Durch die Zeit

Monat: Juli, 2020

Proust (69)

Damit Marcel bei der Reise vor Aufregung keine Erstickungsanfälle bekommt, gibt es – auf ärztliches Anraten – bei der Abfahrt »eine reichliche Dosis Bier oder Cognac« (2.321). Die Fahrt verläuft überraschend reibungslos, als Lektüre gibt es die Lieblingsschriftstellerin der Großmutter: Madame de Sévigné. Beobachtung eines Sonnenaufgangs im fahrenden Zug. Beobachtung eines jungen Mädchens an einer Station, die ihm »auf der Stelle den Vorgeschmack eines bestimmten Glücks« (2.329) verschafft. In Hochstimmung kommt er in Balbec an – das er sich ganz anders vorgestellt hat.

Sonnenaufgänge gehören zu langen Eisenbahnfahrten wie hartgekochte Eier, illustrierte Zeitungen, Kartenspiele und Flüsse, auf denen Kähne sich abmühen, ohne vorwärtszukommen. … Sie [die Farbe(n)] belebte sich, der Himmel ging in ein kräftiges Rot über, das ich mit dicht an die Scheiben gedrückten Augen besser zu sehen versuchte, denn ich fühlte, daß es in engem Zusammenhang mit dem tiefen Leben der Natur stand; da aber der Schienenweg die Richtung wechselte, machte der Zug eine Kurve, die Morgenszene wurde im Rahmen des Fensters von einem nächtlichen Dorf mit blau im Mondschein liegenden Dächern und einem Waschhaus abgelöst, auf dem die opalenen Perlmuttertöne der Nacht unter einem noch von all seinen Sternen übersäten Himmel eine trübe Schicht bildeten, und ich war unglücklich, meinen rosa Lichtstreifen am Himmel aus den Augen verloren zu haben, als ich ihn von neuem, aber nun schon rot, im gegenüberliegenden Fenster bemerkte, wo er bei einer neuerlichen Kurve der Trasse wiederum verschwand; so verbrachte ich meine Zeit damit, von einer Seite zur anderen zu eilen, um die lückenhaft und in entgegengesetzter Sicht auftauchenden Fragmente meines schönen scharlachfarbenen, launenhaft flüchtigen Morgenhimmels zusammenzusetzen, sie zu rentoilieren*, um eine Totalansicht, ein fortlaufendes Bild davon zu erlangen. (2.326-328)

*Kunstwissenschaft: ein Gemälde, dessen Leinwand brüchig geworden ist, auf eine neue übertragen

Proust (68)

BAND II: IM SCHATTEN JUNGER MÄDCHENBLÜTEN – ZWEITER TEIL – NAMEN UND ORTE: ORTE

Etwa zwei Jahre später. Bei Marcel, jetzt wohl irgendwas zwischen 16 und 18, treten Erinnerungen an Gilberte nur noch selten auf. Er soll zusammen mit der Großmutter in das [erfundene] Seebad Balbec. Die Vorfreude ist groß, doch das Drama beginnt, als der Körper »begriffen hatte, daß er mit von der Partie sein solle« (2.314). Ohne die Mutter! In einem fremden Zimmer! Fremde Umgebung! Keine Bekannte! Wird er sich von der Mutter entfremden? Sie sich von ihm?

Daher lebt der beste Teil unseres Gedächtnisses außerhalb von uns, in dem feuchten Hauch eines Regentages, dem Geruch eines ungelüfteten Raums oder dem Geruch eines eben entzündeten, aufflammenden Feuers, das heißt überall da, wo wir von uns selbst das wiederfinden, was unser Verstand als unverwendbar abgelehnt hatte, die letzte Reserve, die beste, der Vergangenheit, die, wenn all unsere Tränen versiegt scheinen, uns immer noch neue entlocken wird. Außerhalb von uns? In uns, besser gesagt; doch unseren Blicken entzogen, in einer mehr oder weniger langanhaltenden Vergessenheit. Dank diesem Vergessen allein können wir von Zeit zu Zeit das wiederfinden, was wir gewesen sind, den Dingen gegenüberstehen wie jenes Wesen von einst, von neuem leiden, weil wir nicht wir selbst mehr sind, sondern der andere, und weil der liebte, was uns jetzt gleichgültig ist. (2.310f)

Proust (67)

Weiteres Intrapsychisches beim Prozess der (notwendigen) Entliebung. Marcel stellt nun auch die Besuche bei Madame Swann ein, schreibt zwar hin und wieder noch Gilberte Briefe in der Hoffnung, sie würde um ihn kämpfen – tut sie aber nicht. Frühling ist’s und Marcel passt Madame Swann an den Sonntagen bei ihren Spaziergängen ab. Nahezu hymnische Beschreibung ihrer Toiletten und ihres Auftritts, denn dank ihrer Kenntnis »von den Riten und der Liturgie … zwischen ihrer Toilette und der Jahreszeit, ja der Stunde« (2.303) sorgt sie für »notwendige, einzigartige Beziehungen« (ebd.) – nicht nur Marcel ist hin und weg.

