59 – Moosbrugger denkt nach (235-242)

von Bert

Hat sich im neuen Gefängnis eingerichtet – Einzelzelle – beschwert sich über die Behandlung – über die Schwäche des Anstaltsgeistlichen – Auch der Gefängnisarzt versagt – fühlt sich ausgeliefert – ist derzeit überempfindlich – jetzt muss sich der Staat um ihn kümmern – genießt es etwas – denkt nach, was sein Recht sei – „Recht ist Jus“ [Jus, österreichisch für: Rechtswissenschaft, Jura] – erinnert sich an seine Meisterin, als er 16 war – die anderen Lehrburschen veräppeln ihn und er soll der Meisterin eine obszöne Geste zeigen, dann könne sie ihm nicht widerstehen – die Meisterin flippt aus und schlägt ihn blutig – im Gegenzug stürzt er sich auf die Meisterin – fliegt raus – für Moosbrugger ist das Jus immer bei den anderen, nie bei ihm – in der Freiheit wurde ihm das Denken schwer – es fehlen die richtigen Worte – er ist dadurch sehr verunsichert – er hat auch ‚Zustände‘, dann ist er Sinn – hört dann u.a. Stimmen, Musik, Summen, … – hat auch optische Halluzinationen – er denk „außen und innen“ und daher besser als alle andere – er sieht die Dinge ‚zusammen‘, kann sie / will sie nicht einzeln sehen – fühlt sich morsch wie verkohltes Holz – wünscht sich den Tod

… aber was wirklich geschehen war, das kam ihm so vor, als ob er plötzlich fließend etwas in einer fremden Sprache gesprochen hätte, das ihn sehr glücklich gemacht hatte, das er aber nicht mehr wiederholen konnte. (241f)

Wenn ich mein in diesen Dingen bescheidenes Wissen zusammenkrame, dann meine ich sagen zu können, dass es sich hier um den Versucht handelt, eine Form der Schizophrenie zu beschreiben. Und das gelingt Musil sozusagen meisterhaft. Das Geile daran ist, dass es eben nicht aus der Außensicht beschrieben wird, also wie der Arzt den Kranken sieht, sonder wie der Krank die Welt sieht – und was das für Kraft kostet, die unterschiedlichen Eindrücke, die teils gar nicht zueinanderpassen und die aber wiederum teils ineinanderfließen ‚richtig‘ zu unterscheiden bzw. damit umzugehen. Frag‘ ich mich, woher hat Musil das gewusst? Breites Allgemeinwissen wird das damals noch nicht gewesen sein. Starkes Kapitel jedenfalls und eins, dass im besten Sinne Demut lehrt.