Proust (67)

von Bert

Weiteres Intrapsychisches beim Prozess der (notwendigen) Entliebung. Marcel stellt nun auch die Besuche bei Madame Swann ein, schreibt zwar hin und wieder noch Gilberte Briefe in der Hoffnung, sie würde um ihn kämpfen – tut sie aber nicht. Frühling ist’s und Marcel passt Madame Swann an den Sonntagen bei ihren Spaziergängen ab. Nahezu hymnische Beschreibung ihrer Toiletten und ihres Auftritts, denn dank ihrer Kenntnis »von den Riten und der Liturgie … zwischen ihrer Toilette und der Jahreszeit, ja der Stunde« (2.303) sorgt sie für »notwendige, einzigartige Beziehungen« (ebd.) – nicht nur Marcel ist hin und weg.

Plötzlich erschien dann auf dem Sand der Allee, langsam, spät und üppig wie die schönste Blüte, die sich erst zur Mittagsstunde auftut, Madame Swann, von einer Toilette umwogt, die jedesmal eine andere, doch, wie ich mich zu erinnern glaube, meist malvenfarben war; dann hißte und entfaltete sie im Augenblick ihres größten Glanzes auf einem langen Stiel den Seidenwimpel eines großen Sonnenschirms vom gleichen Farbton wie die flatternden Blütenblätter ihres Kleides. …  Strahlend, beglückt durch das schöne Wetter, die Sonne, die noch nicht lästig war, die Sicherheit und Ruhe des Schöpfers ausstrahlend, der sein Werk vollendet hat und sich um das Weitere nicht mehr sorgt, in der Gewißheit, daß ihre Toilette – mochten gewöhnliche Passanten sie auch nicht zu schätzen wissen – die eleganteste von allen sei, trug sie diese für sich selbst und für ihre Freunde, natürlich, ohne ihr übertriebene Aufmerksamkeit zu zollen, doch auch ohne völlig unbeteiligt daran zu sein; sie hinderte die kleinen Schleifen an Rock und Taille nicht daran, leicht vor ihr herzuflattern wie Geschöpfe, deren Anwesenheit ihr bewußt war, denen sie jedoch mit aller Nachsicht erlaubte, sich ihrem Spiel hinzugeben, nach ihrem eigenen Rhythmus, sofern sie nur ihren Schritten folgten, und selbst auf den malvenfarbenen Sonnenschirm, den sie oft beim Kommen noch nicht aufgespannt hatte, ließ sie manchmal, ebenso wie auf einem Strauß Parmaveilchen, ihren Blick fallen, der so froh und weich, wie er war, noch zu lächeln schien, selbst wenn er sich nicht mehr auf einen ihrer Freunde, sondern auf einen leblosen Gegenstand heftete. (2.301f)

[Ende Band 2, Teil 1]