Bevorteilt

von Bert

Beim Prüfungstag heute tauchte ein Prüfling auf, den die Natur, wie meine Mutter es ausdrücken würde, echt bevorteilt hat. Selten so einen schönen, ästhetischen jungen Mann (23) gesehen – ohne das er ein Schönling wäre – mit einer echt tollen Stimme und einer echten Eleganz in der Bewegung. Dazu sowas wie verschmitzer Witz im Prüfungsgespräch aber auch brennende Leidenschaft für sein Gewerk: Boots- und Schiffbau. Der Prüfungsvorsitzende und ich mussten uns zwar nach der praktischen Unterweisung erst nochmals erklären lassen, was er denn da gerade unterwiesen hatte – Bootsbau weißt dann doch eine Komplexität auf, die zumindest ich bis dato komplett unterschätzt habe – aber dennoch war uns klar, dass er im echen Leben jeden Azubi für die Sache entflammt. Mich hat es echt fasziniert, mit welcher Akribie, mit welcher Zwanghaftigkeit, mit welchem Perfektionismus aber zugleich mit welcher Lust er da seinen Azubi erklärte, wie er welches Maß zu übertragen hätte (dazwischen so tolle Begriffe wie „Wasserlinie“ (was ist das?), „Spantenriss“, „Mallkante“ und vorallem „Strak“!) So ein Typ, der Wissen saugt und dem ich zutraue, es dann nicht nur einfach umzusetzen, sondern es kreativ weiter zu bearbeiten. Ich war jedenfalls komplett fasziniert von ihm und – zugegeben – nicht mehr ganz objektiv. Dass er dann aber die 45 Punkte im Mündlichen machte, ist dem Prüfungsvorsitzenden geschuldet, ich hätte ’nur‘ 40 gegeben.

Sei’s drum. Es war einfach ein Genuß und ich war etwas traurig zu wissen, dass ich eben jetzt in einer Altersklasse bin, die ihn kaum interessiert. Von da ist es dann ja echt nicht mehr weit zu ‚meinem‘ Höderlin:

Sokrates und Alcibiades

»Warum huldigest du, heiliger Sokrates,
Diesem Jünglinge stets? kennest du Größers nicht?
Warum siehet mit Liebe,
Wie auf Götter, dein Aug‘ auf ihn?«

Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste,
Hohe Jugend versteht, wer in die Welt geblickt,
Und es neigen die Weisen
Oft am Ende zu Schönem sich.

Friedrich Hölderlin

(Zur Info: Alcibiades galt als einer der schönsten Männer, wenn nicht der schönste überhaupt, im ollen antiken Griechenland. Wie im „Symposion“ von Platon nachzulesen, war Alcibiades aber total frustriert, dass Platon auf seine Avancen nicht eingegangen ist, obwohl diese Form der ‚Liebe‘ damals unter den Hochgestellten gang und gäbe war. Überhaupt: „Symposion“ ist ein echt guter, auch gut lesbarer Text zum Thema Liebe und Leidenschaft – ohne Einschränkungen empfehlenswert (nun ja, es könnte zu Erkenntnisgewinn führen, als dann doch: „Erkenntnisgewinnwarnung!“.)