Durch die Zeit

Monat: August, 2020

Pech

Irgendwie habe ich gerde echt Pech mit meinen Büchern. Jetzt sind es schon vier Stück, die ich gekauft habe und nicht zu Ende lesen werde, weil sie einfach irgendwie zu doof sind. Als da wären:

  • Iris Hanika: Echos Kammer: Das ist einfach selbstgefälligs Geschwätz und die Autorin ergeht sich in ach so kreative Wort und Sprachstile. Höhepunkt ist eine ‚eigene‘ Sprache – Kinderkram.
  • Ben Lerner: Die Topeka Schule: Typisch amerikanisch – aber eben das von der schlechten Sorte. Auch sehr selbstfällig und und daher schwätzend. Nach einem Drittel aufgegeben, denn a) wird klar wie es weiter geht und b) keine Besserung in Sicht.
  • Kerstin Hensel: Regeneins Farben: Das hätte was werden können, aber dann macht die Autorin einfach zuviele Kapriolen und Loopings, kommt so nicht von der Stelle.
  • Hanns Zischler: Der zerissene Brief: Das ist so überklug. Auch in meinen Augen schlechte Idee, dass eine junge Frau und eine alte Frau in deren Vergangenheit kramen und immer genau das Papier oder die Erinnerung aus dem Stapel ziehen, die die Autorin gerde braucht. Höchst unglaubwürdig.
  • Kamel Daoud: Meine Nacht im Picasso-Musem: Kapier ich nicht. Steig ich einfach nicht dahinter. Bin wohl zu wenig ne Kulturschwuchtel.

Jetzt geh‘ ich auf Nummer sicher und lese von Hubertus Wolf: Der Unfehlbare – Pius IX und die Erfindung des Katholizismus im 19. Jahrhundert. Da der ja für meine Katastrophe mitverantwortlich ist, schau ich mir das Elend mal näher an.

Proust (100)

BAND III: GUERMANTES – 1. Teil

Sie sind umgezogen. Marcel bekommt deswegen natürlich gleich mal »Temperatur« (3.8). Françoise braucht etwas, sich an die neue Wohnung zu gewöhnen. Über das Erinnern. Die neue Wohnung gehört zum Stadtpalais der Guermantes. Marcel geht deswegen fast einer ab, weil schon seit Anbeginn seines Denkens, er dem Geschlecht der Guermantes höchste Zuneigung – warum auch immer – entgegenbringt. Wir erinnern: Zum Geschlecht gehören Madame Villeparisis, Monsieur Charlus und Marcels bester Freund Robert. Françoise schaut supergerne in den Hof, nicht nur wegen des Westenmachers Jupien, der dort seine Werkstatt hat, sondern um alles rund um die zu beobachten, »die da hinten« (3.17) wohnt: Die Herzogin von Guermantes, »elegant und noch jung« (ebd)!

Es [das Stadtpalais] war eines jener alten Gebäude, wie sie vielleicht auch heute noch existieren, deren Ehrenhof … oft von Ladenräumen und Werkstätten, ja sogar von der Bude eines Schuhmachers oder Schneiders flankiert war, wie jene, die man an die Seiten der Kathedralen sich anlehnen sieht, soweit die Ingenieursästhetik diese nicht freigelegt hat; oder es gab dort einen schusternden Concierge, der Hühner und Blumen züchtete – und zuhinterst, in dem eigentlichen »Palais«, eine »Gräfin«, die, wenn sie in ihrer alten zweispännigen Kalesche ausfuhr, mit ein paar Kapuzinerblumen am Hut, die dem Gärtchen der Concierge-Loge entsprungen schienen (neben dem Kutscher saß ein Lakai, der vor jedem aristokratischen Palais im Stadtviertel abstieg, um Karten abzugeben), unterschiedslos ein Lächeln und einen winkenden Gruß den in diesem Augenblick vorüberkommenden Kindern des Concierge oder den bürgerlichen Mietern des Hauses zusandte, die sie mit herablassender Liebenswürdigkeit und egalitärem Dünkel in denselben Topf warf. (3.16f)

Angekommen

Am Ende des Gesprächs meinte die Anrufende: „Sie machen das echt gut, was Sie da machen.“

Ich hab‘ mich gefreut und schlicht „Danke!“ gesagt.

