Über die schreibende Schulter geschaut

von Bert

So genau weiß man es nicht, aber Marcel Proust soll in seinem 51-jährigen Leben an die 50.000 Briefe geschrieben haben (und die waren alle länger als eine WhatsUp-Nachricht!). Diese ungeheure Zahl ist, schaut man sich dessen Leben und Arbeiten an, nicht wirklich unwahrscheinlich, denn der Mann verbrachte Jahre seines Lebens in seinem Zimmer und schrieb – u.a. auch seinen fetten geilen Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“.

Seit Januar habe ich 572 von ihnen in den beiden neuen Briefbänden gelesen und bin nach wie vor fasziniert. Proust als Type ist schon recht eigenartig, eine verklemmte Schwester (der Zeit geschuldet), wohl auch einen Tuck hypochondrisch und in gewisser Weise auch immer mal wieder versessen. Andererseits muss das ein kluger, liebenswerter Kerl gewesen sein, der vor Empathie nur so gestrotzt haben muss. Und so eigen er wohl gewesen war – eitel, trotz auch des späten übergroßen Erfloges, war er nicht.

In geschätzt über der Hälfte der Briefe erwähnt er zwar seine schlechte Gesundheit mit einem Satz – um sich dann anderen Themen zu widmen. Dass kann enervierend ausfühlich sein, wenn es um die Möbel, die Teppiche, die Stühle, die Vorhänge, die Tische, das Bett, der Schrank, das … für die neue Wohnung geht, andererseits schreit es nach mehr, wenn er zur seinen literarischen Arbeiten Stellung nimmt. Aus den Briefen spricht etwas ‚Herzensgutes‘ – was mich vermuten lässt, dass es genau das, was die anderen an ihm nicht verzweifeln ließ, denn er konnte auch durchaus penetrant sein, wenn sein liebendes Herz verbotenerweise mal wieder höher schlug.

Mich freut’s, dass ich auch heute am Bloomsday fertig geworden bin, denn – oh Wunder, oh Zeichen – Marcel Proust und James Joyce sind sich einmal bei einem Abendessen begegnet. Im Jahr seines Todes 1922 am 18. Mai im Hotel Ritz auf Einladung des Mäzenenpaars Sydney und Violet Schiff. Mit dabei – und das muss man sich mal vorstellen – waren noch Igor Strawinsky und Paplo Picasso. Daraus müsste man doch mal einen Film oder ein Theaterstück machen (und etwas von der Wahrheit abgehen, denn nach unterschiedlichen Berichten hatten sich Joyce und Proust nichts oder nur Nichtigkeiten zu sagen).

Und hier noch ein Brief an Emmanuel Berl vom 26. Oktober 1919 der mir deswegen so gut gefallen hat, weil, hätte ich mit Proust eine handschriftliche Korrespondenz geführt, er mir das wohl (auch) geschrieben hätte:

Cher ami,

Ich bin außer Stande, zwei Zeilen zu schreiben. Ich will Ihnen aber doch sagen, dass ich heute Morgen einen Brief von Ihnen erhalten habe, der mir das größte Vergnügen bereitet hat, denn ich habe darin die mysteriösen Arabesken wiedererkannt, die Sie ironischerweise als Ihre Schrift bezeichnen. Aber dieses Mal habe ich, entweder liegt es an meinen Augen oder Sie haben sich selbst übertroffen, kein einziges Wort entziffern können. Ich weiß sogar nur deshalb, dass der Brief von Ihnen stammt, weil ich jede ganz besondere Form der Unleserlichkeit wiedererkannt habe, die die Ihre ist. Aber ich habe sie wiedererkannt wie man aufgrund der Manier sagt „diese Zeichnung stammt von jenem Künstler“, ohne dass man die Signatur gesehen hätte. Wenn Sie ihre Briefe an mich nunmehr diktieren wollen, berauben Sie mich des Vergnüngens, diese Zeichen bar aller rationalen Bedeutung zu betrachten, die in meinen Augen aber ihre Gesichtszüge nachzeichnen. Aber immerhin wüsste ich, was Sie mir sagen wollten.

Ihr ergebener

Marcel Proust