Plötzlich erschien dann auf dem Sand der Allee, langsam, spät und üppig wie die schönste Blüte, die sich erst zur Mittagsstunde auftut, Madame Swann, von einer Toilette umwogt, die jedesmal eine andere, doch, wie ich mich zu erinnern glaube, meist malvenfarben war; dann hißte und entfaltete sie im Augenblick ihres größten Glanzes auf einem langen Stiel den Seidenwimpel eines großen Sonnenschirms vom gleichen Farbton wie die flatternden Blütenblätter ihres Kleides. …  Strahlend, beglückt durch das schöne Wetter, die Sonne, die noch nicht lästig war, die Sicherheit und Ruhe des Schöpfers ausstrahlend, der sein Werk vollendet hat und sich um das Weitere nicht mehr sorgt, in der Gewißheit, daß ihre Toilette – mochten gewöhnliche Passanten sie auch nicht zu schätzen wissen – die eleganteste von allen sei, trug sie diese für sich selbst und für ihre Freunde, natürlich, ohne ihr übertriebene Aufmerksamkeit zu zollen, doch auch ohne völlig unbeteiligt daran zu sein; sie hinderte die kleinen Schleifen an Rock und Taille nicht daran, leicht vor ihr herzuflattern wie Geschöpfe, deren Anwesenheit ihr bewußt war, denen sie jedoch mit aller Nachsicht erlaubte, sich ihrem Spiel hinzugeben, nach ihrem eigenen Rhythmus, sofern sie nur ihren Schritten folgten, und selbst auf den malvenfarbenen Sonnenschirm, den sie oft beim Kommen noch nicht aufgespannt hatte, ließ sie manchmal, ebenso wie auf einem Strauß Parmaveilchen, ihren Blick fallen, der so froh und weich, wie er war, noch zu lächeln schien, selbst wenn er sich nicht mehr auf einen ihrer Freunde, sondern auf einen leblosen Gegenstand heftete. (2.301f)

[Ende Band 2, Teil 1]

Proust (66)

Marcel scheint sich entliebt zu haben. Spontan entschließt er, Gilberte zu besuchen, sich mit ihr zu versöhnen »und sie nur noch als Verliebter zu sehen« (2.282). Alles nicht ganz logisch, aber so ist der Mensch. Um ihr zukünftig ausreichend Geschenke machen zu können, verkauft er eine teure Vase. Auf dem Weg zu Gilberte sieht er sie »neben einem jungen Mann« (2.283) einhergehen – und aus ist es mit der Versöhnung. Niedergeschmettert tröstet er sich »in den Armen von Frauen, die ich nicht liebte« (2.285), das Geld hat er ja dafür jetzt. Funktionsweise und Analyse der menschlichen Psyche bei freiwilligen oder erzwungenen Entliebungsprozessen.

So sind die verschiedenen Epochen unseres Lebens miteinander verschränkt. Man lehnt um dessentwillen, was man liebt und was einem eines Tages völlig gleichgültig sein wird, verachtungsvoll ab, das zu sehen, was einem heute noch gleichgültig ist und was man morgen liebt, und, hätte man sich schon früher zu einer Begegnung bereit gefunden, auch früher schon hätte lieben können, wodurch man die gegenwärtigen Leiden abgekürzt hätte, freilich nur, um sie durch andere zu ersetzen. (2.287)

Proust (65)

Marcel ist weiter damit beschäftigt »mit Fleiß« (2.264) die Beziehung zu Gilberte zu zerstören und begeht »einen langen und grausamen Selbstmord an jenem Ich, das in mir Gilberte so sehr zugetan war« (ebd.). Beschreibungen über die Änderungen, die Madame Swann im Hause vornimmt und ausführliche Beschreibung ihrer Toiletten. Alles wird zeitgemäßer und echter. Proust kann auch kurz und knackig und fasst nach mehreren Seiten zusammen: »Madame Swann ist eigentlich der Abriß einer ganzen Epoche …« (2.277).

Ich verfluchte dieses eitle Geschwätz von Leuten, die oft, ohne die Absicht, uns zu schaden oder zu nützen, aus gar keinem Grund, nur aus Redebedürfnis, manchmal auch weil wir unseres ihnen gegenüber nicht unterdrücken konnten und sie eben indiskret sind (wie wir selbst), uns zu gegebener Zeit so großen Schaden zufügen. Allerdings spielen sie bei dem verhängnisvollen Bemühen um die Zerstörung unserer Liebe eine weit geringere Rolle als zwei Personen, die beide die Gewohnheit haben, die eine aus allzu großer Güte, die andere aus einem Übermaß von Schlechtigkeit, alles zu vernichten in dem Augenblick, da es sich einrichten wollte. Diesen beiden Personen aber sind wir nicht so böse wie den zudringlichen Cottards, denn die letztgenannte ist diejenige, die wir lieben, die andere sind wir selbst. (2.268)

Proust (64)

Im Salon von Madame Swann lauscht Marcel den Gesprächen zwischen ihr, Madame Verdurin, Madame Bontemps und Madame Cottard. Alle versuchen ihr Können in den Schatten zu stellen, damit die anderen dann widersprechen müssen. Themen sind u.a. die Hutmode, die Einführung des Telefons und – ganz verrückt – die des elektrischen Lichtes. Marcel wartet weiter, es ist schon wieder Neujahr, auf einen Brief von Gilbert – und leidet weinend so vor sich hin.

