Der Tag *

von Bert

Ab 5:30 wird zwar nicht zurückgeschossen, aber spätesten da ist meine Nacht zu Ende, da wälze ich mich dann irgendwie rum, schlafe immer wieder ein, träume immer wieder irgendwelche Scheiße, mache mir Gedanken über „wie-geht-das-wohl-weiter“ und fühle mich hin, ob der Pilz mal wieder sich an delikater Stelle sich ausgebreitet oder den Rückzug genommen hat.

Kurz nach acht dann doch auf, wenn auch ohne Lust, nach Bad-Gang die übliche halbstündige Niesattacke mit SZ-Lektüre. Meine Mann machte sich derweil vom Acker, der will zwei Tage noch auf der Burg schuften.

Den restlichen Vormittag vor dem Computer, erst die eine Mail an E. beantworten, dann noch ein paar Mails ehrenamtlicherweise und schließlich die lange, lange Suche nach kostenfreien epubs. Jetzt habe ich 150 Dateien auf dem E-Reader, was wohl an die 500 Bücher entspricht – aber ich bin noch nie so unglücklich hinsichtlich Lektüre in den Urlaub gefahren. OK, im Gesamtwerk von von Keyserling werde ich noch was finden, aber alles andere ist Not-Lektüre: Homer, Platon, Zola, Hugo, Dumas, Weiß, Shakespeare … halt alles ‚altes‘ Zeug aus meist Kategorie zwei. OK, etwas Zeitgenössisches ist noch – verbotenerweise – auch darunter, aber nix, was mich so richtig anspricht. Echt, auf den Kauf von Unterhosen, Klamotten, CDs, Küchenutensilien und was auch immer … no problem, aber Bücher?

Nach nem kleinen Mittagessen bei gaga hängen geblieben, Platz 35 schaffe ich zwar nicht mehr vor dem Urlaub – aber bis Ende des Jahres jetzt dann doch locker.

Und dann stand B. vor der Tür, der jüngere Bruder meiner Patentochter S. Er hätte gehört, ich würde heute für sie kochen. Als ich erläuterte hatte, dass ich vorgestern der Mutter gegenüber ausgedrückt hatte, man könnte ja gemeinsam kochen stand schon die Schwester S. vor der Tür. Nochmals die selbe Erklärung, dann rief die Mutter J. an.

Nach einigem Hin-und-Her folgender Speiseplan:

Dazu das Agreement von J.: „Du kaufst ein, Du kochst – ich mache die Küche, ich zahle!.“ Da stimmte ich doch gerne zu.

Mit der Patentochter dann zwei Stunden in der Küche – und da war irgendwie toll. Denn irgendwie wollte sie schon wissen, wie ich was warum so koche – und hat mich echt gelöchert -, andererseits hatte ich zwar das Heft in der Hand, aber S. hat gekocht und getan und angerichtet und … jedenfalls so, dass man sagen konnte: Ihr Werk. Und dazwischen hatten wir noch Zeit ganz locker und ungezwungen darüber zu reden wie es ihr geht, was das Studium macht, der Freund, die Zukunft … so ein Patenonkel-Patentocher-Gespräch in lockerster Atmosphäre.

Dass ich derweil der Kochpoetin nicht immer gefolgt bin, versteht sich. Hatte zum Teil anderes Ausgangsmaterial (Schlegel) oder auch Fehlendes (Minze) oder auch Unverständnis (warum die Karotten raus?) …  und während ich S. erklärte, warum sie was wie zu tun hätte fiel mir irgendwie auf, dass ich seit ich ihren Blog lese, in der Küche freier, mutiger, selbstbewußter, kreativer …. geworden bin. Ich kann das echt an nix Konkretem festmachen. Aber lese ich eines ihrer Rezepte, dann sehe ich die Arbeitsschritte vor mir und zugleich meine Varianten, Weglassungen, Hinzufügungen, Änderungen, Ergänzungen. Und ich lese viele Rezepte, wirklich, aber die von ihr … magic!

Abendessen war gut, auch wenn ich merkte, dass alle drei Redebedarf hatten, also gucken, dass jede/r zu seinen Zeiten kommt. Noch mitkommentiert den Probezeltaufbau von S., die sich nächste Woche nach Norditalien abmacht und als Onkel es natürlich nicht lassen können, ihr eine halbe Stunde lang vor google-earth zu erklären, wo gut wo nicht, wo guter Campingplatz wo doof – immerhin habe ich klar gemacht, dass sie mitschreiben soll. Aber habe ich damals auf so was gehört? Ja! Wenn es der Lieblingsonkel war! Aber der war Priester und erzählte immer eher was von Sünde und so …

B. tut mir mal wieder etwas leid, er kommt in der Familie nicht zu seinem Recht. Ich mag ihn, aber die Themen die er hat, die sind mir so fremd. Aber er hat heute ohne Protest den Salat gegessen und todesmutig ne Schnecke probiert (wobei es bei der einen dann nicht blieb). Als Nächstes habe ich Tauben in Aussicht gestellt … das scheint angekommen zu sein.

Und das war es dann auch. Jetzt zappe ich noch etwas, werde noch meine Handy-Farm besuchen und für Ordnung suchen und morgen?

Morgen: Hör-CD zurück in die Bib, Hörstöpsel kaufen (die 35-Euro-teuren vom letzen (!) Jahr haben heute endgültig den Geist aufgegeben) und sonst mögliche weitere Absagen ablegen … jedenfalls nichts, was mich animiert, morgen freudig aufzustehen.

„Der Tag“ ist übrigens ein wöchentliche aktuelle gesellschaftlich-politisch-kritische-kulturelle Sendung von HR2, die sich erlaubt, 55 Minuten lang über ein einziges Thema sich aus verschiedenen Sichtweisen kontrovers zu nähern – ohne Gebrüll, ohne Populismus, ohne Selbstdarstellungsneurosen.