Durch die Zeit

Praxis schlägt Theorie

Heute in der Mediationsausbildung. W. weigert sich einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, sie fühle sich in ihren Freiheitsrechten beschränkt bzw. beraubt. P. findet das so gar nicht gut und besteht darauf dass alle Teilnehmenden eine Maske tragen, wenn sie sich im Raum bewegen.

Für die Eskalation brauchen die beiden Frauen keine vier Minuten.

Dann greift die Ausbilderin ein – und zeigt mal so im Nebenbei, wie elegant man so einen Konflitk dann angehen kann.

Eine Lösung kommt zwar nicht zustande – was aber nicht an der Methode liegt, sondern an der Konfliktlösungsunwilligkeit von W.

Proust (154)

Weiter geht es in der munteren Konversation. Baron de Charlus bekommt sein Fett genauso ab wie Robert de Saint-Loup. »Von nun an wurde ich unaufhörlich, wenn auch manchmal nur in kleinem Kreis, zu diesen Mahlzeiten eingeladen …« (3.717f). Damit ist Marcel in die Gesellschaft aufgenommen und lernt deren Protagonistinnen und Protagonisten nacheinander kennen. Eines Abends geraden die Prinzessin von Parma und Oriane de Guermantes sich etwas in die Haare, weil die erstere sich bei einem General einsetzen will, das Robert von Marokko wegversetzt wird, während Oriane darin keine Notwendigkeit sieht.

»Immerhin, Oriane, Sie sollten doch gerade an Ihren Schwager Palamède [d.i. Baron de Charlus] denken, von dem Sie eben gesprochen haben; keine Geliebte kann hoffen, so sehr beweint zu werden wie die arme Madame de Charlus.«
»Ach!« antwortete die Herzogin, »Königliche Hoheit [d.i. Prinzessin von Parma] müssen mir erlauben, daß ich da nicht ganz der gleichen Meinung bin. Nicht jeder möchte auf dieselbe Weise beweint sein, jeder hat auch darin seinen speziellen Geschmack.«
»Jedenfalls bringt er ihr doch einen wahren Kult seit ihrem Tode entgegen. Freilich tut man manchmal für die Toten Dinge, die man für die Lebenden nicht getan hätte.«
»Zuerst einmal«, antwortete die Herzogin von Guermantes in einem träumerischen Ton, der im Widerspruch zu ihrer spöttischen Absicht stand, »geht man zu ihrem Begräbnis, was man ja für die Lebenden nicht tut!« (3.710)

So nen kleinen …

… Sprung in der Schüssel habe ich irgendwie schon. Arbeite gerade eine Einführung in die Rechtswissenschaft durch und war heute fast schon richtig stolz, als ich dann – wenn auch mit einiger Mühe – den Unterschied zwischen Verpflichtungs- und Verfügungsgeschäft verstanden habe.

Proust (153)

Weiter geht’s mit dem Literaten-Bashing, nun ist Émilie Zola dran: »Er ist der Homer der Kloake!« (3.699). Bei »Spargeln mit Mousseline« (3. 701) steht dann der Maler Elstir im Zentrum – der kommt besser weg, da die Aussagen entweder von »Koketterie« (3.703) oder von »Eitelkeit« (ebd.) geprägt sind, was schlichtweg daran liegt, dass Elstir Oriane porträtiert hat. Ausführungen über Spargel und Eier, insbesondere »verfaulte Ortolaneneier« (3.705) aus der chinesischen Provinz Kanton. Oriane dazu: »Ich finde ein Land entzückend, in dem man ganz sicher gehen will, daß der Milchhändler einem auch wirklich gründlich verfaulte Eier verkauft« (3.706)