Wenn man liebt, ist die Liebe zu groß, um ganz in uns enthalten zu sein; sie strahlt aus auf die geliebte Person, trifft in ihr auf eine Fläche, an der sie nicht weiter kann, und ist dadurch gezwungen, zu ihrem Ausgangspunkt zurückzukehren; in dieser Rückwirkung unseres eigenen zärtlichen Gefühls glauben wir dann das Gefühl des anderen zu erkennen und lassen uns viel stärker bezaubern als auf dem Hinweg, weil wir es nicht als das unsere wiedererkennen. (2.262)

Proust (63)

Marcel besucht Madame Swann häufig, und nicht nur zu den Stunden, an denen sie zum Tee empfängt. Beschreibung des Salons (Raum) mit seinen vielen Blumen. Die Gespräche der Damen: (falsche) Schmeicheleien, Tratsch und Klatsch. Von der heimlichen Konkurrenz zwischen den Salons (Gesellschaft) von Madame Verdurin und Madame Swann.

Wir alle müssen, um die Wirklichkeit für uns erträglich zu machen, ein paar kleine Torheiten in uns nähren. (2.237)

Proust (62)

Marcel lebt »in dem Wahn, meiner Liebe drohe keine Gefahr, solange ich die Eltern Swann für mich habe« (2.223f). Denkste. Als Gilberte wegen ihm von einer Tanzstunde daheimbleiben muss, zeigt sie ihm die eisigkalte Schulter und er findet den Mut zu dem Entschluss »sie nicht mehr zu sehen, ohne es ihr jedoch mitzuteilen« (2.227). Die Umsetzung des Entschlusses gestaltet sich dann schwierig, weil Gilberte ihn unausgesprochen mitträgt, und er hatte doch gehofft … . Analyse der Ambivalenzen bei Trennungen. Er macht sich die Trennung dadurch einfacher, dass er nach wie vor Madame Swann besucht – wenn Gilberte nicht da ist.

Ich schrieb Gilberte einen Brief, in dem ich meinem Zorn freien Lauf ließ, nicht jedoch ohne auch gleich für alle Fälle Rettungsbojen in Gestalt von scheinbar zufälligen Wörtern anzubringen, an die meine Freundin eine Versöhnung hätte anknüpfen können; einen Augenblick später hatte dann der Wind gedreht, und nun richtete ich zärtliche Sätze an sie, in denen die ganze Süße bestimmter Ausdrucksformen trostlosen Kummers lag, ein »Niemals mehr«, das so rührend klingt für die, die es verwenden, und so unerfreulich für die, die es liest, sei es, daß sie nicht daran glaubt und »Niemals mehr« durch »Heute abend noch, wann immer ich Ihnen genehm bin« übersetzt oder es aber für wahr hält und es als Ankündigung einer jener endgültigen Trennungen versteht, die uns so vollkommen gleichgültig sind im Leben, wenn es um jemanden geht, in den wir nicht verliebt sind. (2.229f)

Proust (61)

Bergotte ist Marcel zugetan und empfiehlt ihm statt Cottard den Arzt du Boulbon zu konsultieren, der mehr Verständnis für intelligente Menschen hätte. Marcels Eltern sind nicht begeistert von der Beziehung zu Swanns und nun auch zu Bergotte, aber als sie erfahren, dass er ihren Sohn als ›intelligent‹ bezeichnet hat, ändert sich das. Marcel wagt nicht Gilberte zum Tee einzuladen, da die Eltern es seiner Meinung nach an Etikette mangeln lassen. Block revolutioniert sein »Weltbild« (2.214) indem er ihn ins Bordell mitnimmt. Dort wird ihm die Jüdin Rachel mehrfach angeboten. Aus Zuneigung schenkt er der Puffmutter Möbel aus dem Erbe seiner Tante Léonie

Als ich sie [die Möbel] nun aber in dem Haus wiedersah, wo diese Frauen sich ihrer bedienten, traten mir alle Tugenden vor Augen, die das Zimmer meiner Tante in Combray durchduftet hatten, und schienen mir Qualen auszustehen in diesem martervollen Kontakt, dem ich sie wehrlos ausgeliefert hatte! Hätte ich eine Tote der Vergewaltigung preisgegeben, ich hätte nicht so gelitten. Ich kehrte zu der Kupplerin daraufhin nicht mehr zurück, denn die Möbel schienen mir zu leben und mich anzuflehen wie in einem persischen Märchen die scheinbar leblosen Dinge, in denen Seelen eingeschlossen sind, die ein Martyrium erdulden und um Befreiung bitten. (2.217f)

Proust (60)

Marcel plaudert mit Bergotte und Swann zuerst – durchaus manieriert bzw. klugscheißerisch – über die Berma, dann – in eher lästerhaftem Ton – über Norpois. Ausführliche Beschreibung und Versuch einer Charakterisierung Gilbertes, mit der ›bahnbrechenden‹ Erkenntnis, dass sie von beiden Elternteilen geerbt hat, dennoch könnte ein geübter Zeichner nach dem Text wohl ein Portrait von ihr malen. Selbstzweifelnde Frage(n) Marcels, welchen Eindruck er wohl auf Bergotte gemacht habe.

