Durch die Zeit

Proust (42)

Marcel mutiert zum Wetterbeobachter, denn nur wenn das Wetter gut ist darf er in die Champs-Élyées-Anlagen, wo er dann – vielleicht! – Gilberte treffen und mit ihr spielen kann. Erstes Liebesglück, erstes Liebesleid. Von der Angst, das Aussehen der geliebten Person zu vergessen. Marcel, ein wenig ambivalent, hätte gerne, dass Gilberte ihm ihre Liebe gesteht – er gesteht seine ihr gegenüber aber auch nicht. Immerhin macht man sich (kleine) Geschenke.»Wenn ich aber auf den Champs-Élysées ankam – wo ich nun zunächst einmal meine Liebe, um die erforderlichen Korrekturen daran anzubringen, mit ihrem lebendigen, außer mir existierenden Objekt konfrontieren konnte – und mich in Gegenwart jener Gilberte Swann befand, auf deren Anblick ich gerechnet hatte, um die Bilder aufzufrischen, die mein ermüdetes Erinnerungsvermögen nicht mehr selbst in sich fand, jener Gilberte Swann, mit der ich gestern gespielt hatte und die mich ein so blinder Instinkt begrüßen und wiedererkennen hieß wie der, der beim Gehen unseren einen Fuß vor den anderen schiebt, noch ehe wir überhaupt darüber nachdenken können, vollzog sich auf einmal alles so, als wären sie und das Mädchen, das der Gegenstand meiner Träume war, zwei verschiedene Wesen.« (1.578f)

# 539

Wichtiger Schritt in Richtung Urlaub

Heute in zwei Wochen sitze ich, so ist es geplant, nackt vor unserer Hütte, trinke Wein und erfreue mich des Urlaublebens. Aber das geht nur dann, wenn ich weiß, dass ich genügend zum Lesen dabei habe.

Pro Woche muss ich da mit 1.000 Seiten planen, denn nicht jedes Buch, was ich mitnehme gefällt mir ja dann auch. Und auch wenn ich weiß, dass wir dort Internet haben, alles Equip dabei ist, um Bücher online zu kaufen und zu laden (und es übrigens auch ausreichend Zeit geben wird zu suchen, was man denn lesen könnte) … ich bin gerade erleichtert das auf meiner Liste – die noch genauer zu überprüfen ist, sieben Romane und vier Krimis stehen. Dazu kommen noch die 1.200 Seiten Pynchon, die Werke von Shakespeare und natürlich Proust. Im Hintergrund lauern dann noch zahlreiche Werke von Grisham und Kupfer.

Selbst wenn ich 24 Stunden am Tag lesen werde, werde ich durch den Berg nicht durchkommen – aber auch das ist für mich Urlaub, einfach in einem Berg von Büchern schwelgen zu können – sonst bin ich ja streng mit mir und kauf ja nix auf Vorrat.

Proust (41)

Weiteres über die Sehnsucht nach anderen Orten. Die Familie plant sogar mit dem jungen Marcel an Ostern nach Venedig und Florenz zu reisen. Der erlebt eine »Entselbstung« (1.567) und ist – als »Nervöse Natur« (1.564) – vor der Reise so aufgeregt, dass er krank wird und sie abgesagt werden muss. Stattdessen nun in Begleitung von Françoise langweilige Spaziergänge in den Anlagen der Champs-Élysées. Dort fällt ihm eines Tags ein Mädchen mit rotblondem Haar auf: Gilberte! Die Sehnsucht hat einen weiteren Namen.

»In diesem Monat nun – wo ich wie eine Melodie, deren man niemals müde wird, die Bilder von Florenz, Venedig und Pisa immer wieder in mir aufsteigen ließ, jener Stätten, nach denen ich mich in einer Weise sehnte, daß das Verlangen nach ihnen so persönlich wie die Liebe, die Liebe zu einem Menschen war – gab ich den Glauben nicht auf, sie entsprächen einer von mir unabhängigen Wirklichkeit, und lebte dank ihnen in einem so schönen Zustand der Hoffnung, wie sie die ersten Christen in Erwartung ihres Eintritts ins Paradies in sich genährt haben mögen.« (1.564)

Ja, ja, soweit

Ähnlich wie bei ihr heute. Keine Lust auf andere. Jedes Gespräch hat die Anmutung ‚anstrengend‘. Viel lieber beschäftige ich mich mit meinen neuen halbkabellosen Kopfhörern und es ist wahre Liebe, dass ich zwei Stunden mit meinem Mann Häkel-Videos schneide.

Nachwirkungen Therapie von gestern? Oder doch ’nur‘ schlecht geschlafen? Oder drückt das miese Wetter aufs Gemüt? Denn in knapp drei Wochen habe ich vor, ohne Klamotten zu leben – was bei den Temperaturen gerade mehr als eine Herausforderung ist.

Morgen ist ein neuer Tag – und bis dahin noch ein Glas Wein und ein paar Zeilen im neuen Krimi.

