Durch die Zeit

Kumm loss mer fiere

Der Mann hat heute Geburtstag. Muss aber noch bis zum frühen Abend arbeiten, danach kommt eine handvoll Gäste auf Quiche und Käse. Ich werd da gleich alles hinrichten (und schon mal probieren, ob der Wein überhaupt schmeckt). Statt eines größeren Geschenks gab es vier kleinere darunter einen total verschimmelten Ziegenkäse, was eine Delikatesse sein soll – ich kann’s kaum glauben, aber die Verkäuferin versicherte mir, da sei wirlich etwas exquisite. Nun ja.

 

16 – Wiedersehen mit Diotimas diplomatischen Gatten (802-810)

Ulrich geht Diotima besuchen – wird von ihrem Mann, Sektionschef Tuzzi, aber vorher abgefangen – Geplauder – haben Männer Seelen?

Die Wahrheit schwimmt wie ein Fisch in einem unsichtbaren Prinzip; sobald man sie herausgreift, ist sie tot. (804)

Es ist schon viel, zuviel?, was Musil in solchen Kapiteln wie diesen will. Denn die Seelen-Frage ist andeutungsweise schon in die Frage nach dem männlichen und weiblichen Wesen zu übersetzen, eine für damalige Zeit neue Diskussion wenn man die These betrat, dass es da keine Unterschiede gibt. Davon ausgehend versucht Musil das Thema auch auf die europäische Ebene zu heben – und übernimmt sich meiner Meinung nach. Sehr sperriges Kapitel voller Andeutungen.

WMDEDGT 12/19 – # 508-512

Wie an jedem 5ten. Alles weitere hier.

Um 4:01 bin ich das xte Mal schon wach und schau das erste Mal auf die Uhr. Eine Stunde später ist es aber trotzdem erst 4:15. Und so quäle ich mich bis 5:29, dann penne ich für 28 Minuten weg, denn um 5:58 geht der Wecker los. Küche – Bad – Küche – Zimmer – Küche – Bad – Küche – Straße, trotz genauer Planung verpasse ich um 6:27 den Bus und nehme dann halt 6:30 die Straßenbahn. Komischerweise kann ich mich dennoch schon um 6:45 einstechen. Schleppe die fünf Bilderrahmen für mein Büro in den dritten Stock, Koche Tee, mache den Rechner an, lese erstmal Zeitung, bis ich unsere Adressdatenbank etwas aufräume. Immerhin stehen jetzt Nachnamen unter Nachnamen. Ein Anfang ist gemacht. Der Hausmeister bring überraschend schnell Hammer und Nägel vorbei und ich haue nach dem Prinzip „Pi mal Daumen“ Nägel in die Wand. Keine zehn Minuten hängen die fünf Fotos aus Kario (siehe unten). 10:45 die erste Mail, dass die ersten Würste fertig werden, doch bin halte noch tapfer bis 11:50 durch. Runter in den Hof, der Personalrat hat zum Grillen eingeladen. Arschkalt, aber ne schöne halbe Stunde. Bisschen noch durchs Haus, bisschen noch Pseudoarbeiten, dann verlasse ich die Wirkungsstätte um 15:40, erwirsche gleich eine passende Straßenbahn und lasse mich zehn Minuten später auf das Abtenteuer ein, ob ich bis zur nächsten Straßenbahn alles auf den 100 Metern besorgen kann, was ich will: 6 Flaschen Wein, 1 Flasche Grappa (mit Beratung) (Laden 1), Brot (Laden 2), total verschimmelter Ziegenkäse und für mich weglaufender Camembert (mit Beratung) (Laden 3). Um 16:02 an der Haltestelle muss ich drei Minuten auf die nächste Bahn warten. 16:15 dann mal zu Hause und als erstes alles ausziehen und die Wohlfühlklamotten. Alles im Rahmen der Selbstfürsorge. Rest der Tageslektüre (Hegel-Biographie von Vieweg, hatte mir echt mehr versprochen) und Kleinigkeiten am Computer. 17:30 kommt der Mann überraschend früh nach Hause, stellt sich gleich in die Küche und brät Frühlingsrollen, die es dann um 18:10 gibt, er muss noch in Sport, ich haue mich dagegen mit den ersten Seiten Thukydides in die Badewanne. 20:36, das große Zappen beginnt, bis der Mann wieder da ist, dann herrscht strenges Fernsehregiment. 21:10, der Mann ist zurück und schaltet um, ich sitze aber derweil hinterm Rechner, ganz vergessen, dass ich ja noch für Verein 1 … dann zurück zu Mann und Glotze, 21:15 machen wir mal den Grappa auf, den ich heute mitgebracht habe und verkosten ihn mit einem anderen der nur 1/3 gekostet hat. Den billigeren beschreiben wir nach mehrfachen riechen und probieren als leinölig-nussig, der teure kommt dann auf erdbeer-vanille – wenn ich das so lese, würde ich beide nicht trinken wollen, aber der teure ist deutlich besser, runder und harmonischer, ohne dass er Schärfe vermissen lässt.

