Durch die Zeit

Monat: Januar, 2020

Weiterbildungsurlaub – Tag 5

Der Tag beginnt mit der Überlegung, ob im Bett bleiben vielleicht doch eine Alternative sein könnte.

Die Fenster-Statistik vermeldet: Heute ein absoluter Frauentag, wengistens die Richtungen sind gleichberechtigt, ansonsten keine Besonderheiten. Die Detailanalyse und das dadurch erarbeitete Ergebnis werde ich nachreichen.

Zur Entspannung dürfen wir erstmal einen Brief an uns selber schreiben, bis es zu einer Live-Mediation kommt. Da fließen dann nach wenigen Minuten die Tränen und die Stimmung ist zumindest für den Vormittag erstmal im Eimer. Aber damit war ja zurechnen, denn „Konfliktspenden“ haben Wein-Potential. (By the way, wer ein Konflikt spenden will, ich nehme sie alle ab.)

Dann weitere Übungsrunde, beide Mediatoren haben ‚Angst‘, weil ich den Oberarzt gebe und verlieren sich leider etwas, obwohl ich ganz ‚lieb‘ bin. Aber aufschlussreich. Aber dann reichts auch, war ein echt volle, intensive und kraftzehrende Woche.

Es gibt zwei Leute, die ich bei der Verabschiedung umarme, das ist einmal N. (wen wunderts) und – voll krass – „Voll-Krass“.

Weiterbildungsurlaub – Tag 4

Die Fenster-Statistik gleich zu Beginn. Heute gleichviel Männer wie Frauen die nahezu gleichviel von rechts wie von links kommen. Also volle Dynamik in der Statistik, da zudem heute überhaupt keine Hund, aber dafür drei Fahrräder zu verzeichnen sind.

Wir starten alle komplett übermüdet, aber ich darf zu Beginn dann ein kleines Impulsreferat zu meinem liebsten linguistischen Thema geben, was sich einfacherhalber am besten so beschreiben lässt: „Wo ein ’nicht‘ nicht steht, muss noch lange nicht kein ’nicht‘ gemeint sein“. Anschließend alle beeindruckend verwirrt – und wach.

Etwas Theorie und schließlich meine erste Übungsmediation zusammen mit N. Macht richtig Spaß und fühlt sich auch ‚voll gut‘ an, da ich Herr der Lage bleibe, mich nicht treiben lasse und einfach die Ruhe weg habe, die beiden Konfliktparteien solange zu spiegeln, bis der Kern freigelegt ist. Zudem sehe ich, wo ich die gewaltfreie Kommunikation einsetzen kann (was noch etwas schwerfällig daherkommt) aber damit wirklich was erreiche, auf dessen Basis dann weitergearbeitet werden kann. Gut, das Ganze geht sicher auch noch eleganter und N. und ich greifen noch nicht so richtig ineinander – aber hallo!? Für ein erstes Mal kommen wir da richtig gut durch und sonnen uns anschließend in den positiven Rückmeldungen (gerade auch von T., der uns das Mediatorenleben so richtig schwer gemacht hat).

Die Luft ist danach eigentlich komplett draußen, doch dann geht es darum, die Intervisionsgruppen zu bilden. Und da ich unbedingt mit N. – und sie übrigens auch mit mir – will, bin ich ganz schön nervös. Doch das löst sich dann alles ganz schnell in Wohlgefallen auf, denn statt vier Gruppen gibt es nur zwei: Die die von hier sind und die Auswärtigen.

Ich schreibe ganz schön viel über N., fällt mir auf. Aber ich mag sie einfach. Sie hat auch so eine schöne Mischung aus Pragmatik und Gefühlsgedöhns, ganz meine Kragenweite.

 

 

Beethoven: Sonata No. 23 in F minor, Op. 57, „Appassionata“: II. Andante con moto

Begeistert mich gerade total!

Weiterbildungsurlaub – Tag 3

Die Vorbeigehstatistik vorweg. Wieder mehr Frauen als Männer, wieder eher von links nach rechts. Heute aber keine Kinderwagen, dafür viele Hunde. Wie gesagt, manche Ergebnisse muss man einfach (erst mal so) stehen lassen.

Intensives Üben einzelner Schritte. Und weil uns die Pipi-Konflikte ausgehen greifen einige nun zur ihren echten. Willkommen menschliche Abgründe!

