Proust (38)

von Bert

Es grenzt schon an eine ›peinliche Befragung‹, wie Swann von Odette Geständnis nach Geständnis erpresst. Gezwungen und teilweise auch unbeabsichtigt gibt sie zu, etwas mit anderen Frauen gehabt zu haben – auch noch zu der Zeit, in der sie Swann kannte und mit ihm zusammen kam. Das befeuert seine Eifersucht um so mehr. Er kann nicht umhin an vielem, was sie sagte getan zu haben (oder auch nicht), zu zweifeln. So kennt sie u.a. Forcheville schon viel länger als er dachte und dass sich Kupplerinnen für sie interessieren, ist nur ihm neu.

»Und hinter allen süßesten Erinnerungen Swanns, hinter den einfachsten Worten, die Odette ihm früher gesagt und an die er wie an das Evangelium geglaubt hatte, den täglichen kleinen Vorhaben, von denen sie ihm erzählt hatte, den gewohntesten Stätten, dem Haus der Schneiderin, der Avenue du Bois, dem Hippodrom spürte er – verborgen im Schutz jenes Überschusses an Zeit, der auch in noch so detailliert berichteten Tagesabläufen einen gewissen Spielraum offenläßt und als Versteck für gewisse Handlungen dienen kann – die mögliche unterirdische Gegenwart von Lügengeweben, die ihm jetzt alles vergällten, was ihm das Liebste gewesen war (die schönsten Abende, die Rue La Pérouse sogar, die Odette offenbar immer zu anderen Stunden verlassen hatte, als sie ihm gegenüber behauptete); überall trugen sie etwas von dem düsteren Grauen hin, das er bei ihrem Geständnis bezüglich der Maison Dorée empfunden hatte, und brachten wie die unreinen Tiere beim Untergang von Ninive Stein für Stein seine ganze Vergangenheit ins Wanken.« (1.537)