Wird fortgesetzt.

 

GT (35)

Wie zu erwarten bei der letzten Gruppentherapiesitzung im Jahr: Rückschau. Aber das – natürlich – positiv. Wir sollen die „Ernte einfahren“, wie der Psychdoc das formulierte, aufzeigen, welche Entwicklung ein jeder genommen hat und – damit es gut hält – gleich noch von den anderen ein postives Feedback bekommen.

Mir fällt es sichtlich schwer, in der in den letzten Wochen hochgekommenen Scheiße irgendeine positive Entwicklung zu sehen. Als „Ernte“ kann ich immerhin 60 Seiten Therapietagebuch vorweisen und als Entwicklung presse ich mir dann ein „in Bewegung gekommen sein“ heraus. Damit darf ich es dann aber auch belassen lassen. Mit so positiven Feedbacks tue ich mir ja an sich schwer und so richtig kommt bei mir nix an.

Jetzt mal Pause – find ich nicht schlecht.

 

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15 – Das Testament (792-802)

Rückblende – Ulrich erinnert sich an den Abreisetag – letztes gemeinsames Abendessen – Agathe will das Testament des Vaters ändern, damit ihr Ex so wenig wie möglich bekommen kann – Diskussion – was darf man, was nicht – über Moral – Verabredung, dass Agathe wenige Tage später zu ihm kommt

Es schwebte eine Gerechtigkeit mit Flammen statt mit Logik um sie. (798)

Hier die uralte (und immer noch offene) Diskussion, was man unter bestimmten Umständen vielleicht doch darf – oder eben doch nicht. Auch Musil kann das nur ‚durchspielen.

Mit mir nicht mehr

Die, die mich etwas besser kennen (soviele sind das hier dann doch nicht, was aber auch gut ist) werden in etwa abschätzen können, was mich wohl geritten haben muss, heute aus der Kirche auszutreten.

Aber im Rahmen der Therapie ist mir erstmals so richtig klar geworden, wie sehr ich unter diesem System gelitten habe und mit den Spätfolgen gerade kämpfe. Ich kann und will so eine Instituion nicht mehr unterstützen, die einfach keine Knall wahrnimmt und meint weiter wursteln zu können, die so tut, als würde es bestimmte Skandale nicht geben und … und … und … Ich bin jedenfalls draußen.

Damit dürfte ich der erste aus der Familie sein, der diesen Schritt gemacht hat. Mein agnostischer Bruder kann ja nicht, denn der arbeitet ja beim Bischof und da muss man …

Problematisch ist es ja auch nicht, das Geld, dass ich jetzt ’spare‘, denen Institutionen zur Verfügung zu stellen, die was in meinem Sinne mache.

