Durch die Zeit

Monat: Juni, 2020

Von vor zwei Jahren

Gerade DAS HIER gelesen. Stimmt nach wie vor.

Proust (38)

Es grenzt schon an eine ›peinliche Befragung‹, wie Swann von Odette Geständnis nach Geständnis erpresst. Gezwungen und teilweise auch unbeabsichtigt gibt sie zu, etwas mit anderen Frauen gehabt zu haben – auch noch zu der Zeit, in der sie Swann kannte und mit ihm zusammen kam. Das befeuert seine Eifersucht um so mehr. Er kann nicht umhin an vielem, was sie sagte getan zu haben (oder auch nicht), zu zweifeln. So kennt sie u.a. Forcheville schon viel länger als er dachte und dass sich Kupplerinnen für sie interessieren, ist nur ihm neu.

»Und hinter allen süßesten Erinnerungen Swanns, hinter den einfachsten Worten, die Odette ihm früher gesagt und an die er wie an das Evangelium geglaubt hatte, den täglichen kleinen Vorhaben, von denen sie ihm erzählt hatte, den gewohntesten Stätten, dem Haus der Schneiderin, der Avenue du Bois, dem Hippodrom spürte er – verborgen im Schutz jenes Überschusses an Zeit, der auch in noch so detailliert berichteten Tagesabläufen einen gewissen Spielraum offenläßt und als Versteck für gewisse Handlungen dienen kann – die mögliche unterirdische Gegenwart von Lügengeweben, die ihm jetzt alles vergällten, was ihm das Liebste gewesen war (die schönsten Abende, die Rue La Pérouse sogar, die Odette offenbar immer zu anderen Stunden verlassen hatte, als sie ihm gegenüber behauptete); überall trugen sie etwas von dem düsteren Grauen hin, das er bei ihrem Geständnis bezüglich der Maison Dorée empfunden hatte, und brachten wie die unreinen Tiere beim Untergang von Ninive Stein für Stein seine ganze Vergangenheit ins Wanken.« (1.537)

Zeitmanagement

Heute freier Tag. Einiges vorgehabt. Klamotten einkaufen, entspannen, Wäsche waschen, Dienst, und und und. Hat auch alles gut geklappt. Nur als ich paar GB e-books auf einen Datenspeicher kopieren wollte, bin ich aus der geplanten Zeit gefallen. Also schmiere ich die Brote für morgen morgen und schau jetzt noch schnell nach so Ohrhörer ohne Kabel.

Proust (37)

Swann erhält einen anonymen Brief, der behauptet, Odette sei »die Geliebte zahlloser Männer … und auch Frauen« (1.515) gewesen. Überlegungen, welcher seiner Freunde diesen miesen Brief hätte schreiben können. Seine Eifersucht wächst, vieles erinnert ihn an Situationen, in denen Odette hätte untreu gewesen sein können. Er dringt in sie ein und erpresst das Geständnis, dass sie »vielleicht vor sehr langer Zeit einmal, ohne zu wissen, was ich tat, zwei- oder dreimal vielleicht« (1.525) etwas mit einer Frau hatte.

»In Form einer allgemeinen Lebensweisheit war ihm zwar wohlbekannt, daß das menschliche Leben reich an Widersprüchen ist, bei jedem Einzelwesen aber stellte er sich dennoch vor, daß der ihm unbekannte Teil von dessen Leben mit dem ihm bekannten völlig identisch sein müsse.« (1.519)

Hat gut getan

Probe-Mediation diesmal mit B. Zur ‚Verhandlung‘ kam ein gespendeter, also echter Konflikt.

Die Rückmeldung der Ausbilderin: „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich meinen, dass ihr schon seit mehreren Jahren erfolgreich zusammenarbeitet.“

Proust (36)

Swann will gerade die Abendgesellschaft verlassen, da erklingt ›das kleine Thema‹ und er erinnert sich schmerzhaft an die glücklichen Tage mit Odette, die nun schon ein Jahr zurück liegen. Über die Mächtigkeit von Musik. »Von diesem Abend an begriff Swann, daß Odettes Gefühle für ihn nicht wiederkehren.« (1.511) Er überlegt, für längere Zeit zu verreisen.

