Schnaps ist angesagt, > 1!

von Bert

Meine Nerven liegen gerade komplett blank!

Denn heute die zweimonatliche Gremiensitzung in der großen Besetzung (max. 16 Menschen). Wie immer wird zuerst – komplett unnötig, aber die Tradition verlangt es – das Protokoll verlesen. (Und seit die neue Sekretärin sich etwas bremst, sind es auch keine fünf Seiten mehr.) Danach – man ist ja ein deutscher Verein – die Frage nach Änderungen bzw. die Frage nach Genehmigung. Und genau da hat es begonnen!

T. meldet sich und nimmt Bezug auf einen Brief unseres Fördervereins an dessen Spender und hätte gerne ein paar inhaltliche Änderungen und vor allem den Bezug auf die politische Forderung, dass Einsamkeit auch mit Armut einhergehen kann, aber nicht muss, wenn auch … . Didaktisch aufbereitet, immerhin ist T. aktiver Lehrer, dauert diese Einwendunge mehrere Minuten. Und ich frage mich: Wir sind beim Thema ‚Genehmigung Protokoll‘, was soll das mit dem Brief des Fördervereins der zudem seit gut zwei Wochen schon versandt ist?

U. möchte auf die Einlassung von T. sofort reagieren, man gibt ihr das Wort. Ich mag U., aber nicht immer. Zum Hintergrund: Der Verein ist, wie eigentlich alle Vereine, wenn es nicht gerade der ADAC ist, auf Ehrenamtliche angewiesen. Daher nun U. zu T. hinsichtlich Genehmigung Protokoll (die drei Pünktchen geben die Pausen an): „Ich habe mich gestern eingelesen … und mir dann notiert … also dass der Mensch … der Mensch an sich … also der reine Mensch … dass … das wurde  mir so richtig klar gestern … dass … wenn man bedenkt … dann muss man doch sehen, dass eine Würdigung … und ich meine jetzt beim echten Menschen … also das eine Würdigung … vor allem … also vor allem wenn man jetzt auch an das Ehrenamt denkt … also dass man würdig auch würdigen muss … auch das Ehrenamt … und dass habe ich mir gestern … aufgeschrieben … genau!“

Der Vorsitzende verzichtet dann auf jegliche Form einer Abstimmung und gibt der Geschäftsführung das Wort. Die beginnt mit einer bundesweit vorgegebenen technischen Sache (die ich nicht ausführen kann und will) worauf natürlich C. erstmal in die Bresche springen muss und, übertragen ausgedrückt, ausschweifend erklärt, dass die deutschen Wähler an der Wahl von Trump nicht beteiligt worden sind, was aber letztendlich zu hinterfragen wäre, da ja viele Deutsche nach Amerika ausgewandert sind, so dass die Wahl von Trump daher als ungültig zu erklären ist.

Nun reagiert auch K. darauf – hatte mich schon gewundert. Er möchte, mit Bezug auf seinen Vorredner, wissen, welcher Dienstplan nun maßgeblich gilt: der eingeführte elektronische oder der abgeschaffene papiernerne. Und, bitte, glaubt es mir, ich übertreibe nicht! Das war so. Denn aus Übersichtsgründen wird jede Woche der elektronische Dienstplan ausgedruckt, dass man nicht erst im Computer ihn suchen muss – und das schon seit bald einem Jahr!

Und so geht es einfach nur weiter. Die Geschäftsführung sagt etwas zu den Fortbildungsmaßnahmen, darauf hin fordert mein ‚geliebeter‘ H., dass man aus den Ehrenamtlichen doch ein Parlament formen sollte, die dann zu solchen Fragen demokratisch Stellung nehmen kann.

Ich mach‘ das echt seit fünf Jahren mit – heute habe ich zum ersten Mal die Veranstaltung früher verlassen. Ich müsse pünkltich gehe, aber der Sekretärin raunte ich noch vorher zu, dass ich es nicht aushalten würde.

Bin ich denn so übermerksch, dass nur ich kapiere, dass auf die Frage nach Genehmigung des Protokolls der Brief des Fördervereins nicht passend ist? Habe ich nicht die Nerven wie der Vorsitzende, der die Sache leitet? Oder hört der einfach gar nicht mehr zu? Und was denken eigentlich die anderen? Oder bin ich – als Sohn eines Beamtens – überkorrekt? Was fehlt mir, was die andren haben? Was fehlt den anderen, was ich habe? Was habe ich nicht, was die anderen haben? Mensch, das ist doch alles Lebenszeit und gerade in der Runde haben wir echt ganz andere Themen. Ist das Scheu? Oder sind die alle schon so vereinsamt, dass sie einfach reden müssen, weil sie sonst keine Gelegenheit haben? Werde ich auch so werden, wenn ich dann mal alt und einsam bin? Und warum waren meine Nerven heute so dünn, schließlich mache ich das ja seit fünf Jahren sechs mal im Jahr mit?

Morgen bin ich an der Nordsee!