Durch die Zeit

Proust (285)

Letzter Tag in Venedig. Es gibt einen Brief und die Information, dass »Baronin Putbus mit Bedienung« (6.350) (vgl. Nr. 174) im Hotel logiere. Grund genug, dass Marcel den Aufstand wagt und bleiben will. Aber auch ›O sole mio‹ kann ihn über Seiten nicht in diesem Entschluss bekräftigen, so dass er im letzten Moment doch noch zum Zug stürzt. Im Zug Lektüre des Briefes: Sein bester Freund Robert de Saint-Loup heiratet Gilberte – die wissen will, warum er nicht auf das Telegramm (siehe gestern) geantwortet hat. Das war von ihr, nicht von Albertine (!) und schlecht übermittelt gewesen. Die Mutter berichtete von der Verlobung zwischen dem jungen Cambremer und Madame d’Oloron, hinter der sich niemand anderes befindet als die Tochter des Westenmachres Jupien – o tempora, o mores! Den Titel hat sie von Baron Charlus, dass er weiter mit Morel …

So verharrte ich in meiner Reglosigkeit, mit aufgelöstem Willen, dem Anschein nach ohne Entschluß; in jenen Augenblicken ist er aber wahrscheinlich bereits gefaßt: Unsere Freunde können ihn nämlich oft voraussehen. Wir aber, wir können es nicht; sonst blieben uns freilich viele Leiden erspart. (6.355)

Premiere für Geld

Erste echte Mediation für Geld. Neun Leute, drei Stunden.

N. und ich – das können wir mit Fug und Recht behaupten – waren wirklich gut vorbereitet. Wir hatten Stellen ausfindig gemacht, die etwas schwierig werden könnten und uns dafür schon was überlegt. So zum Beispiel, wenn es mit der Themenfindung schwerfällig werden würde. Haben wir aber nicht gebraucht, die Themen sprudelten einfach nur so. Blöderweise kann nicht ein einziges Thema in der Gruppe ‚gelöst‘ werden, weil dazu die Führungskärfte mit ins Boot geholt werden müssen. Mit dieser Phase hatten wir erst in fünf oder sechs Wochen gerechnet.

Aber eine Lösung haben wir dann doch noch gefunden, nämlich wie wir aus dem neuen Gebäude wieder hinausgefunden haben – durch die Tiefgarage.

Proust (284)

In Venedig erhält Marcel ein schlecht übermitteltes Telegramm mit dem Inhalt, Albertine lebe und wünsche sich Wiedersehen und Heirat. Er empfindet darüber keine Freude und kommt zu dem Schluss: »… ich liebte Albertine nicht mehr.« (6.338) Besichtigung des Baptisteriums von San Marco und die Giotto-Kapelle in Padua. Ausführliche Bildbeschreibungen. Darüber, wie wichtig es ist, Kunstwerke mit »einer bestimmten Person« (6.342) zu sehen. Bei ihm ist es die Mutter – aber daran muss man sich ja jetzt nicht sklavisch halten.

Unsere Liebe zum Leben ist nur eine alte Liaison, von der wir nicht loskommen können. Ihre Kraft beruht auf ihrer Beständigkeit. Doch der Tod, der sie zerstört, wird uns von dem Verlangen nach Unsterblichkeit heilen. (6.341)

GT (67)

Abschied wabert zwar so durch den Raum, aber wir arbeiten dann doch nochmal sehr kräftig an einzelne Themen. Ich bringe meine Unzweideutigkeit wegen der Reha ins Gespräch und erhalten interessante Rückmeldungen, auch wenn ich L. mal wieder damit verschrecke, aber das tue ich egal mit was. J. macht mich dann wieder total fertig und erst heute realisiert er anscheind, wie stark ich mich seit über einem Jahr an / mit / durch / … ihn abarbeite. Bittet mich, dass ihm in den letzten Stunden zu erklären – und ich verspreche ihm auf die Hand ein 30-seitiges Exopsé. Auf dem Heimweg gehe ich der Frage schon mal nach und komme zu einer wirklich guten Erklärung, die mich in der Hinsicht überrascht, wie klar ich da Dinge / Verhältnisse / Systeme sehen kann. Schon schade, dass wir keine weitere Zeit zusammen haben werde, er war mir echt ein kleiner Vergil.

