Weg des Begehrens (4)

von Bert

Teil III

Meine Patentante, Tante G., lebt seit wohl bald 60 Jahren mit meiner Nenn-Tante A. zusammen. Weder Tante G. noch Tante A. sind mit mir verwandt, es sind „Gruppenkinder“ meiner Mutter aus Vorkriegszeit. G. und A. sind ausdrücklich ‚Tanten‘. Es sind definitiv keine Freundinnen im familiären Sprachgebrauch. Und meine Mutter betont immer und immer wieder, dass die Tanten nicht alles gemeinsam unternähmen, um damit aufzuzeigen, dass es zwei Einzelpersonen sind und kein Paar. Mir geht es im Grunde am Arsch vorbei, ob sie nun nur Tanten sind oder ein lesbisches Paar oder eben beides – aber aufgefallen ist es mir dann doch (und wenn es so wäre, ich wäre echt stolz auf die beiden). Jetzt verstärkt durch die Emcke-Lektüre erkenne ich, wie durch den Sprachgebrauch ein möglicher Fakt so umgedeutet bzw. ‚umgesprochen‘ werden kann, dass alles ‚gut‘ ist und man moralisch sauber bleiben kann. Der dazugehörige Gedankengang geht dann eben so: „Da sie nicht alles zusammen machen, können sie nicht lesbisch sein, und daher kann ich mit ihnen ohne moralische Bedenken verkehren“. Selbstbetrug hat eh die größte Chancen. Anmerkung: Beide kommen aus dem pädagogischen Bereich. Als ich mein Coming-Out mit Mitte zwanzig hatte war es Tante G., die von allen am coolsten reagierte, als sie sinngemäß schrieb, schwul-sein wäre schon was anderes als hetero-zu-sein, aber das sei halt auch nur so ein Aspekt des Lebens und für sie würde sich nichts ändern …

Ich schätze, dass ich mit 13 meinen ersten Orgasmus hatte. Bis zu meinem 21. Lebensjahr hatte ich nur mit einem Mädchen / einer Frau ‚Sex‘ gehabt. Gegenseitige Befriedigung mit Jungs dagegen kommen ausgeprägter daher. Denn mit drei Jungs hatte ich mehr oder weniger ausgeprägte sexuelle Beziehungen. Die meisten Orgasmen in der Anwesenheit mit anderen hatte ich mit Jungs – aber auf die Idee, dass ich anders-sein sein könnte … Fehlanzeige, woher denn auch?.

1983 / 84 kam der Begriff Homosexualität zum ersten Mal für mich konkret vor. Und zwar in den Nachrichten. Da ging es einerseits um General Kiesling, der aus der Truppe entfernt werden sollte, weil er in Schwulenlokalen verkehrt haben sollte und damit ein Sicherheitsrisiko darstellte. Es stellte sich als falsch heraus, aber zeigt, dass der Verdacht, homosexuell zu sein, damals vollkommen ausreichte, um komplett diskreditiert zu werden. Es wundert mich nach wie vor, dass es der damalige Bundeskanzler Kohl war, der einen positiven Schlussstrich zog, indem er Kiesling komplett rehabilitierte. Und dann gab es aber vor allem noch die vier großen Buchstaben: AIDS. Die Schwulenseuche! Die trifft die, die einfach Sex haben, einfach so und das noch mit verschiedenen Typen außerhalb von Beziehungen, einfach mal so, dann mal hier, dann mal mit dem. Die einfach Lust mit ihren Schwänzen hatten und auch mit denen Dinge taten, die … unaussprechlich waren… anfänglich. Schwulsein, so prägte es sich damals durch die Bilder für mich ein, war schrill, bunt, laut – man zog im Fummel durch die Welt, kreischte und nannte alles, was einen Schwanz hat „Schwester“. Schwulsein war voller bärtigen Muskeltypen, die in Lederklamotten rum liefen und einen auf dicken Max machten, die Bierdose in der Hand zerdrückten während sie herzhaft rülpsten. Schwulsein bestand auch aus dandyhafte Typen, die nur Mode im Kopf hatten, nach Parfüm stanken, den kleinen Finger beim Teetrinken wegstreckten und ausschließlich ansonsten nur über Derrida zu reden wussten. Kurz, jeder Schwuler konnte man sofort an seinem Auftreten erkennen, jeder Schwuler tat alles, um als ein Zugehöriger einer (definierten) Randgruppe dazustehen.

Aber so negativ konnotiert das schwul-sein für mich zu der Zeit auch immer war – ich hatte dennoch eine Idee bekommen, dass es neben Frau, zwei Kindern, ein Haus, ein Auto und einem guten Bausparvertrag noch einen anderen Lebensentwurf geben könnte. Der wartete zwar mit vielen, vielen Fragezeichen auf … aber hieß es nicht Land auf Land ab sich Neuem zu stellen?

Teil V