62 – Auch die Erde, namentlich aber Ulrich, huldigt der Utopie des Essayismus (247-257)

von Bert

Genauigkeit als menschliche Haltung – pedantische vs. phantastische Genauigkeit – Beispiele – zwei Geistesverfassungen – die eine ist genau – die andere schaut auf das Ganze, auf das Ewige, Große und Wahre – die Weltgeschichte ist optimistisch – Wissen vs. Glaube – Ulrich aus der Jugend: „hypothetisch leben“ – Im Unfesten liegt mehr Zukunft als im Festen – später statt Hypothese nun der Begriff Essay = betrachtet ein Ding von vielen Seiten, ohne es ganz zu erfassen – Mensch ist Inbegriff seiner Möglichkeiten – Tugend ist Laster ist Tugend – Moral, Altersform eines Kräftesystems – Moral ist bewegliches Gleichgewicht – Philosophie im Zusammenhang mit Tyrannei – Mißtrauen gegen Philosophie, obwohl allgegenwärtig – Essay als unabänderliche Gestalt, die das innere Leben eines Menschen annimmt – das „dazwischen“ – zwischen Abscheu und Verlockung – nur eine Frage lohnt das Denken – die des rechten Lebens – Ulrich wartet „hinter seiner Person“

Will man sich vorstellen, wie solch ein Mensch lebt, wenn er allein ist, so kann höchstens erzählt werden, daß in de Nacht die erhellten Fensterscheiben ins Zimmer schauen, und die Gedanken, nachdem sie gebraucht sind, herumsitzen wie die Klienten im Vorzimmer eines Anwalts, mit dem sie nicht zufrieden sind. (257)

Langes und schwieriges Kapitel. Inhaltliche Fortsetzung des vorigen. Musil versucht hier die ‚Zwischenwelten‘, in denen wir auch leben, auszuloten. Es ist ja nicht so, das jedes nur zwei Seiten hat, sondern auch mit unterschiedlicher Gewichtung gesehen / gelebt werden kann. Wenn man dann keine Linie für sich selber festlegt, kommt man ins Schwimmen. Kurz: Zwischen Moosbrugger und Ulrich gibt es noch viele Varitäten, alle haben recht – aber das Gesetz dazu zu finden ist unmöglich und macht schwindlig, je länger und genauer man darüber nachdenkt. Denn weder kann man nur in dem einen, noch in dem anderen leben. Exakte Wissenschaft ist das eine, Gefühl das andere. Es gibt kein weder-noch, sondern nur unendliches, unbeschreibbares Dazwischen. Mit dieser Diskussion ist Musil auf der Höhe der Zeit – und ich bin mir sicher, dass über diese zehn Seiten schon mehr geschrieben worden ist als über die restlichen Seiten des MoE.