»Und Swann sah vor diesem wiederdurchlebten Glück unbeweglich einen Unglücklichen stehen, der, weil er ihn nicht gleich erkannte, sein Mitgefühl erregte, so daß er die Augen senken mußte, damit niemand sah, daß sie voll Tränen standen. Dieser Unglückliche war er selbst.« (1.502)

Geht auch ohne gut

Langes Ausbildungswochenende. Alle warten auf das Gewitter, weil es im Saal mehr schwül als sonstwas ist und man es ungerecht findet, dass man drinnen sein muss. Das Schicksal hört aber nicht und so schwitze ich meine Klamotten voll.

Die feuere ich in die Ecke, als ich nach Hause komme und bin bis morgen, wenn ich aus dem Haus muss, auch nicht mehr gewillt, welche anzuziehen. Diese Woche in der Therapie war das sogar Thema und ich habe da scheinbar eine überzeuende Analyse hingelegt. Das nackt sein scheint zwei Funktionen bei mir zu haben, eine echt üble und eine befreiende. Heute ist es schlichtweg Notwendigkeit.

Proust (35)

Auf der Abendgesellschaft. Giftspritzereien zwischen der Fürstin des Laumes und Madame de Gallardon, Cousinen ihres Zeichens, sowie zwischen der Fürstin des Laumes, Madame de Saint-Euverte und dem General de Froberville. Auch Swann, der mit Vornamen übrigens Charles heißt, mischt etwas später mit.

»Aber seitdem die Fürstin des Laumes durch ihre Kusine wußte, daß Swann anwesend sei, hätte Chopin selbst aus dem Grabe steigen und seine sämtlichen Werke vortragen können, ohne daß sie darauf achtgegeben hätte. Gehörte sie doch zu derjenigen Hälfte der Menschheit, die, anstatt auf alle unbekannten Wesen neugierig zu sein, sich nur für die ihr bekannten interessiert.« (1.485)

Proust (34)

Swann, selbstverständlich ohne Odette, auf einer äußerst eleganten Abendgesellschaft mit Musik bei der Marquise von Saint-Euverte. Während er die glanzvoll geschmückte Treppe hochsteigt, wünscht er sich, die Treppe von Odettes Schneiderin hochzusteigen. Grandiose (!) Beschreibung der Gäste (inklusiver Monokelkunde) im »Bewußtsein der männlichen Häßlichkeit« (1.472) darunter General de Froberville, Marquis von Bréauté, Marquis von Forestelle, Monsieur de Saint-Candé, Marquise von Cambremer, Vicomtesse von Franquetot, Marquise von Gallardon, Prinzessin Mathilde, Fürstin de Laumes … Proust at his best!

»Jenes [Monokel] von Monsieur de Saint-Candé dagegen war von einem enormen Ring umgeben wie der Planet Saturn und bildete den Schwerpunkt eines Gesichts, das jeden Augenblick seine Züge neu um diesen herumgruppierte und sich mitsamt der roten schwabbelnden Nase und dem sarkastischen, wulstlippigen Mund grimassierend auf der Höhe des Feuerwerks von Geist zu halten versuchte, das aus dieser Glasscheibe zu blitzen schien, die vor den schönsten Blicken der Welt bei snobistischen und verderbten jungen Frauen den Vorrang erhielt, weil sie in ihnen Träume von subtil durchdachten Genüssen und einem unerhörten Raffinement der Lust aufkommen ließ; …« (1.474)

Ein klein wenig zu viel

22 Uhr und noch immer hell. Verführt mich weiter und weiter was zu machen. Ich bin seit 6 auf den Beinen und hab‘ eigentlich keine richtige Pause gemacht. Das tut mir gerade nicht gut. Daher: Montag nehme ich mir frei, weil ab morgen 6:40 bis Sonntag 18 Uhr volles Programm.

