Proust (29)

von Bert

Eines Abends möchte Odette mit Swann nicht Catlleya spielen und schickt ihn nach Hause. Stunden später kehrt er zurück, weil er sich vergewissern will, dass sie keinen anderen zu Besuch hat. Er sieht Licht, klopft, nach Zögern, doch an die Fensterläden, diese werden geöffnet – zwei alte Männer stehen im Fenster, Swann hat sich geirrt und fährt, beschämt aber erleichtert, heim. Eines Tages besucht er sie überraschend am Nachmittag. Er meint Schritte hinter der Tür zu hören – niemand öffnet. Als er eine Stunde später wiederkommt ist Odette da und erklärt, sie hätte geschlafen und ihn nicht gehört. Swann ist klar: Odette lügt!

»Doch in dieser seltsamen Phase der Liebe wird das Individuelle derartig bedeutungsvoll, daß die Neugier, die Swann im Hinblick auf die geringfügigsten Beschäftigungen einer Frau in sich erwachen fühlte, genau die gleiche war, die früher geschichtliche Tatsachen in ihm ausgelöst hätten. Und Handlungen, deren er sich bislang geschämt haben würde – spionierend vor einem Fenster stehen und morgen vielleicht, wer weiß, geschickt gleichgültige Menschen zum Reden bringen, die Dienstboten für sich gewinnen, an den Türen horchen –, erschienen ihm nur noch, ebensogut wie das Entziffern von Texten, das Vergleichen von Augenzeugenberichten und die Interpretation von Baudenkmälern, als durchaus ernstzunehmende Methoden wissenschaftlicher Forschung, die für die Findung der Wahrheit geeignet wären.« (1.397)