Proust (69)

von Bert

Damit Marcel bei der Reise vor Aufregung keine Erstickungsanfälle bekommt, gibt es – auf ärztliches Anraten – bei der Abfahrt »eine reichliche Dosis Bier oder Cognac« (2.321). Die Fahrt verläuft überraschend reibungslos, als Lektüre gibt es die Lieblingsschriftstellerin der Großmutter: Madame de Sévigné. Beobachtung eines Sonnenaufgangs im fahrenden Zug. Beobachtung eines jungen Mädchens an einer Station, die ihm »auf der Stelle den Vorgeschmack eines bestimmten Glücks« (2.329) verschafft. In Hochstimmung kommt er in Balbec an – das er sich ganz anders vorgestellt hat.

Sonnenaufgänge gehören zu langen Eisenbahnfahrten wie hartgekochte Eier, illustrierte Zeitungen, Kartenspiele und Flüsse, auf denen Kähne sich abmühen, ohne vorwärtszukommen. … Sie [die Farbe(n)] belebte sich, der Himmel ging in ein kräftiges Rot über, das ich mit dicht an die Scheiben gedrückten Augen besser zu sehen versuchte, denn ich fühlte, daß es in engem Zusammenhang mit dem tiefen Leben der Natur stand; da aber der Schienenweg die Richtung wechselte, machte der Zug eine Kurve, die Morgenszene wurde im Rahmen des Fensters von einem nächtlichen Dorf mit blau im Mondschein liegenden Dächern und einem Waschhaus abgelöst, auf dem die opalenen Perlmuttertöne der Nacht unter einem noch von all seinen Sternen übersäten Himmel eine trübe Schicht bildeten, und ich war unglücklich, meinen rosa Lichtstreifen am Himmel aus den Augen verloren zu haben, als ich ihn von neuem, aber nun schon rot, im gegenüberliegenden Fenster bemerkte, wo er bei einer neuerlichen Kurve der Trasse wiederum verschwand; so verbrachte ich meine Zeit damit, von einer Seite zur anderen zu eilen, um die lückenhaft und in entgegengesetzter Sicht auftauchenden Fragmente meines schönen scharlachfarbenen, launenhaft flüchtigen Morgenhimmels zusammenzusetzen, sie zu rentoilieren*, um eine Totalansicht, ein fortlaufendes Bild davon zu erlangen. (2.326-328)

*Kunstwissenschaft: ein Gemälde, dessen Leinwand brüchig geworden ist, auf eine neue übertragen