Auch so ein Therapieerfolg wie ich finde, früher hätte ich nämlich irgendwie abgewiegelt, relativiert.

Proust (99)

Albertine verteidigt ihr Kuss-Verbot und Marcel sinniert anschließend seitenweise darüber nach, wie zufällig doch die Liebe sein kann und wie wann welches Gesicht warum wie aussieht und auf ihn wirkt. Warum ist Proust eigentlich nicht Maler geworden? Das Seeleben verebbt, die Kurkonzerte hören auf, das schlechte Wetter beginnt und »meine Freundinnen verließen Balbec« (2.754). Rückerinnerung an einen schönen Sommer – dann geht es zurück nach Paris.

[Ende Band 2]

Tatsächlich hatte das Hotel, das mit der Schließung nicht mehr lange warten würde, fast alle Gäste abreisen sehen; nie zuvor war es so angenehm zu bewohnen gewesen. Das war zwar die Meinung des Direktors nicht; an der Flucht der Salons vorbei, in denen man fröstelnd saß und an deren Tür kein Groom mehr wachte, durchmaß er der Länge nach die Flure, bekleidet mit einem neuen Gehrock und vom Friseur derartig bearbeitet, daß sein ausdrucksloses Gesicht aus einer Mischung zu bestehen schien, bei der auf einen Teil Fleisch gleich drei Teile Kosmetika kamen, und mit stets neuen Krawatten (solche Formen der Eleganz kosten weniger, als für Heizung und Personal zu sorgen; wer nicht mehr in der Lage ist, einer Wohltätigkeitseinrichtung zehntausend Francs zu spenden, spielt noch mühelos den Wohltäter, indem er dem Telegraphenboten, der ihm eine Depesche bringt, fünf Francs als Trinkgeld gibt). (2.755)

Hose runter

Über den Blog hier bin ich vor mehreren Tagen mit mit einen Mann in Kontakt gekommen, der mal so überhaupt kein Problem hat über (seine) Sexualität offen zu reden / schreiben. Ist für mich gerade nicht nur interessant sondern sogar hilfreich, weil er Bereiche der Sexualität auslebt, von denen die meisten schon mal was gehört / gelesen haben, aber es dann als „nicht mein Ding“ betrachten. So wie er es lebt / gelebt hat ist sicher auch nicht mein Ding, aber neben meiner Neugierde, warum jemand das macht und wie genau und wo genau und wann genau und mit welcher Einstellung und unter welchen Bedingungen, zeigt unsere Unterhaltung eben auch auf, dass ich da auch so Seiten habe, die ich so genau noch nie angeschaut habe. Ideen, woher das kommt, habe ich. Ein weiteres Thema für die Reha zum Überdenken – Zeit werde ich da ja haben.

Proust (98)

Verstehe Marcel wer will: »Ich wußte jetzt, ich liebte Albertine, aber ach! ich legte keine Wert darauf, es sie wissen zu lassen.« (2.718) Er spricht viel mit Andrée über sie und würde gerne die Tante Albertines, bei der sie groß geworden ist, Madame Bontemps, kennen lernen. Albertine übernachtet im Hotel, weil sie am nächsten Morgen früh auf den Zug muss. Marcel besucht sie abends auf dem Zimmer und will sie küssen – aber sie schellt nach dem Personal. Um Albertine, die nicht reich ist, kümmern sich verschiedene Personen, die sie auf Wochen einladen und ihr damit einen guten Ruf verschaffen.

Wie sollte das möglich sein, wie könnte die Welt länger dauern als ich, da ja nicht ich verloren in ihr schwebte, sondern vielmehr sie in mich eingeschlossen war, in mich, den sie bei weitem nicht ausfüllte, in mich, der ich angesichts des für die Anhäufung so vieler anderer Schätze ausreichenden Raumes in mir Himmel, Meer und Falaisen verächtlich in eine Ecke warf. (2.730)

Jetzt wird’s ernst

Die Rentenversicherung hat meinem Widerspruch stattgegeben und schickt mich für fünf Wochen in die Reha-Klinik, in die ich auf Empfehlung meines Psychodocs wollte.

