Durch die Zeit

Monat: Januar, 2020

Endlich!

Endlich knapp 300 Euro weniger!

Denn das heißt,  mir ist es endlich nach Monaten gelungen, mir ein weiteres Paar Schuhe zu kaufen, die mir passen und die mir gefallen. Und um diesen Tag die Krone aufzusetzen: Mir ist – nach zehn Jahren! – zudem gelungen endlich ein paar Schuhe zu kaufen, die mir passen, dir mir gefallen und die rot sind!

Also um zwei Paar Schuhe, drei Oberhemden und ein dreibändiges Buch heute reicher bzw. ärmer aus der Stadt gekommen.

Meinen wirtschaftlichen Beitrag habe ich also zumindest für das erste Quartal 2020 erfüllt.

Happy Birthday, Janis!

In der Straßenbahn

Neben und vor mir zwei Jungstudierende, männlich und weiblich, christlich angehaucht und gerade im Bekenntnismodus („Sowas kann ich halt nur mit Dir, da fühle ich mich halt so wohl, weißt du? So eher zuhause“). Zwei Haltestellen weiter steigt ein Kommilitone etwas weiter hinten in die Staßenbahn ein. Beide fänden es richtig gut, wenn er sich aber zu ihnen setzen würde. Also was machen sie? Genau, sie zücken ihre Handys und versuchen ihn auf sämtlichen Kanälen, die solch Jungstudierende haben (SMS, Whatsupp, FB, Insta, Anruf, …), zu erreichen – erfolglos. Dann versuchen sie es mit Gedankenübertragung und sind sich sicher, dass, wenn sie ihn nur intensiv genug anschauen, er sie auch bemerken würde. Aber auch dieser Glaube versetzt weder Berg noch den Kommilitionen. Nach ca. zehn Haltestellen kommt zumindest er auf den Gedanken, man könnte ja auch rufen – findet sie aber „echt nicht gut“ und eine Haltestelle weiter, wieder er, man könne ja hingehen. Lohnt dann aber nicht, weil sie an der nächsten Haltestelle gemeinsam aussteigen.

GT (36)

Beobachten bzw. etwas zu registrieren und daraus Rückschlüsse zu ziehen, ist ja eher die Stärke der Frauen. Ich versuche seit Jahren das zu üben – immerhin in der Therapiegruppe gelingt es mir zu registrieren, aber eben noch nicht immer, Schlüsse zu ziehen.

Heute saß L. mal wieder im Sessel und nicht wie in den letzten Wochen, wie wir alle, auf dem Stuhl. Also interpretierte ich, dass sie sich mal wieder in sich zurückgezogen hat und von ihr, wie dann immer wenn sie den Sessel wählt, nichts zu erwarten ist.

Doch dann hat sie eine Stunde lang die Runde gerockt und soviel geredet wie die ganze Zeit, seit ich dabei bin nicht – und alle fanden es gut, dass sie endlich mal aus sich herausgekommen ist. Auch der Psychodoc war überrascht und wollte dann von ihr wissen, warum sie den Sessel gewählt hätte. Der, so sie, hätte ihr Sicherheit gegeben und die hohe Rücklehne hätte ihr bei Gegenwind, den sie erwartet hat, den Rücken gestärkt. Gegenwind gab’s keinen.

Mir kamen die 90 Minuten irgendwie doppelt so lang vor. Musste mich auch anstrengen, zuzuhören. Mich interessiert es gerade nicht wirklich. Überhaupt interessieren mich die anderen gerade wenig. Ich glaub, ich muss erst mit meinem Thema durch sein, dass ich wieder auf machen kann.

29 – Professor Hagauer greift zur Feder (945-953)

Hagauer realisert erst mit der Zeit, dass Agathe nicht mehr da ist – willigt erstmal nicht in die Scheidung ein – schreibt Agathe einen Brief

Es ist bekannt, daß ein männliches Wesen, solange es noch zeugungsfähig ist, kurze Pausen der Ehe ähnlich empfindet, wie wenn ein leichtes Joch von ihm abgenommen würde, auch wenn es gar keine bösen Ausführungen damit verbindet und nach Ablauf der Erholung erfrischt sein Glück wieder auf sich nimmt. (947)

Romanökonomisch macht man so etwas, wie Musil es hier tut, schon ewig nicht mehr. Selbst Thomas Mann hätte sich hier zurückgenommen. Denn wie es der Seitenfigur Hagauer (er)geht steht nicht gerade im Zentrum des Interesses. Aber dennoch zeichnet Musil ihn mit wenigen Strichen auf wenigen Seiten – und das muss ihm erstmal jemand nachmachen. Schreiben konnte er, wenn es auch mit der Ökonomie nicht wirklich dann geklappt hat.

1. Schritt

Termin mit einer Ärztin ausgemacht, die mir empfohlen worden ist. Sie guckt auch auf die Psyche – war mir schon immer wichtig. Wenn die Chemie einigermaßen stimmt, dann werde ich sie bitten, den Reha-Antrag zu schreiben. Denn wenn ich dieses Jahr ein Ziel habe, dann für min. vier Wochen in eine psychosomatische Klinik zu kommen, um aus dem Ganzen der letzten Monat ein Paket zu machen.

Laberrunde

Warum hören sich (manche / einige / viele) Menschen so gerne reden?

Warum bekommen Menschen nicht mit, dass sie die gleiche Geschichte nun zum xten Mal erzählen?

Warum müssen Menschen, die etwas erzählt haben, das auch immer gleich noch mindestens einmal wiederholen?

Und warum erzählen Menschen auf das gerade Gehörte mit Geschichten, die gar nicht zu dem gerade Gehörten passen?

