Durch die Zeit

Zeichen der Zeit

Das Online-Meeting mit W. muss um gut 30 Minuten verschoben werden, weil die Tochter zur verabredeten Zeit noch Online-Balett hat.

Proust (238)

Begründungen, scheinheilige, warum die Soiree nicht abgesagt wurde, schließlich ist gerade eine der Getreuen, die Fürstin Scherbatow, gestorben Im Nebenbei wird auch der Tod von Swann und Cottard bekannt (letzterer wird aber wiederauftauchen). Madame Verdurins Gebrauch von »Rhinogomenol« (5.341), eine abschwellende und antiseptische Salbe, die Proust selbst benutzte. Fräulein Vinteuil und ihre Freundin sind gar nicht da und die Gastgeber platzen fast, weil die vom Baron eingeladenen Herzoginnen erst ihn begrüßen und dann laut Zweifeln hegen, den älteren Herrschaften überhaupt vorgestellt werden zu müssen.

»Ich habe nichts gegen Vinteuil, meiner Meinung nach ist er der größte Komponist des Jahrhunderts. Ich kann nur dieses Zeug nicht anhören, ohne fortwährend zu weinen« (sie [Madame de Verdurin] sprach das Wort weinen dabei ohne jegliches Pathos aus, so natürlich vielmehr, wie sie an der gleichen Stelle schlafen hätte sagen können; gewisse böse Zungen behaupteten sogar, daß letzteres Verbum im Grunde passender sei, was niemand übrigens genau entscheiden konnte, denn sie hörte diese Musik mit dem Kopf in den Händen an, und gewisse Schnarchgeräusche mochten immerhin als verhaltenes Schluchzen passieren).

Es sind dann doch die Pasteten geworden

Rezept bei lamiacucina.

Proust (237)

Über die wechselnde Stellung der Gäste der Verdurins nach Madames Grundsatz: »So ist, wer auf mich zu hören weiß, selbst seines Glückes Schmied« (5.328) Daher sind Barons Charlus‘ und Morels Sterne im Sinken, denn letztere will bei Freunden der Verdurins nicht auftreten und der Baron weigert sich, bei bestimmten Personen für die Verudrins ein gutes Wort einzulegen, damit sie kommen. Philippiken des Barons.

Es ist mit der Gesellschaft wie mit sexuellen Neigungen, bei denen man nie weiß, in welche Perversionen sie ausarten können, sobald erst einmal ästhetische Gründe für ihre Wahl ausschlaggebend werden. (5.334)

Bullets

  • Mit etwas Verspätung, aber heute der traditionelle Neujahrsbadewannenabend mit Sekt (nun ja, Prosecco).
  • Nach einer langen Flaute endlich mal zwei Bücher, die vielversprechend sind: „Mit wehenden Fahnen“ von Evelyn Waugh (schon etwas älter) und das brandaktuelle von Julian Barnes: „Der Mann im roten Rock“.
  • Jetzt noch geschickt meinen Mann davon überzeugen, dass ich morgen doch lieber Schinkenpastete oder Linsen-Maultaschen ausprobieren will und eben nicht die Wirsing-Gemüse-Quiche mit Ziegenkäse.
  • Ach ja. Und wer wissen will, wie ich mit Anfang 20 ausgesehen habe, der gucke sich Merlin Rose in „Als wir träumten“ an. (Und lesen! Eins der besten Bücher bisher dieses Jahrtausend! Clemens Meyer heißt der Autor.)

Proust (236)

Monolog des Barons, wie er Morel protegiert – nicht aber ohne sich nach anderen jungen Männern umzusehen. Marcel wird es ganz anders als er erfährt, dass bei den Verdurins heute die Tochter von Vinteuil mit ihrer Partnerin eingeladen sind – das also war der Grund, warum Albertine unbedingt hier her wollte. Über zerbrechliche Herzen, Eifersucht und Enttäuschung. Auf dem Hof trifft man Sainiette und erreicht endlich das Vestibül. Der Baron lässt sich durch einen hübschen Diener verwirren und Saniette, wie immer eingeschüchtert, wird von Monsieur Verdurin runtergeputzt.