Tagesschnipsel

  • Mein alter Job ist nun offiziel besetzt. Ich kann nicht verstehen, dass die Kollegin, die schon länger als ich im Haus bin und die weiß, was es da (nicht) zu tun gibt, ihn übernommen hat. Einzige Vermutung: Sie ist in meinen Ex-Zimmer-Kollegen so verliebt, wie er in sie.
  • Vormittags mal etwas zu tun gehabt, nachmittags dann wieder Beschäftigungstherapie.
  • Komplett überraschend: Ich habe einen Adventskalender! T. hat sich vorgenommen, mir jeden Tag was per Mail / WU oder sonstwie zu schicken. Heute gleich mal mich um eine Reise beworben, wenn ich gewinne, muss sie mit.
  • Haushaltsverhandlunge in Verein 1. Ich muss morgen da nochmals konzentriert rüber, aber wir werden die Viertelmillionen wohl reißen. Angefangen habe ich vor Jahren bei 100.000.
  • Lesekreis. Erneute Diskussion, was wir nach dem Delius (der neue ist echt nicht gut) lesen. Doch nicht Bernhard, vielleicht Seebald oder gar Seume (nein, bei Reiseliteratur steige ich sofort aus), aber dann doch eher Goethe, wenn nicht vielleicht erstmal nen kurzen Bernhard … Ich habe dafür definitiv keine Nerven und lasse sie alleine diskutieren.

Wort zum Sonntag

Mit der Kirche habe ich immer weniger zu tun. Ein Ergebnis des psychischen Prozesses derzeit wird auch sein, dass ich austreten werde. Seit zwei Jahren betrete ich ja auch keine Kirche mehr, zuviel davon gesehen, und was der Papst macht (oder nicht) geht mir in der Zwischenzeit auch am Arsch vorbei. Und das „Wort zum Sonntag“ empfand ich die wenige Male, die ich es mir angetan habe, einfach nur als „Wohlfühlgeschwätz“, eine christliche Phrasendrescherei, die der Realität nicht stand hält.

Gestern zu müde, um aufzustehen und die Fernbedienung mir zu greifen, also hörte ich mir das „Wort zum Sonntag“ von Pastorin Annette Behnken an. Allein der erste Satz ließ mich aufhorchen und der ganze Rest … nicht schlecht. OK, bei den letzten drei Sätzen ‚himmelt‘ und ‚heiligt‘ es mir ein wenig zu viel, aber bis dahin …

Wer lesen will, ich hab‘ mir gerade den Text geklaut und reinkopiert, ansonsten kann man es hier hören und sehen.

Der Advent funktioniert nicht mehr. Die Welt wird nicht besser davon, dass wir einmal im Jahr vier Wochen lang Kerzen anzünden. Also: abschaffen, denk ich. Und vor mir steht der Adventskranz, den ich diese Woche gekauft hab – zu Hause auf dem Tisch. Daneben mein Laptop.  Und ich seh‘ ein Video, das gerade durch die sozialen Medien geht. Man sieht den Nordpol. Wie das Eis schmilzt. Die letzten 35 Jahre in 35 Sekunden. Im Zeitraffer sieht der Nordpol aus wie ein riesiges Herz, das pumpt und pumpt und allmählich ausblutet. Daneben dieser Adventskranz.

Er funktioniert nicht mehr, der Advent. Nicht mehr so, wie früher.

Gestern wieder Generalstreik: Friday’s for future – da geht es allenfalls noch um Schadensbegrenzung, das ist den Schülerinnen und Schülern klar. Und morgen? Soll Advent sein? Und alles ist schön? Advent, Advent, ein Lichtlein brennt?
Erst eins, dann zwei, …?  – mehr als drei, vier Nazis waren es, die letzten Samstag in meiner Heimatstadt Hannover aufmarschiert sind und Journalisten bedroht haben. Ungeniert die Pressefreiheit angegriffen haben. Nazis proklamieren wieder unverhohlen ihren rechtsradikalen Schrott. Und morgen geht der Advent los. Und es passt nicht.

Die Welt ist nicht besser geworden und wird nicht besser werden davon, dass wir vier Wochen lang Kerzen anzünden. Und ich zünde morgen eine Kerze an. Und auch die zweite und die dritte – in den nächsten Wochen, während, rein statistisch gesehen, auf irgendeiner Straße in irgendeiner Stadt der erste Obdachlose dieses Winters erfriert.