»Aber Zola ist doch kein Realist, er ist ein Dichter!« sagte Madame de Guermantes, die sich an den kritischen Studien inspirierte, die sie im Laufe der letzten Jahre gelesen und ihrer persönlichen Denkform angepaßt hatte. Bis hierher hatte die Prinzessin von Parma in dem für ihre Verhältnisse bewegten Bad von Geist, das sie an diesem Abend nahm und von dem sie sich eine besonders heilkräftige Wirkung versprach, angenehm geplätschert, indem sie sich von den Paradoxen tragen ließ, die eines nach dem anderen anbrandeten; vor diesem letzten aber, das enormer als die anderen war, wich sie aus Furcht, umgeworfen zu werden, mit einem Sprung zurück. Mit stockender Stimme, als ob ihr der Atem versage, stieß sie nur die Worte hervor:
»Zola ein Dichter!« (3.699)

Ruhe vor

Ein ruhiger Tag. Obwohl, im Job heute mein Lesepensum nicht geschafft, weil eine Kollegin krank war und ich ein bisschen was von ihr übernehmen konnte. Aber die Ruhe ist ganz gut, denn morgen wird es dann ein 13-Stunden-Tag, weil wieder ein weiteres Ausbildungswochenende beginnt.

Und wenn ich früh ins Bett gehe nur deswegen, um weiter im neuen Raven lesen zu können.

Proust (152)

So ein Salon ist vor Klatsch und Tratsch definitiv nicht sicher. Man hechelt auch Künstler durch und ergeht sich bspw. in ein ausführliches Gustave-Flaubert- sowie Victor-Hugo-Bashing. Und gerade mit dieser Szene zeigt Proust, wie einerseits Nichtwissen entlarvend sein kann, andererseits aber auch im gleichen Maße, wie Nichtwissen den gesellschaftlichen Diskurs (mit)bestimmt. Das Ganze in Form einer leichten literarischen Karikatur – die man aber auch als reine durchaus zeitgemäße Dokumentation / Metapher lesen kann.

»Wie merkwürdig jedenfalls«, fuhr sie [die Gräfin d’Arpajon] fort, »und wieviel besser als seine [Gustav Flauberts] Bücher ist doch sein Briefwechsel! Er erklärt im übrigen sein Wesen, denn aus dem, was er über die Mühe mitteilt, die ihn die Abfassung eines Buches kostet, ersieht man, daß er kein wirklicher Schriftsteller, kein Mann von Begabung war.« (3.686)

Mein neuer Fuhrpark …

… dank V.! Knuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuutsch!

Proust (151)

Über Oriane de Guermantes, die auch mal die Etikette zu sprengen weiß. Über die Geliebten des Herzogs – »große, gleichzeitig majestätische und doch zwanglos sich gebende Frauen (…) oft blond, seltener dunkel, manchmal rothaarig« (3.671) –, die Oriane zu ihren Salons selbstverständlich einlädt in der Hoffnung »wertvolle Verbündete gegen ihren schrecklichen Gatten zu finden« (3.673). Szenen aus dem Salon die bezeugen, dass das Ganze einem Haifischbecken gleicht und Oriane de Guermantes auch mindestens eine unangenehm fiese Ader hat.

Die gesamte Gesellschaft war verblüfft, und ohne geradezu die Herzogin nachzuahmen, empfand doch jedermann angesichts dieser Handlungsweise jenes gewisse Gefühl der Erleichterung, das man bei der Lektüre von Kant hat, wenn man nach den rigorosesten Demonstrationen des Determinismus entdeckt, daß über der Welt der Notwendigkeit noch die der Freiheit ist. (3.669)

Mal kurz eben

Kurz nach halb neun läutet das Telefon. Ein Herr S. will von mir wissen, ob ich »da« sei. Da ich am Telefon bin, ist leugnen schwer – außerdem ist er Mitarbeiter am Landgericht. Ich möge mich doch bitte als Ersatzschöffe aufmachen, die Verhandlung begänne umd 9 Uhr, drei Berufungsverhandlungen, ein Tag am Gericht.