Macht schon etwas innerlichen Stress, denn dort gibt es wohl kein Internet und auch kein Fernseher auf dem Zimmer, Radio mag man dort auch nicht. Dafür gibt es Schwimmbad und Sauna und jeden Tag zwischen 17 und 18 Uhr eine Stunde Stille.

Ich werde mich erst noch an den Gedanken gewöhnen müssen, nun für fünf Wochen auszusteigen und mich mal ganz mir zu widmen. Aber ich habe wenigstens jetzt Hoffnung, dort auf Männer zu treffen, denen das auch passiert ist – ich hab‘ da die Vorstellung, dass mir das gut tun könnte.

Proust (97)

Von der ‚Neuentdeckung‘ des anderen bei jeder neuen Begegnung, da man sich nicht alles – Gesicht, Stimme, … – merken kann. Marcel versucht Albertine nun auch körperlich näher zu kommen und schafft es, dass er bei dem Spiel »Ringlein, Ringlein, du mußt wandern« (2.709) ihre Hand halten darf. Nicht lange, denn er ist davon so verwirrt, dass er nicht aufpasst und kurz danach wieder in der Mitte stehen muss. Andrée ist so nett, und kümmert sich etwas um ihm, reagiert aber so gar nicht, als er ihr von Albertine vorschwärmt.

Jedes Wesen zerfällt, wenn wir es nicht mehr sehen; erscheint es dann das nächste Mal wieder vor uns, findet gleichsam eine Neuschöpfung statt, die verschieden von den früheren, von allen anderen ist. (2.707)

1:38

Am Telefon mit P.

OK, wir haben auch schon gut über 3:45 geschafft – aber da waren wir auch 30 Jahre jünger.

Tat gut. Das zählt.

Proust (96)

Siehe gestern: Marcel verbringt nun alle Zeit mit den Mädchen, selbst Robert ist abgeschrieben. Über das Wesen der (Männer-) Freundschaft – kommt gerade nicht so gut weg – und das Wesen der Liebe zwischen Mann und Frau – etwas verklärt. Über Stimmen und Gesichter, also über die Individualitäten, die einem erst dann richtig auffallen, wenn man heillos verliebt ist. Dazu noch die Seh-Schule durch Elstir – Marcel verliert sich fast in sich. Die Mädchen hecheln derweil einen Aufsatz von Gisèle durch derweil Marcel sich über seinen ersten Liebesbrief von Albertine freut: »Ich mag Sie sehr gern« (2.698): Logisch, dass sie es nun ist, »mit der ich meinen Roman haben würde« (2.703).

Denn die Regung von Überdruß, die in Gesellschaft ihres Freundes alle diejenigen unbedingt verspüren müssen, deren Entwicklungsgesetz ganz in ihrem Inneren ruht – Überdruß deswegen nämlich, weil sie ganz an der Oberfläche ihrer Persönlichkeit bleiben müssen, anstatt ihre Entdeckungsreise in die Tiefe fortzusetzen –, heißt die Freundschaft uns wiederum korrigieren, sobald wir von neuem uns allein überlassen sind; sie verlangt von uns, daß wir mit Rührung im Herzen an die Worte zurückdenken, die unser Freund uns gesagt hat, und sie als einen kostbaren Beitrag ansehen, während wir doch nicht wie irgendwelche Bauwerke sind, an die man von außen her Steine herantragen kann, sondern vielmehr wie Bäume, die aus ihrem eigenen Lebenssaft den nächsten Knoten ihres Stammes und das nächste Stockwerk

GT (50)

Nach dem Gesetzt der Reihe war’s das im Prinzip mit der Therapie. Normalerweise waren wir ja neun. Das letzte Mal dann sechs und heute – Trommelwirbel – drei. Aber da die Fehlenden das nächste mal dann doch noch kommen werden …

Dass das harte 100 Minuten werden würden war mit Blick auf die wenigen Stühle sofort klar – zum Verstecken keine Chance. Ich war heute nicht so gut drauf, um wirklich an mir zu arbeiten … musste ich dann auch nicht, das hat dann J. für mich so erledigt, dass ich am Schluss am heulen war und nicht er. Er ist da von sich noch etwas weiter weg und konnte „das“ lockerere ausdrücken und benennen, was dann eben volle Kanne …

Und weil wir seit Monaten zum ersten Mal wieder in der eigentlichen Praxis sind und nicht mehr mit Ausweichsquatier gab’s dann nicht nur Therapieblumen sondern auch noch gleich Therapiewein … ich meine, ich hab‘ mir das heute auch ‚verdient‘.

