Durch die Zeit

WMDEDGT 4/19

von Bert

Jeden Monat fragt Fr. Brüllen, was man denn so heute gemacht hat.

5:58 – Der Wecker klingelt jetzt immer zwei Minuten früher. So wache ich nicht mit den ersten Nachrichtenschlagzeilen auf, sondern mit ein paar harmonischen Schlussakkorden, die das Nachtprogramm noch sendet.
6:01 – Tee aufsetzen in der dunklen Küche. War es nicht schon mal hell gewesen? Habe ich schon erwähnt, dass ich diese Zeitumstellung zutiefst hasse (mal abgesehen davon, dass sie vollkommen sinnentleert ist)?
6:02 – Im Bad ist es erst kalt, dann nass, dann trocken.
6:12 – Im T-Shirt Brot schmieren, Tee trinken, Zeitung lesen, Tabletten lutschen.
6:28 – Klamotten anziehen, Schuhe anziehen, Jacke anziehen, zur Straßenbahn gehen – und um wider zu Erwarten doch noch die 1 zu bekommen.
6:48 – Eingestempelt in ‚Abteilung neu‘.
9:00 – Meine ersten Abteilungssitzung in ‚Abteilung neu‘. Es sind 15 Leute die da sitzen, wir brauchen 55 Minuten.
10:00 – Ich stoße, nach dem ich mich umgestempelt habe, zur Sitzung der ‚Abteilung alt‘ zu, die schon vor einer halben Stunde begonnen hat. Hier sitzen 14 Leute und wir brauchen bis …
12:00 – … endlich hat das selbstdarstellende, inhaltsleere Gelabere immer derselben Wichtigtuer ein Ende.
12:05 – Da zu wenig Brot zu Hause gewesen war gibt es Nudeln mit Hühnchenfleisch beim glutenfreien Chinesen.
12:36 – Ich stemple mich wieder in ‚Abteilung neu‘ ein und tue so, als würde ich etwas tun – sieht aber niemand, ich bin alleine im Großraumbüro.
15:32 – Ich fahre nach Hause.
16:15 – Bevor Rolli-A. kommt, gönne ich mir noch eine Mütze Schlaf, dringend notwendig.
17:00 – Warten auf Rolli-A.
17:15 – Sie wird angefahren und wir tragen sie zu dritt in ihrem Liegerollstuhl zu uns hoch.
17:30 – nach kurzer Wohnungsbesichtigung parke ich sie in der Küche, mein Mann und ich kochen Geschnezeltes mit Reis und grünem Spargel, wir süffeln Prosecco und checken ab, was in den letzten beiden Jahren so war. Ihr Belastbarkeit hat aufgrund ihrer schweren Behinderung eben Grenzen und mir war klar geworden, dass während der Ausbildung wenig Kräfte zur Verfügung standen. Um so mehr freut es mich / uns, dass sie mal wieder da ist.
18:15 – Essen ist fertig. Parke Rolli-A. erst falsch am Tisch, aber da sie nicht auf dem Mund gefallen ist … Ohne groß zu überlegen oder auch nachzufragen bekommt sie zwar ihren eigenen Teller (auf einem Stöfchen, sie braucht etwas länger beim Essen und wir sehen nicht ein, dass es kalt werden muss) aber das Besteck wechsel ich nicht, wenn ich ihr in Mini-Happen das Essen gebe. Und mich freut es sehr, als sie nach ein paar Bissen bzw. Bisschen bemerkt: „Schön, dass wir wieder vom gleichen Besteck essen“.
20:15 – Nach zwei Stunden ist sie satt. Soviel hat sie bei uns noch nie gegessen. Ich bin etwas stolz auf mich, dass ich beim Essen geben nicht einmal meinen Mund aufgemacht habe, was ich sonst gern getan habe.
21:00 – Da lag doch was auf ihrem Herzen … jetzt wissen wir es … und konnten wohl gut was dazu sagen.
21:33 – Der Stiefvater holt sie wieder ab, wir tragen sie runter, rollen sie zum Bus, sie bekommt, wie immer, zum Abschied einen Kuss – egal, dass der Vater das aus religösen Gründen nicht gerne sieht. Eh ein Wunder, dass er seine Stieftochter mal wieder für Stunden den verdammenswürdigen Schwulen überlassen hat.
21:45 – Abschimmeln. Einfach so. Mit ohne Hose. Mit Glas Wein. Mit einer handvoll Erdnussflips. Mit Fernsehen.

3 Kommentare to “WMDEDGT 4/19”

  1. 6:02 ist lustig. Und wer ist Rolli A. Hab ich noch nie was bei Dir gelesen. Oder ist mir da was entgangen?

    • Bert sagt:

      Nee, dir ist nix entgangen. Rolli-A. war etwas abgetaucht. Die Ausbildung hat sie doch sehr angestrengt und ihre sehr religiösen Eltern finden, dass wir als Schwule für sie kein Umgang sind. Alles etwas kompliziert, aber sie scheint sich jetzt mehr durchsetzen zu können.

  2. Lebensnah und ehrlich, vor allem das Schimmeln.

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