Proust (68)

von Bert

BAND II: IM SCHATTEN JUNGER MÄDCHENBLÜTEN – ZWEITER TEIL – NAMEN UND ORTE: ORTE

Etwa zwei Jahre später. Bei Marcel, jetzt wohl irgendwas zwischen 16 und 18, treten Erinnerungen an Gilberte nur noch selten auf. Er soll zusammen mit der Großmutter in das [erfundene] Seebad Balbec. Die Vorfreude ist groß, doch das Drama beginnt, als der Körper »begriffen hatte, daß er mit von der Partie sein solle« (2.314). Ohne die Mutter! In einem fremden Zimmer! Fremde Umgebung! Keine Bekannte! Wird er sich von der Mutter entfremden? Sie sich von ihm?

Daher lebt der beste Teil unseres Gedächtnisses außerhalb von uns, in dem feuchten Hauch eines Regentages, dem Geruch eines ungelüfteten Raums oder dem Geruch eines eben entzündeten, aufflammenden Feuers, das heißt überall da, wo wir von uns selbst das wiederfinden, was unser Verstand als unverwendbar abgelehnt hatte, die letzte Reserve, die beste, der Vergangenheit, die, wenn all unsere Tränen versiegt scheinen, uns immer noch neue entlocken wird. Außerhalb von uns? In uns, besser gesagt; doch unseren Blicken entzogen, in einer mehr oder weniger langanhaltenden Vergessenheit. Dank diesem Vergessen allein können wir von Zeit zu Zeit das wiederfinden, was wir gewesen sind, den Dingen gegenüberstehen wie jenes Wesen von einst, von neuem leiden, weil wir nicht wir selbst mehr sind, sondern der andere, und weil der liebte, was uns jetzt gleichgültig ist. (2.310f)