Was man nicht alles aus Verzweiflung und Vergesslichkeit tut!

von Bert

Gerade für einen Kommentar hier ne gute halbe Stunde gesucht und überlegt, wer dieses geile schwule Buch geschrieben hat, von dem ich nach wie vor so total begeister bin (dass ich darüber eben Autor wie Titel vergessen habe. Mit nem Ständer in der Hand (eigen oder fremd), denkt es sich irgendwie nicht gut).

Aber jetzt auch hier die Empfehlung für das beste schwule Buch des lezten Jahrhunderts. 1997 (oh!) schrieb ich dazu:

Hans Scherer – Remeurs Sünden – Eichborn Verlag Frankfurt, 1997

J. schickte mir, mit zwei anderen Büchern, dieses Buch einfach zu. Es kommt ja auch aus ‘seinem’ Verlag, wird ihm wohl auch nichts gekostet haben – er sagte jedenfalls nichts. Begann am gleichen Abend noch etwas darin zu lesen und bekam fast einen Schreianfall, als ich an folgende Stelle kam. Remeur, ein schon wohl etwas älterer Schwuler hat sich einen Jungen aufgegabelt, einen 17jährigen um genau zu sein, schlicht, ein ‘Hasenkind’, wie ich es vor ein paar Wochen auch hatte. Sie gehen miteinander ins Bett, treiben es heftig. Und dann:

Ein zauberhafter Liebesappart, der ablief wie ein aufgezogenes Uhrwerk, sich in der Erschöpfung von neuem aufzuziehen schien und von neuem ablief, bis sie beide lachend unter dem Bett lagen, prustend darunter hervorkrochen. „Das glaubt uns kein Mensch“, sagte Remeur, „Schwule erleben mehr, sag’ ich ja immer. Wie heißt du eigentlich?“ „Alexander“, sagte der Junge, der gar nicht aussah wie ein Alexander, eher wie ein kleiner, genußsüchtiger Gabriel. (21)

Das ist die literarische Begründung, warum ich vor zwei, drei Jahren wieder mein G. in den Namen genommen habe.

Es ist ein geiles Buch, in mehrfacher Hinsicht. Einerseits steht einem der Schwanz, bis auf die letzten Seiten, beständig steif und hart steil aufragend vom Körper weg und will ‘genommen’ werden, andererseits ist es wirklich eine ehrliche, unverblümte Sittenschilderung. Das ist mehr oder weniger schwules Leben, zwar auch nur in Auszügen und ein klein wenig, wie immer im Roman, geschönt – aber so ist es nun eben mal. Von der treuen Beziehung bist über Stricher, Klappen, Parks und Saunen. Kein Deckmäntelchen, in welcher Art auch immer, wie ausgebreitet, aber schwanzfixiert ist das Ganze dann auch wieder nicht.

Die Episoden aus Remeurs Leben werden im Krankenhaus erzählt. Der eine Zimmernachbar erzählt es dem anderem. Das ist der Aufbau. Die Binnengeschichten kommen dann entweder als eine Art auktorialer Erzählung oder als Ich-Erzählung daher. Abwechslungsreich gestaltet und mit recht gutem sprachlichem Niveau. Manchmal heißt ein Schwanz eben Schwanz, dann Penis oder Latte – es kommt auf die Zusammenhänge an.

Anspielungen auf Proust und weitere Literatur, einige wirklich gute Reflexionen – absolut nicht schlecht das Ganze.

Als er den Jungen kennen lernt beschreibt er ausführlich, was dieser an hat. Dann:

Entweder hat der Junge Geschmack und Geld oder eine Mutter, die ein Faible für Mode hat, vielleicht hat er auch alles, Geld, Geschmack und Mutter, dachte Remeur, ich möchte wetten, erträgt auch eine lindgrüne Unterhose. Dazu das Lachsrot der Haare, Remeur fing an, sich auf den späteren Nachmittag zu freuen.
Der Junge trug eine weiße Unterhose. (18)

Nein, dieses Buch ist wirklich gut und absolut empfehlenswert. Kann mir zwar gut vorstellen, wie so manche Hete rote Ohren bekommt, aber die Lust, die in den Texten mitschwingt, wird wohl auch eine Hete spüren.