Aber immerhin heute noch im nebenbei das hier:

Proust (33)

Odette hält Swann kurz, arg, arg kurz. Sie sehen sich kaum noch, weil sie nahezu andauernd mit anderen unterwegs ist. Sie will mit ihm absolut nicht in der Öffentlichkeit gesehen werden und wenn sie dann mal ausnahmsweise ein wenig Zeit für ihn hat, dann ist sie sofort weg, wenn jemand anders ruft. Ihre Anliegen haben, im Gegensatz zu seinen, einen »Unausweichlichkeitscharakter« (1.461) Swann leidet wie ein Hund, kann es aber nicht wirklich erkennen, weil seine ganze Tätigkeit darin besteht, über Bekannte und Freunde herauszubringen, wann Odette wie mit wem wo wie lange zusammen war. Gut, dass er sein Herz Monsieur de Charlus ausschütten kann.

»Wissen ist nicht immer gleichbedeutend mit Verhindernkönnen, doch haben wir immerhin die Dinge, die wir wissen, wenn auch nicht in der Hand, so doch im Kopf, wo wir sie nach Belieben einordnen können, und das gibt uns dann die Illusion einer gewissen Macht über sie.« (1.457)

# 537

me by e – years ago

GT (45)

Fast vollständig – das hat es schon lange nicht mehr gegeben.

Der PsychDoc überrascht mit der Nachricht, dass er nächstes Jahr Ostern aufhören wird. So alt sieht der gar nicht aus. Heißt aber auch: Für mich ist damit das späteste Ende der Therapie terminiert.

Dann wieder ein bunter Strauß an Themen, teils sehr emotional wenn auch manchmal für mich nicht mehr nachvollziehbar. Ich gehöre mit meinem Thema echt zu den ‚leichteren Fällen‘, auch wenn mir dieser Tage eine weitere Auswirkung klar geworden ist.

Kurz vor Ende kann ich aus dem Gesagten dann wenigstens noch etwas für die Woche mitnehmen. So ein Art Tabu-Thema, denn man wünschst ja niemanden den Tod. Aber er kann manchmal für die ‚Hinterbliebenen‘ eine Befreiung sein.

Proust (32)

Swann ist beständig hin und her gerissen. Soll er Odette ›strafen‹, ihr vergeben, darüber hinwegsehen, es auf die leichte Schulter nehmen, sie finanziell nicht mehr unterstützen, großzügig sein, sie ignorieren, ihre Juwelen schenken … kurz: Über den »Chemismus seiner Krankheit, nachdem er mit seiner Liebe Eifersucht hergestellt« (1.441) hat. Etwas Ruhe findet er nur in der besseren Gesellschaft, wo er nach wie vor als »Gentleman par excellence« (1.450) gilt.

»Diese Krankheit Swanns aber, seine Liebe, hatte sich so sehr vervielfältigt, war so eng mit allen seinen Gewohnheiten, seinem Denken und Handeln, seiner Gesundheit, seinem Schlaf, seinem Leben, ja selbst mit dem, was er nach seinem Tod ersehnte, verknüpft, sie war so sehr nur noch eins mit ihm, daß man sie nicht aus ihm hätte herausreißen können, ohne ihn selbst fast völlig zu vernichten: seine Liebe war, wie die Chirurgie es nennt, inoperabel geworden.« (1.447)

Meisterleistung

Mal wieder mit E. wandern. Das funktioniert für mich total genial und die Stimmung ist dann immer so wie in den besten Tagen zu Studienzeiten. Beim Wandern ist von unseren Lesefähigkeiten, die wir uns im Studium angeeignet haben, aber dann nichts mehr vorhanden. Er kann keine Wegweiser interpretieren und ich lese die Karte immer falsch – ein unschlagbares Dreamteam!

Heute haben wir es geschafft uns so zu verlaufen, dass wir nach ca. drei Kilometer fast genau wieder da waren, wo das Elend seinen Anfang genommen hat. Dann haben wir noch eine ganz kleine Ehrenrunde gedreht und waren daraufhin für den Rest auf dem richtigen Weg.

Proust (31)

Odette – »sie wurde dicker« (1.422) – ist öfters mit den Verdurins auf Kurzreisen. Derweil überlegt sich Swann, rein zufällig versteht sich, an den jeweiligen Ort zu fahren, verwirft aber jedes Mal diese Idee. Manchmal vergisst Odette ihn von ihrer Rückkehr zu unterrichten – was dazu führt, dass ich Swann fester an sie gebunden fühlt. Sein Wunsch nach einem gemeinsamen Leben, denn in der Öffentlichkeit tun sie so, als würden sie sich nicht kennen. Er unterstützt sie nach wie vor finanziell, auch wenn er nichts von den Reisen hat.

