+ Philip Roth

von Bert

Jetzt ist er also auch tot. Mit 85 Jahren jetzt nicht gerade so unwahrscheinlich – aber überraschend dann irgendwie doch. Er war für mich ohne jede Diskussion der größte amerikanische Schriftsteller der Gegenwart und wird ab jetzt zu den größten amerikanischen Schriftstellern überhaupt gehören. Und das mit Recht. Denn er war nicht nur sprachlich brillant (was ich zugegebenermaßen immer nur in den deutschen Übersetzungen genießen konnte), hat nicht nur verstanden, wie man einen Roman aufbaut und durchführt, hatte ebenfalls nicht nur eine seltene Begabung, seinen Figuren auszustatten und sie mit wenigen Sätzen zu Personen werden zu lassen, die man nicht vergisst, sondern er war vor allem eins, mutig. „Portnoys Beschwerden“, eins seiner frühen Roman und wohl das, mit dem er nahezu schlagartig berühmt wurde, macht auch heute noch jedem Jugendlichem rote Köpfe und harte Ständer, steht nach wie vor und Pornographieverdacht und dem moralischem Urteil „So was schreibt man nicht“. In anderen Romanen führt er die Amerikaner ‚an sich‘ vor (soweit das möglich ist) und entreißt Masken, Vorurteile oder sonstige (Ver)Schönerungen. Aber sein Bloßstellen ist nicht eins, um mit nackten Fingern und „ätschi-bätschi“ auf die Mitmenschen bedauernd zu weisen, sondern es ist die Entblößung mit Respekt, mit chirurgischer Präzession und klarer Erbarmungslosigkeit. Und das alles mit einer Fabulierlust, die ihresgleichen sucht.

Es werden jetzt verschiedene Romane genannt, die als sein Hauptwerk gelten sollen – „Der menschliche Makel“, „Nemesis“, „Zuckermanns Befreiung“, … – aber wenn es ein Roman gibt, der für mich Roth als den großartigen Schriftsteller zeigt, der er war, dann ist es „Sabbaths Theater“ von 1995. Allein der erste Satz gehört zu den besten ersten Sätzen der gesamten Weltliteratur: Schwöre, daß du keine anderen mehr fickst, oder es ist Schluß. Und das war nur der erste Satz – es folgen eine Menge weiterer guter!

Ich hätte ihm ja gerne den Nobelpreis gegönnt, aber wie heißt es im wirklich lesenswerten Nachruf den überraschenderweise Die Welt verfasst hat: „Ob es ihn geschmerzt hat, dass er den Literaturnobelpreis nie bekommen hat, für den er oft im Gespräch war? Ich glaube nicht. Ihm wird vollkommen gereicht haben, dass er zum exklusiven Club jener großen Schriftsteller gehörte, die das Nobelkomitee in Stockholm souverän übergangen hat: Leo Tolstoj, Mark Twain, Henry James, James Joyce, Vladimir Nabokov, Marcel Proust, Anton Tschechow. Das waren seine Leute; das war sein Rang. Mehr Ehre brauchte er nicht.“

Roth hat schon vor ein paar Jahren die Schreiberei an den Nagel gehängt und es ist jetzt leider nicht zu erwarten, dass da noch etwas in der Schublade liegt – da scheint er, der kaum in der Öffentlichkeit auftrat – sehr konsequent gewesen zu sein. Einerseits schade, andererseits: Es sind gut 25 Romane – das ist schon mal was.

 

Hier noch, quasi als Anfütterung, der Beginn von „Sabbaths Theater“:

Schwöre, daß du keine anderen mehr fickst, oder es ist Schluß. So lautete das Ultimatum, das zum Verrücktwerden unwahrscheinliche, völlig unerwartete Ultimatum, das unter Tränen die zweiundfünfzigjährige Geliebte ihrem vierundsechzigjährigen Liebhaber am Jahrestag einer Beziehung stellte, die mit erstaunlicher Freizügigkeit dreizehn Jahre lang gedauert hatte und – nicht minder erstaunlich – ebenso lange ihr Geheimnis geblieben war. Aber jetzt, da die Hormonstöße nachließen und die Prostata größer wurde, da er sich wahrscheinlich nur mehr wenige Jahre noch halbwegs auf seine Potenz verlassen konnte – und ihm womöglich gar nicht mehr so viel Zeit zum Leben blieb –, nun, wo das Ende von allem nahte, wurde ihm, unter Androhung, sie zu verlieren, auferlegt, sich vollkommen umzustülpen.

Sie, das war Drenka Balich, die allseits beliebte Geschäfts- und Ehepartnerin des Gastwirts, geschätzt wegen der Aufmerksamkeit, mit der sie alle ihre Gäste überhäufte, wegen der warmherzigen, mütterlichen Güte, die sie nicht nur einkehrenden Kindern und alten Leuten, sondern auch den Mädchen angedeihen ließ, die die Zimmer saubermachten und die Mahlzeiten servierten, und er, das war der vergessene Puppenspieler Mickey Sabbath, ein kleiner, stark untersetzter, weißbärtiger Mann mit beunruhigend grünen Augen und schmerzenden arthritischen Fingern, ein Mann, der, hätte er gut dreißig Jahre früher, bevor die Sesamstraße anlief, ja gesagt, als Jim Henson ihn an der Upper East Side zum Lunch eingeladen und gebeten hatte, sich seiner Clique von vier oder fünf Leuten anzuschließen, all diese Jahre hindurch in dem großen Vogel Bibo hätte stecken können. Anstelle von Carroll Spinney hätte dann Sabbath in Bibo gesteckt, Sabbath, der auf dem Walk of Fame in Hollywood einen Stern hatte, Sabbath, der mit Bob Hope in China gewesen war – woran ihn jedenfalls seine Frau Roseanna damals gern erinnerte, als sie noch zwei unwiderlegbare Gründe hatte, sich zu Tode zu trinken: das, was geschehen war, und das, was nicht. Da Sabbath jedoch in Bibo kein bißchen glücklicher gewesen wäre, als er es in Roseanna war, machten ihm diese Vorhaltungen nicht viel aus. 1989, als Sabbath wegen schwerer sexueller Belästigung eines Mädchens, das vierzig Jahre jünger war als er, sein öffentliches Ansehen ruiniert hatte, mußte Roseanna infolge des durch den demütigenden Skandal herbeigeführten alkoholischen Zusammenbruchs einen Monat in einer psychiatrischen Anstalt verbringen.