Durch die Zeit

Monat: Mai, 2020

Newsletter aus der Vergangenheit

Den aktuellen Schmerzbericht gibt es morgen.

Nur soviel: Wer mir irgendwie seine Mail-Adresse zukommen lässt, der / die kann den Proust-Newsletter abonnieren und muss nicht jeden Tag hier gucken.

Proust | Beschreibung der Kirche und des Glockenturms von Saint-Hilaire in Combray, wo die Familie von Marcel den Sommer verbringt. Glocken- bzw. Kirchtürme werden auch später noch eine Rolle spielen.

Frag nicht.

Heute vormittag nahezu schmerzfrei, also nicht zum Arzt. Nach dem Mittagsschlaf (tief und erholsam) gleich zwei Anfälle. Wo ist da die Logik? Oder der Trigger?

Um mich abzulenken, suche ich das Marcel-Proust-Kochbuch hervor, aus dem ich, obwohl ich es schon gut 20 Jahre besitze, noch nie was gekocht habe. Das wird sich dieses Jahr ändern (müssen!).

Proust | Die Kusine seines Großvaters – Tante Léonie – wird eingeführt. Sie ist bettlägerig (tut jedenfalls so), sie ist hypochondrisch, sie ist neugierig, sie ist leicht herrisch, sie ist gläubig, sie ist geschwätzig, sie ist … eben so eine Verwandte, die einem irgendwie auf den Geist geht und dann doch wieder nicht. Immerhin weiß Marcel durch sie, wie Lindenblütentee schmeckt – und der war ja bei der gestrigen Madeleine-Szene zentraler Bestandteil (auch wenn es in Realität ein Milchkaffee war).

Der Tag

Morgens: Besuch bei zwei Ärztinnen. Die Zähne sind es nicht – aber das ist dann auch die einzige Erkenntnis in Sachen Schmerzen. Ibu ist angesagt und wohl morgen der nächste Arzt.

Mittags: Lege mich kurz hin, um zu entspannen. Vier Stunden später weckt mich mein Mann mit der Frage, ob ich heute noch mal aufstehen will.

Abends: Angrillen auf der Wiese mit A. und Z. Jetzt haben wir zudem einen neuen Freund, Phil, ca. 7 Jahre, der uns, bzw. vielmehr unseren Grill, bzw. das Feuer, gleich adoptierte.

Proust | Ich kann kein Französisch. Mich würde aber interessieren wie »das Drama meines abendlichen Entkleidens« (1.65) und »das Drama meines Zubettgehens« (1.66.) im Original heißt. Ersteres hat ja eine ganz andere Implikation als das andere.

Dann die (zurecht) berühmte Madeleine-Szene. Ich bin mal so bösartig und entkleide den letzten Satz aller Zusätze (also dem Zauber) und zitiere nur den ihm zugrundeliegende Hauptsatz:

»Und wie in jenem Spiel, bei dem die Japaner in eine mit Wasser gefüllte Prozellanschale kleine Papierstückchen werfen … die … auseinandergehen … stiegen … all das … auf aus meiner Tasse Tee.“ (1.71)

*HUUNNNNNNNNG*

Die Schmerzen lassen im Grunde gar nicht mehr nach. Meistens latent vorhanden und dann – ohne erkennbaren Anlass – schießen sie anfallartig in die linke Gesichtshälfte, dass mir schlecht wird. Migräne? Neuralgie?

Morgen Zahnartz, dann Hausarzt, nicht zur Arbeit. Denn wenn ich mich ’still‘ verhalte, ist es zwar nicht schön, aber auszuhalten.

Proust | Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Der Vater erlaubt, dass die Mutter bei ihm übernachten darf. Man macht schon mal ein Bücherpaket auf, dass es erst in zwei Tagen hätte geben sollen, so haben sie etwas zum (vor)lesen.

… da ich ja ein neues Bucht nicht als eine Sache unter viele anderen ähnlich betrachtete, sondern als eine einzigartige Persönlichkeit, die ihren Daseinsgrund in sich selbst hatte … (1.62)

GT (43)

Nichts wirklich Neues unterm dem gruppentherapeutischen Himmel – ausgenommen danach.

Derweil kauen wir an unseren Themen rum und kommen in lebhaften Austausch. Der Psychdoc heute auch sehr gesprächig und erklärend. Er bringt eine Zeichnung von F.K. Wächter mit. Darauf zu sehen ein fliegender, übermäßig dürrer Hahn, auf dem eine Fette Henne sitzt, und sich fliegen lässt. Text dazu: „Denk daran, dass ich Dich unter Schmerzen geboren habe.“ Kommt (noch) nicht bei allen an.

