Durch die Zeit

Monat: September, 2015

30?

gerade in den nachrichten zum tod von helmuth karrasek einen beitrag gesehen, in dem mit vollkommen bewundernster stimme verkündet wurde, dass er dreißig (in Zahlen: 30) bücher pro jahr gelesen hätte.

ein literaturkritiker liest 30 bücher im jahr? das jahr hat 56 wochen. da liest doch ein anständiger literaturkritiker pro woche doch zwei, wenn nicht drei. wie will er denn sonst über aktuelle literatur sprechen können?

aber das ist wohl jetzt im nachhinein die erklärung, warum ich auf karraseks urteil nie auch nur einen halben cent gegeben habe.

mittagsschlaf

vergessen den wecker zu stellen und daher ewig gwschlafen. d.d. die hände hatten zusätzliche ruhe, dass das tippen mit einem finger mal kurz geht. auch vorhin mir so ne daumen-hand-bandage gekauft – fleischfarben!!! – die echt etwas vom schmerz nimmt.

Out of Order

Jetzt tucken beide Handgelenke rum wie nix. Also alles an Salbe und Verbände drauf, was ich kriegen kann, um arbeiten zu können. Alle privaten Hand-Aktionen muss ich jetzt einfrieren, d.h., tippen wie hier ist für die nächsten Tage nix.

Die Ex (II) – (im Grunde aber 1)

Die Ex versucht anzurfen – am Wochenende Klassentreffen nach 30 (!!!!) Jahren, und in den 30 Jahren zu ihr übrigens regelmäßigen Kontakt gehabt – um zu klären, ob wir uns schon im Zug treffen etc. pp.

Ihr Sohn, 13, am Telefon. Zweimal hat er mich bisher gesehen, beim ersten Mal hatten er und seine ältere Schwester schlichtweg Angst vor mir, weil sie aufgrund eines Photos dachten, ich sei verrückt und würde in einer psychiatrischen Anstalt leben. Wir kommen ins plaudern! D.h. ich plaudere ohne vorgehaltene Waffe und ein 13-jähriger plaudert ohne Androhung von Internetenzug auch.

Am Ende erfahre ich, dass meine Ex gar nicht da ist.

Dann rufe ich halt morgen nochmals an – denn wenn S. nicht da ist, plaudere ich halt weiter mit J. (er nach Aussagen seiner Mutter, ca. 1 Jahr nach seiner Geburt, der Überzeugung ist, dass er schwul wird und ich doch bitte frühzeitig ihm klar mache, dass das klar geht. Na, dann kann ich ja berichten, dass wir heute Abend schon mal begonnen haben, eine Vertrauensebene aufzubauen).

Die Ex (I) – (im Grunde aber 2)

Meine Ex – die zweite von zweien übrigens, ist ja nicht so, als wäre ich nur auf ein bestimmtes Geschlecht beschränkt – hat nach gefühlten zwei Jahrzehnten (könnte sogar hinkommen) letztes Jahr wieder den Kontat zu mir aufgenommen (den ich, zugegeben, in den letzten zwei Jahrzehnten auch nicht gerade mit Prio eins gesucht habe).

Sie macht gerade eine recht heftige Lebensphase durch (nennen wir es mal vereinfacht „Neuausrichtung“) und lässt mich daran in Form von monatlichen Mails teilnehmen. Für deren Beantwortung brauche ich dann locker mal ne Stunde, weil ich bei Ihrer Gemengenlage immer überlegen muss, was ist jetzt wichtiger zu beantworten, was kann warten, wo sehe ich einen Knackpunkt und ist da aus ihren Augen überhaupt einer oder spiegele ich mich da gerade selbst ….

Anstrengend, spannend und irgendwie auch schön (selbst mit einem rechten Handgelenkt, dass berechtigt schreit: Lass das Tippen! Lass die Maus! Ein Buch umblättern geht auch mit links! Und überhaupt, so müde wie Du bist, häng Dich doch vor die Glotze und lass uns beide Handgelenke mal in Ruhe! – Ich folge dem Ruf … äh, gleich …)

