Janis!!! oder: Count your fingers

von Bert

Der Film dauert 103 Minuten. Nach knapp 35 Minuten war er aber schon vorbei.

Ich find, der Film ist toll gemacht. Zeitzeugen berichten, es wird aus Briefen an die Eltern von ihr vorgelesen, Ausschnitte aus Interviews werden gezeigt. Dazwischen überwiegend Originalmaterial von ihren Auftritten. Aber kein Song wird ausgespielt. Alles bleibt Fragment, wie im Grunde ihr Leben dann leider auch.

Und dennoch, es gibt einen roten Faden, der ist sogar konsequent.

Ich meinte ja viel über sie zu wissen, aber da gab es dann doch ein paar Aspekte, die mir komplett neu waren. Sie hatte Geschwister! Sogar nen jüngeren Bruder!

Richtig gut war das chronologische Vorgehen. Ich kenne alle ihre Platten auswendig und weiß eigentlich auch, wann erschienen. Aber der Film stopft dann die Zeiten zwischen den Platten, den großen Auftritten – und das ergibt ein etwas anderes Bild, was den ein oder anderen Song in leicht anderem Licht erscheinen lässt.

Und mir sind am Ende fast die Tränen bei „Little Girl Blues“ gekommen – und zugleich hab‘ ich kapiert, was das für ein wertvoller Text für meine Freiwilligenarbeit ist. „Count your fingers!“

Und was mir noch sie so klar geworden ist. Was für eine Ausnahmeerscheinung sie gewesen sein muss, selbst gegen Heroen wie Jimmy Hendrix und was weiß ich. Es gab in dem Film Aufnahmen vom Montery Pop Festival, bei dem sie ja den Durchbruch hatte. Bei einem Kameraschwenk sieht man das Publikum, das komplett entgeistert sich gegenseitig anschaut um fragen zu wollen: Was war das denn? Aber noch bevor die Frage sich manifestieren kann jubeln sie wie besesen, springen auf! (Aufspringen! Das Festival war bestuhlt!!!) Und einer von hundert saß auf dem Stuhl fest, schaute eisern und hatte nix kapiert.

Und sie, die sich so befreite, war dann in gewisser weise wiederum sowas von konservativ, wenn sie sich andauernd gegenüber ihren Eltern zu rechtfertigen versucht.

Und es hat einfach sooo gut getan. All die Songs. In Varianten, die ich noch nicht kannte, aber bei jedem Ton wußte, ob er mit den Tönen der Plattenaufnahmen übereinstimmt oder nicht und mich gefreut habe, da ne Variante zu hören, da ne andere Interpretation.

Ach, was schreib ich da:

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(Und für die Nichtwissenden: Mit vollen Namen hieß sie „Janis Lyn Joplin“.)

(Und für die Therapeuten / Psychotherapeuten / Möchtegerntherapeuten / Küchenpsychologen / etc. – unter uns: Deine Einschätzung ist willkommen!)