Wenn wir nur Glieder hätten, wie Arme und Beine, wäre das Leben erträglich. Unglücklicherweise tragen wir in uns aber jenes kleine Organ, das wir als Herz bezeichnen und das empfänglich ist für gewisse Krankheiten, in deren Verlauf es unendlich beeindruckbar durch alles wird, was das Leben einer gewissen Person betrifft, so daß eine Lüge – diese harmlose Angelegenheit, in deren Atmosphäre wir so fröhlich dahinleben, ob wir sie nun selbst vorbringen oder andere – dieser Person dem kleinen Herzen, das man auf chirurgischem Weg sollte entfernen können, unerträgliche Schmerzanfälle bereitet. Von unserem Gehirn wollen wir gar nicht sprechen, denn unser Denken mag während dieser Anfälle zwar pausenlos räsonnieren, aber es hat keinen größeren Einfluß auf sie als unsere Aufmerksamkeit auf einen akuten Zahnschmerz. (5.317)

Weiteres Lieblingswort

Mein Liebliengswort der deutschen Sprache ist ja „nichtsdestotrotz“.

Gestern habe ich dann noch ein zweites für mich entdeckt: „Pumpernickel“.

Proust (235)

Auf den heutigen 16 Seiten kommen Marcel, Brichot und der Baron gerade mal zwei Schritte weiter zu auf die Tür der Verdurins. Proust ergeht sich in der Beschreibung des alternden Barons, der seinem Hang zur Tunte langsam nachgibt. Der Baron selbst ist sozusagen janusköpfig, denn dass, was er an Laster – er stuft es für sich zu einem »bloßen Fehler« (5.298) herunter – auslebt(e), missbilligt er, hinter scherzhaftem Ton versteckt, bei anderen. Ausführliche Erörterungen über das Wesen der (Selbst-) Lüge und deren Wichtigkeit. Ausblick darauf, dass Morel den Baron nach Strich und Faden betrügt, was auch Auswirkungen auf Marcel haben wird.

Die Lüge, die vollkommene Lüge über Leute, die wir kennen, die Beziehungen, die wir mit ihnen gehabt haben, unseren Beweggrund bei einem Tun, den wir auf völlig andere Weise formulierten, die Lüge über das, was wir sind, über das, was wir lieben, über das, was wir dem Wesen gegenüber empfinden, das uns liebt und uns nach seinem Bild geformt zu haben glaubt, weil es uns den ganzen Tag umarmt und küßt, diese Lüge gehört zu den wenigen Dingen auf der Welt, die uns Perspektiven auf Neues, auf Unbekanntes eröffnen und in uns den eingeschlafenen Sinn für die Betrachtung von Welten wiederzuerwecken vermögen, die wir sonst niemals kennengelernt hätten. (5.305f)

GT (61)

Die schönste Info noch vor der Therapiesitzung: C.2 hat ihre Prüfung bestanden. Mich freut das deswegen enorm, weil jetzt für sie endlich ein Weg frei wird!

So richtig will nichts aufkommen. Das ist einerseits der Pause geschuldet, andererseits wohl aber auch der Tatsache, dass wir alle wissen, dass es auf das Ende zugeht. Und wenn ich das richtig beobachte, dann sind zumindest mit mir noch zwei weitere (also die Hälfte derer, die noch übrig geblieben sind) auf neuen Wegen.

Nicht, dass die Themen bei uns drei weg wären und alles Friede-Freude-Eierkuchen … aber wir gehen mit diesen Dämonen anders um, bieten sogar manchmal etwas Paroli und behaupten uns mehr als davor.

Überraschend deutlich wird das dann bei J. und mir, als wir beide von zwei ähnlichen Begleiterscheinungen berichten. Eigentlich geht es uns gerade echt gut, aber dann doch u.a. brutalste Alpträume aus der unteresten Schublade, Rückfälle in Zustände, als hätten wir nie Therapie gemacht. Aber es wird im Gepsräch dann deutlich, dass wir mit den Dämonen wohl lebenslang zu tun haben werden, aber deren Macht geringer wird, falls wir nicht nach lassen.

