Spannend

von Bert

(OK, mit dem Topic habe ich die erste Leserin, S., schon mal so gut wie verloren. Sollte ich jetzt noch „interessant“ hinzufügen oder etwas von „hinfühlen“ schreiben, dann könnte es gut sein, dass sie nie wieder hier liest – aber beides wird jetzt nicht vorkommen: Versprochen!)

Aber es war heute Abend wirklich echt spannend, die Dynamik der Familie der Schwester meines Mannes beim Abendessen zu beobachten:

  • Schwester, die sonst das Wort führt, ist meist mit dem Computer beschäftigt, um hier Hörbücher runterzuladen, weil wir das bessere Netz haben als sie auf dem Land. Gegen Ende eine mittlere Philippika gegen die beiden „faulen“ Töchter. Sonst nur ein einziges Thema von ihr, was aber nur sie betraf.
  • Der Ehemann der Schwester aufgeräumt wie noch nie, ist zu Witzen aufgelegt, kann auch mal die Klappe halten und ist nicht bemüht wie sonst, sich mitzuteilen, holt sich selbstständig den alkoholfreien Sekt aus dem Kühlschrank (und nippt nicht nur wie sonst am Wasser), kippt sich einen kleinen Schnaps hinter die Binde und ist in erster Linie den beiden Töchtern zugewandt.
  • Tochter 1: Sobald sie etwas sagt, schweigt der Rest der Familie und hört aufmerksam, wohlwollend und bestätigend zu. Egal welchen Scheiß sie produziert und egal, dass die vorgelesenen witzigen (?) Sprüche aus dem Internet nach dem 15. keinen mehr interessiert. Aber wer sich halt geritzt hat, die hat halt, so wie es scheint, Narrenfreiheit.
  • Tochter 2: Versteckt sich hinter dem Handy, reagiert auf konkrete Fragen sehr offen und mitteilsam, ist ansonsten unscheinbar passiv.

Alle essen, als ob es die letzten vier Tage nichts zu essen gegeben hätte. Um den Nachttisch gibt es zwar keinen Streit, aber ich weiß nun, wie ‚Verteilungskämpfe‘ aussehen (dabei sind mir die Griesschnitten echt nicht gut gelungen).

Mir fallen eine Reihe von Dingen auf und ich frage mich u.a.: Darf ich als schwuler Mann ohne Erziehungserfahrung die Eltern auf das ein oder andere ansprechen? Darf ich als Aussenstehender anmahnen, dass Tochter 2 gerade in meiner Wahrnehmung quasi ‚unter den Tisch‘ fällt? Darf ich anmerken, dass Ritzen eine Funktion hat und der Verzicht auf’s Ritzen nicht bedeutet, dass jetzt alles super ist?

Ich bin mit Nichten Familientherapeut oder Therapeut oder sowas (und habe nur Urspungsfamilienerfahrung, nicht eigene Familienerfahrung). Ich bin aber dann doch einer mit gewissen semiprofessionellen Erfahrungen im zwischenmenschlichen Bereich und hab‘ mir in den letzten sechs Jahren zumindest ein (wie ich finde: gutes) Gespür für ‚Knackpunkte‘ in unzähligen Gesprächen erarbeitet.

Frage also: Darf ich mich einmischen? Soll ich mich einmischen? Muss ich mich einmischen?