Proust (283)

Gespräche zwischen der alten Marquise de Villeparisis und ihrem ebenfalls alten Liebhaber, und Begleiter, dem Diplomaten Marquis von Norpois (vgl. Nr. 46ff), der »mit der senilen Beharrlichkeit gewisser Achtzigjähriger« (6.321) immer noch meint, die Weltgeschicke zu bewegen und deswegen Zeitungen terrorisiert. Marcel herhält einen Brief von seinem Börsenmakler und die Auskunft, dass er »kaum noch den fünften Teil des Vermögens besaß, das ich von meiner Großmutter geerbt hatte« (6.333) – aber noch nagt er nicht am Hungertuch.

Ein Herr, der soeben seine Mahlzeit beendet hatte, grüßte Monsieur de Norpois.»Oh, da ist Fürst Foggi«, sagte der Marquis. »Ja? Ich weiß allerdings nicht genau, wen Sie meinen«, hauchte Madame de Villeparisis. »Aber doch, natürlich! Fürst Odon, der echte Schwager Ihrer Cousine Doudeauville. Sie müssen sich doch erinnern, daß ich mit ihm in Bonnétable zur Jagd war!« – »Ach! Odon, das ist doch der, der malt?« – »Aber nicht doch, er ist der, der die Schwester des Großfürsten N. geheiratet hat.« (6.323)

Denkste

Die beiden SD-Karten, die ich über Jahre wie ein Augapfel gehütet habe, weil man so was ja immer mal brauchen kann – so wie ich heute für meinen neuen Negativ-Scanner – entpuppten sich als funktionslose Plastikteile. Immerhin habe ja die Drogerien offen und so kann ich – wenn ich denn die Zeit finde – mich mal mit meinen Negativen beschäftigen.

Proust (282)

Marcel mit Mutter in Venedig, wo er sich »dem Zustand völliger Gleichgültigkeit« (6.309) gegenüber Albertine nähert. Vergleiche zwischen Venedig und Combray bzw. Balbec. Er schaut in den Calli Arbeiterinnen nach, die ihm »begehrenswerter erscheinen als andere« (6.314) und spricht »Mädchen aus dem Volk an, wie es Albertine vielleicht getan hätte« (6.316). Unerwartet und »lästigerweise« (6.319) trifft man nicht nur auf Madame Sazerat, sondern auch auf die alte Marquise de Villeparisis.

Solange ich noch im Bett lag, konnte ich nur ihn [den goldenen Engel auf dem Campanile von San Marco] sehen; da aber die Welt eine einzige ungeheure Sonnenuhr ist, von der schon ein beleuchteter Kreisausschnitt uns erlaubt, die Stunde abzulesen, dachte ich am frühen Morgen bereits an die Läden von Combray auf dem Kirchplatz, die am Sonntag gerade kurz vor dem Schließen standen, wenn ich zur Messe kam, während das Stroh auf dem Markt unter der schon heißer strahlenden Sonne seinen strengen Geruch verbreitete.  (6.310)

Angry young man with long hair and cigarette





April (?) 1986

Proust (281)

Noch ein Gespräch mit Andrée. Die bringt ins Spiel, dass Albertines Stiefmutter die Trennung wünschte, um sie mit jemanden zu verheiraten, der heiraten wollte. Dennoch, »alles in allem verstand ich immer noch nicht besser, weshalb Albertine mich verlassen hatte« (6.301). Über den »Pseudoverlobten« (6.307) von Albertine. Und Marcel wäre nicht Marcel wenn er jetzt überlegen würde, ob vielleicht Andrée in anlügt, also ggf. eine vermeintliche Lüge von Albertine doch wahr sein könne? Manche machen sich das Leben aber auch wirklich schwer.

Ohne unbedingt zu dieser Spezies zu zählen, würde ich vielleicht jetzt, da Albertine tot war, das Geheimnis ihres Lebens erfahren. Aber beweist das nicht – die Indiskretionen nämlich, die begangen werden, wenn das irdische Leben einer Person abgelaufen ist –, daß im Grunde niemand an ein zukünftiges Leben glaubt? Wenn diese Indiskretionen auf Wahrheit beruhen, müßte man den Groll der Person, deren Handlungen man enthüllt, ebensosehr für den Tag, da man ihr im Himmel begegnet, fürchten, wie man sich vor ihr fürchtete, als sie noch lebte und man sich gehalten glaubte, ihr Geheimnis zu hüten. Wenn aber diese Indiskretionen nicht wahr und nur erfunden sind, weil die betreffende Person nicht mehr vorhanden ist und ihnen nicht entgegentreten kann, sollte man um so mehr den Zorn der Toten fürchten, wenn man an den Himmel glaubt. Doch an diesen glaubt niemand. (6.300)

Negativ/e

Aus Gründen, die hier zu weit führen würden, in meinen Negativen, die ich zu einem Teil gescannt habe, rumgestöbert. Irgendwie muss ich dass so regeln, dass die mit / nach meinem Tod sofort vernichtet werden oder ich muss da ne dicke, lange Erklärung dazu schreiben. Ist schon spannend und zugleich verstörend zu sehen, wem ich mich gegenüber alles nackt ‚präsentiert‘ habe und wie oft ich meinen Schwanz in die Kamera gehalten habe. Das hatte teilweise schon was von Prostitution an sich – aber es erklärt sich mir mit der Folie des Missbrauchs durchaus.