Mühseelig versuchen wir in Kleinrunden wertfreie Beobachtungen zu formulieren und ansonsten jegliche möglichen Vorwürfen oder Unbestimmtheiten aus dem Weg zu gehen. Mir ist bald klar, dass gewaltfreie Kommunikation (GFK) in Reinform nicht funktioniern kann –  oder man vergewaltigt beständig die deutsche Sprache. Erachte aber GFK dann schon – gerade bei der Frage nach den Bedürfnissen – als hilfreich und meinen Ansatz erweiternd.

Ein Spaßmacher vor dem Herrn bin ich nun wirklich nicht, dennoch ernte ich für den ein oder anderen nicht ernstgemeinten Einfwurf schallendes Gelächter. Wann ist mir das das letzte Mal passiert?

Die Mittagspause verbringe ich wieder alleine. Ich muss echt aufpassen, dass es nicht zuviel Input wird und berichte kurz davon in der Schlussrunde. Aber die anderen werdens wohl schon gemerkt haben.

Fazit: Haben heute echt gut und intensiv gearbeitet.

Ach so: „Voll-Krass“ mag es nicht, wenn ihr Mann Schoko-Müsli isst – wegen des Zuckers – hat aber, wie ich in einer Kleingruppe feststellen konnte, einen echt angenehmen Humor.

Weiterbildungsurlaub – Tag 2

Geschickt, wie ich manchmal sein kann, habe ich mir meinen Platz nicht nur in Nähe zu N. ausgesucht, sondern auch so, dass ich ohne große Verrenkungen nach draußen schauen kann. Das ist immer dann wichtig in Seminaren, wenn’s langweilig wird. So richtig ist das alles echt nicht, aber ich führe dann doch eine Strichliste, wer so am Fenster vorbei läuft. Es sind mehrheitlich Frauen, die von links nach rechts gehen. Manch Erkenntnisse kann man einfach aus so stehen lassen.

Die theoretische Einheit zur destruktiven bzw. konstruktiver Konfliktbewältigung ist richtig gut. Danach wieder Kleingruppen. Langsam gehen uns die Konflikete aus.

In der Mittagspause okkupiere ich einen leeren Nebenraum, mache es mir auf dem einzigen Sessel bequem und schlafe ein. Irgendwann bemerkt man in der Runde, dass ich fehle, da erinnert sich eine Trainerin an mich und kommt mich wecken.

Den Nachmittag arbeiten wir uns an Listen mit Gefühlen und Bedürfnissen ab. Wirklich schöne Übung zu Schluss, mal ein paar Lieblingsbeschäftigungen mit den damit befriedigten Bedürfnissen zu versehen. Bisschen viel „Alleinsein“ bei mir stelle ich dann doch fest, trage dann aber „Kochen“ vor, was immerhin eine soziale Komponente hat.

Muss dann früher los, bin auf dem runden Geburtstag beim Ex-Chef dann noch im Literaturkreis. Später zu Hause üben mein Mann und ich uns dann noch in der destruktiven Konflitbewältigung … eine Übungseinheit, die es nicht mehr gebraucht hätte.

Weiterbildungsurlaub – 1. Tag

Nach dem ersten Kennenlern- und Schnupperwochenende, nun die erste Präsenzwoche. Es wird noch eine zweite geben, nächstes Jahr aber erst, die dann auch das Ende markiert.

Die, die aufhören wollte ist leider doch wieder dabei, weil das erste Wochenende dann doch „voll krass“ war und sie „voll viel“ hat mitnehmen können und jetzt bereit ist, sich auch „voll einzufühlen“. OK.

Drei neue sind auch dabei, wovon eine bei der letzten Übung so ehrlich ist zuzugeben, dass sie Angst vor mir hat, weil ich so „realistisch“ bin.

Auf N. hab‘ ich mich gefreut und gestehe ihr in der zweiten Pause, dass ich gerne dann mit ihr in eine gemeinsame Intervisionsgruppe will. Sie will auch und so ist der Vormittag schon mal gerettet.

Viel Wiederholung, viel klein-klein – aber das ist für die, die keine Beratungserfahrung haben natürlich wichtig. Ich langweile mich schon etwas und hab blöderweise mein Buch vergessen, in das ich bei solchen Seminare dann halbe Romane schreibe.

