Nachgetragene (Vor)Gedanken

von Bert

Dass es zu einer Haftstrafe kommen würde, war klar. An der Tat konnte es keinen Zweifel geben, Staatsanwaltschaft wie Verteidigung waren da einer Meinung. Klar, dass die Würdigung etwas unterschiedlich ausgefallen ist, nicht aber so sehr der Strafrahmen. Einzig und allein die Sicherheitsverwahrung war das Schwierige. Doch auch an der konnte bei genauer Betrachtung nicht gerüttelt werden.

Ich hab‘ mir die letzte Woche echt viele Gedanken dazu gemacht, gerade was meine Rolle betrifft bzw. meine Möglichkeit, auf das Urteil als Laienrichter einzuwirken. Mal abgesehen davon, dass ich mit einer Mindermeinung eh überstimmt worden wäre und das ein halbes Jahr – für das man ggf. hätte kämpfen können – länger oder kürzer unter dem Aspekt der Sicherheitsverwahrung pillepalle ist, ist die Rolle des Laienrichters wirklich die des Korrektivs. Denn die drei Berufsrichter heute mussten ja in der Urteilsfindung erst uns erklären und uns überzeugen, dass man dieses Urteil verhängen kann / muss / soll. Nicht dass der Vorsitzende Richter von mir genervt gewesen wäre, aber ich habe mir akribisch die Varianten erläutern lassen, die da noch möglich gewesen wäre. Und zu fünft haben wir uns wirlich dem Urteil über Diskussion und Austausch so lange angenähert, bis wir es gefunden hatten. Auch hat letztendlich der Angeklagte durch die Art seiner Tat & leztendlich hat das Strafgesetzbuch da wenig Varianten übrig gelassen. Also Erfüllungsgehilfe? Marionette eines Systems?

Ich denke, man kann das durchaus so sehen, wenn man nicht mit dem deutschen Rechtssystem einverstanden ist. Ich bin aber ein Verfechter genau dieses Systems – das amerikanische bspw. bevorteilt meiner Meinung nach die, die Geld haben und ist großen Manipulationen ausgesetzt. Und wenn ich dieses System stützen will, dann habe ich ohne Ansehen der Person es gegen Personen zu verteidigen, die meinen, sich zum Schaden anderer darüber stellen zu können. Denn das System schützt, jede und jeden.

Es hat mir schon weh getan, diesen Menschen für weitere vier Jahre ins Gefängnis zu schicken. Wenn er diese Haftstrafe abgesessen hat, wird er ein Drittel seines Lebens in Unfreiheit verbracht haben. Macht es definitv für ihn nicht einfacher. Aber solange er mit seinem abweichendem sexuellem Verhalten derat nicht zu recht kommt, so dass andere darunter massiv leiden (physisch wie psychisch), so lange kann er nicht an der Gesellschaft teilnehmen.

Das System hat ihm schon nach der ersten (schweren) Tat die Möglichkeit gegeben, sich professionelle Hilfe aus dem therapeutischen / sozial-therapeutischen / sexualmedizinischem / … Bereich zu holen. Es wurde ihm sogar angeboten. Doch eine vollkommene Ablehnung dessen, hat den Spielraum bei der Urteilsfindung verkleinert. Gerade dieser Punkt, inwieweit es dem Angeklagten möglich oder unmöglich war / ist, sich hier ansatzweise zu öffnen oder tastend sich am Rande darauf einzulassen, stand im Fokus meiner Frage an den – wie ich nachrecherchiert habe: angesehenem – Gutachter.

Wenn ich mir das Geschriebene gerade so durchlesen, dann ist das alles … nun ja … wenig neu oder speziell oder besonders oder furchtbar tiefsinnig oder … . Aber es ist das eine am Tisch bei Bier und Wein mit Freunden über das Rechtssystem zu diskutieren – was ich, wenn es die Gelegenheit gibt, äußerst gerne mache. Es ist das eine, mit dem StGB und der StPO auf den Knien einen Tatort zu verfolgen. Es ist das eine, sich über Urteile, die man im Radio / Fernsehen gehört / gesehen hat aufzuregen, weil man sie als ungerecht empfindet. Und es ist ein anderes, das System aktiv zu leben.

Ich kann nur sagen: Eine Lebenserfahrung reicher – und aus diesem Tag heute, hätte ich in den letzten Jahren locker eine ganze Woche bestritten.