Ich, der gehorsame Bürger, packe meine Sachen und fahre los – ist ja eh nicht weit. Auf dem Weg dorthin nochmals Herr S., er hätte sich getäuscht, es sein ein andere Saal, eine Berufungsverhandlung und auf zwei Tage angesetzt.

Mit der Mitschöffin langes Warten auf die Vorsitzende Richterin, die auch fünf Minuten zu spät erscheint. Sie kündigt an, dass es jetzt erst zu einem Rechtsgespräch kommen würde was entscheidend sei, ob die Berufungsverhandlung überhaupt stattfindet. Zwei Stunden später haben sich alle Verfahrensbeteilgten geeinigt, den Haftbefehl unter einer langen Latte von Auflagen auszusetzen.

Wenig spannend das Ganze – im Saal zudem echt kalt und daher ungemütlich.

Proust (150)

Proust kann nicht genug vom Adel und ihren Salons bekommen. Beschreibung der Hinterhältigkeiten der Teilnehmenden, um selber im besseren Licht dazustehen, während andere diskreditiert werden. Darüber, dass der einmal gewonnene Stand durch harte und hinterlistige Kämpfe erhalten werden muss. Analogien zur Politik. Geheimnis des Erfolges des Herzog und der Herzogin von Guermantes – sie sind Verbündete, nicht Verliebte. Das bekannte Lied von Sein und Schein.

Die Wandlungen im Urteil der Herzogin machten vor niemandem halt, ausgenommen vor ihrem Mann. Er allein hatte sie niemals geliebt; in ihm hatte sie immer einen eisernen Charakter gespürt, der ihre Launen nicht beachtete und ihre Schönheit übersah, brutal und von jenem unbeugsamen Willen beseelt, unter dessen Gesetz nervöse Menschen allein Ruhe finden können. Monsieur de Guermantes dagegen, der immer einem gleichen Typ weiblicher Schönheit nachjagte, ihn aber in häufig wechselnden Geliebten suchte, hatte, sobald er wieder eine verlassen, immer nur eine einzige, stets gleichbleibende Verbündete, mit der er sich über die Verlassene lustig machen konnte: eine Verbündete, die ihn oft durch ihr Geschwätz reizte, von der er aber wußte, daß alle sie für die schönste, tugendhafteste, gescheiteste, gebildetste Frau der Aristokratie hielten, für eine Frau, die er, Monsieur de Guermantes, sich glücklich schätzen könne, gefunden zu haben, die alle seine Unregelmäßigkeiten deckte, wie niemand sonst zu empfangen verstand und ihrem Salon den Ruf erhielt, der erste des Faubourg Saint-Germain zu sein. (3.661)

Proust (149)

Mal wieder sehr ausführlich, diesmal über den Salon der Prinzessin von Parma (Proust muss echt einen gehörigen Fetisch für den Adel gehabt haben). Im Vergleich zum Salon der Herzogin von Guermantes schneidet er natürlich nicht so gut ab, denn bei Oriane trifft sich die Crème de la Crème der höheren Gesellschaft.

Der Geist der Guermantes – eine ebensowenig existierende Substanz wie die Quadratur des Kreises, wenn man der Herzogin glauben wollte, die sich für die einzige Guermantes hielt, die ihn wirklich besaß – war eine Qualitätsbezeichnung wie die Rillettes de Tours oder die Biscuits aus Reims. (3.641f)

Gut essen

Freitag waren wir so richtig gut essen. Mit Gruß aus der Küche, 5 Gänge, Weinbegleitung und so. Bei »Salzwiesenlamm | Dumpling | Pistazie« (dazu einen Saint Emilion Grand Cru von 2016) bekomme ich einen echt heftigen allergischen Niesanfall, so dass ich für einige Zeit vor die Tür muss.

