GT (1)

Ich hatte es ja schon mal hier thematisiert, dass ich mich mit dem Gedanken trage, ne Therapie zu machen bzw. machen zu müssen. Und so ein bisschen habe ich überlegt, ob ich das hier auch zum Thema machen soll / kann, oder ob ich darüber den Mantel des Schweigens hänge. Aber ich habe was dagegen, dass man gerade den ganzen Psychobereich gerne stigmatisiert. Viele haben kein Problem über ihre körperlichen Krankheiten lang und breit zu erzählen, doch sind die Beeinträchtigungen psychisch, dann ist meist Schweigen. Dabei sind psychische Erkrankungen oder Irritationen in der Gesellschaft äußerst weit verbreitet und gehört für nicht wenige zum Alltag. Auch unter den LeserInnen hier wird es welche geben, die eine Therapie gemacht haben oder machen (bzw. machen werden bzw. bräuchten).

Ich war echt noch nie ein Freund von Biolek (wenn der noch überhaupt bekannt ist). Aber der hat zumindest einmal was Kluges gesagt, was ich hier natürlich nur noch paraphraisert wiedergeben kann: „Wer Bauchschmerzen hat – geht zum Arzt. Warum sollte man dann nicht auch zum Arzt gehen, wenn man Seelenschmerzen hat?“ Und ‚Seelenschmerzen‘, der Begriff stammt sicher von mir, soll all das beinhalten, was man früher auch als „Gemütskrankheit“ oder „Irre im Kopf“ oder sonstwie bezeichnet hat. Aber Biolek hat recht. Wenn man einen Knoten im Hirn hat oder die Gefühle ohne einen Tango tanzen, warum sollte man sich nicht Hilfe suchen, um das / um sich wieder in den Griff zu bekommen?

Lange Rede – kurzer Sinn: Über die Termine in der Gruppentherapie werde ich hier einfach schreiben, wenn auch die Scheere im Kopf keine kleine sein wird. Jede/r hat da sein Recht auf Privatheit und man muss Intimstes von anderen nicht einfach so in die Luft posten, was man im Vertrauen erfahren hat. Hindert mich aber nicht daran, meine Eindrücke zu schildern und – vielleicht, wer weiß – eigenen Fortschritte / Besserungen zu dokumentieren. Ich werde sehen – ihr werdet lesen.

Also, erster Eintrag:

Statt wie angekündigt zehn TeilnehmerInnen sind es ’nur‘ neun – davon fehlt eine. Geschlechtermäßig ist es ausgeglichen, ein weibliches Wesen mehr. Altersmäßig übernehme ich den Altersvorsitz (mal abgesehen von Therapeut S., der dürfte zwei, drei Jahre älter als ich sein). Eine Frau kommt meinem Alter noch nahe, eine andere dürfte so um die 40 sein, alle anderen sind Mitte / Ende 20, vielleicht Anfang 30. Der erste allgemeine Eindruck: Es herrscht eine eher freundlich-zugewandte Stimmung, auch wenn wir beide Neuen für Unsicherheit sorgen.

S. bittet die ‚Alten‘ sich etwas ausführlicher vorzustellen und warum sie hier sind … mir kommen dann schon die Zweifel, ob ich da gerade mit Katzen auf Elefanten schieße oder ob ich doch viel heftiger einen an der Waffel habe, als ich mir selber zugestehe. Ich verbuche das mal unter „erste Prozesse“ und versuche mir derweil soviel wie möglich von den anderen zu merken. Eine Frau ist mir jetzt schon recht unsymphatisch, eine andere könnte ich mögen, wenn sie sich mögen lässt. Die Jungs sind alle recht interessant, einer auch das, was ich früher gerne mal als „Schnitte“ bezeichnet habe.

Der Ablauf ist etwas differenzierter als eine Supervision, teilweise sehr gewöhnungsbedürftig … aber dann doch so, dass ich meine Widerstände überwinden und mich zumindest ein wenig darauf einlassen kann:

  • Einstiegsrunde, klassisch. Wie ich bin ich heute da? Was liegt an? Was war seit dem letzten Termin?
  • Bewegungseinheit: Kurzer Gang durch den Raum mit Frischluftzufuhr, Reflexion der Einstiegsrunde: Was hat von dem Gehörten auch mit mir zu tun?
  • Themenauswahl, körperlich: Man legt dem / der, dessen / deren Thema ‚Raum‘ geben will, die Hand auf die Schulter. Im ersten Moment finde ich das so was von doof, lasse mich aber sofort eines Besseren belehren, denn es kommt dadurch zu räumlichen Konstellationen. Echt spannend.
  • Themenbearbeitung, klassisch: Also hier in erster Linie Rollenspiel (was ich gar nicht so mag) oder eben Gruppenrückmeldung.
  • Abschlussrunde, klassisch: Wie geht es mir? Wie geh‘ ich jetzt?
  • Abschlussritual: Man nimmt sich nach einem bestimmten Muster an den Händen und schwingt diese, bis der Therapeut auf drei zählt. Macht einen etwas albernen Eindruck, aber es hat was (Ab)Schließendes. Mal sehen.

Kurz: Ich gucke nach wie vor kritisch, aber bin dann doch etwas erleichtert gewesen, da die Gruppe auf mich den Eindruck macht, dass da gearbeitet werden will (und nicht nur hingefühlt). Und S. redet auch nicht so um den heißen Brei rum – so zumindest der erste Eindruck – und versteht es auch, ein gewisse Leichtigkeit in das schwere Thema zu bringen.

Noch was: Überlegt, ob ich mich heute schon beteiliegen soll oder nicht. Was zu sagen hätte ich gehabt. Aber ich dachte, ich sollte auch mal lernen, mich zurückzuhalten.

Resultat nach der ersten Sitzung: Kopfschmerzen.