»Dabei war Swann trotz allem glücklich in dem Bewußtsein, daß es, wenn von allen Sterblichen allein er nicht das Recht besaß, an diesem Tag in Pierrefonds zu sein, seinen Grund darin hatte, daß er tatsächlich für Odette von allen anderen Menschen verschieden, nämlich ihr Liebhaber war und diese seine Ausnahmestellung gegenüber dem allgemeinen Recht auf Bewegungsfreiheit nur eine der Formen dieser Versklavtheit, dieser Liebe, an der ihm mehr als an allem lag.« (1.427)

*genervt*

Ich und die Kommunikation werden wohl keine Freunde mehr werden. Gestern Freunde eingeladen gehabt, die wir seit fast drei Monanten nicht gesehen haben. Ich hätte, als ich die Gläser vollgeschenkt hatte, auch gleich wieder gehen können. Da ist keiner, der Willens und in der Lage ist, mal eine Frage zu stellen. Nein, nur Gebrabbel von sich und sich und sich.

Heute Supervision. Niemand hat was zu sagen, zu berichten, zu diskutieren, zu fragen … aber die eineinhalb Stunden bekommen die beiden locker voll mit Gerde über sich und isch und sich.

Bin daher gerade etwas verschnupft, weil ich einfach so verdammt nochmal keine Lust habe, mit anderen in eine Kampfkommunikation zu gehen. Bei Kommunikation geht es doch um Dialog und nicht um Monolog – oder verstehe ich da was grundsätzlich falsch?

Proust (30)

Odette gibt Swann Briefe mit, er vergisst sie einzuwerfen. Zu Hause erkennt er, dass einer an Forcheville gerichtet ist: Ihm gelingt es, ihn ungeöffnet zu lesen: Forcheville war also bei Odette, als sie vorgab, geschlafen zu haben. Seine Eifersucht wächst, erst recht, als er aus dem ›kleinen Kreises‹ rüde verstoßen wird »Und von Swann war nicht mehr die Rede bei Verdurins.« (1.419) – gegen die er innerlich wütet. Swann macht Odette vermehrt Vorhaltungen, wenn sie sich mit den Verdurins trifft.

»Alles in allem erschien ihm das Leben, das man bei den Verdurins führte und das er so oft als das wahre Leben bezeichnet hatte, jetzt als das schlimmste von allen und ihr kleiner Kreis als ein unvorstellbar niedriges Milieu. Er ist wirklich, dachte er bei sich, die unterste Stufe auf der sozialen Leiter, der letzte Dantesche Höllenkreis.« (1.416f)

Proust (29)

Eines Abends möchte Odette mit Swann nicht Catlleya spielen und schickt ihn nach Hause. Stunden später kehrt er zurück, weil er sich vergewissern will, dass sie keinen anderen zu Besuch hat. Er sieht Licht, klopft, nach Zögern, doch an die Fensterläden, diese werden geöffnet – zwei alte Männer stehen im Fenster, Swann hat sich geirrt und fährt, beschämt aber erleichtert, heim. Eines Tages besucht er sie überraschend am Nachmittag. Er meint Schritte hinter der Tür zu hören – niemand öffnet. Als er eine Stunde später wiederkommt ist Odette da und erklärt, sie hätte geschlafen und ihn nicht gehört. Swann ist klar: Odette lügt!

»Doch in dieser seltsamen Phase der Liebe wird das Individuelle derartig bedeutungsvoll, daß die Neugier, die Swann im Hinblick auf die geringfügigsten Beschäftigungen einer Frau in sich erwachen fühlte, genau die gleiche war, die früher geschichtliche Tatsachen in ihm ausgelöst hätten. Und Handlungen, deren er sich bislang geschämt haben würde – spionierend vor einem Fenster stehen und morgen vielleicht, wer weiß, geschickt gleichgültige Menschen zum Reden bringen, die Dienstboten für sich gewinnen, an den Türen horchen –, erschienen ihm nur noch, ebensogut wie das Entziffern von Texten, das Vergleichen von Augenzeugenberichten und die Interpretation von Baudenkmälern, als durchaus ernstzunehmende Methoden wissenschaftlicher Forschung, die für die Findung der Wahrheit geeignet wären.« (1.397)