Das Gute an dem Buch, daß es nicht einseitig ist. Alles bekommt seinen Raum, sein Maß, nichts wird übermäßig übertrieben oder weggelassen. Es ist eine Lebenswirklichkeit von Schwulen, die hier geschildert wird – und das ohne Erklärungs- oder Bekenntnischarakter. Es ist nun halt mal so, basta.

Es wird wohl für die nächste Zeit neben meinem Bett liegen.

Die Folgen des ersten Kapitels: Es war spät, ich legte mich schlafen und träumte eine ganze Nacht lang das Buch weiter, hatte in meinen Träumen ein erotisches Abenteuer nach dem anderen, einen Orgasmus nach dem anderen. Es war sozusagen die geilste Nacht, die ich je erlebte. Blieb lange im Bett liegen, schlief immer wieder ein, um ein nächstes Kapitel im ‘Traumbuch’ zu lesen und zu erleben.

13. Dezember 1997

Später der Text für lexikon homosexuelle belletristik:

Überraschend wäre es nicht, wenn sich „Remeurs Sünden“ von Hans Scherer zu einem ‘schwulen Bestseller’ entwickelt, überraschend wäre es auch nicht, wenn er in wenigen Jahren als ‘schwuler Klassiker’ angesehen wird. Scherer gelingt es nämlich, schwules Leben, Lieben und Leiden ohne Verklärung oder hymnische Überhöhung, ohne falsche Scham oder Auslassungen und ohne Bekenntnis-bzw. Erklärungs-Triaden darzustellen: Ein schwules Leben hat seine eigenen Formen und Probleme, basta.
Zwei Männer liegen im Krankenhaus. Einer, Herr Mellenthin, beginnt über Tage hinweg seinem namenlosen Zimmernachbarn eine Geschichte zu erzählen, und zwar Episoden aus dem Leben Remeurs, der z.T. selbst zitiert wird. Ein selbstbewußtes schwules Leben ohne jede Frage, was da Remeur führt, eines, das nur wenig ausläßt. Und so handeln die einzelnen Episoden von den ersten sexuellen Erfahrungen am Düsseldorfer Rheinufer, von Erlebnissen in Saunen oder Parks, von der Anmache auf der Straße oder in der Klappe, von Strichern etc. Dazwischen die achtjährige Beziehung, die plötzlich vorbei ist, die spezifischen Probleme des alternden Schwulen.
Das alles kommt nicht nur selbstbewußt daher, sondern mit einem hohen Maß an Echtheit und Ehrlichkeit, auch wenn es nicht das ganz typische Leben Homosexueller ist – wie sollte es auch möglich sein. Die Besonderheit des Romans liegt darin, daß die Erzählungen aus der schwulen Welt sich nicht nur auf sexuelle Episoden beschränken, oder nur auf Liebesleid / Liebesglück, sich auch nicht nur mit Seelenqualen des Coming-outs herumschlägt und auch nicht sich in Erklärungs- und Verteidigungsmodelle verliert, sondern allem seinen berechtigten Raum gibt.
Ein schwules Leben – und das vielleicht mit einem allgemeineren Anspruch – zwischen zwei Buchdeckeln zu bekommen, ist wahrlich kein leichtes Unterfangen. Scherer kann man aber problemlos zugestehen, daß er eine gelungene Lösung gefunden, sprachlich wie erzähltechnisch eine hohes Niveau durchgehalten hat. Spricht der Buchumschlag von „brillante[r] Sittengeschichte“, so könnte man noch das ein oder andere Kapitel an- und einfügen. Aber ein Anfang ist gemacht und: An „Remeurs Sünden“ werden die schwulen Romane der nächsten Jahre sich messen lassen müssen.