Denn mein Geist mußte ja in beiden Fällen der gleiche sein, und vielleicht gibt es überhaupt nur einen Geist, an dem jeder einzelne von uns teilhat, einen Geist, auf den jeder in seinem eigenen Körper befangen die Blicke geheftet hält, so wie im Theater, wo zwar jeder seinen gesonderten Platz hat, doch nur eine einzige Bühne existiert. (2.204)

Proust (59)

Marcel wird von den Swanns zu einem Mittagessen »im kleinen Kreis« (2.173) – es sind ›nur‹ 16 Personen – eingeladen und trifft dort seinen heiß und innig geliebten Schriftsteller Berggotte zum ersten Mal – eine einzige große Enttäuschung, denn Bergotte ist nicht nur hässlich, sondern auch langweilig. Akribische Analyse, warum ein hässlicher, langweiliger Mensch wie Bergotte [dem zu Teilen Anatole France Pate stand] dennoch genial zu nennende Bücher schreiben kann.

Bei dem Namen Bergotte fuhr ich zusammen, als habe man einen Revolverschuß auf mich abgegeben, grüßte aber instinktiv, um Haltung zu bewahren; vor mir, nach Art der Zauberkünstler, die man makellos im Gehrock dastehen sieht im Rauch eines Flintenschusses, dem eine Taube entflattert, erwiderte meinen Gruß ein kräftig gebauter, untersetzter, kurzsichtiger, kleiner junger Mann mit roter, schneckenhausförmiger Nase und schwarzem Spitzbärtchen. Ich war todtraurig, denn was jetzt in Rauch aufging, war nicht nur der zarte, schwache Greis, von dem nichts mehr übrigblieb, sondern auch die Schönheit eines immensen Werkes; in dem hinfälligen, heiligen Organismus, den ich wie einen Tempel eigens dafür geschaffen, hatte ich es wohl unterbringen können, doch in dem untersetzten, mit Gefäßen, Knochen, Ganglien angefüllten Leib des kleinen, stumpfnasigen Mannes mit schwarzem Spitzbart, der da vor mir stand, war dafür kein Platz vorgesehen. (2.174)

Proust (58)

Darüber »wie ein Mögliches, das durch das Wirklichwerden eines anderen zunichte geworden war« (2.160), in diesem Fall die Sehnsucht den Swanns näher zu kommen, sowie über die hohe Wertigkeit von einfachen Dingen, wenn man ihnen, warum auch immer, Seele zuspricht. Kurz: Marcel ist hin und weg, dass er bei und mit den Swanns sein darf. Man ergeht sich in »ehrfurchteinflößender Toilette« (2.164) – zumindest Odette – im Jardin d’Acclimatation, wo man mit einer Kaiserlichen Hoheit plaudert, die gerade von einem Besuch beim Zar Nikolaus zurückschlendert, der zur Zeit in Paris weilt.

Sobald Madame Swann mir [in einem Teesalon] etwas anvertrauen wollte, was die Personen an den Nachbartischen oder sogar die servierenden Kellner nicht hören sollten, sagte sie es auf englisch zu mir, als sei diese Sprache allein uns beiden bekannt. Nun aber konnten zwar alle Englisch, nur ich hatte es bislang nicht gelernt und mußte Madame Swann diese Tatsache eingestehen, damit sie nicht länger über die Teetrinker oder jene, die den Tee servierten, ihre Bemerkungen machte, in denen ich Anzüglichkeiten vermuten mußte, die mir selbst entgingen, während derjenige, der gemeint war, sicher jedes Wort mitbekam. (170)

Proust (57)

Marcel darf nun auch zu Ausgängen, Spazierfahrten und Nachmittagsvorstellungen mit den Swanns mit. Er erscheint pünktlich um halb eins und muss oft warten. Eines Nachmittags setzt sich Odette ans Klavier und spielt die Sonate von Vinteuil. Betrachtungen darüber, dass man manche Musikstücke öfters hören muss, um sie zu ›verstehen‹. Über die zeitversetzte Wirkung der Werke genialer Künstler (siehe das 12. bis 15 Quartett von Beethoven). Swann schwelgt bei dieser Musik in Erinnerungen und man zieht etwas über Madame Blatin her, die im Jardin d’Acclimatation dort ausgestellte Singhalesen (!) mit »Hallo Negerlein« ansprach.

Doch bei einer etwas komplizierteren Musik, die man zum erstenmal hört, hört man oft zunächst nichts. Als mir später jedoch die Sonate zwei- oder dreimal vorgespielt wurde, war sie mir schließlich völlig vertraut. Deshalb ist auch die Wendung so berechtigt: »zum erstenmal hören«. Hätte man wirklich, wie man meint, beim ersten Anhören überhaupt nichts herausgehört, würde das zweite oder dritte Anhören wiederum ein erstes Mal sein, und es wäre nicht einzusehen, weshalb man beim zehnten Mal plötzlich etwas begriffen haben sollte. Was das erste Mal fehlt, ist offenbar nicht das Verständnis, sondern das Gedächtnis. (2.149)

Nachtrag

  • Connelly, Michael: Late Show
  • Cunningham, Michael: Ein Zuhause am Ende der Welt
  • Goldschmidt, Georges-Arthur: Vom Nackexil
  • Henschel, Gerhard: SoKo Heidefieber
  • Hensel, Kerstin: Regenbeins Farben
  • Höhtker; Christoph: Schlachthof und Ordnung
  • Karples, Eric: Marcel Proust und die Gemälde aus der Verlorenen Zeit
  • Leroy, Jerome: Der Schutzengel
  • Pleschinski, Hans: Wiesenstein
  • Proust, Marcel: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 2: Im Schatten junger Mädchenblüten
  • Pynchon, Thomas: Die Enden der Parabel
  • Ruschel, Rudolf: Ruhet in Friedberg
  • Shakespeare, William: Sämtliche Werke