Zurück am Platz erkundigt sich der der Koch (offene Küche) nach meine Wohlbefinden, dann steht auch schon Servicekraft 2 da und fragt, ob sie Wasser oder Espresso (?) bringen soll. Servicekraft 1 – die uns meist bediente und beständig, wie süß!, zwischen »Du« und »Sie« wechselte – ist richtig besorgt und begibt sich auf Ursachensuche. Bist dato bin ich davon augegangen, dass es an Zimt liegen könne, aber bei Salzwiesenlamm? Doch, so sie, das ist schlüssig, denn das Dumpling (eine Art Teigtasche) würde über Wasser gegart, welches mit Zimt versetzt sei. Geschmeckt hatte ich es echt nicht.

Jetzt warten wir auf den nächsten Menüwechsel und sind dann wieder dort – und ich frage vorher, wo Zimt drin ist.

Proust (118)

Über Etikette am Hofe Ludwigs XIV. Über den adeligen Esprit und die Umgangsformen der Guermantes (Proust muss echt einen Fetisch für den Adel gehabt haben). Lange (!) und akribische Analyse, wie es den Guermantes gelingt, so zu tun als seien sie ganz normal, aber dennoch allen klar zu machen, das sie etwas besseres sind.

Die Theorien der Herzogin, die nun allerdings derartig Guermantes war, daß sie gewissermaßen zu etwas anderem, etwas Angenehmerem wurde, stellten so unbedingt den Geist über alles andere und waren in der Politik so sozialistisch, daß man sich fragte, wo sich in ihrem Palais der Hausgeist verbarg, der dafür sorgte, daß der aristokratische Lebenszuschnitt aufrechterhalten wurde, und, immer unsichtbar, aber offenbar bald im Vorzimmer, bald im Salon, bald im Ankleidezimmer versteckt, die Dienstboten dieser Frau, die nicht an Titel glaubte, daran erinnerte, stets »Madame la Duchesse« zu ihr zu sagen, und diese Frau selbst, die nur die Lektüre liebte und sich nichts aus anderen Menschen machte, wenn die Uhr acht schlug, zu ihrer Schwägerin zum Diner zu fahren und sich zu diesem Zweck zu dekolletieren. (3.617)

92

Das ist die Anzahl der Stunden, die ich heute in Form von Hörbüchern auf mein Handy geladen habe. Und ich freu‘ mich so auf die beiden Winslows („Corruption“ (807 Minuten) & „Jahr des Jägers“ (1.787 Minuten)) die ich zwar schon gelesen habe, aber die vorgelesen einfach gleich nochmals so gut sind.

Proust (147)

Nochmals über die Liebenswürdigkeit der Fürstin von Parma. Viele im Salon rätseln, wer Marcel den eigentlich ist – darunter auch Graf Hannibal von Bréauté-Consalvi (was für ein Name!). Über Namensabkürzungen. Marcel wird verschiedenen Personen vorgestellt, darunter auch dem »ordinären Hampelmann« (3.607), dem Fürsten von Agrigent. Und endlich heißt es auch »›Madame, es ist angerichtet‹ in einem Ton, als meldete er [der Maître d’hôtel]: ›Madame liegt im Sterben‹« (3.609)

Doch ach, der ordinäre Hampelmann [der Fürst von Agrigent], dem ich vorgestellt wurde und der sich mit einer Halbdrehung zu mir wandte, um mir mit plumper Ungezwungenheit, die er selbst für elegant hielt, guten Tag zu sagen, hatte so wenig Beziehung zu seinem Namen wie zu einem Kunstwerk, das er besessen hätte, ohne den geringsten Widerschein davon auf seiner Person zu tragen, ja ohne es vielleicht auch jemals nur angesehen zu haben. (3.607)

Gute gedacht ist noch lange nicht …

Stift und Buch neben meinem Bett bewirkten in der ersten Nacht, dass ich wie immer träumte, aber diesmal auch davon träumte, wie ich die Träume der Nacht – übrigens sehr akribisch – aufschrieb. Im Traum war ich ganz stolz auf mich, dass es in der ersten Nacht gleich so gut funktioniert und ich mir so ausführlich – und übrigens leserlich! (und da hätte ich im Traum ja merken können, dass ich träume, denn ich kann gar nicht leserlich schreiben) – alles aufschreiben konnte.