Proust (280)

Weiteres aus dem Gespräch mit Andrée, die diesmal behauptet, die ganze Wahrheit zu sagen. Darunter auch, dass Albertine Marcel auch deswegen verlassen hat, damit man nicht schlecht über sie rede, weil sie, unverheiratet, bei ihm wohnt. Über das Lügen. Marcel beginnt Albertine zu entschuldigen. Marcels Mutter kommt und ist ganz begeistert, denn die Prinzessin von Parma, die sonst nie Besuche macht, sei drei Stunden dagewesen, sicher als Entschuldigung dafür, dass sie gestern, als Marcels Mutter ihr die Aufwartung machte, diese nicht beachtete.

… ich hätte daran denken sollen, daß es, die eine dicht vor der anderen liegend, zwei Welten gibt, deren eine aus den Dingen besteht, die die besten, aufrichtigsten Menschen sagen, dahinter jedoch eine zweite, die sich aus der Abfolge der Handlungen zusammensetzt, die diese gleichen Menschen begehen, so daß, wenn eine verheiratete Frau etwa von einem jungen Mann sagt: »Oh! Es stimmt durchaus, daß ich sehr mit ihm befreundet bin, aber das ist etwas so Unschuldiges, so Reines, ich könnte es Ihnen bei dem Andenken meiner Eltern schwören«, man sich selbst, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, einen Eid darauf leisten kann, daß sie wahrscheinlich eben von dem Badezimmer zurückgekehrt ist, in das sie sich nach jedem Rendezvous mit dem jungen Mann in größter Eile begibt, um keine Kinder zu bekommen. (6.292f)

Gescheitert

Gescheitert ist, die Resttruppe aus der Therapie zu einer gemeinsamen Webkonferenz zusammen zu trommeln, um mal zu überlegen, was wir dem Psychodoc zum Abschied schenken könnten.

  • L. möchte nur per Ton teilnehmen (immerhin)
  • C. II kann nur zwei Stunden später
  • H. hat weder Cam noch Mikro
  • J. meldet sich nicht

Ein Versuch war’s wert. Nach der nächsten Sitzung habe ich keine Zeit, weil ich gleich zu Verein 1 weiter muss. Und dann sind es nur noch zwei Wochen.

Muss ich mir jetzt deswegen Stress machen und weiter die ‚Verantwortung‘ übernehmen? Ich hab‘ ja schließlich schon was für den Psychodoc zum Abschied.

Proust (279)

Ein Gespräch mit Andrée bringt die Wahrheit ans Licht – Marcels Eifersucht war voll und ganz berechtigt. Nicht nur, dass Albertine Sex mit Andrée und anderen Frauen hatte, sie hatte zudem auch ein Verhältnis mit Morel, der immer wieder junge Frauen anlockte, um diese dann zu gemeinsamen Sex zu zwingen. Die beiden verlustierte sich aber auch gerne mal in kleinen Gruppen im Bordell. Und Andrée lässt keine Zweifel daran, dass Albertine weiterhin akativ war, während sie bei ihm lebte. Ausführliches dazu, dass ihn diese Wahrheiten nicht mehr anficht. Apart, dass in einem Vorzimmer gerade Monsieur Charlus Morel ein paar schmachtende Liebeslieder vorträllert.

Wenn man nämlich die Frau, die man wiedersieht, nicht mehr liebt und sie einem dann alles sagt, so ist eben sie es nicht mehr oder wir selbst sind ein anderer geworden: Der einstige Liebende existiert nicht mehr. Auch hierüber ist der Tod hinweggegangen, hat alles leicht und alles zwecklos gemacht. (6.279)

Oh mein Michael

Um die 30 Jahre ist dieses Foto schon alt. Und – so genau kann ich das gerade nicht rekonstruieren – seit ca. 25 Jahren habe ich ihn nicht mehr gesehen oder gesprochen. Er, der mir schon immer voraus war, hat einen neuen Weg eingeschlagen, auf den er mich nicht mitnehmen konnte oder wollte. Er, der mir beibrachte, dass ich nicht nur schwul bin sondern es auch sein darf, wollte dann doch lieber heterosexuell werden. Ob ihm das gelungen ist?

