30 Jahre und 1 Vermächtnis, oder: Mütter!

von Bert

Ende dieses Jahres werde ich meinen besten Freund vor 30 Jahren das erste Mal gesehen und gesprochen haben.

Er kam mit einer ‚Lunge‘ von der „2E“ zu mir zum Röntgen, wir haben uns vorgestellt, ich habe mich als der Zivi-Krankenhaus-Sprecher zu erkennen gegeben und ihm, als er den Flur zurück auf seine Station ging, nachgeschaut und gedacht: Mit dem würde ich gerne mal frühstücken.

Danach habe ich den Kopf geschüttelt und mich zum ersten Mal „Volldepp“ geschimpft, obwohl es das erste Mal war, dass meine Intuition sich Bahn gebrochen hatte. Wir haben es zu unzähligen Frühstücken in der Zwischenzeit gebracht – nie aber, wie damals vorgestellt, auf einem Balkon in einem Hochaus mit nackten Füßen auf dem Geländer.

Er ist – bernhardsch ausgedrückt – mein Lebensfreund. Und daher ist mir, naturgemäß, so gut wie alles von ihm bekannt. Aus seiner Sicht. Aus seiner Warte. Aus seiner Erkenntnis. Aus seiner Erfahrung. Aus seiner … . Und es gehört zum Konzept einer Lebensfreundschaft, dass daran nur Zweifel / Kritik und sonstiges geübt wird, wenn ich aus der Kenntnis seiner Person, seiner Umwelt, meines Erlebens merke, dass er gerade Scheiße baut. Habe ich keine anderen Kriterien zur Hand, dann glaub ich ihm – er ist mein Freund, mein Lebensfreund.

Und da er das ist, weiß ich sehr gut über ihn Bescheid. Was haben wir uns das Herz ausgeschüttet? Was haben wir uns gestanden? Was haben wir uns überwunden, auch Tabu-Themen anzusprechen? Was haben wir Mut gehabt, ehrlich zu sein? Was haben wir Mut gehabt uns in der Öffentlichkeit zu küssen / knutschen (wobei die Info, dass er ne Hete ist, in dem Fall wichtig ist).

Wir haben uns unser Leben erzählt. Und wir erzählen es nach wie vor. Es gab Jahre, die ersten beiden, da war es stundenaktuell, dann wochenaktuell, dann eine etwas längere Zeit mehrmonatigaktuell und jetzt ist es wieder wochenaktuell.

Er muss einen Namen fallen lassen, in 80 Prozent der Fälle weiß ich Bescheid wer das ist, welche Rolle die Person spielt. In 15 Prozent brauche ich eine Zusatzinformation, die restlichen 5 sind einfach neu.

Kennen tue ich die wenigsten. Aktuell würde ich sagen, dass ich max. 30 Prozent seiner Leute mal gesehen habe. Morgen der Overkill – da feiert er seinen Geburtstag nach mit lauter Leuten, die ich alle kenne, vom Namen her. Ist jetzt meine Sache, dass ich froh sein werde, wenn der Tag rum ist.

Und ob dieser Vorbereitungen begab es sich, dass wir mit seiner Mutter und deren Lebensgefährten heute Abend beim Italiener essen waren. (Vorab der Anruf, dass wir auch alles bestellen könnten, was wir wollten, wir wären eingeladen, sollten es krachen lassen und überhaupt, es gäbe kein Limit, wo wir doch so hart gearbeitet hätten … .) Nachweislich habe ich seine Mutter heute zum vierten Mal gesehen. Das letze Mal war vor zwei Monaten, an seinem echten Geburtstag, dass Mal davor vor 28 Jahren, vielleicht 29? Und als wir uns zum Abschied umarmten war das so, wie eben seit 30 Jahren – nur das es das erste Mal war.

Was ich heute gelernt habe ist: Beste FreundInnen sollte man immer unbedingt auch im Kontakt mit der Mutter erleben. OK, es hat in den letzten Wochen mehrere Gespräche gegeben mit ihm und wir kamen so auf eine Idee, wobei ich die Rolle der Mutter nicht ganz außer acht lassen wollte … aber mit dem heutigen Abend … nicht, dass er mir in einem neuen Licht erscheint, ein anderer ist … aber bei so einer Mutter?!

Das war definitiv ein Crashkurs heute. Das Doofe: Als wir heimliefen, war er mit der Bereifung insgesamt so fertig, dass er mir kaum noch zuhören konnte. Aber: Warum wußte ich nicht, dass er eine Frühgeburt ist? Zudem ein ‚passiertes‘ Kind? Und dann kam noch ein weiterer Satz seiner Mutter, den ich mir sogar aufgeschrieben habe … denn Kinder sind in mehrfacher Hinsicht Produkt ihrer Eltern. Die geben das ein oder andere mit – manchmal eben auch Schwachsinn. Aber mit heute Abend … das erklärt einiges.

Und dann war noch der Nebensatz der Mutter zu mir: „Es wird das Beste sein, wenn ich DIR meine ganzen Kochbücher vererbe“ – sollte das so sein, habe ich definitiv ein Platzproblem.