In echt, da nur halbwach, heute morgen gegen 4 Uhr ein paar Stichworte hingeschmiert über die ich dann heute morgen lange rätselte – aber hilfreich war es dann schon, denn bei Traum zwei hätte ich das Ende ohne das Gekritzel nicht mehr rekonstruieren können.

Proust (146)

Marcel wird am Abend freundlichst vom Herzog de Guermantes begrüßt. Er bittet die Gemälde Elstirs, die die Guermantes haben, sehen zu dürfen. Lange kunstwissenschaftliche und -historische Betrachtungen über die »eingebildete Ferne der Vergangenheit« (3.586) der Bilder. Mit einer dreiviertel Stunde Verspätung betritt er dann endlich den Salon und registriert, dass er im Mittelpunkt steht. Er wird einer Dame vorgestellt, die er gar nicht kennt, die aber so tut, als wäre das Gegenteil der Fall. Es stellt sich heraus, dass diese »Prinzessin von Geblüt« (3.597) das bei allen so macht, um keinen Standesdünkel zu zeigen.

(E)s gibt keine mehr oder weniger kostbaren Dinge, das ordinäre Kleid und das in sich selbst hübsche Segel sind beide Spiegel des gleichen Reflexes: der Wert liegt einzig in den Blicken des Malers. (3.590)

Läuft

Uhrzeit an der Gastherme vorgestellt, so springt die Heizung, hoffentlich, morgen dann auch an, wenn ich ins Bad gehe und nicht erst dann, wenn ich schon in der Küche Tee koche.

Block und Stift liegen nun auch neben dem Bett, so kann ich gleich mir Notizen zu den Träumen machen und vielleicht geht dann nicht so viel verloren – vorausgesetzt, ich kann dann meine Schrift lesen.

Proust (145)

Als Robert das Restaurant betritt, wird er sofort vom Patron und allen Angestellten hofiert und ihm der beste Platz angeboten. Er entdeckt Marcel in der Menge und will ihn nicht zu einem Umzug nötigen, sorgt aber dafür, dass die zugigen Türen geschlossen werden. Er organisiert ihm sogar leihweise den Vikunjamantel – heutiger Anschaffungspreis um die 25.000 Euro! – des Fürsten Foix. Robert richtet ihm aus, dass sein Onkel Charlus Marcel morgen ohne wenn und aber erwartet. Über die Juden. Über den Adel Roberts und über die Freundschaft.

(S)o schnell, wie er vorausgesagt hatte, erschien Saint-Loup wieder im Eingang mit dem langen Vikunjamantel des Fürsten, von dem er ihn offenbar erbeten hatte, damit ich nicht friere. Er machte mir von weitem ein Zeichen, ich solle ruhig sitzen bleiben, und kam näher, aber man hätte noch einmal meinen Tisch wegrücken oder ich selbst den Platz wechseln müssen, damit er sich setzen konnte. Sobald er in den großen Saal trat, schwang er sich daher auf die roten Samtbänke, die rings an der Wand entlangliefen und auf denen außer mir nur noch drei oder vier junge Mitglieder des »Jockey« saßen, Bekannte von Robert, die im kleinen Saal keinen Platz mehr hatten finden können. Zwischen den Tischen liefen in einer gewissen Höhe elektrische Schnüre hindurch; ohne sich dadurch stören zu lassen, nahm Saint-Loup wie ein Turnierpferd geschickt jedes Hindernis; wenn auch verlegen, daß er das meinetwegen und nur in dem Bestreben tat, mir eine höchst einfache Bewegung zu ersparen, war ich doch von staunender Bewunderung über die Sicherheit erfüllt, mit der mein Freund diese Akrobatik ausführte; ich blieb nicht der einzige; denn wenn Patron und Kellner ihn wahrscheinlich von seiten eines weniger aristokratischen und weniger splendiden Gastes nicht so gern gesehen hätten, waren sie jetzt fasziniert wie Kenner am Wiegeplatz; ein Pikkolo stand, wie gelähmt, unbeweglich mit einer Schüssel da, auf die die Gäste auf der anderen Seite bereits warteten, und als Saint-Loup, der hinter seinen Freunden vorbei mußte, auf die Kante des Rückenpolsters stieg und sich darauf in vollkommenem Gleichgewicht weiterbewegte, wurden aus der Tiefe des Saales leise Beifallskundgebungen laut. Als er endlich bei mir angekommen war, bremste er seinen Schwung mit der Exaktheit eines Kommandeurs vor der Tribüne eines Herrschers, verneigte sich und reichte mir höflich ergeben den Vikunjamantel, den er gleich darauf, als er neben mir saß, ohne daß ich dabei eine Bewegung zu machen brauchte, als leichten warmen Umhang um meine Schultern breitete. (3.577f)