Um die zehn Jahre hatten wir Kontakt. Und diese Woche im Schwarzwald war einer von einigen Höhepunkte, was wohl daran lag, dass ich mich da frei fühlen konnte – und wir deshalb auch unverklemmt Sex hatten, gefühlt mindestens dreimal am Tag. (Ist es OK, wenn ihr mir meine verklärten Erinnerungen daran einfach lasst?)

Und wenn ich die Erinnerung an ihn mit dem Proust-Zitat von heute zusammenbringe – nö, da war kein Moment verloren.

Proust (278)

Der Nukleus der Recherche.

Aufgrund einer anderen Reaktion findet (…), obschon die Tatsache bestehen bleibt, daß die Zeit allmählich das Vergessen herbeiführt, dieses Vergessen nicht statt, ohne auf die Vorstellung von der Zeit nachhaltig einzuwirken. Es gibt optische Täuschungen in der Zeit ebensogut wie im Raum. Daß in mir die alten Anwandlungen zu arbeiten, die verlorene Zeit aufzuholen, ein anderes, überhaupt erst das richtige Leben anzufangen, auch weiterhin bestanden, schenkte mir die Illusion, ich sei noch immer unverändert jung; gleichwohl hatte die Erinnerung an all die Ereignisse, die in meinem Leben im Lauf dieser letzten Lebensmonate Albertines aufeinandergefolgt waren – und auch an diejenigen, die in meinem Herzen einander abgelöst hatten, denn wenn man sich sehr gewandelt hat, ist man geneigt zu vermuten, man habe sehr lange gelebt –, mir diese viel länger erscheinen lassen als ein Jahr, und jetzt, da das Vergessen so vieler Dinge mich wie durch leere Räume auch von den jüngsten Ereignissen trennte, so daß sie, da ich ja, wie man sagt, »Zeit« gehabt hatte, sie zu vergessen, schon weit zurückzuliegen schienen, war für mich diese fragmentarische, regellose Interpolation innerhalb meines Gedächtnisses – einem dichten Nebel auf dem Ozean vergleichbar, der einem für alle Dinge jegliche Anhaltspunkte nimmt – das Element, das mein Gefühl für Entfernungen in der Zeit verschob und deren Beziehungen untereinander veränderte, so daß diese sich an dem einen Punkt erkürzt, an einem anderen weit auseinandergezogen zeigten und mir zum Anlaß wurden, mich den Dingen teils viel ferner, teils bedeutend näher zu fühlen, als ich es in Wirklichkeit war. Und da es in den neuen, noch nicht durchmessenen Räumen, die sich vor mir ausdehnten, ebensowenig Spuren meiner Liebe zu Albertine geben würde wie in den verlorenen Zeiten, die ich soeben durchschritten hatte, solche der Liebe zu meiner Großmutter, woraus sich dann eine Folge von Perioden ergab, bei denen nach einer gewissen Pause nichts von dem, was die vorhergehende stützte, in der folgenden mehr vorhanden war, erschien mir mein Leben als etwas so Mangelhaftes, dem jegliche Stütze durch ein individuelles, mit sich identisches Ich fehlte, als etwas für die Zukunft so Sinnloses, wie es langwierig hinsichtlich der Vergangenheit gewesen war, als etwas, dem der Tod genausogut hier wie dort, ohne es in irgendeiner Weise abzuschließen, ein Ende setzen konnte, wie jene Kurse zur französischen Geschichte, die in den Oberklassen an einem ganz beliebigen Punkt aufhören, je nach Laune der Lehrpläne oder der Lehrer, bei der Revolution von 1830, bei der von 1848 oder beim Ende des Zweiten Kaiserreichs. (6.265f)

Ich mach’s mal wie nocheinglaswein

gegessen
Fischsuppe. Definitiv besser als gedacht. Aber ich habe seit meinem Studium ein Trauma, als ein Professor uns das privat aufzutischen meinte und er mir meine damalige Flamme ausspannen wollte – was ihm auch gelang, wie ich Jahre später erfuhr.

getrunken
Zuerst unseren Wermut-Rosé-Aperetif, dann Weißwein (ähh und noch einen Ouzo, oder werden das noch zwei?).

gesehen
Ganz viel Bildschirm, hin und wieder kleine, sich bewegende und sprechende Menschen auf dem Bilschirm, ein paar nackte Menschen (ohne Text und ohne Bewegung), natürlich meinen Mann und ‚meine‘ Zahnärtzin, auf die ich, so nett sie auch immer ist, gerne verzichtet hätte.

gelesen
Irgendwelche Texte, die mit mir nur wenig zu tun haben. Keine Zeile in einem Buch und nur ein paar wenige Überschriften in der Zeitung.

gehört
Verschiedenes von Frank Bridge – aber bis auf das eine Stück, welches es bei Spotify aber gar nicht gibt – werden wir wohl nicht so die Freunde.

