Nächtens

von Bert

Der Ersatzsohn ist mal wieder da. Hat sich seit dem letzten Treffen vor ca. drei Monaten echt verändert. Um einiges dünner, das Gesicht bekommt Konturen, sprich Charakter. Nach wie vor ist er einer von der stillen Sorte, der aber begeisterungsfähig ist. Und: Er hört aufmerksam zu. Zudem, heute morgen in der Stadt, von ausgesuchter und sehr, sehr angenehmer Höflichkeit.

Ich hab‘ ihm dann auch zu dem Hut geraten, den er spaßeshalber im Laden auf hatte, weil er einfach zu ihm passt, viel besser als die beiden Schrimmützen, wegen denen wir die Geschäfte abgeklappert haben.

Und ich find den Ersatzsohn deswegen so klasse, weil er ehrlich sein Maul auf macht. Schrimps gehen gar nicht, genauso wenige wie Steinpilze, Rindfleisch aus der Fleischbrühe ebenso nicht, aber der daraus entstandene Rindfleischsalat dann doch. Kapriziös aber eindeutig. Und dann, bevor er ins Bett ging: „Danke, dass Du mir zu dem Hut geraten hast.“

Und dann war gestern abend noch sein Grinsen. Irgendwie waren wir auf das Thema Lyrik gekommen und ich hab‘ versucht, ihm zu erklären, warum ich diese Form manchmal extrem geil finde, denn ein 7-Gänge-Menü ist das eine, ein richtig guter Espresso das andere – und beide können höchste Qualitäten haben. Und so landeten wir dann auch bei Benn und bei einer bestimmten Zeile. In seinem Gesicht war wirklich der Erkenntnisprozess abzulesen – bis hin eben zu diesem wunderschönem Grinsen. Die Zeile lautet:

Und nächtens nackte ich im Glück