Der Untergang des Abendlandes naht!*

Letzten Monat nur 432 Seiten gelesen. Der langjährige Septemberdurchschnitt beträgt 1.367 Seiten.

Diesen Monat bisher nur 976 Seiten gelesen. Der langjährige Oktoberdurchschnitt beträgt 1.267 Seiten.

Das drückt* den langjährigen Monatsdurschnitt von 1.437 Seiten nahezu* beträchtlich*.

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* Bitte nicht so ernst nehmen

Proust (144)

In Marcel kommen Erinnerungsfetzen hoch, die er aber nicht richtig zu fassen weiß und so »fand ich mich in der Sphäre der Freundschaft zurückversetzt« (3.559). Durch dichten Nebel fahren sie in ein Restaurant, Marcel muss alleine eintreten – Robert bezahlt den Kutscher – und erhält nur einen äußerst schlechten Platz »gegenüber die den Israeliten vorbehaltene Tür« (3.564). Ausführliche Betrachtungen über den Fürsten von Foix mit seinen zwölf bis fünfzehn Freunden, die alle um die wenigen reichen Frauen buhlen und sich ansonsten snobistisch-überheblich benehmen und sich für unsterblich halten – wie man halt mit zwanzig so ist.

Sie [Fürst Foix und seine Freunde] hofften sich durch das bekannte Mittel der »reichen Heirat«, des »schweren Sacks«, wie man auch sagt, aus der Affäre zu ziehen; da aber die großen Mitgiften, nach denen sie trachteten, nur vier oder fünf an der Zahl waren, richteten insgeheim mehrere ihre Geschütze auf die gleiche Braut. Ihr Geheimnis war so gut gewahrt, daß, wenn einer von ihnen mit den Worten das Kaffeehaus betrat: »Ihr Lieben, Teuern steht meinem Herzen zu nah, als daß ich euch meine Verlobung mit Mademoiselle d’Ambresac vorenthalten möchte«, von allen Seiten Zurufe kamen, darunter eine Anzahl aus dem Munde derjenigen, die geglaubt hatten, die Sache selbst bereits in der Tasche zu haben, und nun nicht genügend Kaltblütigkeit besaßen, um im ersten Augenblick einen Schrei der Wut und Bestürzung unterdrücken zu können. »Ja, macht dir denn das Heiraten wirklich Spaß, Bibi?« konnte der Fürst von Châtellerault dann nicht sich enthalten zu fragen, während er in seiner Verwunderung und Verzweiflung die Gabel aus den Händen verlor, denn er hatte gemeint, die Verlobung von Mademoiselle d’Ambresac werde zwar demnächst publik sein, aber mit ihm, Châtellerault. (3.566f)

Sieben Minuten

Länger hat das heute beim Friseur definitiv nicht gedauert. Würde einen richtig guten Stundenlohn ergeben – wäre ich nicht der einzige Kunde gewesen.