Proust (277)

Gilberte schlägt sich äußerst gut im Salon der Herzogin von Guermantes, das diese und ihr Mann voll des Lobes sind. Nur der leibliche Vater – also Swann – wird weitgehend vermieden. Über die Schwierigkeit von zwei Vätern für Gilberte. Herzogin und Herzog halten weiterhin die Nase hoch, denn als Gilberte fragt, ob diese sie Monsieur du Lau vorstellen könnte, lehnen beide brüsk hat, hat Monsieur du Lau doch vor Jahrzehnten in Anwesenheit des Königs Wollpantoffeln im Großen Saal von Guermantes getragen. Etwas unfair daher, dass der Autor Gilberte der »Verlogenheit« (6.257) bezichtigt, nur weil sie so tut, als sei sie und Monsieur de Bréauté Gutsnachbarn.

Gilberte gehörte wesensmäßig oder doch zumindest während jener Jahre der verbreitetsten Spielart menschlicher Strauße an, nämlich der Gruppe derjenigen, die ihren Kopf weniger in der Hoffnung, nicht gesehen zu werden – was sie für unwahrscheinlich halten –, in den Sand stecken als vielmehr in der Absicht, nicht zu sehen, daß man sie sieht, was ihnen immerhin schon etwas wert zu sein scheint und ihnen erlaubt, sich für alles weitere auf das Zufallsglück zu verlassen. (6.254)

GT (65)

Der Psychodoc schwenkt auf massive Weise auf „Abschied“ ein. J. gelingt es, dieses Thema geschickt zu ‚unterlaufen‘ und haut nochmal was raus, dass uns allen die Luft wegbleibt. Nach wie vor ist es ein fast schon phantastisches Erlebnis, wie dieser Kerl mich triggert – als seien wir Zwillingsbrüder, dabei trennt uns ein halbes Leben und noch eine Menge mehr. Wenn er von Situationen (egal ob Liebesglück oder »Familienleid« – Thomas Bernhard spräche jetzt wohl von »Kindheitszerstörung«) erzählt, bin ich emotional sofort dabei und tief drinnen und wenn ihm dann die Worte / Begriffe fehlen und er nach Unterstüzung bittet, liefere ich ihm die quasi auf dem Silbertablett. Es ist wirklich schade, dass ich seine Entwicklun nicht mehr werde weiterverfolgen können, wenige Wochen nach der Therapie wird er wegziehen.

Auf der Straße vor der Therapie schlage ich den anderen vor, ob wir den Psychodoc nicht bitten / vorschlagen sollen, dass er ab jetzt an der Abschlussrunde auch teilnimmt und von sich erzählt, wie es ihm denn mit der Situation geht, denn es ist ja nicht, wie bei uns, nur der Abschied von einer Gruppe, sondern von seinem Berufsleben. Die anderen finde es eine gute Idee – der Psychodoc ist offen überrascht von unserem Vorschlag, kann dem aber zustimmen – und ist aber fast schon sichtlich froh, dass er es arg kurz halten kann, weil C.II superpünktlich weg muss.

Ebenfalls auf der Straße brechen wir eine eiserne Regel – und tauschen unsere Mail-Adressen aus. Vorerst wollen wir sie aber nur nutzen, um ums außerhalb der Therapie kurz zu schließen, was wir dem Psychodoc zum Abschied schenken könnten. (Das zwei Adressen mir wichtig sind, um in Kontakt zu bleiben, ist ein willkommener Nebeneffekt.)

Proust (276)

Warum die Herzogin von Guermantes Gilberte Swann (sowie ihre Mutter) all die Jahre nicht empfangen hat, nämlich, weil sie das Produkte von Swann (hochgeachtet) und Odette (so gar nicht geachtet) ist. Aber jetzt, wo Gilberte »einer der reichsten Erbinnen Frankreichs« (6.237) ist, Swann tot und Odette eher zurückhaltend, kann man, da sonst alle Welt Gilberte empfängt, ja seine Meinung ändern. OK, man muss sie ändern, sonst gehört man zum alten Eisen, aber wie schön lässt sich sowas ja verpacken.