Erholungstag auf See

Seit ich von Matthias Polityckie „In 180 Tagen um die Welt“ (vor Jahren) gelesen habe steht fest: Wenn Kreuzfahrt, dann nur mit der MS Europa. Und dann besonders die „Erholungstage auf See“ genießen.

Dazu folgendes:

  • Ich habe mir heute einen Erholungstag gegönnt und einfach frei genommen, gestern war stressig und aufregend und sonstiges genug.
  • Ich werde verdammt viele Big Deals machen müssen, um mir das leisten zu können.
  • Und wenn die Seetage dann so erholsam sind, wie der Urlaubstag heute, dann fahre ich vielleicht doch nicht mit!

OK, ich habe heute echt länger geschlafen (und mir vor Anspannung einen Muskelkater im Bauch zugezogen – aber darüber schweig ich jetzt lieber), aber seit dem bin ich echt nur am arbeiten und organisieren, als würde ich selbstständiger Mediator, Lebensberater und Internetberater sein, der an seiner ersten (virtuellen) Millionen arbeitet.

Soviel angestoßen und bewegt wie heute … das hab‘ ich Ewigkeiten nicht mehr.

Proust (234)

Quasi vor der Tür der Verdurins erzählt Brichot Marcel wie es früher dort zugegangen sei – eindeutig lustiger und frivoler. Auftritt Baron de Charlus. Charakterisierung der Beziehung zwischen Brichot und dem Baron, sowie (weitere) Theorien über die männliche Homosexualität. Wenn auch zweiteres arg Kind seiner Zeit ist – wir Schwuchteln haben halt nicht nur einfach den besseren Geschmack, sondern auch eine »Verfeinerung des Geistig-Seelischen« (5.289) – ist das zusammen mit der Beschreibung des alternden Barons, der so langsam aus der Form gerät und dessen »Laster« (5.291) sich u.a. jetzt in dem »stark ausgebildete(n) Hinterteil« (ebd.) zeigt, mal wieder ein Paradebeispiel dafür, wie Proust es in einzigartiger Weise versteht, vom Individuellen zum Allgemeinen zu kommen – und wieder zurück. Aber wen verwunderts, ist er ja auch ›geistig-seelisch verfeinert‹!

Gerade als wir vor Madame Verdurins Haus ankamen, sah ich Monsieur de Charlus mit seinem ganzen enormen Körper auf uns zusteuern, wobei er unabsichtlich einen jener Apachen oder Bettler in seinem Kielwasser mit sich führte, die auf seinem Weg jetzt unweigerlich selbst in den scheinbar leersten Ecken auftauchten und von denen dieser monströse Koloß ungewollt, freilich in einer gewissen Entfernung, so wie der Hai von seinen Geleitfischen, neuerdings immer begleitet war; kurz, er bildete einen so starken Gegensatz zu dem hochmütigen Fremden meines ersten Jahrs in Balbec mit seinem strengen Aussehen und der überbetonten Männlichkeit, daß mir war, als sähe ich, begleitet von seinem Satelliten, ein Gestirn in einer ganz anderen Periode seiner Umdrehung vor mir, die es endlich in seiner vollen Gestalt erkennen ließ, oder einen Kranken, der jetzt von dem Übel deutlich gezeichnet ist, das vor wenigen Jahren noch ein ganz kleiner Abszeß war, den er leicht verbergen und dessen ernste Bedeutung man noch nicht ahnen konnte. (5.287)

Deal!

Big Deal!

Ein Pre-Kick-Off und drei Kick-Offs im Februar – dann gehts im März richtig los.

Und sie zahlen das, was wir verlangen – ohne Diskussion.

Nach der ersten Rechnung, gebe ich hier für alle nen Glas Champus aus!