Proust (56)

Swann hat nicht nur seine »Diskretion« (2.126) in der Gesellschaft aufgegeben, sondern auch »jede Exklusivität« (ebd). Über die Konkurrenz der Salone, die »dem Wandel der Kriterien« (2.131) unterliegen, heißt, es hängt von verschiedenen, nicht immer logisch nachvollziehbaren Bedingungen ab ob und wie lange ein Salon top ist. Erläuterungen, wie man mit ›großen‹ im Ranking oben bleibt, auch wenn nicht alle Besucher das gleiche ›Niveau‹ haben. Swanns Eifersucht hinsichtlich Odette ist weitgehend verschwunden, was aber nach wie vor an ihm nagt: Hatte sie damals mit Forcheville Sex, als er an ihrer verschlossenen Tür klopfte? (Vgl. Nr. 29 u. 30)

Swann war übrigens allem gegenüber blind, was Odette betraf, nicht nur bezüglich ihrer Bildungslücken, sondern auch der Mittelmäßigkeit ihrer Intelligenz. Ja, mehr noch, jedesmal, wenn Odette eine dumme Geschichte erzählte, hörte Swann seiner Frau mit einem Behagen, einer Heiterkeit, schon fast einer Bewunderung zu, in der noch ein Rest von Erotik mitschwingen mochte; während alles, was er selbst im gleichen Gespräch an Scharfsinnigem, ja Tiefgründigem vorbrachte, von Odette im allgemeinen ohne Interesse, flüchtig und mit Ungeduld aufgenommen und häufig unnachsichtig angegriffen wurde. (2.134)

Proust (55)

Marcel ist nun regelmäßig zum Tee bei Gilberte und findet alles, was er dort sieht, hört und fühlt viel besser, als alles andere, was ihm in seinem Leben bisher begegnet ist. Mit der Zeit, darf er das »übernatürliche Dasein« (2.119) der Familie näher kennenlernen und wird von den Eltern – endlich – als Gilbertes Freund anerkannt. Die Eltern sind sich nicht zu blöde, bei den Gästen von Gilberte eins auf dicke Hose zu machen. Man spricht auch von einer Schülerin, die ein paar Klassen unter Gilberte ist: Albertine. Die wird später noch wichtig, ach was, sehr wichtig werden.

Die Swanns teilten die Untugend jener Leute, die nicht sehr hoch im Kurs stehen; ein Besuch, eine Einladung, ein bloßes liebenswürdiges Wort von einigermaßen bekannten Persönlichkeiten waren für sie ein Ereignis, das sie bekanntzugeben wünschten. (1.125)

Ich bin dann mal weg

Ich liebe diese Paradoxie: Die Klamotten für den FKK-Urlaub sind gepackt.

Morgen geht’s los und für die ‚Landausflüge‘ habe ich echt mal ein ein paar Klamotten mehr eingepackt, Lust, wählen zu können. Aber wichtig ist das ganze technische Equip, was von Jahr zu Jahr mehr wird.

Wie jedes Jahr: Urlaubszeit ist auch Urlaub vom Blog. Ich werde zwar weiter ‚pr(o)usten‘ und die Zusammenfassung hier auch einstellen, um einfach den vielen hunderten und aberhunderten von BlogleserInnen, die täglich sich hier aufschalten um zu wissen, wie es mit Proust weitergeht, ihren Urlaub nicht zu vermiesen – aber mehr wird es nicht werden.

Die Zusage für die Reha ist zwar heute schon gekommen, aber ich tu mal so, als würde sie erst morgen im Briefkasten liegen, denn die wollen mich für fünf Wochen in eine Klinik stecken, in die ich nicht will. Mit Erholung schreibt sich so ein Widerspruch deutlich besser.

Lasst es Euch gut gehen!

Proust (54)

Marcel ist von Gilberte nahezu besessen, dass er auch krank sich in den Park schleppt. Zurück kommt er mit einer veritablen Lungenentzündung und Erstickungsanfällen, die man mit »Bier, Champagner oder Cognac« (2.101) zu begegnen sucht. Betrachtungen über die Hypochondrie. Erst Cottards Kur – »Reichlich drastische Abführmittel, ein paar Tage lang Milch, nichts als Milch. Kein Fleisch, kein Alkohol« (2.103f) – wirkt. Der Lohn ist ein Brief von Gilberte, die ihn zum Tee einlädt. Den hätte Marcel aber nie bekommen, hätte Cottard einer Lüge Blochs nicht geglaubt und sich für den kranken Jungen eingesetzt. »So lernte ich nun diese Wohnung kennen …« (2.110)

»Im übrigen gilt für alle Ereignisse, die im Leben und in seinen widerspruchsvollen Situationen sich auf die Liebe beziehen, daß man sie am besten gar nicht zu verstehen versucht, da sie in allem, was sie an Unerbittlichem und Unverhofftem an sich haben, eher magischen als rationalen Gesetzen zu gehorchen scheinen.« (2.108)

GT (47)

Je weniger wir sind, desto weniger reicht die Zeit. Wie haben wir zu neunt noch eine halbe Stunde für eine Aufstellung übrige gehabt, wenn wir zu sechst gerade so noch die Einführungsrunde schaffen?