Proust (28)

Nach Tisch geht es mit den Angebereien ungebremst weiter, und wenn keine Frau in der Nähe ist, dann wird es auch gerne mal etwas zotenhaft. Man bricht spät auf und die Verdurrins ziehen über Swann her. Über die Beziehung Swann – Odette. Er macht ihr reichlich Geschenke und hilft ihr in »Geldverlegenheiten« (1.387). Swann fragt sich, ob er sie aushält. Wenn er anderswo isst, versucht er sie danach zu treffen.

»An den Tagen, wo er nicht zu Hause aß, ließ er um halb acht anspannen; beim Ankleiden dachte er an Odette und fühlte sich somit nicht allein, denn das unaufhörliche Denken an sie gab den Augenblicken, die er fern von ihr verbrachte, den gleichen Reiz, wie die ihn besaßen, wo er mit ihr zusammen war.« (1.391)

Ich kann auch anders, und zwar ganz anders!

Bin nicht nur die ätherische Schwuppe, die Proust liest und beim Schlüssel werfen sich die Schulter ausrengt, nee, nee, ich kann echt anders. Beweis? HIER:

Und das Stund um Stund, während die anderen fünf nach jedem Stein, den sie ins Auge gefasst haben, in der Ecke hingen und nach Luft schnappten! Aber ich nicht, ich doch nicht! Nicht nur gesägt, nicht nur den Split geschippt, nicht nur die Steine geschleppt, nicht nur alle Steine verlegt, nicht nur allen Sand mit der Hand in die Lücken verteilt sondern derweil noch schnell das Mittagessen gekocht und auch mir noch ein Gedicht ausgedacht derweil, über zarte Hände und feine Lippen die sich treffen und so …

Am Ende sah dass so aus. Leider war die Kamera zu klein, um das alles auf ein Bild zu bekommen. Ihr müsst euch das zehnfach vorstellen, nee, eher zwanzigfach, dann kommts gerade so hin!

Proust (27)

Am Tisch des ›kleinen Kreises‹. Graf von Forcheville, der Neue – den »bizarrerweise [Odette] mit ins Haus gebracht hatte« (1.368) – schleimt sich ein. Auch die anderen produzieren sich – bis auf Swann, der zudem Madame Verdurin verärgert, als er ein anderes Haus, nämlich das der Herzogin von Trémoïlle, als intelligent lobt. Darauf die Dame des Hauses: »Finden Sie sie, wie Sie wollen, aber wenigsten sagen Sie es uns nicht.« (1.377).

»Abgesehen von dem Augenblick, wo er [der Maler Biche] gesagt hatte: stärker als die Nachtwache – eine Lästerung, die einen Protest bei Madame Verdurin auslöste, für die die Nachtwache neben der Neunten und der Nike von Samothrake das größte Meisterwerk des Universums war –, und von dem Wort Kacka, bei dem Forcheville einen Blick in die Runde warf, um festzustellen, ob der Ausdruck durchging, um gleich darauf ein sprödes, aber konziliantes Lächeln auf seinen Lippen erscheinen zu lassen, hatten alle Tischgäste außer Swann mit verzückt bewundernden Blicken an dem Maler gehangen.« (1.370)

Schnipsel

  • Videokonferenz im Job. Das „Facelifting“ der Homepage entpuppt sich als veritabler Relaunch. Das hat man mir aber ganz anderes verkauft.
  • Brief von der Reha-Klinik. Sie freut sich an meinem Interesse sehr. Aber bevor nicht die Kostenübernahme gesichert ist, werden sie erstmal keinen Handschlag tun.
  • Um die Abendessenszeit plötzlich Sehstörungen, die dann aber wieder verschwinden. Einfach nur ne Überlastung oder erste Anzeichen von dem, was der Augenarzt in „Aussicht“ gestellt hat?
  • Gute drei Stunden um vier 4-Minuten-Videos zu ‚finalisieren‘. Die Nerven liegen etwas blank, weil dem Regisseur (sprich: mein Mann) dauernd noch was anderes ein- und auffällt. Und warum ist die für Social-Media optimierte Datei ca. 1/3 größer als die Originaldatei?