Proust (233)

Albertine lässt Marcel ahnungslos zuhause und macht sich auf den Weg zu den Verdurins. Auf der Straße begegnet er Morel, der heulend am Straßenrand sitzt – vollkommen davon überfordert, ob er jetzt seine Braut und damit auch die Zuwendungen durch Baron Charlus, verlassen soll (daher die Streiterei in Nr. 229) oder doch nicht oder welche andere Lösung es vielleicht gäbe. Auf dem weiteren Weg trifft er auf den an den Augen leidenden Brichot. Mitteilung an den Leser, dass Swann verstorben ist und Auszüge eines Nekrologs auf ihn.

Da sein Augenleiden [Brichots] sich seit einiger Zeit verschlimmert hatte, war er – in opulenter Weise wie ein Laboratorium – mit neuen Gläsern ausgestattet worden: von machtvoller Stärke und kompliziert wie astronomische Instrumente, schienen sie auf seine Augen aufgeschraubt zu sein; er stellte ihr unerhört starkes Feuer auf mich ein und erkannte mich. Die Instrumente waren in ganz wundervoller Verfassung. Hinter ihnen aber bemerkte ich, winzigklein, blaß, zuckend, erlöschend, einen fernen Blick, der unter diesem machtvollen Apparat lag, wie in Laboratorien, die im Verhältnis zu den Aufgaben, denen sie dienen, überreich subventioniert werden, ein unbedeutendes Tierchen im Todeskampf unter Instrumenten von unerhörter Vollkommenheit. (5.278f)

1 Finger & 40 Euro

Wie gern hätte ich es, hier schreiben zu können, durch welch‘ heldenhafte Aktion, durch welch‘ außergewöhnlichen Einsatz, durch welch‘ menschenfreundliche Tat ich mir meinen linken Zeigefinger verstaucht habe. Die schnöde Wahrheit ist: Es passierte, als ich mir meine Jacke ausgezogen habe.

Dafür gab es das erste Honorar als Coach. Gutes Zeichen für morgen, denn da geht es um einen Mediationsauftrag, aber einen so richtig großen.

Proust (232)

Komisch, die Zeitungen berichten vom Tod des Schriftsteller Bergotte an dem Tag, an dem Albertine ihn auf der Straße traf und mit ihm plauderte. Über: »Der Irrtum ist aber hartnäckiger als der Glaube« (5.266) und »Sie [die Lügen] schufen meine Wahrnehmung« (5.269).

Um auf Albertine zurückzukommen, so habe ich niemals eine Frau gekannt, die mehr als sie die glückliche Befähigung zu einer lebendigen, mit allen Farben der Wirklichkeit getönten Lüge besaß, es sei denn eine ihrer Freundinnen […]. Dieses junge Mädchen war, was erfundene Geschichten betraf, Albertine überlegen, denn die seinen waren nicht mit jenen schmerzlichen Momenten oder wuterfüllten Andeutungen vermischt, die bei meiner Freundin häufig vorkamen. Ich habe gleichwohl gesagt, daß sie reizend war, wenn sie eine Erzählung erfand, die keinen Zweifel zuließ, denn man sah dann die – gleichwohl rein imaginäre – Sache vor sich, die sie sagte, wobei man sich zum Sehen ihrer Worte bediente. Sie schufen meine Wahrnehmung. (5268f)

Wie eine Ameise

Es ist Sonntag. Tag der Ruhe.

Also für mich nicht. Erst vier Stunden Dienst, dann kurze Erholung, dann Proust, dann Filme für den Mann machen, dann kochen, dann corona-koformes Abendessen, jetzt Planung der hauseigenen Ameisenpopulation.

Morgen ist Montag – da kann ich dann mich mal etws erholen.

Proust (231)

Marcel trifft Gisèle, eine Freundin von Albertine – auch die nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau. Über die Lüge. Trennungsabsichten: »Es ist furchtbar, wenn man die Existenz einer anderen Person an sich geheftet sieht, wie eine Bombe, die man festhalten muß und nicht fallen lassen darf, ohne ein Verbrechen zu begehen.« (5-354) Der Tod des Schriftstellers Bergotte.