Ich habe keine Bedenken dagegen, daß wir die Kleine [= Gilberte Forcheville, geb. Swann] kennenlernen. Sie wissen doch, ich habe niemals etwas gegen sie gehabt. Ich wollte nur nicht den Anschein erwecken, als ob wir die Mesalliancen unserer Freunde in unserem Hause empfingen. Das ist alles. (6.244)

Aufwärmphase

So, morgen zwei von drei Kick-offs – der erste echte Kontakt mit unseren ersten Klienten. Das Doofe ist: Sie werden und sehen und hören können, wir sie aber dagegen nur hören (wenn sie denn was sagen). Das erhöht dann doch die Spannung für nächste Woche, wenn es richtig los gehen soll. Noch wissen wir nicht, wie viele sich am Prozess beteiligen werden …

War alles etwas viel die letzten Tage, definitiv zu viel. Ich bin halt echt dann doch keine 22 mehr und definitiv nicht voll bei Kräften.

Daher jetzt nur noch etwas Krimi im Bett.

Proust (275)

Die Mutter bringt Marcel die Post ans Bett. In einer Zeitung entdeckt er einen Artikel von sich – aber anstatt sich zu freuen, ist er unsicher, wie der Artikel kommen mag. Er versucht ihn mit den Augen eines Lesers zu lesen – aber der Autor in ihm stört. Daher ist ihm das Mittagessen bei Madame de Guermantes so wichtig, um ihren Eindruck als Leserin zu erfahren. Dort trifft er auf das junge Mädchen, dessen Namen er verwechselt hatte (vgl. Nr. 274). Sie wird ihm als Mademoiselle de Forcheville vorgestellt und gibt sich, weil er es nicht rafft, zu erkennen: Es ist Gilberte (vgl. Nr. 17, 41ff)! Nach dem Tod Swanns hat ihre Mutter Odette den Graf von Forcheville geheiratet (siehe insbesondere Nr. 27, 30 und 56), der sie wiederum adoptiert hat – daher der neue Name.

Wir begehen den Fehler, die Dinge so zu präsentieren, wie sie sind, die Namen so, wie sie geschrieben werden, die Leute, wie sie Photographie und Psychologie uns als unwandelbar schildern. In Wirklichkeit aber entspricht das keineswegs dem, was wir für gewöhnlich wahrnehmen. Wir sehen, hören, begreifen die Welt völlig verkehrt. (6.235)

Proust (274)

Marcel lernt das Vergessen. Erinnerungen verursachen »dem Herzen keine ängstlichen Beklemmungen mehr, sondern ein sanftes Glücksgefühl« (6.214). Seine Sinne erwachen wieder und so kommt’s, dass ihm eine Mademoiselle Déporcheville auffällt, die, wie die Concierge dann weiß, aber d’Eporcheville heißt. Er weiß von Robert, dass dieser mit ihr schon im Stundenhotel »Umgang« (6.219) hatte und ist nun frohen Mutes, sie auch zu bekommen. Neue Klamotten kauft er sich, telegrafiert an Robert, was er vielleicht noch wissen sollte und freut sich auf die nächste Soiree bei der Herzogin, weil er sie dort treffen wird. Robert antwortet umgehend: »De l’Orgeville, de Adelsprädikat, orge wie Gerste, ville wie Stadt, klein brünett, rundlich, zur Zeit in der Schweiz« (6.224)

Manchmal auch führte mich die Lektüre eines eher traurigen Romans jäh in die Vergangenheit zurück, denn gewisse Romane sind wie eine große, rasch vergehende Trauer; sie heben die Gewohnheit auf und setzen uns wieder mit der Wirklichkeit des Lebens in Verbindung, doch nur für einige Stunden, einem Alpdruck gleich, denn die Mächte der Gewohnheit, das Vergessen, das sie erzeugen, die Fröhlichkeit, die sie infolge der Ohnmacht unseres Gehirns, gegen sie anzukämpfen, und das Wahre neu zu erschaffen, in uns heraufführen, sind unendlich viel stärker als die beinahe hypnotische Suggestion eines schönen Buches, die wie alle Suggestionen nur sehr kurze Zeit wirkt. (6.216f)

Über allen Gipfeln?