Proust (95)

Mit der Zeit ist Marcel mit der Schar der Mädchen bekannt und verbringt nun alle Zeit mit ihnen, entweder im Kasino, beim Tanzen, auf Regatten, bei Pferderennen oder – hört, hört! – auf dem Fahrrad. Selbst Robert ist im Moment abgeschrieben. Von der (schicksalhaften?) Entwicklung eines jeden. Albertine ist arm, Andrée dagegen reich. Sie sind immer mal wieder bei Elstir, der ihnen ‚das Sehen‘ beibringt. Kurz: Marcel geht in der Schar auf, lässt sich auf Neues ein und ist in gewisser Weise offen.

Ebenso tief eingewurzelt, ebenso unentrinnbar wie jüdischer Patriotismus oder christlicher Atavismus bei denen, die sich frei dünken von allen Banden ihrer Rasse, wohnten – ich wußte es – unter dem rosigen Blütenstand von Albertine, Rosemonde oder Andrée, ihnen selber noch unbekannt und für spätere Gelegenheiten in Reserve gehalten, eine dicke Nase, wulstige Lippen oder eine Körperfülle, die überraschen würden, in Wirklichkeit aber schon in der Kulisse warteten, bereit, auf die Bühne zu treten: unvorhergesehen, schicksalsmäßig, ganz wie etwa diese oder jene Art von Dreyfus-Anhängerschaft, von Klerikalismus, von nationalistischem und von feudalistischem Heldenmut, die der Appell der Umstände aus einer dem Individuum selbst vorausgehenden Natur plötzlich hervorbrechen läßt, einer Natur, dank der es denkt, lebt, sich entwickelt, stärker wird oder stirbt, ohne daß es sie von den speziellen Beweggründen, die es mit ihr verwechselt, unterscheiden könnte. (2.670)

Ganz OK halt

Irgendwie so ein Nicht-Tag. Er war nicht schlecht, aber auch nicht gut. Er war nicht anstregend, aber auch nicht ruhig. Er war nicht wirklich langweilig (dafür lese ich zu viel), aber auch nicht wirklich spannend.

Mich macht er aber nicht zufrieden. Aber ich bin auch etwas ratlos, was wie dem entgegenzusetzen wäre. Ein guter Anfang wäre, gäbe es ein paar nette Aufgaben im Job – diese gähnende Leere (und ich vertrete zwei Kolleginnen!) macht ganz schön mürbe.

Proust (94)

Er trifft sich mit der doch sehr, sehr redefreudigen Albertine. Nur ungern stellt sie ihm die Freundinnen Andrée und Gisèle vor. Da wir ja Marcel in der Zwischenzeit ausreichend kennen, verwundert es nicht, dass er sich abwechselnd in die eine und dann in die andere verguckt, schließlich trägt er nicht nur das »körperliche Schönheitsideal« (2.668) sondern auch das »seelische Phantom der Frau« (ebd) in sich und das passt auf so gut wie jede Frau – die ihm nicht zu nahe kommt. Mit Albertine hecheln sie – also mehr sie als er – mal positiv mal negativ u.a. folgende Personen durch: Zahnarzt von Balbec, Bürgermeister, Tanzmeister, ein Senator, Dirigent des Kurorchsters, Demoiselle d’Ambresac, Madame Elstir, Monsieur Elstir, …

Welch neuen »Star« auch immer ich berufen mochte, um die Rolle [der Geliebten] zu kreieren oder neu zu besetzen, Szenarium, Peripetien und sogar der Text des Stückes blieben ne varietur. (2.668)

Das war’s dann wohl …

… mit dem Sommer. Ne lange Hose heute abend anziehen müssen. Ungewohnt.

