Wort zum Sonntag

von Bert

Mit der Kirche habe ich immer weniger zu tun. Ein Ergebnis des psychischen Prozesses derzeit wird auch sein, dass ich austreten werde. Seit zwei Jahren betrete ich ja auch keine Kirche mehr, zuviel davon gesehen, und was der Papst macht (oder nicht) geht mir in der Zwischenzeit auch am Arsch vorbei. Und das „Wort zum Sonntag“ empfand ich die wenige Male, die ich es mir angetan habe, einfach nur als „Wohlfühlgeschwätz“, eine christliche Phrasendrescherei, die der Realität nicht stand hält.

Gestern zu müde, um aufzustehen und die Fernbedienung mir zu greifen, also hörte ich mir das „Wort zum Sonntag“ von Pastorin Annette Behnken an. Allein der erste Satz ließ mich aufhorchen und der ganze Rest … nicht schlecht. OK, bei den letzten drei Sätzen ‚himmelt‘ und ‚heiligt‘ es mir ein wenig zu viel, aber bis dahin …

Wer lesen will, ich hab‘ mir gerade den Text geklaut und reinkopiert, ansonsten kann man es hier hören und sehen.

Der Advent funktioniert nicht mehr. Die Welt wird nicht besser davon, dass wir einmal im Jahr vier Wochen lang Kerzen anzünden. Also: abschaffen, denk ich. Und vor mir steht der Adventskranz, den ich diese Woche gekauft hab – zu Hause auf dem Tisch. Daneben mein Laptop.  Und ich seh‘ ein Video, das gerade durch die sozialen Medien geht. Man sieht den Nordpol. Wie das Eis schmilzt. Die letzten 35 Jahre in 35 Sekunden. Im Zeitraffer sieht der Nordpol aus wie ein riesiges Herz, das pumpt und pumpt und allmählich ausblutet. Daneben dieser Adventskranz.

Er funktioniert nicht mehr, der Advent. Nicht mehr so, wie früher.

Gestern wieder Generalstreik: Friday’s for future – da geht es allenfalls noch um Schadensbegrenzung, das ist den Schülerinnen und Schülern klar. Und morgen? Soll Advent sein? Und alles ist schön? Advent, Advent, ein Lichtlein brennt?
Erst eins, dann zwei, …?  – mehr als drei, vier Nazis waren es, die letzten Samstag in meiner Heimatstadt Hannover aufmarschiert sind und Journalisten bedroht haben. Ungeniert die Pressefreiheit angegriffen haben. Nazis proklamieren wieder unverhohlen ihren rechtsradikalen Schrott. Und morgen geht der Advent los. Und es passt nicht.

Die Welt ist nicht besser geworden und wird nicht besser werden davon, dass wir vier Wochen lang Kerzen anzünden. Und ich zünde morgen eine Kerze an. Und auch die zweite und die dritte – in den nächsten Wochen, während, rein statistisch gesehen, auf irgendeiner Straße in irgendeiner Stadt der erste Obdachlose dieses Winters erfriert.

Der Advent funktioniert nicht mehr. Nicht mehr so, wie früher. Da konnte ich noch glauben, was er verspricht. Als ich dachte, wir können das Ruder noch rumreißen, es ist vielleicht fünf vor zwölf, aber – das schaffen wir noch.
Da hat der Advent noch funktioniert. Ich konnte in Kerzenlicht baden und die Botschaft glauben: Advent ist die Zeit der Erwartung. Dass Gerechtigkeit und Frieden sich küssen. Und Gott kommt in die Welt und macht alles heil!
Ich zünde morgen die erste Kerze an. Mit einer armseligen Hoffnung, die dringend Nahrung braucht. Weil sonst nichts bleibt, außer: Tatsachen, die nicht auszuhalten sind. Außer verreckenden Visionen von einer besseren Welt. Außer Ohnmacht.
Meine Hoffnung funktioniert nicht mehr, wie früher.

Die Welt wird nicht besser, weil wir vier Wochen lang Kerzen anzünden. Aber wir Menschen zünden Kerzen an, wenn die Welt besser werden muss. In den 50er Jahren standen Millionen von Kerzen in westdeutschen Fenstern, um zu zeigen, wie verbunden sich die Menschen im Westen mit denen im Osten fühlten. Tausende Kerzen bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig. Nach Flugzeugabstürzen, nach Gewalttaten – es brennen Lichtermeere und leuchten gegen das Dunkle an. Wenn ein Leben zu Ende geht, wenn eines beginnt – wir zünden Kerzen an.

Keine brennende Kerze macht die Welt besser. Und ich kann die Welt nicht aushalten, ohne Hoffnungslichter. Ohne solche Zeichen. Ohne solche Zeiten, wie den Advent. Kuschelige Weltflucht bei Kerze, Keks und Mandelkern. Ja. Auch das! Das brauchen wir Menschen manchmal. Aber der Advent ist ja mehr! Er passt nicht in diese Welt. Er stellt sich gegen die Welt. Er ist eine Gegenkraft gegen die Hoffnungslosigkeit. Ohne solche Zeiten gehen wir vor die Hunde und die Welt mit uns. Ohne diese Hoffnungskraft, die vom Himmel auf Erden erzählt. Das ist, was wir zum Leben brauchen: Hoffnung. Sehnsucht. Erwartung. Nicht, dass sich etwas wandelt. Nein – dass wir etwas wandeln. Dass Heiliges wahr und Himmlisches wirklich wird. In und durch uns.