Das Wochenende quasi durchgearbeitet. Merke immer mehr dass mir, wenn ich nicht meine Ruhe hatte, auch Kontakte dann als ‚Arbeit‘ erscheinen. So schön die beiden Abende auch waren – ich will jetzt morgen schauen, dass ich mal wieder Zeit für mich habe, ohne Ansprüche von außen. Und wenn das das einzige wäre, was ich in der Therapie gelernt habe, dann hätte die schon gelohnt.

Proust (273)

Eine nächste Quelle der Qual macht Marcel auf: er hört im Stundenhotel Wäscherinnen zu, die sich der Lust hingeben, denn auch über die Geräusche kann er sich hervorrufen, was Albertine eventuell … . Wie man sich mit Ersatzpersonen, -ereignissen, -dingen … erinnern / quälen / trauern kann. Trauer darüber, dass sie beide nicht gemeinsam über Frauen ›geurteilt‹ haben. Er nimmt »Mädchen« (6.209) mit nach Hause – aber sie können Albertine nicht ersetzen. Über die Macht des Vergessens, »das so ein gewaltiges Werkezeug der Anpassung an die Wirklichkeit« (6.211) ist.

Noch einmal machte ich die Erfahrung, daß – erstens – die Erinnerung nicht erfinderisch, daß sie ohnmächtig ist, etwas anderes, sogar Besseres zu verlangen als das, was wir besessen haben; zweitens aber auch, daß sie geistiger Natur ist, so daß die Wirklichkeit ihr nicht den Zustand bieten kann, nach dem sie sucht; endlich, daß, wenn sie sich auf eine verstorbene Person bezieht, das Wiedererstehen, das sich in ihr vollzieht, weniger das eines Verlangens nach Liebe ist – woran sie uns zunächst glauben macht –, als das des Verlangens nach der Abwesenden. (6.207)

Zoom ist schuld! Aber sowas von!

Mir war schon klar, dass es bei einem Freundespaar schon Unterstützung brauchte, um die Zoom-Konferenz für unser virtuelles Abendessen zu starten. Aber dass die nach einer (in Worten „e i n e r“, in Zahlen „E I N E R“) Stunde Telefonchoacing daran gescheitert sind, das Mikorofon bzw. die Kamera anzuschalten …

Ich hab‘ das echt als persönliche Beleidigung empfunden und frage mich, warum mich die Doofheit anderer so arg angeht. Ich hätte hier Vasen zerschlagen können!

Also auf Jitsi (oder wie das heißt) ausgewichen und mit einer Stunde Verspätung dann zum Essen gekommen.

Man muss es denen lassen, dass sie ein Gespür dafür hatten, dass ich mich furchtbar aufregte, und man muss es denen lassen, dass es ihnen gelungen ist, geschickt mich wieder zu beruhigen.

Der Rest des Abends war so, wie gehofft: unterhaltsam, informativ, schmackhaft und sehr kommunikativ.

Proust (272)

Marcel versucht sich mit Büchern und Zeitungen abzulenken – aber das funktioniert nicht, immer wieder werden Erinnerungen dadurch wachgerufen. Weitere Erörterungen über das Erinnern. Er findet eine neue Quelle, sein Leiden zu perpetuieren: Andrée! Als er sie fragt, ob sie eine Vorliebe für Frauen hätte, »gestand [sie] alles lächelnd ohne Ziererei ein« (6.196) aber weist es weit von sich, dass sie je was mit Albertine gehabt hätte und Albertine hätte ja nun für ihn geschwärmt. Es ist vollkommen egal, was die Wahrheit ist – Marcel hat wieder ausreichend Stoff für die Selbstquälerei.

Ich spürte, daß Andrée mir alles sagen würde, was sie mit Albertine getrieben hatte, und während ich aus Höflichkeit, aus Gewandtheit, aus Eigenliebe, vielleicht aus Dankbarkeit mich immer liebenswürdiger zu zeigen bemühte – inzwischen verengte sich der Raum immer mehr, den ich der Unschuld Albertines noch allenfalls zugestehen konnte –, schien es mir, daß ich trotz dieses Bestrebens das erstarrte Bild eines Tieres abgab, um das ein Vogel mit lähmendem Blick langsam immer engere Kreise zieht, ohne es eilig zu haben, weil er sicher ist, wann immer er will, auf sein Opfer niederstoßen zu können, das ihm nicht mehr zu entrinnen vermag. (6.197)

Die ersten 195,75 Euro

OK, davon gehen dann noch die Steuern ab und ein paar Unkosten – da liegen wir, glaub ich, gerade bei ca. 36 Euro, die wir uns teilen – aber der Rest ist dann einfach mir.

Das find ich gut.