Dass diese Gruppe ein definitives Ende hat, tut ihr gut. Ich hab ja schon sehr, sehr früh die Hosen runtergelassen (Ende letzten Jahres), jetzt beginnt wenigsten S. dem gleich zu tun und auch L. packt mal etwas aus. C I schimmt noch gut mit, während C II und A. wohl langsam merken, dass Verstecken nicht mehr so der Bringer ist.

Es tut gut, dass der Psychdoc auch etwas aus seiner Deckung rausgeht, weil auch er weiß, dass er nicht mehr auf sehr viel Zeit spielen kann.

Ich finde es gerade echt schade, dass wir in eine fünfwöchige Sommerpause gehen.

Und ich freue mich gerade viereckig, dass L. (!!!) mich heute das erste Mal sogar mit einer Bitte direkt angesprochen hat. Und ja, ich werde liefern, ich werde ihr ein paar Proust-Zitate mitbringen.

Proust (53)

Marcel, vom Neujahrstag bitter enttäuscht, sehnt sich nach Gilberte und hat Angst, die Erinnerung an ihr Gesicht zu verlieren. »Endlich kam sie« (2.92) und man nimmt die Spiele wieder auf. Er möchte auch bei ihren Eltern Eindruck machen und schreibt Swann einen sechzehnseitigen (!) Brief – der so gar nicht gut ankommt. Als Gilberte ihm den Brief zurückgeben will, kommt es zu einer Rangelei zwischen den beiden »und in der Hitze des Spiels … strömte genauso wie ein paar Schweißtropfen, die die Anstrengung einem entlockt, meine Lust aus mir, ohne daß ich auch nur Zeit gehabt hätte, sie richtig auszukosten.« (2.98)

»Das Suchende, Angstvolle, Fordernde, mit dem wir den geliebten Menschen anschauen, unser Warten auf das Wort, das uns die Hoffnung auf ein Wiedersehen am folgenden Tag schenken oder rauben wird, und, bis dieses Wort gefallen ist, die abwechselnde, wenn nicht gar gleichzeitige Vorstellung von Freude und Verzweiflung, all das versetzt unsere Aufmerksamkeit, solange wir uns in Gegenwart des geliebten Wesens befinden, mit zuviel Unruhe, als daß sie ein deutliches Bild von ihm festhalten könnte.« (2.91)

5 x B

  • Fast den ganzen Tag über bin ich der Meinung, heute sei Mittwoch. Dem ist aber nicht so, wie ich immer wieder feststellen muss.
  • Wäre aber gut gewesen, denn dann hätte ich ab morgen Urlaub. So erst ab übermorgen.
  • Aber so kann ich morgen, was sich wie heute anfühlt, nochmals erleben und auch noch schnell ein paar Hörbücher abholen, die ich dann noch schnell auf mein Handy bekommen muss, damit ich nicht nur genügend zu lesen, sondern auch genügend zum Hören habe.
  • Und ich kann auf einen Geburstag bzw. muss noch.
  • Und der Sekt wird kühle sein, den ich erst heute für morgen in den Kühlschrank gestellt habe.

Proust (52)

Als Norpois gegangen ist, hechelt man ihn noch kurz durch, zeigt Marcel eine überschwängliche Kritik der Aufführung mit der Berma – was ihn dazu bewegt, sie nun auch als große Künstlerin zu sehen, wenn auch im Bewusstsein, dass er sich was vormacht – und lobt ausführlich Françoise, die sich dazu herablässt zuzugeben, dass das Rindfleisch im Café Anglais [siehe hierzu den Film: Babetts Fest] fast genauso gut sei. Am 1. Januar macht er mit der Mutter Besuche und lässt Gilberte einen Brief zustellen, damit sie auch wisse: … vom 1. Januar an aber würden wir eine neue Freundschaft begründen … (2.87)

»Es half mir nichts, daß ich das nun anbrechende Jahr Gilberte zueignete und damit, so wie man eine Religion über die blinden Gesetze der Natur stülpt, versuchte, dem Neujahrstag das besondere Bild aufzuprägen, das ich mir von ihm gemacht hatte; es war umsonst.« (2.89)

5 B’s

  • Wenn ich den Traum von heute Nacht meinem Therapeuten erzähle, dann schickt der mich sicher zum Psychoanalytiker. Ist schon gut, wenn man schweigen kann.
  • Ich freu‘ mich quasi mit jeder Minute mehr auf den Urlaub. Das hat es schon seit Jahren nicht mehr gegeben.
  • Wenigsten virtuell mit Rolli-A. mal getroffen. Dabei ist mir dann siedendheiß eingefallen: Die liest ja hier mit! Bekommt sie jetzt ein Schaden, wenn sie sich mir nackt vorstellt? Immerhin weiß sie ja, wie ich so aussehe.
  • Lese gerade einen älteren schwulen Krimi (gar nicht mal so schlecht bisher) (und für nureinglaswein: Felix Haß: Angst ist stärker als der Tod) der mich überraschend daran erinnerte, in welchen dunklen Ecken ich mich mal ne zeitlang rumgetrieben habe. Gut zu wissen, dass ich nicht immer brav war.
  • Mein Mann war so nett, meinen Gewinn abzuholen. 20 Euro die wir auf dem Markt demnächst mal einfach so ausgeben können. Die Tendenz geht gerade in Richtung Wachtel.