Alle Jahre wieder

  • Theaterfest zur Spielzeiteröffnung
  • Auch ohne offizielle Anfrage (wie in den letzten vier oder fünf oder gar vielleicht sechs Jahren) erkläre ich mich bereit, wieder zu fotografieren.
  • Und zwar kostümierte Kinder vor Hintergrund. Dieses Jahr eine Sänfte (zum reinsitzen) vor Waldhintergrund mit Plastikbaum.
  • Der Andrang gewohnt enorm.
  • Die Ausnahme in diesem Jahr: Um 13:33 Uhr gibt es für vier Minuten nichts zu tun. Zeit, um eine Kollegin meines Mannes bitten zu können, uns einen Kaffee zu holen. (Denn mein Mann hat die Aufgabe, die gemachten Bilder auszudrucken und wer weiß, wann das nächste Kind kommt. Nach vier Minuten.)
  • Gegen 14 Uhr frage ich meinen Mann, ob noch genug Geld da ist, für einen weiteren Kaffee. Seine Antwort: „Es reicht für eine Kanne – die Frage ist, wer sie holt!“ Er am ausdrucken, ich am photographieren, alle anderen am an- oder auskleiden (und mit Kindern ist das nicht ganz soo einfach).
  • „Kann ich Ihnen gerne gleich holen. Einfach nen Kaffee oder was anders?“ Eine Mutter! Zwei der drei Kinder habe ich schon abgelichtet. “ Wenn die Dritte durch ist, hole ich es Ihnen.“ Mein Mann greift zum Geldbeutel. „Lassen Sie das bloß stecken!“ Zehn Minuten steht der Kaffee da, die Spenderin schon über alle Berge.
  • Nach drei Stunden Kind einrichten, auf den Boden knien, Foto machen, hochkommen, Speicherkarte übergeben, andere Speicherkarte nehmen, Kind einrichten, auf den Boden knien … werde ich tierisch müde.
  • Offiziell dauert das Shooting vier Stunden. Wie immer werden es fünf.
  • Die Abteilungschefin duzt mich. Das gab’s noch nie.
  • Die Pressefrau, die mich sonst gefragt hat, ob ich … schaut nicht einmal vorbei.
  • Die Tageszeitung findet, wie immer, gefallen an der Aktion. Ich nenne meinen Namen und werde gebeten zwei Kinder zu fotografieren und zwar so, dass es für den Tageszeitungsfotografen gut aussieht, von meiner Position aber unmöglich wäre, auch nur eins der Kinder zur Hälfte aufzunehmen.
  • Die Thunfisch-Tramezzinis meines Mannes schmecken wie jedes Jahr zu diesem Zeitpunkt einfach nur geil.
  • Ich trinke – entgegen aller meiner Gewohnheiten – zwei Flaschen Wasser, pinkeln muss ich dennoch nicht.
  • Einige Mütter machen sich die Mühe, auf mich zuzukommen und sagen „Danke“ oder „Schöne Aktion“ oder sowas.
  • Eine Mutter kommt auf mich zu und sagt: „Danke, dass Sie sich mit der Inszenierung so viel Mühe geben. Ich hätte nie gedacht, dass ein Handhaltung soviel ausmachen kann.“
  • S., J., und V. überraschen mich mit jeweils einer Umarmung – dass ich nach Schweiß stinke, müssen sie halt in Kauf nehmen.
  • Wir haben gerade versucht zu rekonstruieren. Über 225 Bilder ausgedruckt, entspricht, da Mehrfachdruck, min. 150 Kindern, d.h. im Durchschnitt zwei Minuten pro Kind. Will ich gerade selber nicht glauben … aber wir sind das gerade nochmals die Abläufe durchgegangen … der Durchschnittswert ist realistisch. Denn es gibt Kinder, die stehen wie eine 1 und da braucht es dann 20 Sekunden um 4 gute Fotos zu machen, bei andern braucht man 3 Minuten, bis sie überhaupt die Füße auf dem Boden haben.
  • In dem Moment, als ich zu Hause war, und ich die Hose ausziehen wollte, klingelt es an der Tür. Unter die Dusche kam ich dann erst ne gute Stunde später.
  • Und nach der Dusche hieß es: in einer Stunde kommen 4 Gäste … aber geplant ist geplant: Sekt – Salat mit geräucherter Forelle – Rindergulasch mit Pilzen und Knöpfle (natürlich selbstgemacht) – Tarte Tartin / diverse Getränke.
  • Morgen nach den Abwasch … da lege ich mich in die Badewanne … oder so … oder was anderes …

ZDF: Neo Magazin Royale mit Jan Böhmermann

Schon krass, wie im ZDF der 2. WK beziehungsweise der Nationalsozialismus als Witz erhalten darf in dem Sinne von: Sooo schlimm war das ja alles gar nicht.

