Weg des Begehrens (5)

von Bert

Teil IV

Was danach folgte, ist dann wirklich kaum meiner Umgebung, meiner Familie, meinen Freunden, meiner Schule, ‚meinem’ Bundesland bzw. der Gesellschaft anzulasten – denn als ich nach dem Abitur für den Zivildienst in eine andere Stadt zog, eröffneten sich neue, andere Horizonte. Und das Licht der Erkenntnis schimmerte durch die ein oder andere Gehirnwindung bzw. traf die Seele, erreichte die Gemütserfahrung und die Gefühlswelt – wenn auch chaotisch.

P. lernte ich Ende 1985 kennen, M. zwei drei Monate später im Januar 1986. Zu beiden fühlte ich mich in einer überwältigenden Art hingezogen, wie es mir noch nie zuvor geschehen war. Bei beiden gab es im Laufe von 1986 ausreichend Situationen, bei denen ich nur hoffte – mir aber nicht mehr dabei dachte – dass sie mir nun endlich an den Schwanz gehen sollten. Taten sie aber nicht – es tat nur einer. Aus unterschiedlichen Gründen. P. ist heterosexuell und hatte von sich auch überhaupt kein Verlangen mir an den Schwanz zu gehen. Und M. traute sich lange nicht, mir zu gestehen, dass er schwul sei und dann doch gerne mal bei mir … . Als es ‚raus‘ war, stand ich auf, ging zur Toilette, pisste und hoffte, dass, wenn ich zurück käme, er nackt auf dem Bett läge. Was er dann aller Hoffnungen zum Trotz nicht tat. Dennoch: Die Folge war, dass es mit M. zu einer mehr als nur sexuellen Affäre kam. Er brachte mich u.a. dazu, dass ich mit ihm in Tübingen auf meinem ersten CSD ging, wenn auch total verschämt. Dafür lernte ich in seiner Schwulen-WG, dass es auch irgendwie ganz ’normale‘ Männer gibt, die schwul sind. Dass man weder im Fummel noch im Leder auftreten muss, dass enge Jeans auch OK sind. Das man einfach mit anderen Schwulen Spaß haben kann, gute Gespräche möglich sind, dass … ja dass es Menschen sind wie die anderen eben auch. Das Besondere war nur, das der Sex mit einem ‚Gleichgesinnten‘ viel mehr Spaß machte, als einfach gemeinsam zu wichsen. Sex war plötzlich auch ein Beziehungselement. Und diese Art von Sex war etwas, was man nicht nur praktizierte, sondern ausführlich zelebrierte und erlebte, nicht unter der Decke, sondern bei Licht und mit allen Sinnen. Wenn man im anderen Zimmer etwas hörte, dann hörte man halt etwas. Man musste nicht so tun, als hätte man nichts getan, sondern ggf. wurde das auch kommentiert – und ich grinste ohne Ende mit vermeintlichem hochrotem Kopf, wenn die Kommentare nicht spitz ausfielen. Was habe ich mich mit M. in Tübingen und in der WG wohlgefühlt.

Blöderweise lebten wir ca. 150 Kilometer voneinander getrennt, Treffen fanden daher äußerst selten statt, denn als Zivildienstleistender hatten wir nicht gerade ausreichend Geld, um jedes Wochenende sich mit dem Zug befahren zu können, mal abgesehen von den unterschiedlichen Dienstplänen, familiären und sonstigen Verpflichtungen. Aber mir was das ja auch irgendwie recht, denn: Ich war ja nicht schwul! Das betonte ich in jedem Gespräch, in jedem Brief, in jedem Telefonat. Betonte, das das, was da passiert wäre, eben ein Ausrutscher gewesen sei, eine Ausnahme, eine Art Zufall. Betonte es über den Zivildienst hinaus bis zu Beginn meines Studiums. Ich versäumte aber nie hinzuzufügen, dass ich mich auf den nächsten Besuch freue, vor allem auf die Nacht … .

Teil VI