Der Fall einer manierierten alten Frau wie Monsieur de Charlus, der in seiner Vorstellung immer nur einen stolzen Jüngling sieht und deshalb glaubt, selbst zu einem stolzen Jüngling zu werden, und zwar um so mehr, je manierierter und lächerlicher er wird, dieser Fall läßt sich verallgemeinern, und das Mißgeschick eines entflammten Liebhabers besteht darin, daß er sich nicht darüber klar ist, daß er zwar ein schönes Gesicht vor sich sieht, seine Geliebte aber nur sein Gesicht vor sich hat, das nicht schöner, sondern ganz im Gegenteil von der Lust entstellt wird, die der Anblick der Schönheit in ihm erregt. (5.255)

Proust (230)

Während der Ausfahrt, u.a. in den Bois, unterhält man sich (auch) über Kunst. Das Marcel ambivalent ist, ist nichts neues. So sinniert er einerseits über die Midinetten (hier im Sinne von jungen, begehrenswerten Mädchen) die sehen und wie sehr Albertine ihn daran hindert, sich mit ihnen abzugeben. Andererseits ist er ganz stolz, dass Albertine ihm ihre Zeit schenkt. Reflexionen über das Beziehung-haben und -nicht-haben, über ›Besitz‹ und Flüchtigkeit. Passt, denn Marcel ist »an dem Punkt angelangt, wo … eine Frau für uns nur noch den Übergang zu einer anderen bildet« (5.237). Was für Albetine gilt, muss ja noch lange nicht für ihn gelten, denn » ich [hatte] beschlossen, am gleichen Abend zu den Verdurins zu gehen« (5.236f).

Diese Ähnlichkeiten aber zwischen dem physischen Verlangen [nach einer Frau] und dem Reisen bewirkten, daß ich mir vornahm, eines Tages die Natur jener Kraft etwas genauer zu studieren, die unsichtbar, aber ebenso machtvoll war wie die inneren Überzeugungen oder, in der physikalischen Welt, der Luftdruck, jener Kraft, die Städte und Frauen, solange ich sie nicht kannte, unermeßlich hoch erhob, aber unter ihnen schwand, sobald ich ihnen näher gekommen war, und sie in banalste Alltäglichkeit hinuntersinken ließ. (5.241)

1. Woche

  • Der rechte Unterarm schmerzt wie doof – das wenige Mausschubsen war schon wieder zuviel.
  • Nach dem Abendessen schlafe ich sofort auf dem Sofa ein.
  • Wenigsten hat das Unterbewußtsein nach ein paar Nächten Albträume mir dann heute einen sehr befreiende Frühlingstraum am Meer beschert.
  • Mein Mann findet langsam doch Gefallen daran, dass ich mir Ameisen halten will.

Proust (229)

Marcel wartet auf Albertine und setzt sich ans Klavier. Zuerst Reflexionen zu Richard Wagner, dann zu den »großen Schöpfungen des neunzehnten Jahrhunderts« (5.224). Von hier aus einen Gedankensprung zu Morel – und eine Wiederholung einer Szene, woran man merkt, dass Proust über den Endkorrekturen gestorben ist – der unten im Hof seine Braut auf das Übelste beschimpft: »Sie elende Schlampe … Sie Hure, Sie« (5.230). Albertine kommt, man fährt aus, sie zeigt ihm einen neuen Ring, den sie sich gekauft hat. Und ohne das Proust es schreibt muss, jeder fragt sich: Sie sich wirklich?

