4 3 2 1

von Bert

Den ein oder anderen Roman von Paul Auster habe ich letzten Jahren gelesen. Aber wie die meisten Amerikaner – mit Ausnahme von Philipp Roth und zwei, drei anderen Romanen – bleibt mir von ihnen nicht wirklich viel hängen. Es ist eben meist der eher sachliche Stil, die meist eher chronologische Erzählweise und – nicht zuletzt – der „american way of life“, der mich überwiegend nicht interessiert.

Auch „4 3 2 1“, der aktuelles Roman von Auster, stand auf meiner Leseliste recht weit hinten. Ich wollte so lange warten, bis ich ihn irgendwo in elektronischer Form ‚bekommen‘ kann, denn die Idee fand ich nun nicht gerade prickelnd: Man nehme einen Protagonisten, in diesem Fall einen mit Namen Archibald Ferguson, gebe ihm eine Vergangenheit, d.h. bei den Amerikanern ja meist eine Biographie, die drei, vier Generationen zurückreicht und spiele dann vier verschiedene Variationen durch. Der Titel hätte also genauso gut „Was wäre wenn …“ lauten können. Es ist schließlich eine Binsenwahrheit, dass wenn das und das nicht gewesen wäre oder doch gewesen wäre oder anders gewesen wäre, dass das Leben (ganz) anders verlaufen wäre. Jede/r kennt Situationen, von denen im Nachhinein klar war, dass es Weichenstellungen waren. Wäre ich also damals nicht auf die Fete gegangen und hätte ich mich nicht damals abschleppen lassen, dann … . Aber meist beginnt es ja noch früher: Wenn ich den und den nicht kennen gelernt hätte, dann wäre ich nicht auf dessen Fete gegangen und … . Aber den habe ich ja nur dann kennengelernt weil … . Will heißen, der eigentliche Abzweig liegt oft früher oft wenn nicht meist, in einem Graubereich, der so richtig nicht mehr zu bestimmen ist.

Und damit ist „4 3 2 1“ an sich erklärt. Denn Auster gelingt es weitgehend aufzuzeigen, welche Faktoren, Einflüsse, Zufälle, Entscheidungen zu dem oder dem geführt haben. Und es zeigt sich, wie eine einfache Entscheidung sich zu einer richtigen Geschichte ausweiten kann. Beispiel: Einer der Archibalds lässt sich in seiner sexuellen Not als 15-jähriger von einem 18-jährigen einen runterholen, findet das ganz OK, ist dennoch etwas verwirrt, ob er vielleicht jetzt doch schwul ist bzw. sein könnte oder nicht. Aber als er dann erfährt, dass er auch bei Frauen problemlos kommen kann, legt er die Wichsaffaire unter ‚jugendliche Erfahrung’ ab. Schätzungsweise ist Archibald da nicht der einzige. Doch diese Erfahrung, diese Unsicherheit prägt ihn nachhaltig, da er beginnt, mehr oder weniger bewusst, mehr oder weniger beständig Konventionelles zu hinterfragen. Seine Erkenntnis etwas später: „Ungeheuerliche, inakzeptable Verstöße gegen gesellschaftliche Regeln waren offenbar nicht immer ungeheuerlich und inakzeptabel“. Das führt zu einer ganz anderen Lebenseinstellung, zu ganz anderen Lebensentscheidungen, zu ganz anderen Lebensproblematiken – und wie das Auster im Vergleich aufzeigt, das ist Kunst.

Diese vier Archibalds von Auster funktionieren wohl auch deswegen nur, weil Auster das Korsett eng belässt. Zwar stirbt bei einem der Vater, mal ist die Familie reich, mal eher arm, mal bleiben die Eltern zusammen, mal gibt es eine Scheidung. Doch das weitere Personenfeld, die Schwester der Mutter, die Freundin der Mutter, die Cousine, … bleibt in allen vier Geschichten das gleiche, auch wenn in Variationen. Und es funktioniert wohl auch deswegen so brillant, weil Auster auf dem Boden bleibt, nicht beginnt den ‚amerikanischen Traum‘ zu träumen, sondern in den Niederungen des alltäglichen Lebens bleibt.

Mir tut der Roman in der Hinsicht gerade gut, weil er zeigt, dass man zwar für seine Entscheidungen im Leben verantwortlich ist, aber dass man für die Umstände, die zu diesen Entscheidungen geführt haben bzw. führen, wenig oder gar nicht verantwortlich ist, sondern ‚Opfer‘ der Zeitumstände ist.

Selten eine so eindeutige Leseempfehlung ausgesprochen.