Proust (51)

Marcel, der etwa um die 14, 15 Jahre alt ist, versucht mit Fragen Norpois dazu zu bringen, mehr über den Abend bei den Swanns zu erzählen. Das führt erstmal zu einem völlig vernichtenden Urteil über den von ihm bewunderten Schriftsteller Bergotte – »ziemlich schwächlich, jedenfalls sehr unmännlich« (2.68) – bis es Marcel gelingt Norpois mitzuteilen, dass er Mutter wie Tochter Swann sehr verehrt. Der stellt in Aussicht »er werde Gilberte und ihrer Mutter berichten, wie sehr ich sie bewundere« (2.75), doch als er erfährt, dass Marcel Madame Swann nicht einmal persönlich kennt, nimmt er – wortlos – von diesem Versprechen Abstand. Etikette und ›richtige Kreise‹ über alles!

»Es ist tatsächlich für keinen von uns ganz leicht zu berechnen, in welchem Maß unsere Worte oder Bewegungen den anderen deutlich werden; aus Furcht, uns unsere eigene Wichtigkeit zu übertreiben, und in der Annahme, daß sich die Erinnerungen der anderen notgedrungen im Lauf ihres Lebens über ein enormes Gebiet erstrecken, bilden wir uns ein, daß die kleineren Äußerlichkeiten unserer Rede und unseres Gebärdenspiels kaum ins Bewußtsein derer treten, mit denen wir uns unterhalten, geschweige denn in ihrem Gedächtnis verankert bleiben.« (2.74)

Acht Bullets

  • Wochenende in Bochum. Kann man da eigentlich wandern gehen?
  • Ich wehre mich mir zuzugestehen, dass ein Gasgrill gegebenenfalls unter Umständen vielleicht doch Vorteile haben könnte.
  • Nach wie vor bekomme ich kein entspannte Verhältnis zum Mund-Nasen-Schutz – erst recht nicht beim Bahnfahren (auch wenn ich die Notwendigkeit einsehe).
  • Zwei Schwule – ein Gedanke: Der Pool der Notfallliteratur für den Urlaub ist auf 61 Bücher gestiegen. Ich fühle mich aber sowas auf der sicheren Seite!
  • Warum kann der Urlaub nicht gleich morgen beginnen oder jetzt gleich nach diesem Post?
  • Dass wir einen Tisch am Mittwoch in zwei Wochen in einem 2-Sterne-Schuppen habe, habe ich ja wohl schon oft genug hier ausposaunt.
  • Soll ich das große Menü nehmen (7 Gänge) oder das kleine (5 Gänge)? Und wenn ja, das mit Fisch oder mit Fleisch? Und wenn ja, dann doch wohl mit Weinbegleitung, oder?
  • Manche Urlaubsvorbereitungen sind echt, echt schwierig: Denn man könnte ja auch noch – als Premiere – mal drei Austern vorweg nehmen.

Proust (50)

Man plaudert weiter. Norpois fragt nach Urlaubsplänen, die Mutter Marcels nennt Balbec als mögliches Ziel, was sein Gefallen findet. Eher beiläufig erwähnt der Diplomat, dass er den letzten Abend bei »der schönen Madame Swann« (2.56) verbracht habe. Dass Swann sich mit der Hochzeit, was das gesellschaftliche Renommee betrifft, nichts Gutes getan hat, erläutert er ausführlich. Wichtig jedoch: Odette »entzog ihm [Swann] seine Tochter jedesmal, wenn er ihr etwas abschlug« (2.59) – bis er sie heiratete und nun »ein Engel an Sanftmut« (ebd) ist. Betrachtungen über ›Lebenspläne‹.

Und wußte es denn Swann nicht aus seiner eigenen Erfahrung, war es nicht schon zu seinen Lebzeiten als eine Art Vorklang dessen, was sich nach seinem Tode zutragen sollte, etwas wie ein posthumes Glück, daß er die einst – obwohl sie ihm anfangs nicht besonders gefallen hatte – so leidenschaftlich geliebte Odette heiratete, als er sie nicht mehr liebte, als das Ich, das in ihm so heftig danach verlangt hatte, mit Odette das ganze Leben zu verbringen, und so sehr daran verzweifelte, schon gestorben war? (2.65)

Proust (49)

Norpois berät den Vater Marcels auch in Geldangelegenheiten –auch wenn wohl nicht wirklich gut. Die literarische Arbeit über die Kirchtürme von Martinville (siehe 20), die Marcel ihm zum Lesen geben muss, würdigt er mit keinem Wort, erklärt ihm aber das Wesen der Berma: »Niemals träg sie mit Farben oder mit der Stimme irgendwo zu stark auf« (2.45). Den Rinderschmorbraten lobt er über den Klee, über den Ananas- und Trüffelsalat dagegen verliert er wiederum kein Wort. Bei Tisch sein nicht ganz unstolzer Bericht über sein Treffen mit König Theodosius in der Oper und politische Ansichten.

