Pinocchio, wo warst Du heute?

von Bert

Acht Stunden auf Gericht. Über eine Stunde werden TÜ-Beschlüsse vorgelesen, also wann wieso welche Telefonnummer wie lange abgehört wurden. Aus Langeweile zähle ich mal die überwachten Anschlüsse der beiden Angeklagten mit, bei 23 gebe ich auf. Wer mit soviel Handy jonglieren kann, der handelt planmäßig finde ich, spontan ist da echt wenig.

Bei zwei Zeugen herrscht ein bisschen babylonisches Stimmengewirr, denn zuerst muss aus dem bulgarischen bzw. griechischen ins Deutsche übersetzt werden, dann ins Albanische für die Angeklagten. Bei Fragen geht’s dann rückwärts und ich bewundere die Gelassenheit der Dolmetscherinnen, in diesem Stimmenwirrwar nicht den Faden zu verlieren.

Eine Zeuge stellt sich nochmals quer, trotz Dolmetscherin, trozt Rechtsbeistand. Erst als der Vorsitzende ihm klar macht, dass, wenn er weiter so dreist lügt, das mit seiner Bewährung schwierig werden könnte, räumt er ein, was er in seinem Prozess eh schon eingeräumt hat – aber an die Gesichter der Angeklagten kann er sich partout nicht erinnern. Pinocchio, wo warst Du heute?

Der Zeuge vom Mobilen Einsatzkommando sieht so aus, als würde er im Hauptberuf vegange Seife verkaufen, sein Auftreten ist dann aber doch der eines Gruppenführers eines Mobilen Einsatzkomandos. Ich lerne etwas über den fehlenden Wumms eines 9mm-Geschosses, möchte dennoch damit keine Bekanntschaft machen.

Zwei Schiebetermine, dann ein dritter Verhandlungstag.

Ach so: Autos werden bei den Kriminalen hier nie ‚geparkt‘, sondern immer ‚abgeparkt‘.