Mittags bin ich lieber alleine unterwegs, gehe mit mir Nudeln essen (6,15 €) und verstecke mich vor einem Exfreund (jetzt nicht Exfreund im Sinne, dass wir mal ein Paar waren (auch wenn wir mal im Bett waren)). Ich hab’s gerade echt nicht so mit sozialen Kontakten, mit schwierigen sozialen Kontakten erst recht nicht.

Nachmittgas dann eine erste richtige Übung, die beiden (Übungs-)Mediatoren sind nach zehn Minuten am Rande ihrer Möglichkeiten, kämpfen sich dann aber echt gut durch. Die Rückmelderunde war dann das Wichtigste vom Tag.

Abschließend noch eine nette Übung, die N. und mir einfach viel Saß gemacht hat. Gemeinsam lachen ist schon ganz schön.

 

Etwas Lyrik gefällig?

PROJEKTION 1975

Wo ist der Morgen den wir gestern sahn

Der frühe Vogel singt die ganze Nacht
Im roten Mantel geht der Morgen durch
Den Tau der scheint von seinem Gang wie Blut

Ich lese, was ich vor drei, fünf, zwanzig Jahren geschrieben habe, wie den Text eines toten Autors, aus einer Zeit, als ein Tod noch in den Vers paßte. Die Mörder haben aufgehört, ihre Opfer zu skandieren. Ich erinnere mich an meinen ersten Versuch, ein Stück zu schreiben. Der Text ist in den Nachkriegswirren verlorengegangen. Es begann damit, daß der (jugendliche) Held vor dem Spiegel stand und herauszufinden versuchte, welche Straßen die Würmer durch sein Fleisch gehen würden. Am Ende stand er im Keller und schnitt seinen Vater auf. Im Jahrhundert des Orest und der Elektra, das heraufkommt, wird Ödipus eine Komödie sein.

Gerade gefunden. Ist von Heiner Müller. Erinnert mich an den Satz, den ich als 14- oder 15-jähriger im Zimmer hängen hatte: Ich denke gern an meine Zukunft zurück.

Mhd

Mädiavistik war im Studium etwas, was ich sehr ungern gemacht habe. Mittelhochdeutsch war jetzt auch nicht so meine große Lauen, obwohl ich damit recht gut zu recht gekommen bin, wenn es um’s reine Übersetzen / Übertragen ging (Formbestimmungen war noch nie meine große Leidenschaft).

Seit drei Tagen habe ich den „Tristan“ von Gottfried von Straßburg als Tageslektüre in der Mache und bin gerade echt fasziniert, wie der schon mit Sprache kunstvoll ‚gespielt‘ hat und echt reich an Erzählperspektiven ist.

Hier ne Zusammenfassung:

 

* (= 1 Stern)

Notiz an mich:

Mein Lieber! Wenn Du schon mal mit Deinem Mann in ein 1-Sterne-Restaurant gehst um ein 7-gängiges Menü zu verspeisen, was in Summe soviel kostet, von dem du noch vor zwei Jahren einen ganzen Monat bestritten hast, dann nimmt wenigstens deine Lesebrille mit, damit du auch wirklich genau siehst, was da an Rafinessen angerichtet worden ist. Es lohnt sich echt. Mit Deiner jetzigen Brille hast Du zwar auch alles sehen könnem, sah aber schon arg komisch aus, wie Du da mit den Tellern und der Brille agierst hast, dass Du etwas sehen konntest. Das geht – definitiv – mit der Lesebrille einfacher.

Und: Hast Du gut gemacht einfach zu reservieren, ohne auf die Bedenken deines Mannes zu hören. Denn: Es war einfach für beiden ein FEST!

GT (37)

So spannend das alles der anderen auch ist – immerhin darf man in ihre Abgründe schauen – ich kann gerade so überhaupt nicht an deren Themen andocken. Das hat alles nichts / nicht mehr mit mir zu tun, mein Thema ist ein anderes. Dafür brauche ich gerade noch etwas Input, dafür brauche ich Raum – und das bekomme ich gerade in der Gruppentherapie nicht. Und das sag‘ ich auch heute so.

Der Psychodoc klatscht sozusagen in die Hände, dass ich endlich mal wieder möppere und porovoziert auf seine elegante Art und Weise.

Also jetzt etwas Input – und ich werde dieser Tage dann wissen, ob es weiterführend war.

Anton Weyrother

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