Proust (26)

Odette ist – nicht nur in kulturellen Dingen – etwas einfach gestrickt. Dennoch lernt Swann an den Dingen, die sie liebt, Gefallen zu finden. Er fühlt sich im ›kleinen Kreis‹ sehr wohl, genießt die »Großherzigkeit« (1.361), auch wenn es nicht ganz sein »Milieu« (1.360) ist. Doch der Graf von Forcheville, ein Neuer, läuft ihm – in den Augen der Verdurins wohlgemerkt – den Rang ab und Swann fällt in Ungnade.

»Was die anmaßenden und vulgären Reden, die der Maler an gewissen Tagen vom Stapel ließ, und die Stammtischwitze Cottards anbetraf, für die Swann, der die beiden gern mochte, zwar leicht Entschuldigungen fand, denen Beifall zu spenden er jedoch weder das Herz noch das Maß an Heuchelei besaß, so gestattete dagegen Forchevilles intellektuelles Niveau, von den ersteren, ohne sie übrigens zu verstehen, überwältigt und zur Bewunderung hingerissen zu sein, und sich an den anderen zu ergötzen.« (1.364)

Doch noch mal

Nach für mich sechs Monaten Pause mal wieder Vorstand von Verein 1 (zweimal war ich, glaub ich, krank, der Rest ist Corona geschuldet). Die Eskalation im Dezember hat Wirkung gezeigt. Der Vorsitzende ist, was das Dauerrederecht betrifft, entmachtet und – man staune – hält sich auch weitgehend daran. Zudem versuchen auch alle andere sich zu den Sachthemen zu äußern und nicht ins Schwafeln zu kommen. (OK, U. kann das von Natur aus wohl nicht, egal … .)

Nach reiflicher Überlegung und positiven / bittenden Rückmeldungen der Geschäftsleitung sowie des Vorsitzenden (!) (aber schon vor Wochen!) fällt es mir leicht unter diesen Umständen auch für die nächste Amtszeit zu kandidieren.

Bei der Rückschau auf die letzten drei Jahren bin ich dann der einzige der klar ausspricht, dass es zu Teilen mehr als nervig war und es zu Frustration und Enttäuschungen geführt hat. Einig sind wir uns alle darin: Egal was war, in der Sacharbeit waren wir stets konstruktiv und lösungsorientiert.

Proust (25)

Odette und Swann nutzen für ihr Liebesspiel – denn Swann hatte »sie an jenem Abend schließlich doch besessen [sic!]« (1.339) – ab jetzt eine Metapher. Swann wird ihr treu und besucht sie fast allabendlich. Auf seinen Wunsch hin spielt sie dann »das kleine Thema« – Betrachtungen über die Auswirkungen auf Swann. Er weiß von ihr und ihrer Vergangenheit so gut wie nichts. Ihre Weigerung / Gespür, sich nicht von ihm in die Gesellschaft einführen zu lassen.

» … und viel später noch, als sie vom Zurechtrücken der Cattleyas (oder der rituellen Scheinhandlung des Zurechtrückens) längst abgekommen waren, lebte die Metapher ›Cattleya spielen‹ in ihrem Sprachgebrauch fort, zur schlichten Vokabel geworden, die sie schließlich ganz gedankenlos zur Bezeichnung des Aktes der physischen Inbesitznahme benutzten – bei dem man übrigens nichts besitzt –, und hielt die Erinnerung an jene vergessene Gewohnheit aufrecht.« (1.340)

Fast vergessen, …

… heute ist ja Bloomsday! Wenn ich nachher, als kurz nach 23 Uhr, nach Hause komme, dann heb‘ ich noch ein Glas irischen Whiskey – d.h. jeweils eins! – auf den guten alten Leopold und seinen Schöpfer James. Verdient hätten sie ja ne ganze Flasche, jeder eine – aber die schaffe ich heute defintiv nicht mehr. Gorgonzola müsste noch da sein …

Da diese wunderbare und vor mir heiß und innig geliebte Onanie-Szene einfach zu lang ist, um sie hier abzutippen – daher auch auf die unvergessliche Cissy Caffrey und die wunderbare Gerty MacDowll ein Glas, jeweils, bekanntermaßen – hier was Stilleres von ihm auf den Abend:

Alone
The moon’s greygolden meshes make
All night a veil,
The shorelamps in the sleeping lake
Laburnum tendrils trail.