Proust (143)

Marcel ist sich unsicher, ob er nicht vielleicht Albertine »für den gleichen Abend sehr spät« (3.544) einladen solle, falls die Vicomtesse Alix von Stermaria bei dem Rendezvous sich eben nicht »gleich am ersten Abend hingeben« (3.545) würde. Über die Sehnsucht nach Frauen. Er entscheidet sich dagegen. Dann ein Brief: »Es tut mir schrecklich leid, aber es ist etwas dazwischengekommen, so daß ich nicht mit Ihnen heute abend auf der Insel im Bois zu Abend essen kann« (3.550). Am Boden zerstört verdrückt er Tränen, doch die Rettung naht in Form von Robert de Saint-Loup, der eben nicht in Marokko weilt, sondern gerade in Paris angekommen ist. Man geht Abendessen. Über die Freundschaft.

Als ich wieder allein bei mir zu Hause war und daran dachte, daß ich heute nachmittag eine Spazierfahrt mit Albertine gemacht, am übernächsten Tag bei Madame de Guermantes zu Abend essen würde und einen Brief Gilbertes zu beantworten hatte – alle drei Frauen hatte ich ja geliebt –, sagte ich mir, daß unser soziales Leben einem Maleratelier voll beiseitegelegter Skizzen gleicht, in denen wir einmal einen Augenblick lang unser Verlangen nach einer großen Liebe glaubten festhalten zu können; doch wurde mir dabei nicht bewußt, daß manchmal, wenn die Skizze noch nicht allzulange geruht hat, wir sie am Ende noch einmal vornehmen und ein ganz anderes, vielleicht bedeutenderes Werk daraus machen, als wir ursprünglich planten. (3.547)

Lesekreis

Nach Monaten mal wieder vollständig. D.h.:

H., die älteste in der Runde und seit Monaten mal wieder dabei, hat immerhin das richtige Buch dabei, aber arbeitet sich noch an den ersten 50 Seiten ab, während wir schon 100 weiter sind.

K. hat sich in den Kommentarband verliebt, liest oft daraus vor und kommentiert es jeweils mit: „Das ist doch interessant, oder?“ (Meistens: Nein.)

E. ist in seinem Element und haut all seine ägyptologischen Kenntnisse (umfangreich) raus, ob es nun so genau passt oder nicht.

I. betreibt, wie immer, assoziative Textinterpretation ohne Rücksicht auf den Ursprungstext.

Und ich werde für die anderen wohl auch nur Dinge von mir geben, die die Sache nicht wirklich trifft.

Die Gesamtschau ergibt: Ein äußerst ergiebiger Abend!

Proust (142)

Beim Abschied lässt Marcel gegenüber Madame de Guermantes fallen, dass er auch mit ihrem Vetter Monsieur de Charlus – der den ›hübschen‹ Vornamen Palamède trägt und gerne mal »Mémé« (3.332) gerufen wird – bekannt ist. Das versetzt sie in großes Staunen, denn ihr gegenüber hat er bisher immer so getan, als kenne er Marcel nicht und würde gerne mal vorgestellt werden. Vorfreude auf das Diner mit Madame de Stermaria. Über Genuß. Beschreibung einer Insel im Bois, auf der das Treffen mit Madame de Stermaria stattfinden soll. Albertine wird gemeldet und erklärt sich gerne bereit, »mich gleich zur Insel zu begleiten und mir bei der Zusammenstellung des Menüs behilflich zu sein« (3.543).

»Gut, also ich verlasse Sie jetzt«, sagte Madame de Guermantes, als ob sie ungern gehe, »ich muß noch auf einen Sprung zu der Fürstin von Ligne. Kommen Sie nicht auch hin? Nein? Gehen Sie nicht gern aus? Sie haben im Grunde recht, man langweilt sich zu Tode. Aber ich muß leider hin! Sie ist meine Kusine, es wäre nicht sehr nett wegzubleiben. Egoistisch wie ich bin, bedaure ich, daß Sie nicht hingehen, ich hätte Sie mitnehmen, sogar nach Hause bringen können. Also, dann auf Wiedersehen, ich freue mich auf Freitag.« (3.534)

Aus dem Takt

Ich sollte öfters Nachtdienste mit Kaffee machen. Denn wenn ich dann auch um 6 Uhr ins Bett komme, kann ich nur zwei Stunden schlafen und verteile dann das Defizit auf die anderen Schlafzeiten (Mittagsschlaf, nachts) der nächsten beiden Tage so, dass ich da dann richtig gut schlafe.