Durch ihren Kontrast mit dem Zustand der Angst, in dem ich mich vor einer Stunde noch befunden hatte, war die Ruhe, in die mich die Rückkehr Albertines versetzte, viel umfassender als diejenige, die ich am Morgen vor ihrem Aufbruch in mir verspürt hatte. Auf die Zukunft vorgreifend, über die ich dank der Gefügigkeit meiner Freundin mehr oder weniger Herr war, widerstandsfähiger, von der unmittelbar bevorstehenden, lästigen, unvermeidlichen und wohltuenden Anwesenheit Albertines gleichsam erfüllt und gestärkt, war es eine Ruhe, wie sie (indem sie uns der Notwendigkeit enthebt, das Glück in uns selbst zu suchen) aus einem familiären Gefühl und häuslichem Glück erwächst.(5.231)

Proust (228)

Weitere Erörterungen zur Eifersucht: »Überhaupt geht es nicht um die Fehler aus der Zeit, in der wir sie lieben, sondern mehr noch um ihre Fehler aus der Zeit, als wir sie noch nicht kannten« (5.210f). Es gilt »um jeden Preis zu verhindern, daß Albertine … etwa die Freundinnen Léas wiedertraf« (5.206) also schickt Marcel Françoise in die Matinee, um Albertine zu bitten, sich mit Marcel zu treffen. Françoise, die noch nie telefoniert hat, berichtet telefonisch von ihrem Erfolg. Über den Dialekt von Françoise und über ihre »Unmöglichkeit … die Zeit genau anzugeben« (5.218f)

Leider aber erlernt man auch die unbekannteste Sprache, wenn man sie unausgesetzt sprechen hört. Ich bedauerte, daß es sich hier um den Dialekt handelte, denn ich verstand ihn schließlich gut und hätte die Sprache nicht weniger vollkommen erlernt, wenn Françoise Persisch gesprochen hätte. Als Françoise meine Fortschritte feststellen mußte, versuchte sie es zwar mit einer Beschleunigung ihrer Rede, die Tochter ebenfalls, aber nichts verfing. Die Mutter bedauerte, daß ich jetzt den Dialekt verstand, dann äußerte sie ihre Freude darüber, daß ich ihn sprechen konnte. In Wirklichkeit war diese Freude reinster Spott, denn obwohl ich ihn zu guter Letzt ungefähr wie sie selbst sprach, stellte sie zwischen unser beider Aussprachen Abgründe fest, um derentwillen sie in Entzücken geriet, darauf aber bekümmert war, daß sie keine Leute aus ihrem Dorf mehr sah, an die sie schon seit vielen Jahren nicht mehr gedacht hatte, die aber – was sie gern miterlebt hätte – vor Lachen gestorben wären, wenn sie mich so schlecht hätten Dialekt sprechen hören. (5.216f)

Übung macht den Meister

Intervision mit dreizehn Leuten – zeitgemäß natürlich online. Mir fallen langsam die Augen raus. Aber ist vielleicht nichts anderes als eine kleine Vorübung für die letzte Ausbildungswoche. Dann sind es 50 Stunden mit 18 Leuten. Aber E. lächelt jetzt wohl nur darüber.

Proust (227)

Brief der Mutter, die das Zusammenleben der beiden nach wie vor nicht gut finden kann. Ein Milchmädchen soll für Marcel einen Brief bestellen, Anlass darüber zu reflektieren, dass, wenn Sehnsucht eine Distanz ist, diese beim Kennenlernen von Personen beständig abnimmt. In der Zeitung entdeckt Marcel, dass ausgerechnet bei der Matinee, zu der er Albertine geschickt hat, Mademoiselle Léa auftritt, eine zweifelhafte Bekannte aus Balbec, die im Verdacht steht lesbisch zu sein. Deswegen: »Der Strom meiner Ängste brach mit elementarer Gewalt hervor« (5.202). Reflektionen über das Gedächtnis bzw. Erinnerns bzw. Vergessens unter besonderer Berücksichtigung der Eifersucht, die rückwärtsgewandt »im Leeren« (5.205) fichtet.

