+ 1941: James Joyce

von Bert

Unter der Dusche ist es mir gerade wieder eingefallen, was ich seit Tagen im Kopf wälze: Wie schreibe ich hier über den Ulysses von Joyce, um nicht als Angeber dazustehen und die Leser des Blogs zu animieren, diesen genialen Roman (endlich) zu lesen? OK, lest auch alles andere von ihm, es lohnt sich – aber der Literaturhammer ist und bleibt Ulysses, der gerne als Jahrhundertroman bezeichnet wird, der aber in Wahrheit mal ganz locker ein Jahrtausendroman ist.

Wollschläger, der Übersetzer (der sich aber Überträger nennen mag), hat mal einen Text geschrieben, den es im INet leider nicht gibt, mit dem Titel (etwa): „Wer hat Angst vor Ulysses“. Darin beschreibt er, das Ulysses einer der ganz, ganz, ganz wenigen Texten ist, bei denen man nicht weiß, wie es weitergeht. Bzw. man mein es zu wissen und es kommt aber garantiert anders, aber vollkommen anders. Das macht die Lektüre natürlich extrem schwierig, weil sie sich jeder Lesererwartung entgegensetzt. Aber wenn man das annimmt, dann ist dieser Roman das, was er sein will, dann ist dieser Roman das, von dem er schreibt: Ein Abenteuer!

Als ich ihn das erste Mal zu Ende gelesen hatte, konnte ich nur wenig dazu sagen. OK, da gab es einen Leopold Bloom, seine Frau Molly. Da war noch ein Deadalus – sein (unehelicher?) Sohn? -, irgendjemand der gestorben ist und noch ein paar gefühlte 1.253 Personen. Hätte man mich nach der Handlung gefragt, dann hätte ich im Brustton der Überzeugung gesagt: „Also das spielt in Dublin, mit Sicherheit.“

Nach der ersten Lektüre dieser 1.000 Seiten war ich echt frustriert. Stund‘ über Stund‘ habe ich mich da durchgekämpft und am Ende: Kaum was verstanden. OK, Kapitel eins bis fünf nimmt man mit. Zwar den ein oder anderen Perspektivwechsel, aber das kennt man ja. Doch dann … dann muss man sich mit althochdeutsch rumschlagen, ein Kapitel besteht nur aus Fragen und Antworten wie im Katechismus, eins ist total irre und als Dialog von vielen geschrieben, ein anders wartet mit bombastischen Satz- und Wortkaskaden auf, so dass man sich komplett verliert … und man fragt sich die ganze Zeit, wie soll das zusammengehören, um was geht es hier den eigentlich, was soll das und: Wer ist hier eigentlich der Irre? Der, der das geschrieben hat, oder der, der das liest?

Und dieser Frage habe ich mir auch nach der ersten Lektüre gestellt – und da ich nicht irre sein wollte und ich mir es auch wenig vorstellen konnte, das es Joyce sei und ich merkte / fühlte / ahnte, da „ist was“, hab‘ ich das Ding, nach einer kurzen Pause, nochmals gelesen. Viermal habe ich es mir in der Zwischenzeit zu Gemüte geführt, dank E. mir auch das kongeniale Hörspiel reinziehen können, dank Tante G. die komplett Lesung. Es gibt jetzt Stellen, die kann ich sogar erklären, kann sogar das Grundkonzept erläutern, kann auf das ein oder andere hinweisen … aber kapiert, kapiert habe ich den Roman nach wie vor nicht. So – und jetzt bitte mal die Hand hoch von denjenigen, die das von einem anderen Roman auch behaupten können, also mehrfach gelesen, immer noch nicht alles kapiert, aber immer noch interessiert.

Und da hilft eben Wollschläger. Wenn man ein einziges Mal in seinem Leben einem Buch blind vertraut, wenn man einfach mal sagt: Ich bin nicht schlauer als der Autor und ich lasse mich von ihm leiten, ich gebe mich in seine Hände, in seine Worte, wenn man einmal es zulässt, sich von Literatur wirklich (!) überraschen zu lassen, dann, ja dann gibt es nur den Ulysses von Joyce (sage ich bei dem Stand von gut 1.700 gelesenen Büchern).

Und jede und jeder der nun mit dem Gedanken spielt, sich das Machwerk mal reinzuziehen: Ich bin gerne als Begleiter dabei, ohne dem Abenteuer auch nur einen Deut zu nehmen.

Und ohne viel zu verraten, aber vielleicht hilft der Schluss des Buches ja den Roman in Angriff zu nehmen, denn da heißt es ganz, ganz, ganz am Ende:

ja ich will ja