Nachteil – ich kann mich an keinen einzigen Traum erinnern.

Proust (141)

Albertine geht, nicht ohne einen Abschiedskuss einzufordern. Françoise kommt mit der Zusage der Madame de Stermaria für ein Diner am Mittwoch und Marcel macht sich auf zur Madame de Villeparisis. Als Einschub – etwas arg unmotiviert und unklar – zu seinen Morgenausgängen. Kaum bei Madame de Villeparisis ankommen, gesellt sich Madame de Guermantes zu ihm. Seine Reaktion: »jetzt war ich wirklich ein Gleichgültiger, der nur liebenswürdig sein wolle, während ich vorher, als ich sie liebte, so oft ohne Erfolg versucht hatte, gleichgültig zu sein« (3.535). Sie, wie zuvor Madame de Villeparisis, lädt ihn nachdrücklich zum »Abendessen im kleinen Kreis« (3.528) ein.

Während wir uns so in der Stille der Einsamkeit wie in der Stille einer schönen Nacht die verschiedenen Königinnen der Gesellschaft vorstellen, wie sie in unendlicher Entfernung ihrer Bahn am Himmel folgen, können wir uns deshalb nicht erwehren, vor Unbehagen oder Freude zusammenzuzucken, wenn von da oben wie ein Meteor, auf dem unser Name steht, wo wir doch glaubten, dieser sei auf der Venus oder der Kassiopeia unbekannt, eine Einladung zu einem Diner oder eine bösartige Klatschgeschichte auf uns herunterfällt. (3.530)

Das einzig Gute am Herbst …

… ist, dass man wieder Gulasch kochen kann. Das heute ist auch echt nicht schlecht gelungen.

OK, durchs Laub bei Sonne stöbern ist auch ganz schön, aber sonst …

Proust (140)

Man kann es sich selber schwer machen, indem man a) alles theoretisiert oder b) akribisch den Wunsch mit der Wirklichkeit abgleicht und versucht zu erahnen, wir die Wirklichkeit nach einer Aktion sein könne. Marcel beherrscht A und B gleichzeitig: Es »war jedenfalls das Wissen, Albertines Wangen küssen zu können, für mich vielleicht ein noch größeres Vergnügen als jenes, sie wirklich zu küssen« (3.507). Ob er einen »Gutschein für einen Kuß« (3.509) bekommen könne? Schließlich schreitet er doch noch zur Tat! Über die Hingabe (wenn auch mal wieder nur die der Frau. Als Feminist wird man Proust / Marcel nicht bezeichnen können).

Aber ach! – denn für den Kuß sind Nase und Auge ebensoschlecht plaziert wie die Lippen schlecht beschaffen – plötzlich hörten meine Augen auf zu sehen, meine Nase, ihrerseits, plattgedrückt, nahm überhaupt keinen Geruch mehr wahr, und ohne mir darum von dem Geschmack der ersehnten Rosenfarbe mehr zu verraten, sagten mir diese scheußlichen Zeichen, ich küsse nun endlich die Wange Albertines. (3.512f)

No Fog! No Fog!

Für meine Brille jetzt so Anti-Fog-Zeugs mit Tuch bestellt in der Hoffnung, dass das funktioniert, wenn es dann mal mit der Post kommt. Denn mir geht es so auf den Keks, ohne Brille einkaufen gehen zu müssen oder dauernd im Nebel laufen zu müssen, egal wie ich die Maske aufsetze.

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