Wenn man im übrigen das Gesetz unserer Liebesneugier auf eine Formel bringen möchte, so müßte man den maximalen Abstand zwischen der nur wahrgenommenen Frau und jener anderen anführen, die sie wird, nachdem man sich ihr genähert und ihr Zärtlichkeiten erwiesen hat. (5.198)

Ernte

Nach ein paar Jahren Pause sind wir wieder in die Sprossenproduktion eingestiegen. Morgen gibt es also Radieschensprossen (scharf) zum Auftakt, vier Tage später dann Senfsprossen. Und wenn das neue Gestell kommt, dann können wir drei Sorten parallel machen.

Ob ich mir so einen Aufsitzmäher anschaffen sollte?

Proust (226)

Der Chauffeur, der Albetine immer ausfährt, wird nun peinlich befragt, ob sie nicht vielleicht doch … aber er weiß von keinem Skandal zu berichen. Dennoch, doppelt genäht hält besser, er lässt Albertine »nur noch mit Andrée als Verstärkung der Überwachung ausfahren« (5.189) und ist froh dass er die Last los ist. Erinnerungen an Gilberte … hat sie ihn vielleicht auch betrogen? Marcel nimmt nun den Leser mit auf die Straße bzw. in die Geschäfte, statt ›literarischem Hörstück‹ nun ›literarisches Sehstück‹.

In einer Metzgerei verwandte zwischen einer Sonnenaureole zur Linken und einem aufgehängten ganzen Ochsen zur Rechten ein blonder, sehr großer und schlanker Fleischergeselle, dessen Hals aus einem himmelblauen Hemd hervorsah, schwindelerregende Fixigkeit und religiöse Gewissenhaftigkeit daran, nach der einen Seite bestes Rinderfilet und nach der anderen minderwertiges Schwanzfleisch auszusortieren und beiden in blitzende Waagschalen zu werfen, über denen ein Kreuz schwebte, vom dem schöne Kettchen herniederhingen, so daß er – obwohl der danach nur Nieren, Tournedos und Entrecotes zur Anordung in der Auslage herrichtete – in Wahrheit viel ehr den Eindruck eines schönen Engels erweckte, der am Tag des Jüngesten Gerichts für Gottvater die Scheidung der Guten und Bösen je nach Qualität und das Abwiegen der Seelen vorbeteitet. (5.192)

Erster Tag auf der Arbeit

Arg gewöhnungsbedürftig. So richtig brauche ich das eigentlich nicht. Also wenn ich Geld hätte.

Aber die Uhr zeigt 24 Überstunden an – das macht so ein bisschen gute Laune.

Proust (225)

Weiter geht es mit dem ›literarischen Hörstück‹, diesmal ist aber Albertine mit dabei. Die beiden berauschen sich, denn »alle diese Rufe, die wir hören, verwandelt [sich] in ein gutes Essen« (5.178). Fazit Albertine: »Gut, ich gehe, aber künftig will ich zu Tisch nur Ausgerufenes Essen« (ebed). Sie ergeht sich zudem in eine überbordende Hymne über das Speiseeis. Davor eingeschaltet ein »Einschub zu den Themen Schlaf, Traum, Erinnerung, Vergessen, Narkotika, Rausch usw. ein Themenkomplex, dem Proust in jedem der vorangegangenen Bänder der Recherche eine Betrachtung … gewidmet hat« (Keller, 5.625f).

Was ich an diesen ausgerufenen Viktualien liebe, ist, daß eine Sache, die man hört wie eine Rhapsodie, ihre Natur verändert, wenn sie auf den Tisch kommt und zu meinem Gaumen spricht. Beim Eis (denn ich hoffe, Sie werden nur solches in den altmodischen Formen bestellen, die alle nur möglichen architektonischen Motive wiederholen) geht es mir jedesmal so, daß Tempel, Kirchen, Obelisken, Felsen für mich zunächst wie ein Museum aller malerischen Stätten der Welt etwas zum Ansehen sind und daß ich dann erst die Bauwerke aus Himbeer- und Vanilleeis in etwas Kühles umdenke, das durch meine Kehle gleitet (…) Mein Gott, im Hotel Ritz werden Sie wohl allerdings, fürchte ich, Vendômesäulen aus Schokolade- oder Himbeereis finden, da würden wir dann freilich mehrere brauchen, damit es aussieht wie Votivgeschenke oder Pilaster in einer Ruhmesallee zu Ehren einer Göttin der Kühlung. Sie machen auch Himbeerobelisken, die von Zeit zu Zeit in der glühenden Wüste meines Durstes aufragen; ich lasse dann ihren rosigen Granit erst schmelzen, wenn sie schon tief in meine Kehle hinuntergeglitten sind und mir größere Labung verschaffen als die schönsten Oasen.« (5.180)