Fundstück

Selbst ein schlechter Film hat manchmal etwas zu bieten, und wenn es auch nur ein einziges Wort ist, nämlich: „Daseinserschöpfung“.

Das ist einfach nur – naturgemäß – bernhardisch. Traun für wahr.

Was man nicht alles aus Verzweiflung und Vergesslichkeit tut!

Gerade für einen Kommentar hier ne gute halbe Stunde gesucht und überlegt, wer dieses geile schwule Buch geschrieben hat, von dem ich nach wie vor so total begeister bin (dass ich darüber eben Autor wie Titel vergessen habe. Mit nem Ständer in der Hand (eigen oder fremd), denkt es sich irgendwie nicht gut).

Aber jetzt auch hier die Empfehlung für das beste schwule Buch des lezten Jahrhunderts. 1997 (oh!) schrieb ich dazu:

Hans Scherer – Remeurs Sünden – Eichborn Verlag Frankfurt, 1997

J. schickte mir, mit zwei anderen Büchern, dieses Buch einfach zu. Es kommt ja auch aus ‘seinem’ Verlag, wird ihm wohl auch nichts gekostet haben – er sagte jedenfalls nichts. Begann am gleichen Abend noch etwas darin zu lesen und bekam fast einen Schreianfall, als ich an folgende Stelle kam. Remeur, ein schon wohl etwas älterer Schwuler hat sich einen Jungen aufgegabelt, einen 17jährigen um genau zu sein, schlicht, ein ‘Hasenkind’, wie ich es vor ein paar Wochen auch hatte. Sie gehen miteinander ins Bett, treiben es heftig. Und dann:

Ein zauberhafter Liebesappart, der ablief wie ein aufgezogenes Uhrwerk, sich in der Erschöpfung von neuem aufzuziehen schien und von neuem ablief, bis sie beide lachend unter dem Bett lagen, prustend darunter hervorkrochen. „Das glaubt uns kein Mensch“, sagte Remeur, „Schwule erleben mehr, sag’ ich ja immer. Wie heißt du eigentlich?“ „Alexander“, sagte der Junge, der gar nicht aussah wie ein Alexander, eher wie ein kleiner, genußsüchtiger Gabriel. (21)

Das ist die literarische Begründung, warum ich vor zwei, drei Jahren wieder mein G. in den Namen genommen habe.

Es ist ein geiles Buch, in mehrfacher Hinsicht. Einerseits steht einem der Schwanz, bis auf die letzten Seiten, beständig steif und hart steil aufragend vom Körper weg und will ‘genommen’ werden, andererseits ist es wirklich eine ehrliche, unverblümte Sittenschilderung. Das ist mehr oder weniger schwules Leben, zwar auch nur in Auszügen und ein klein wenig, wie immer im Roman, geschönt – aber so ist es nun eben mal. Von der treuen Beziehung bist über Stricher, Klappen, Parks und Saunen. Kein Deckmäntelchen, in welcher Art auch immer, wie ausgebreitet, aber schwanzfixiert ist das Ganze dann auch wieder nicht.

Die Episoden aus Remeurs Leben werden im Krankenhaus erzählt. Der eine Zimmernachbar erzählt es dem anderem. Das ist der Aufbau. Die Binnengeschichten kommen dann entweder als eine Art auktorialer Erzählung oder als Ich-Erzählung daher. Abwechslungsreich gestaltet und mit recht gutem sprachlichem Niveau. Manchmal heißt ein Schwanz eben Schwanz, dann Penis oder Latte – es kommt auf die Zusammenhänge an.

Anspielungen auf Proust und weitere Literatur, einige wirklich gute Reflexionen – absolut nicht schlecht das Ganze.

Als er den Jungen kennen lernt beschreibt er ausführlich, was dieser an hat. Dann:

Entweder hat der Junge Geschmack und Geld oder eine Mutter, die ein Faible für Mode hat, vielleicht hat er auch alles, Geld, Geschmack und Mutter, dachte Remeur, ich möchte wetten, erträgt auch eine lindgrüne Unterhose. Dazu das Lachsrot der Haare, Remeur fing an, sich auf den späteren Nachmittag zu freuen.
Der Junge trug eine weiße Unterhose. (18)

Nein, dieses Buch ist wirklich gut und absolut empfehlenswert. Kann mir zwar gut vorstellen, wie so manche Hete rote Ohren bekommt, aber die Lust, die in den Texten mitschwingt, wird wohl auch eine Hete spüren.

