohl ein Portrait von ihr malen. Selbstzweifelnde Frage(n) Marcels, welchen Eindruck er wohl auf Bergotte gemacht habe.

Denn mein Geist mußte ja in beiden Fällen der gleiche sein, und vielleicht gibt es überhaupt nur einen Geist, an dem jeder einzelne von uns teilhat, einen Geist, auf den jeder in seinem eigenen Körper befangen die Blicke geheftet hält, so wie im Theater, wo zwar jeder seinen gesonderten Platz hat, doch nur eine einzige Bühne existiert. (2.204)

Proust (59)

Marcel wird von den Swanns zu einem Mittagessen »im kleinen Kreis« (2.173) – es sind ›nur‹ 16 Personen – eingeladen und trifft dort seinen heiß und innig geliebten Schriftsteller Berggotte zum ersten Mal – eine einzige große Enttäuschung, denn Bergotte ist nicht nur hässlich, sondern auch langweilig. Akribische Analyse, warum ein hässlicher, langweiliger Mensch wie Bergotte [dem zu Teilen Anatole France Pate stand] dennoch genial zu nennende Bücher schreiben kann.

Bei dem Namen Bergotte fuhr ich zusammen, als habe man einen Revolverschuß auf mich abgegeben, grüßte aber instinktiv, um Haltung zu bewahren; vor mir, nach Art der Zauberkünstler, die man makellos im Gehrock dastehen sieht im Rauch eines Flintenschusses, dem eine Taube entflattert, erwiderte meinen Gruß ein kräftig gebauter, untersetzter, kurzsichtiger, kleiner junger Mann mit roter, schneckenhausförmiger Nase und schwarzem Spitzbärtchen. Ich war todtraurig, denn was jetzt in Rauch aufging, war nicht nur der zarte, schwache Greis, von dem nichts mehr übrigblieb, sondern auch die Schönheit eines immensen Werkes; in dem hinfälligen, heiligen Organismus, den ich wie einen Tempel eigens dafür geschaffen, hatte ich es wohl unterbringen können, doch in dem untersetzten, mit Gefäßen, Knochen, Ganglien angefüllten Leib des kleinen, stumpfnasigen Mannes mit schwarzem Spitzbart, der da vor mir stand, war dafür kein Platz vorgesehen. (2.174)

Proust (58)

Darüber »wie ein Mögliches, das durch das Wirklichwerden eines anderen zunichte geworden war« (2.160), in diesem Fall die Sehnsucht den Swanns näher zu kommen, sowie über die hohe Wertigkeit von einfachen Dingen, wenn man ihnen, warum auch immer, Seele zuspricht. Kurz: Marcel ist hin und weg, dass er bei und mit den Swanns sein darf. Man ergeht sich in »ehrfurchteinflößender Toilette« (2.164) – zumindest Odette – im Jardin d’Acclimatation, wo man mit einer Kaiserlichen Hoheit plaudert, die gerade von einem Besuch beim Zar Nikolaus zurückschlendert, der zur Zeit in Paris weilt.

Sobald Madame Swann mir [in einem Teesalon] etwas anvertrauen wollte, was die Personen an den Nachbartischen oder sogar die servierenden Kellner nicht hören sollten, sagte sie es auf englisch zu mir, als sei diese Sprache allein uns beiden bekannt. Nun aber konnten zwar alle Englisch, nur ich hatte es bislang nicht gelernt und mußte Madame Swann diese Tatsache eingestehen, damit sie nicht länger über die Teetrinker oder jene, die den Tee servierten, ihre Bemerkungen machte, in denen ich Anzüglichkeiten vermuten mußte, die mir selbst entgingen, während derjenige, der gemeint war, sicher jedes Wort mitbekam. (170)

Proust (57)

Marcel darf nun auch zu Ausgängen, Spazierfahrten und Nachmittagsvorstellungen mit den Swanns mit. Er erscheint pünktlich um halb eins und muss oft warten. Eines Nachmittags setzt sich Odette ans Klavier und spielt die Sonate von Vinteuil. Betrachtungen darüber, dass man manche Musikstücke öfters hören muss, um sie zu ›verstehen‹. Über die zeitversetzte Wirkung der Werke genialer Künstler (siehe das 12. bis 15 Quartett von Beethoven). Swann schwelgt bei dieser Musik in Erinnerungen und man zieht etwas über Madame Blatin her, die im Jardin d’Acclimatation dort ausgestellte Singhalesen (!) mit »Hallo Negerlein« ansprach.

Doch bei einer etwas komplizierteren Musik, die man zum erstenmal hört, hört man oft zunächst nichts. Als mir später jedoch die Sonate zwei- oder dreimal vorgespielt wurde, war sie mir schließlich völlig vertraut. Deshalb ist auch die Wendung so berechtigt: »zum erstenmal hören«. Hätte man wirklich, wie man meint, beim ersten Anhören überhaupt nichts herausgehört, würde das zweite oder dritte Anhören wiederum ein erstes Mal sein, und es wäre nicht einzusehen, weshalb man beim zehnten Mal plötzlich etwas begriffen haben sollte. Was das erste Mal fehlt, ist offenbar nicht das Verständnis, sondern das Gedächtnis. (2.149)

Nachtrag

  • Connelly, Michael: Late Show
  • Cunningham, Michael: Ein Zuhause am Ende der Welt
  • Goldschmidt, Georges-Arthur: Vom Nackexil
  • Henschel, Gerhard: SoKo Heidefieber
  • Hensel, Kerstin: Regenbeins Farben
  • Höhtker; Christoph: Schlachthof und Ordnung
  • Karples, Eric: Marcel Proust und die Gemälde aus der Verlorenen Zeit
  • Leroy, Jerome: Der Schutzengel
  • Pleschinski, Hans: Wiesenstein
  • Proust, Marcel: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 2: Im Schatten junger Mädchenblüten
  • Pynchon, Thomas: Die Enden der Parabel
  • Ruschel, Rudolf: Ruhet in Friedberg
  • Shakespeare, William: Sämtliche Werke
Anton Weyrother

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