Proust (57)

von Bert

Marcel darf nun auch zu Ausgängen, Spazierfahrten und Nachmittagsvorstellungen mit den Swanns mit. Er erscheint pünktlich um halb eins und muss oft warten. Eines Nachmittags setzt sich Odette ans Klavier und spielt die Sonate von Vinteuil. Betrachtungen darüber, dass man manche Musikstücke öfters hören muss, um sie zu ›verstehen‹. Über die zeitversetzte Wirkung der Werke genialer Künstler (siehe das 12. bis 15 Quartett von Beethoven). Swann schwelgt bei dieser Musik in Erinnerungen und man zieht etwas über Madame Blatin her, die im Jardin d’Acclimatation dort ausgestellte Singhalesen (!) mit »Hallo Negerlein« ansprach.

Doch bei einer etwas komplizierteren Musik, die man zum erstenmal hört, hört man oft zunächst nichts. Als mir später jedoch die Sonate zwei- oder dreimal vorgespielt wurde, war sie mir schließlich völlig vertraut. Deshalb ist auch die Wendung so berechtigt: »zum erstenmal hören«. Hätte man wirklich, wie man meint, beim ersten Anhören überhaupt nichts herausgehört, würde das zweite oder dritte Anhören wiederum ein erstes Mal sein, und es wäre nicht einzusehen, weshalb man beim zehnten Mal plötzlich etwas begriffen haben sollte. Was das erste Mal fehlt, ist offenbar nicht das Verständnis, sondern das Gedächtnis. (2.149)