Das Gute an dem Buch, daß es nicht einseitig ist. Alles bekommt seinen Raum, sein Maß, nichts wird übermäßig übertrieben oder weggelassen. Es ist eine Lebenswirklichkeit von Schwulen, die hier geschildert wird – und das ohne Erklärungs- oder Bekenntnischarakter. Es ist nun halt mal so, basta.

Es wird wohl für die nächste Zeit neben meinem Bett liegen.

Die Folgen des ersten Kapitels: Es war spät, ich legte mich schlafen und träumte eine ganze Nacht lang das Buch weiter, hatte in meinen Träumen ein erotisches Abenteuer nach dem anderen, einen Orgasmus nach dem anderen. Es war sozusagen die geilste Nacht, die ich je erlebte. Blieb lange im Bett liegen, schlief immer wieder ein, um ein nächstes Kapitel im ‘Traumbuch’ zu lesen und zu erleben.

13. Dezember 1997

Später der Text für lexikon homosexuelle belletristik:

Überraschend wäre es nicht, wenn sich „Remeurs Sünden“ von Hans Scherer zu einem ‘schwulen Bestseller’ entwickelt, überraschend wäre es auch nicht, wenn er in wenigen Jahren als ‘schwuler Klassiker’ angesehen wird. Scherer gelingt es nämlich, schwules Leben, Lieben und Leiden ohne Verklärung oder hymnische Überhöhung, ohne falsche Scham oder Auslassungen und ohne Bekenntnis-bzw. Erklärungs-Triaden darzustellen: Ein schwules Leben hat seine eigenen Formen und Probleme, basta.
Zwei Männer liegen im Krankenhaus. Einer, Herr Mellenthin, beginnt über Tage hinweg seinem namenlosen Zimmernachbarn eine Geschichte zu erzählen, und zwar Episoden aus dem Leben Remeurs, der z.T. selbst zitiert wird. Ein selbstbewußtes schwules Leben ohne jede Frage, was da Remeur führt, eines, das nur wenig ausläßt. Und so handeln die einzelnen Episoden von den ersten sexuellen Erfahrungen am Düsseldorfer Rheinufer, von Erlebnissen in Saunen oder Parks, von der Anmache auf der Straße oder in der Klappe, von Strichern etc. Dazwischen die achtjährige Beziehung, die plötzlich vorbei ist, die spezifischen Probleme des alternden Schwulen.
Das alles kommt nicht nur selbstbewußt daher, sondern mit einem hohen Maß an Echtheit und Ehrlichkeit, auch wenn es nicht das ganz typische Leben Homosexueller ist – wie sollte es auch möglich sein. Die Besonderheit des Romans liegt darin, daß die Erzählungen aus der schwulen Welt sich nicht nur auf sexuelle Episoden beschränken, oder nur auf Liebesleid / Liebesglück, sich auch nicht nur mit Seelenqualen des Coming-outs herumschlägt und auch nicht sich in Erklärungs- und Verteidigungsmodelle verliert, sondern allem seinen berechtigten Raum gibt.
Ein schwules Leben – und das vielleicht mit einem allgemeineren Anspruch – zwischen zwei Buchdeckeln zu bekommen, ist wahrlich kein leichtes Unterfangen. Scherer kann man aber problemlos zugestehen, daß er eine gelungene Lösung gefunden, sprachlich wie erzähltechnisch eine hohes Niveau durchgehalten hat. Spricht der Buchumschlag von „brillante[r] Sittengeschichte“, so könnte man noch das ein oder andere Kapitel an- und einfügen. Aber ein Anfang ist gemacht und: An „Remeurs Sünden“ werden die schwulen Romane der nächsten Jahre sich messen lassen müssen.

Ranwanzen

Beim Gespräch heute mit dem Projektleiter fallen gelassen, dass ich ja Typo-3-Kenntnisse habe und ich die Texte ja auch selbst einstellen könne. „Gute Idee, das würde uns ja echt entlasten.“

Montag noch ne Kurzschulung und dann kann ich in zwei Wochen zu B. gehen, etwas stöhnen und dann einen Fürsprecher haben, entweder die Stunden zu erhöhen oder das Engagement zu verlängern.

Oder ich wanze mich morgen beim „Hoffest“ an beide ran und frage ganz unschuldig, ob die Stelle, die sie da ausschreiben wollen, nicht etwas für mich sein könnte – noch haben sie mich nicht auf dem Plan. Muss ich mir aber noch überlegen, ob das taktisch klug ist.

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