»Das kalte Rindsfilet mit Karotten erschien, von unserem Küchen-Michelangelo auf riesige Geléekristalle gelagert, die aussahen wie Blöcke aus durchsichtigem Quarz.« (2.46)

Proust (48)

Marcels Vorfreude auf die Berma ist groß, riesengroß, aber »[i]hre letzten Augenblicke verlebte meine Freude schließlich während der ersten Szenen von Phèdre« (2.31), denn der Besuch der Matinee ist eine einzige Enttäuschung, weil es ihm nicht gelingt, das Besondere an der Berma zu erkennen (wie denn auch, ist ja sein erster Theaterbesuch). Dennoch ist die Liebe zur Bühne gesetzt. Währenddessen läuft François – »so wie Michelangelo« (1.27) – zu Hochleistungen auf und macht sich an die Zubereitung von Boeuf à la gelée. Marcel redet, als er Norpois vorgestellt wird, »Blech« (1.39), was den Diplomaten aber nicht abhält, ihn in Richtung Schriftstellerei zu bestärken.

»Aus beruflicher Gewohnheit vielleicht oder auch aufgrund der Gelassenheit, die jeder Mann in bedeutender Stellung an sich hat, wenn er um Rat gefragt wird, und der, da er ganz genau weiß, daß die Unterhaltung ihm nicht aus den Händen gleiten kann, den vor ihm Stehenden zappelnd sich bemühen und nach Belieben abrackern läßt, möglicherweise auch, um seinen Charakterkopf (den er selbst für griechisch hielt, trotz der großen Koteletten) besser zur Geltung zu bringen, bewahrte Norpois, während man ihm etwas auseinandersetzte, eine so völlig unbewegte Miene, daß es war, als spräche man zu einer antiken – und tauben – Porträtbüste in einer Glyptothek.« (2.38)

Am Wegesrand

Heute auf der Wanderung mit E. etwas geschwächelt. Aber auch das war OK. Und wenn wir das nicht getan hätte, wären wir nicht daran vorbei gekommen:

Ein Teil ist in den Prosecco gewandert, der andere in Joghurt-Sahne.

Proust (47)

Die Eltern bemerken Marcels Niedergeschlagenheit ob der Trennung von Gilberte. Auch mit indirekter Unterstützung durch Norpois, auf den der Vater große Stücke hält, erlauben sie ihm nun doch, eine Aufführung der Berma* zu besuchen. Arzt und Großmutter sind dagegen und der junge Marcel wird zunehmend unsicherer, ob der Wunsch die Berma zu sehen wirklich sein Wunsch ist oder ob, da die Eltern es ja nun erlauben, er nun lieber wegen der Eltern hingehen möchte, um diese nicht zu enttäuschen.

* Berma, eine der seiner Zeit nahezu weltberühmten Sarah Bernhardt nachempfundene Schauspielerin

»Als ich bei meiner erst seit kurzer Zeit so quälenden täglichen Station vor der Theatersäule sozusagen als Säulenheiliger verweilte, erblickte ich die detaillierte, noch ganz feuchte Anzeige von Phèdre, die eben zum erstenmal angebracht worden war (und in der, offen gesagt, die übrige Besetzung mir keine neue Verlockung bot, die meine Entscheidung hätte herbeiführen können). Doch verlieh sie dem einen der beiden Ziele, zwischen denen ich in meiner Unentschiedenheit schwankte, eine deutlichere und – dadurch, daß die Anzeige nicht das Datum des Tages trug, an dem ich sie las, sondern das des Aufführungstages und sogar der Stunde, zu der der Vorhang aufgehen würde – nahezu gegenwärtige, schon in Verwirklichung begriffene Gestalt, so daß ich vor der Säule einen Freudensprung machte beim Gedanken, daß ich genau zu jener angegebenen Stunde bereit und auf meinem Platz sein würde, um die Berma zu sehen; und aus Angst, meine Eltern könnten nicht mehr Zeit haben, zwei gute Plätze für meine Großmutter und mich zu bekommen, war ich in einem Satz zu Hause, getrieben von jenen magischen Worten, die in meinen Gedanken jansenistische Blässe und Sonnenmythos ersetzt hatten: Die Damen werden ersucht, auf den Orchestersitzen die Hüte abzunehmen; die Türen werden um zwei Uhr geschlossen.« (2.26f)

Anton Weyrother

weyrother.net

Mijonis chaotische Welt

Leben, Lieben, Queerbeet, Gedanken, Alles in einem

AISTHESIS

Texte zur Ästhetik, Philosophie und Kunstkritik sowie vermischte Bemerkungen

Kritzelkomplex

Just another WordPress.com site

heat'n'eat

The way I cook/Wie ich koche

wirbelwind68

ich lebe intensiv und reflektiert

Musil lesen

"Der Mann ohne Eigenschaften" in weniger als 123 Wochen

Ein Nudelsieb bloggt, ...

... denn man(n) kann sich ja nicht alles merken ;)

KenterKönig

und anderes aus der weiten Welt

Winterlicht

Worte und Bilder

herschelmann fotoblog, bestpixel-photowerkstatt-hamburg.de

einige mehr oder weniger tolle Ideen um die Fotografie und die Bildbearbeitung

Rummelschubser

Ein Rummelschubser vs. Glioblastom et alia