Kurschatten

von Bert

Samstag und Sonntag bei meinem Mann ‚in Kur’ gewesen. Die Trennung hat unsere Alltäglichkeit schön ins Ungleichgewicht gebracht. Auch alleine wegen der Außenumstände müssen wir uns über das Alltägliche hinaus absprechen. Uns tut das, wie ich finde, gut.

Ich habe am Sinn dieser Kur eigentlich immer gezweifelt. Aber mit spätestens heute muss ich anerkennen: Sie wirkt. Natürlich komplett anders, als es die Krankenkasse meint und noch viel anders, als mein Mann es sich vorgestellt hat – aber da sind Prozesse in Gang gekommen, die eben nur von außen angestoßen werden konnten. Und ich lächle in mich hinein, wenn er dann von Dingen erzählt, die ich alle aus Verein 1 zu Genüge kenne – und merke, wie ich deswegen ‚privilegiert’ bin (wobei es nun ja nicht so ist, dass die Arbeit im Verein 1 ein Zuckerschlecken wäre).

Gehen am Nachmittag, nach einem katastrophalen Mittagessen in der Kurklinik, elf Kilometer spazieren (ich) bzw. wandern (er), mieten uns am späten Nachmittag in einem hübschen Hotel ein, da ich keine Lust habe, auf einem Beistellbett in seinem kleinen Kurzimmer zu schlafen, gehen abends bei einem eidgenössische diplomierten Küchenchef überraschend gut essen, verbringen den Sonntag bei einem überraschend reichhaltigen Brunch in der Kurklinik für schlappe zwölf Euro – wer in dieser Klinik auch nur 100 Gramm abnehmen will, sollte sofort die Klinik wechseln – und genießen nachmittags in stiller Eintracht die ortseigene Therme. Gestern wie vorgestern fehlt der Gang in einen Tee Salon nicht, wo wir uns durch echt gute Teesorten trinken (und trinken werden).

Die Gespräche sind ausgewogen und auch das ein oder andere kritische Thema kommt zu Sprache und zwar so, dass wir uns gut darüber verständigen können. Lösungen gibt es zwar keine, aber auf grobe Marschrichtungen können wir uns einigen.

(Morgen kauf ich meinem Mann den „Zauberberg“ von Thomas Mann. Auch wenn da jetzt gut 110 Jahre dazwischen legen – aber die Szenen heute im Speisesaal …)