Proust (40)

BAND I: UNTERWEGS ZU SWANN – DRITTER TEIL – NAMEN UND ORTE: NAMEN

Der Erzähler erinnert sich an frühere Tage, als er als Knabe / Junge / junger Mann sich nach verschiedenen Orten sehnte, wie beispielsweise nach dem (fiktiven) Badeort Balbec oder der (realen) Stadt Florenz. Insbesondere beispielhafte Schilderungen der Faszination von (Orts-)Namen, die – auch wenn keine bis wenig Kenntnisse über die Orte besteht – Bilder, Situationen, Gefühle, Erinnerungen evozieren.

»Die Namen aber geben uns von den Personen – und von den Städten, die sie uns lehren für individuell und einzigartig wie Personen zu halten – ein unbestimmtes Bild, das sich aus ihrem lebhaften oder dumpfen Klang in einer Tönung färbt, in der es dann durchweg gehalten ist wie ein Plakat ganz in Rot oder Blau, auf dem infolge der in ihren Mitteln begrenzten Herstellungstechnik oder aufgrund einer Laune ihres Schöpfers nicht nur der Himmel und das Meer, sondern auch die Schiffe, die Kirche, die Menschen auf der Straße ausschließlich blau oder rot gemalt sind.« (1.559f)

GT (46)

Wir sind nur zu sechst! Und der Psychodoc scheint seine letzten Kräfte zu mobilisieren, da er ja im März aufhören wird. Er ist jedenfalls hochpräsent und messerscharf.

Und da die Einzelnen in dieser kleinen Beseztung mehr Zeit haben, ergibt sich ein extrem spannendes Konglomerat aus den Beiträgen von S., C. II und mir. Und da sich all drei nicht hinter Floskeln verstecken, ist das ein recht harter, aber intensiver Austausch.

S. und mir ist sozusagen das gleich passiert, C. II hat da wohl auch Erfahrungen sammeln müssen. Auch wenn wir da komplett anders damit umgehen, hat sich heute eine Struktur bei uns gezeigt, die sich ähnelt und wo zumindest ich jetzt etwas einfacher von ihnen lernen / abschauen kann.

Proust (39)

Swann erkundigt sich sogar in Bordellen nach Odette – aber da kennt man sie nicht. Sie ist ja eh mit den Verdurins unterwegs, die sich in der Zwischenzeit eine Jacht gekauft haben und ausgedehnte Reisen unternehmen, so dass Swann sie ein Jahr nicht sieht. Dennoch erfährt er, dass sie – angeblich – die ganze Zeit von ihm rede. Die Zeit heilt seine Eifersucht und er kommt zu dem Schluss: »Wenn ich denke, daß ich mir Jahre meines Lebens verdorben habe, daß ich sterben wollte, daß meine größte Liebe einer Frau galt, die mir nicht gefiel, die nicht mein Genre war!« (1.552)

[Ende Band 1, Teil 2]

»Da die verschiedenen Zufälle, die uns mit bestimmten Personen zusammenführen, nicht mit der Zeit unserer Liebe zu ihnen zusammenfallen, sondern sich bereits, bevor noch jene angebrochen ist, ergeben und ebenso andauern können, wenn sie abgelaufen ist, nehmen die ersten Auftritte in unserem Leben von einer Person, die uns später gefallen soll, rückblickend in unseren Augen den Charakter einer Ankündigung, eines Vorzeichens an.« (1.550)

Von vor zwei Jahren

Gerade DAS HIER gelesen. Stimmt nach wie vor.

Proust (38)

Es grenzt schon an eine ›peinliche Befragung‹, wie Swann von Odette Geständnis nach Geständnis erpresst. Gezwungen und teilweise auch unbeabsichtigt gibt sie zu, etwas mit anderen Frauen gehabt zu haben – auch noch zu der Zeit, in der sie Swann kannte und mit ihm zusammen kam. Das befeuert seine Eifersucht um so mehr. Er kann nicht umhin an vielem, was sie sagte getan zu haben (oder auch nicht), zu zweifeln. So kennt sie u.a. Forcheville schon viel länger als er dachte und dass sich Kupplerinnen für sie interessieren, ist nur ihm neu.

»Und hinter allen süßesten Erinnerungen Swanns, hinter den einfachsten Worten, die Odette ihm früher gesagt und an die er wie an das Evangelium geglaubt hatte, den täglichen kleinen Vorhaben, von denen sie ihm erzählt hatte, den gewohntesten Stätten, dem Haus der Schneiderin, der Avenue du Bois, dem Hippodrom spürte er – verborgen im Schutz jenes Überschusses an Zeit, der auch in noch so detailliert berichteten Tagesabläufen einen gewissen Spielraum offenläßt und als Versteck für gewisse Handlungen dienen kann – die mögliche unterirdische Gegenwart von Lügengeweben, die ihm jetzt alles vergällten, was ihm das Liebste gewesen war (die schönsten Abende, die Rue La Pérouse sogar, die Odette offenbar immer zu anderen Stunden verlassen hatte, als sie ihm gegenüber behauptete); überall trugen sie etwas von dem düsteren Grauen hin, das er bei ihrem Geständnis bezüglich der Maison Dorée empfunden hatte, und brachten wie die unreinen Tiere beim Untergang von Ninive Stein für Stein seine ganze Vergangenheit ins Wanken.« (1.537)

Anton Weyrother

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