Der Advent funktioniert nicht mehr. Nicht mehr so, wie früher. Da konnte ich noch glauben, was er verspricht. Als ich dachte, wir können das Ruder noch rumreißen, es ist vielleicht fünf vor zwölf, aber – das schaffen wir noch.
Da hat der Advent noch funktioniert. Ich konnte in Kerzenlicht baden und die Botschaft glauben: Advent ist die Zeit der Erwartung. Dass Gerechtigkeit und Frieden sich küssen. Und Gott kommt in die Welt und macht alles heil!
Ich zünde morgen die erste Kerze an. Mit einer armseligen Hoffnung, die dringend Nahrung braucht. Weil sonst nichts bleibt, außer: Tatsachen, die nicht auszuhalten sind. Außer verreckenden Visionen von einer besseren Welt. Außer Ohnmacht.
Meine Hoffnung funktioniert nicht mehr, wie früher.

Die Welt wird nicht besser, weil wir vier Wochen lang Kerzen anzünden. Aber wir Menschen zünden Kerzen an, wenn die Welt besser werden muss. In den 50er Jahren standen Millionen von Kerzen in westdeutschen Fenstern, um zu zeigen, wie verbunden sich die Menschen im Westen mit denen im Osten fühlten. Tausende Kerzen bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig. Nach Flugzeugabstürzen, nach Gewalttaten – es brennen Lichtermeere und leuchten gegen das Dunkle an. Wenn ein Leben zu Ende geht, wenn eines beginnt – wir zünden Kerzen an.

Keine brennende Kerze macht die Welt besser. Und ich kann die Welt nicht aushalten, ohne Hoffnungslichter. Ohne solche Zeichen. Ohne solche Zeiten, wie den Advent. Kuschelige Weltflucht bei Kerze, Keks und Mandelkern. Ja. Auch das! Das brauchen wir Menschen manchmal. Aber der Advent ist ja mehr! Er passt nicht in diese Welt. Er stellt sich gegen die Welt. Er ist eine Gegenkraft gegen die Hoffnungslosigkeit. Ohne solche Zeiten gehen wir vor die Hunde und die Welt mit uns. Ohne diese Hoffnungskraft, die vom Himmel auf Erden erzählt. Das ist, was wir zum Leben brauchen: Hoffnung. Sehnsucht. Erwartung. Nicht, dass sich etwas wandelt. Nein – dass wir etwas wandeln. Dass Heiliges wahr und Himmlisches wirklich wird. In und durch uns.

14 – Neues bei Walter und Clarisse. Ein Schausteller und seine Zuschauer (780-792)

Ulrich bei den Freunden – die haben Meingast (den verehrten Schriftsteller) für einige Zeit bei sich aufgenommen – sie schwärmen Ulrich eins vor – Ulrich zweifelt an diesem „Zarathustra“ – alle beobachten vom Zimmer aus einen fremden Mann draußen – ein Exhibitionist (wenn ich das richtig zwischen den Zeilen lese), der dann aber gestört wird und abzieht – Walter ist nicht ganz klar, wie Clarisse zu Meingast steht – ist argwöhnisch – der Exhibitionist findet dann doch noch ein Opfer, was schreiend wegrennt –

Besonders schöne Männerköpfe sind gewöhnlich dumm. (783)

Komisches Kapitel, steig ich nicht wirklich durch. Es ergeht sich in vielen Andeutungen und wenn ich als Aushilfsaugure einigermaßen richtig liege, geht es hier um Grenzüberschreitungen, die aber, wie das Beispiel des Exhibitionisten zeigt, irgendwie zweideutig ist. In seiner einfachen Form zeigt ein Exhibitionist (sind das eigentlich immer und ausschließlich Männer?*) halt unaufgefordert seinen Schwanz. OK, muss man nicht unbedingt mögen, aber gefährlich ist das nun auch wieder nicht – aber eben verboten. Aber scheinbar geht es hier um die Frage, wann Grenzen überschritten werden müssen, also ist diesem windigen Propheten Meingast nun doch zu glauben, der sich früher mal versucht an Clarisse zu vergehen. Und ist wiederum dieses Vergehen nicht vielleicht auch nur … Kurz beschrieben also: Grenzauslotungen.

* Es gibt auch weibliche Exhibitionistinnen – aber die gehen, weil es kein entsprechendes Gesetzt gibt, straffrei (!) aus, denn §183 StGB („Exhibitionistische Handlungen“ spricht ausdrücklich nur von Männer. Strafandrohung geht immerhin bis zu einem Jahr Haft.)

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