Kurz unterhalte ich mich noch mit S. auf der Straße, da kommt C. auf mich zu, sie wolle mir noch etwas sagen und – ja, wir wagen es! obwohl aus therapeutischen Gründen nicht gewollt, nahezu verboten: Wir gehen ein Stück des Heimweges gemeinsam. Premiere, die gut tut.

*ARGL* – *EEK* – *OOÜAAH*

Sonntag hat es angefangen. Da dachte ich noch, na, das kann ja auch wieder verschwinden. Tat es aber nicht. Also heute zur Zahnärztin, die gleich mal Hammer, Pickel und Speer zückte, um damit auf meinen Zähnen rumzuhauen, als gäbe kein Stück Brot mehr zu kauen. Die sind an den Zahn- und Kieferschmerzen aber wohl gar nicht schuld. Was dann? Keine Ahnung. Mal bis Freitag beobachten (und solange Schmerztabletten futtern die muss man ja nicht kauen).

Bin gerade etwas mit der Bereifung runter.

Proust | Marcel muss heuer ungeküsst ins Bett – Swann ist mal wieder da. Aber ganz ‚Mann‘ überlegt er sich eine List, doch an den mütterlichen Kuss zu kommen. Sie misslingt. Gibt er auf? Nein, er ’steht‘ seinen ‚Mann‘ und bezieht gegenüber seiner Mutter Stellung und fordert, auch wenn ihm bewußt ist, dass bei Misslingen die Strafe hoch ist.

Der Knabe kämpft – mehr oder minder geschickt, mehr oder minder erfolgreich – um seinen Gute-Nacht-Kuss wie später der Mann um die Frau, dass sie sich ihm öffnet und er sie penentrien kann. Und wenn dann Männer nicht gelernt haben, dass es auch Misslingen gibt, dann werden sie Arschlöcher.

# 530 – Blue Sky

… oder nicht?

Arbeitsmäßig total unmotiviert. Soll ich mir einen Tag Urlaub nehmen? Oder doch nicht? Aus lauter Unmotiviertheit, vergesse ich eine Entscheidung zu treffen. Morgen wäre die letzte Möglichkeit der Woche gewesen, Do und Fr vertrete ich die Kollegin, da gibt es keine Genehmigung.

Proust | Während Marcel schon Panik bekommt, mit nur einem Kuß von Muttern ins Bett zu müssen, weil Monsieur Swann mal wieder zu Besuch kommt, bereiten sich die Erwachsenen vor, sich ihm von ihrer besten Seite zu zeigen. Und weil sie es extra gut machen wollen, übetreiben sie es – und Swann ist einfach nur verwirrt.

Nicht nur ich habe Swann in die falsche ‚Klasse‘ gesteckt, die Erwachsenen tun es auch mit den unterschiedlichsten Personen aus unterschiedlichen Gründen. Ergebnis: Jeder wähnt den andern da, wo er gar nicht ist. „… als soziale Person sind wir eine geistige Schöpfung der anderen.“ (1.29)

Alte Knochen

Weil mir die Knochen vom Samstag weh tun, heute alles mehr oder weniger in Zeitlupe. Stand ja eh nichts von Wichtigkeit an. Liebäugel sogar, mich in die Badewanne zu legen.

Proust | Bisher hatte ich es immer andersrum verstanden. Ich dachte, Swann würde gesellschaftlich tiefer als die der Familie von Marcel, dem Ich-Erzähler, stehen. Ist aber genau andersum. Ist aber derzeit noch egal, derzeit bevölkert man abends den Garten auf dem Lande und Marcel, der Knabe, schiebt Panik vor dem ins-Bett-gehen.

Proust, Marcel: Recherche

Ab heute zehn Seiten täglich. So das Vorhaben. Heißt, ich bin im August Oktober 2021 damit durch – denke aber, ich schaff es etwas schneller.

1984 / 1985 das erste Mal gelesen. Mit absoluter Begeisterung nach dem ersten Satz, der – »Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen« – jetzt nicht gerade so der Burner ist. Aber dann beschreibt Proust ja auf den ersten Seiten ausführlich, wie es ist, wenn man einschläft oder meint noch wach zu sein, während man schon eingeschlafen ist … das ist einfach nur großartig und was er dann auf den nächsten (je nach Augabe 3.000 bis 5.172) Seiten macht, ist ganz einfach Weltliteratur.

Ende des letzten Jahrtausend dann auch immer mal wieder bei einer Lesung in Köln dabei gewesen und mir über die Jahre die 135 (!) CDs zusammenschenken lassen und x-mal gehört.

Aber nun Lust auf die eigene Lektüre der kommentierten Ausgabe mit der dazughörigen Enzyklopädie und einem Bildband.

Ein richtiges Leseprojekt mache ich nicht draus, aber der Plan ist – im Moment zumindest – wenn ich blogge, dann auch immer ein, zwei Sätze zu Proust zu schreiben.

Anton Weyrother

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