Ich bin wohl einfach zu pragmatisch.

XS – # 552-554

Immer wenn Rolli-A. kommt machen wir uns einen Spaß daraus, dass Essen auch in Miniform zu präsentieren. Sie ist ja gerade mal nen Meter lang (wenn überhaupt) und mit 20 kg deutlich leichter als ihr Liegerollstuhl. Unser Anspruch besteht darin, nicht extra etwas für sie zu kochen, sondern das zu kochen, was wir auch anderen Gästen präsentieren würden – wenn halt nur eben alles dann in XS. Eine Einschränkung gibt es aber dann doch: Man muss es irgendwie in sie unfallfrei hineinbekommen – und da sie liegt ist Suppe etwas, was einfach mit Löffel gar nicht geht.

Gestern gab es also dann Caprese von der Kirschtomate

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Ein irre gutes Steipilzrisotto von dem sie fast zwei Portionen gegessen hat und den den Rest gerne mitnahm.

Dann mit einer Schrimps-Farce gefüllte Rigatoni an (na ja, klarem) Tomaten-Sugo auf einem Stöfchen warm gehalten, denn pro Portion dauert es schon ne halbe Stunde, bis die weggeputzt ist, denn man kann nur etwa 1/3 der Kuchegabelzinken mit Essen ‚anhäufen‘, mehr geht nicht in den Mund. (Heute morgen im Bett ist mir dann noch eingefallen, wie man das Gericht noch etwas aufpimpen kann, dann kommt das als Vorspeise sicher extrem gut an, ist zudem noch gut vorbereitbar.)

Ab hier waren wir dann auch zu fünft, weil spontan noch ein befreundetes Ehepaar vorbei kam und die haben dann halt das bekommen, was wir uns für heute Abend mitgemacht hatten. Kurz: Alles weg.

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Und zum Schluss eine Mandarinen-Panna Cotta, wobei die Mandarinen nur ‚Verzierung‘ sind, der Geschmack war echt in der Panna Cotta, da ist meinem Mann echt was gelungen. Eigentlich hätte da noch etwas Schokoladenrapseln dazugehört, aber die hat dann mein Mann vergessen, egal, war auch so gut.

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Ach ja: Ich hab nur auf dem Tischtuch, auf der Servierte und auf meiner Hose Flecken gemacht – nicht aber auf sie. Ich bitte das doch wohlwollend zu belobigen.

28 – Zu viel Heiterkeit (935-945)

Agathe bewegt sich elegant in der Gesellschaft – sie leben sich in dem Haus zusammen ein – da keine Zofe, hilft Ulrich Agathe bei der großen Garderobe – sie kauft viel ein, belegt fast alle Räume – Ulrich sinniert über geschwisterliche Nähe – Frage nach der Rolle als Bruder bzw. als Mann – für Ulrich ist Liebe ein Ausnahmefall – beide suchen ihre Rollen zueinander

»Vielleicht macht es dir nur Spaß,« gab Agathe zur Antwort »Bruder und Schwester zu spielen, weil du vom Mann und Frau Spielen übergenug hast?!« (940)

Mal wieder so ein richtiges Musil-Kapitel, voller Anspielungen, Zwischentöne, Feinheiten und Ideen. Wirklich klasse gemacht, wie er die Unsicherheit von Ulrich umschreibt, wie er als Mann und Bruder zu Agathe stehen kann, darf oder soll. Agathe macht es ihm da auch nicht einfach, da sie, arg von sich überzeugt, nicht nur wörtlich, viel Raum einnimmt. Die Anspielungen auf das, was wir heute ‚freie Sexualität‘ nennen, dürfte schon leicht Skandal umwoben sein, denn dato fand ‚gesellschaftliche Sexualität‘ ja nur in der Ehe statt (sieht man, was großzügig getan wurde, vom Sex zwischen jungen Männern und Dienstmädchen ab). Echt guter Text zu gesellschaftlichen Geschlechterrollen.

Ja was denn?

Zur Zeit weiß ich gar nicht so richtig, was ich hier bloggen soll. Im Alltag ist – was gut ist – eher wenig los. Keine richtigen Aufreger, alles plätschert so vor sich hin.

Die intrapsychischen Prozesse sind nach wie vor im Gang, aber das irrlichtert mehr, als dass ich da konkret was dazu schreiben könnte. Und meine Alpträume stehen in einem extra Dokument, die muss ich hier niemanden zumuten.

Immerhin heute mal einen Termin mit einer Ärztin ausgemacht, die mir jemand aus der Therapiegruppe empfohlen hat. Anfang Februar schaue ich sie mir an in der Hoffnung, dass ich „mit ihr kann“. Denn ich brauch‘ jemand, der mir einen guten Rhea-Antrag stellt – und einen Hausarzt / eine Hauszärztin zu haben ist ja auch nicht falsch. (Meine ehemaliger hat es ja vorgezogen, Expeditionsschiffsarzt zu werden.)

Oder sollte ich mir auch so ein Spielzeug anschaffen?

Jedenfalls schiebe ich heute nach ein paar Monaten Pause mal wieder einen Nachtdienst und komm so auf den ein oder anderen Alptraum rum.

Und der Hölderlin ist heute gekommen. Vielleicht doch mal alle seine Briefe lesen? Die an Neuffer las ich ja als Student mit Begeisterung. Damals war halt der Freundschaftskult hoch im Kurs. Da wimmelte es nur so von „Herzen“ und „Busen“ und „Armen“ und „Seelen“. Klang ganz schön schwul – kein Wunder, dass ich mich damals darauf gestürzt habe. Hölderlin als Coming-out-Helfer – das hätte er sich auch nicht gedacht.

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