* 1871: Marcel Proust

von Bert

Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen.

Das wird der erste Satz sein, den ich heute Abend bei der Proust-Lesung vorlesen werden. Es ist auch der erste Satz von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Und die, die auch nur etwas Ahnung haben wissen, dass das einer der kürzesten Sätze des Romans sind.

Wie auch immer – ich bin und bleibe Fan dieses gut 4.500 Seiten dicken Romans, den ich bisher zwei mal gelesen habe (und zwei- bis dreimal gehört). Ich kenn nichts vergleichbares, in das man so eintauchen kann, in das man so verschwindet, in das man so mitlebt. Zudem zwingt Proust einen, denn er mag und will und kann einfach nicht gefällig sein. Er drängt sich auf, er bestimmt und man muss über 4.500 Seiten Stellung zu ihm nehmen.

Und so dekadent er auch immer war (wie auch die handelnden Personen) – man nenne mir eine/n Autor/in, die / der auch nur ansatzweise es geschafft hat, mit zwei Sätzen eine Person so zu schildern, dass man genau meint zu wissen, wie die Person denkt, isst, fickt und sich die Zehennägel schneidet.

Nein, nicht jeder Satz von ihm ist für die Ewigkeit bestimmt, es gibt Stellen, die werde ich nie wieder lesen, weil einfach langweilig, Zeilenschinderei und, hätte er es noch erlebt, wohl bei der Korrektur dem Rotstift zum Opfer gefallen wäre.

Proust hat mir auch etwas beigebracht, was mir bei Diskussionen über Literatur dann immer sehr geholfen hat:

Der Leser ist der Leser seiner selbst.

Als ich das kapiert hatte, stürzten eine Menge von mir gehörte Kritiker in die Bedeutungslosigkeit und bei manchem Gespräch über Literatur mit Freunden endete es in hochspannenden Diskussionen über die Stellung zur Lebenswirklichkeit.

Proust lesen braucht Zeit, viel Zeit – aber Proust leben bereichert und bleibt. Das kann man über nur recht wenige Autoren bzw. Autorinnen sagen.