Aber viel besser finde ich, dass N. und ich das einfach machen (können / dürfen). Technisch war das Pre-Kick-Off vor den Führungskräften heute eine mittlere bis mittelgroße Katastrophe (was aber jetzt nicht in unserer Veranwortung lag, da wir die hauseigenen Systeme nutzen mussten, die uns bereitgestelt wurden, jedenfalls halb), inhaltlich war es fast richtig gut. N. und ich müssen da noch etwas geschmeidiger werden (aber seit wie viel Jahren habe ich nicht mehr präsentiert?) und noch so ein paar Dinge … aber wir haben keinen Zweifel daran gelassen, dass wir das wuppen.

Das Schöne an Mediation ist, dass die Mediator:innen nicht den blassesten Schimmer davon haben, wo die Reise hingehen wird – aber sich einfach auf den Prozess freuen.

Proust (271)

Marcel lernt – etwas – mit der Trauer zu leben. Er staunt jetzt nicht mehr »wie in den ersten Tagen über die Tatsache …, daß eine in mir so lebendige Albertine auf der Erde nicht mehr existieren sollte … sondern darüber, daß Albertine … die tot war, im mir so lebendigt blieb« (6.177). Reflexionen über das Erinnern, deren ›Wahrheitsgehalt‹ und die Frage, »ob die Trauer um eine Frau nur ein Wiederaufleben der Liebe ist« (6.182)

Ich denke mir auch, daß jener Mann, selbst wenn er heute geheilt und wieder zur Vernunft gekommen ist, möglicherweise etwas besser als die anderen versteht, was er in einer freilich vergangenen Epoche seines mentalen Daseins damit meinte, als er den Besuchern eines Irrenhauses erklären wollte, er selbst sei trotz allem, was der Arzt behaupte, nicht geistesgestört, und zu diesem Zweck seiner eigenen gesunden Geistesverfassung die tollen Chimären der einzelnen Kranken gegenüberstellte, wobei er mit den Worten schloß: »So glaubt der da, der genau wie alle anderen aussieht – Sie würden ihn gar nicht für verrückt halten –, er sei Christus, und dabei kann das doch gar nicht sein, denn Christus bin ja ich!« (6.185f)

Proust (270)

Aimé macht eine Wäscherin ausfindig, die ›etwas‹ mit Albertine ›hatte‹. Er ist gleich so gründlich und überprüft deren Angaben in natura und kommt zu dem Schluss: »Ich verstehe auch gut, daß Mademoiselle Albertine Gefallen an der Sache gefunden hat, denn diese Kleine [die Wäscherin] ist wirklich sehr geschickt« (6.163). Marcel Erkenntnis, dass Albertine vielleicht doch eine andere Person war und das, was er im Herzen trug »nur ein ganz kleiner Teil von ihr war« (6.165). Sie ist für ihn »eine weit größere Verräterin denn eine Spionin« (6.166). Er suhlt sich in den Vorstellungen, was Albertine mit der Wäscherin wohl gemacht haben mag – und wie.

Die Erinnerungen der Liebe bilden nämlich keine Ausnahme von den allgemeinen Gesetzen des Gedächtnisses, das seinerseits denen der Gewohnheit unterliegt. Da diese alles abschwächt, erinnert uns gerade das am stärksten an einen Menschen, was wir vergessen hatten, weil es unbedeutend war, und dem wir dadurch seine ganze Kraft belassen haben. Daher lebt der beste Teil unseres Gedächtnisses außerhalb von uns: in dem feuchten Hauch eines Regentages, dem Geruch eines ungelüfteten Raums oder demjenigen eines eben entzündeten, aufflammenden Feuers, überall da, wo wir von uns selbst das wiederfinden, was unser Verstand verschmäht hatte: die letzte, die beste Reserve der Vergangenheit, die, wenn alle anderen versiegt sind, uns noch Tränen entlocken kann. (6.172)

GT (64)

Jetzt ist es amtlich. Nr. 69 wird die letzte Sitzung sein. Also nutze ich kurzentschlossen die Chance, und bringe ein für die Gruppe neues / für mich etwas älteres Thema ein. Kein Lust, jetzt fünf Wochen lang eins auf Abschied zu machen. Der Psychdoc greift es auf und – er hat ja nur noch fünf Wochen – lässt ein paar Kurven weg und steuert schon mal auf den Kern zu, den ich – noch nicht – sehen kann. Dazu reicht ihm eine (!) Frage! Wie passend, dass ich gerade von Dostojewskij „Schuld und Sühne“ höre.

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