The sly reeds whisper to the night
A name– her name-
And all my soul is a delight,
A swoon of shame.

Proust (24)

Als Swann abends spät zu den Verdurins kommt, ist Odette schon weg. Man lästert etwas über die beiden, während er ihr nachfährt und sie mit immer größerer Verzweiflung sucht: Er ist verliebt*. Als er sie findet – sie behauptet, sie hätte in einer nichteinsehbaren Nische in der Maison Dorée soupiert – bringt er sie in der Kutsche nach Hause. Er nimmt die Gelegenheit wahr und richtet ihr Cattleayblüten an ihrem Dekollté, gibt ihr einen ersten Kuss, der erwidert wird.

* »Von allen Arten der Erzeugung von Liebe, von allen Wirkkräften zur Verbreitung der heiligen Krankheit ist sicher dieser gewaltige Erregungssturm, der uns manchmal erfaßt, eine der zuverlässigsten. Dann fällt das Los unweigerlich auf die Person, mit der wir im Augenblick gerade gern zusammen sind; sie ist es, die wir lieben werden. Es ist dabei gar nicht nötig, daß sie uns bis dahin mehr oder auch nur ebensosehr wie andere gefiel. Es mußte nur dazu kommen, daß unsere Neigung für sie plötzlich ausschließlich wurde. Diese Bedingung aber ist erfüllt, wenn – in dem Augenblick, da diese Person uns fehlt – in uns an Stelle des Trachtens nach den Vergnügungen, die ihr Umgang uns bot, ein qualvolles Bedürfnis entsteht, dessen Objekt sie selbst ist, ein absurdes Bedürfnis, dessen Erfüllung die Gesetze dieser Welt unmöglich und dessen Heilung sie schwierig machen: das unsinnige und schmerzliche Bedürfnis, sie zu besitzen.« (1.335f)

Wiederaufnahme

Nach knapp drei Monaten mal wieder Lesekreis. Etwas mühseeliger Start, da nur die Hälfte das Buch gelesen hatten. (Ich gehörte zu der Hälfte, die es nicht (nocht einmal) gelesen hat.) Dennoch lebhafte Gespräche, wenn auch etwas weniger über Literatur, aber von ihr inspiriert.

Proust (23)

Das »kleine Thema« stammt von Vinteuil. Man plaudert über die Sonate – »die gleichsam die Nationalhymne ihrer [Odette / Swann] Liebe war« (1.317) – bis ein kleiner Streit über den besseren Arzt entsteht. Swann darf wiederkommen und stapelt tief, obwohl der zugegeben muss, regelmäßig mit dem Staatspräsidenten zu dinieren. Bevor Swann Odette bei den Verdurins trifft, trifft er sich mit einer junge Arbeiterin. Zwar bringt Swann Odette abends nach Hause, geht aber nie mit zu ihr, außer zweimal zum Tee. Beschreibung der Wohnung Odettes und Vergleiche* ihres Aussehen mit Kunstwerken. Verfestigung der Liebe.

* »Swann hatte schon immer die Neigung gehabt, in den Bildern der großen Meister nicht nur in allgemeinen Zügen die uns umgebende Wirklichkeit wiederzuerkennen, sondern auch gerade das, was am wenigsten allgemein zu sein scheint, nämlich die individuellen Züge der ihm bekannten Gesichter: so in einer Bildnisbüste des Dogen Pietro Loredan von Antonio Rizzo die vorspringenden Backenknochen, die schräg gestellten Brauen, kurz das schlagende Abbild seines Kutschers Rémi; mit den Farben Ghirlandaios fand er die Nase des Monsieur de Palancy dargestellt, in einem Porträt Tintorettos das Vordringen der ersten Backenbarthaare in die füllige Wange, dann die gequetschte Nase, den durchdringenden Blick, die verschwollenen Lider des Doktors du Boulbon.« (1.324)

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