Proust (224)

Zwar bekommt Marcel von Albertine noch einen Gute-Nacht-Kuss, aber der lässt ihn so angstvoll zurück, wie früher als Kind (vgl. Nr. 3 – 5). Über die tiefschlafende Albertine. Am Morgen danach: Marcel liegt im Bett und lauscht den Geräuschen auf der Straße – knapp sieben Seiten lang, ein ›literarisches Hörstück‹ sozusagen. Albertine lässt durch Françoise ausrichten, dass sie nicht zu den Verdurins geht sondern, wie er vorgeschlagen hat, eine Galavorstellung besuche »nach einem kleinen Ausritt, den sie zusammen mit Andrée unternehmen wolle« (5.165).

Das Gehör, dieser köstliche Sinn, macht die Straße, die es mit ihren feinsten Linien nachzuzeichnen vermag, für uns unmittelbar gegenwärtig; es skizziert uns alle vorüberziehenden Formen und zeigt uns deren Farbe. Die eisernen Rolläden des Bäckers oder des Milchmanns, die sich gestern abend über alle Möglichkeiten von Frauenglück gesenkt hatten, hoben sich jetzt mit dem Geräusch der leichtdrehenden Kettenwinden eines Schiffs, das sich zum Auslaufen rüstet und auf dem kristallklaren Meer dahingleiten wird, über einem Traum von jungen Ladenmädchen. (5.160f)

Proust (223)

Telefonat mit Andrée, die es nicht so toll findet, dass Marcel plötzlich auf die Idee kommt, morgen mit zu den Verdurins kommen zu wollen. Albertine rückt daher von ihrem Vorhaben ab, als er ihr seinen Plan eröffnet – sie will stattdessen einkaufen gehen. Über Familienähnlichkeiten und wie Marcel in Art und Weise sowohl etwas von der mütterlichen wie väterlichen Linie geerbt hat. Er sieht nun »neben dem sensiblen Kind, das ich einst gewesen war, ein(en) ganz gegenteilige(n) Mann voll gesunder Vernunft und Strenge« (5.148f). Denkt – wiederholt – über eine Trennung von Albertine nach.

Diese Worte hatte ich – da ein großer Teil von dem, was wir sagen, nur Wiederholung eines bereits vorhandenen Textes ist – sehr oft von meiner Mutter gehört, die einmal (sie erklärte mir nämlich gern, man dürfe die wahre Empfindsamkeit, das nämlich, was, wie sie sagte, die Deutschen, deren Sprache sie trotz des Abscheus meines Vaters gegenüber dieser Nation bewunderte, Empfindung nannten, nicht mit Gefühlsduselei, der Empfindelei, verwechseln), als ich weinte, sich bis zu der Äußerung verstiegen hatte, Nero sei vielleicht auch nervös, dadurch aber kein besserer Mensch gewesen. (5.148)

Ich könnte mich daran gewöhnen

OK, es hat mich jetzt nicht vom Stuhl gehauen und ich war auch nicht sprachlos – aber ich meine dann doch den Reiz erkannt zu haben, was von diesen kleinen Dingern ausgeht. Ob ich je mal ›richtigen‹ essen werde, steht in den Sternen, denn der kostet für die abgebildete Menge (50 Gramm – das ist für zwei Personen eine sehr kleine Vorspeise, es gab Toast und Omlett dazu) dann gerne mal 350 Euro. Aber falls mal eine Fee kommt und nach einem Essenwunsch fragt …

Tutto paletti

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