Weg des Begehrens (2)

von Bert

Teil I

Aufgeklärt wurde ich echt spät, schätze ich war 13 Jahre alt. Und es passierte eher so im nebenbei und ironischerweise zudem im Religionsunterricht. Ich habe mich von hinten extra nach weiter vorne versetzen lassen – nach dem Motto: Ich sehe heute so schlecht, keine Ahnung was das ist? *augen-reib* – um näher an Clemens zu sitzen zu kommen, der eine anatomisch detaillierte Zeichnung angefertigt hatte, wie der Schwanz des Mannes in die Vagina der Frau passt. Kleiner Schock – aber begriffen hatte ich es dann doch. In zeitlicher Nähe davor hatte ich mir mehrfach Bücher über die Entwicklung des Fötus in der Schwangerschaft aus der Stadtbibliothek geliehen. Dass aus wirklich rein biologischen Interesse, denn ich wollte die Entwicklung von Nichts in einen Menschen verstehen. Was ich mich aber nicht gefragt habe, wie so ein Prozess überhaupt gestartet wird. Man darf mich ruhig naiv bezeichnen. Und ich erinnere mich, wie meine Mutter mein Interesse an Schwangerschaften arg misstrauisch beobachtete.

In der 7. Klasse gab es dann den „Aufklärungsunterricht“ und keine „Sexualkunde“ wie bei Emcke. So richtig groß scheint der Unterschied zwar nicht gewesen zu sein, aber mein „Aufklärungsunterricht“ war scheinbar noch tendenziöser. Uns wurde also erklärt, mündlich, ohne Bilder oder gar Filme, dass der Mann sein versteiftes „Glied“ in die Vagina der Frau einführt und durch „rhythmische Bewegungen“ zum „Erguss kommt“. Und – das ist das aller wichtigste an diesem Vorgang – die Frau dann schwanger wird! Definitiv! Unausweichlich! Bis auf die ganz, ganz, ganz wenigen Tage, wo sie so etwas wie unfruchtbar sei – aber man sich dessen sooo sicher dann auch nicht sein könne. Danach kam noch der Hinweis, dass zu enge Hosen die „Fruchtbarkeit“ des Mannes wegen Überhitzung beeinträchtigen würde. Das hatte für mich damals den ‚Beigeschmack‘: Zeige nichts, was Du da zwischen den Beinen hast, denn es ist Bäh, schamlos und … . In der Folge des „Aufklärungsunterricht“ wurde – bis zur Bewusstlosigkeit – nur noch und ausschließlich der Zyklus der Frau gelehrt, der Mann war mit und durch seinen Erguss erschöpft..

Als ich Biologiehausaufgaben zum Aufklärungsunterricht machen musste und meine Mutter mitbekam, dass ich nun als „aufgeklärt“ sei, schimpfte sie, dass das viel zu früh sei und wenn es nach ihr ginge, dann …

By the way: Zu allem Überdruss für sie schrieb ich in den drauffolgenden Wochen die Zahl ’sechs‘ immer als ’sex‘ bis der Deutschlehrer sie bat, mir doch mal den Unterschied zu erklären. Ihre Erklärung lautete übrigens, in dem sie den Finger auf die drei Buchstaben zeigte: „Ist falsch. Ist was andres! Du musst es mit ‚chs‘ schreiben!“

Und wo mit Emcke jetzt die Augen öffnete war: An keiner Stelle im „Aufklärungsunterricht“ wurde von ‚Lust‘ gesprochen, nie von ‚Spaß‘, nie von ‚Erfüllung‘, nie von ‚Liebesbeweis‘, nie von ‚Gefühl‘ – und auch nie von ‚Verantwortung‘. Das versteifte Glied, ein paar Bewegungen – dann das Kind. Mehr hat man mir in der Schule zu diesem Thema damals nicht beigebracht. Und dass es daneben noch andere Paarung geben könnte, lag für lange Zeit außerhalb meines Denkens und Wissens – auch wenn ich es regelmäßig praktizierte.

Teil III