Proust (93)

Marcel erkennt Albertine auf der Nachmittagsgesellschaft bei Elstir erstmal nicht und lässt sich Zeit, ihr vorgestellt zu werden. Reflexionen über die »Verwandlungen« (2.644) der anderen – wobei man sie selbst erzeugt. Ist von ihr enttäuscht, da sie so normal ist, hofft aber, über sie die anderen Mädchen kennen zu lernen. Tage später wird er von ihr angesprochen und erkennt sie schon wieder nicht – und sie stellt ihn auch nicht den anderen vor, obwohl es eine Gelegenheit gegeben hätte. Dafür mischt sich Bloch ein, den sie als »hübsche(n) Junge(n)« (2.653) bezeichnet – »aber ich kann gar nicht sagen, wie widerwärtig er mir ist« (ebd).

Schon an jenem ersten Tag, als ich auf dem Heimweg das Erinnerungsbild betrachtete, das ich in mir trug, erkannte ich, welch ein Taschenspielertrick hier kunstgerecht ausgeführt worden war und wie ich mich einen Augenblick lang mit einer Person unterhalten hatte, die, ohne daß sie das geringste von jener hatte, der ich so lange am Meeresstrand folgte, mit gauklerhafter Fingerfertigkeit dieser untergeschoben war. Ich hätte es übrigens von vornherein erraten können, denn das junge Mädchen vom Strand war ja von mir gefertigt worden. (2.646)

Mediationsausbildungstagebucheintrag

  • Eine der Teilnehmerinnen lud uns gestern Abend zum Grillen ein, auch dabei war ihr 13-jähriger Sohn – genannt N. –, der sich nicht nur von seiner besten Seite zeigte, sondern auch wirklich ein überaus hübsches Menschenkind ist. Bei der Dankesorgie auf den sozialen Kanälen danach schrieb eine andere Teilnehmerin u.a.: „… sehr nett euer N.“. Ich hätte mich das als schwuler Mann nie getraut, denn ich wäre wohl sofort in den Verdacht geraden, auch päderastisch unterwegs zu sein.
  • Bei einer dieser Übungen musste ich einen 8-jährige Jungen geben, scheinbar überzeugend, denn die anwesende Ärztin diagnostizierte sofort ADHS. War schon alles eher lustig, aber als ich dann die Trainerin, die in den Raum kam um uns zu beobachten, mit in die Szenerie nahm, und sie als „Tante“ bezeichnete, war an ernsthaftes Arbeiten nicht mehr zu denken. Ich kann also auch lachen.
  • Da der erste Tage eher langweilig war, ausreichend Zeit gehabt darüber nachzudenken, warum ich mich verweigert habe, als wir aufgefordert wurden, eine Reisefahrungen zu erzählen.

Proust (92)

Über die Kunst der Portrait-Malerei. Elstir schämt sich für seine Vergangenheit nicht, als er als ein Schwätzer bei den Verdurins galt. Robert muss zurück zur Garnison nach Doncières und bekommt von der Großmutter als Dank für die Zeit ein paar Originalbriefe Proudhons geschenkt, über die er sich maßlos freut. Lädt Marcel auf Besuche ein und weil Bloch danebensteht, ihn auch, merkt aber gleich in dessen Richtung an, dass er aber »fast nie frei« (2.634) sei. Marcel bringt Elstir dazu, eine Nachmittagsgesellschaft zu geben, auf der er dann endlich Mademoiselle Albertine Simonet kennenlernen kann.

Doch er [Robert de Saint-Loup] hatte diesmal seine zahlreichen Gepäckstücke im Zug verstauen müssen und fand es daraufhin einfacher, ihn auch selbst zu benutzen, entsprechend dem Rat des Hoteldirektors, der auf Befragen geantwortet hatte: ob Wagen oder Eisenbahn, das sei »einigermaßen äquivok«. Er wollte damit ausdrücken, es sei äquivalent (etwa das also, was Françoise mit der Wendung »das macht überhaupt keinen anderen Unterschied« ausgedrückt hätte). (2.633)

Proust (91)

Betrachtungen über seinen (falschen) Altruismus. Marcel mit Elstir endlich am Strand und – o Seligkeit! – die jungen Mädchen kommen auf sie zu. Marcel tut gleich mal so, als ginge ihn alles nichts an und betrachtete die Auslagen eines Geschäfts, wartend, dass Elstir ihn rufe, um ihn vorzustellen. Der ruft aber nicht. Als Marcel sich umdreht, verabschieden sich die Mädchen auch schon. Analysen über die »Verschiebung[en] innerhalb unserer unsichtbaren Überzeugungen« (2.620). Elstir möchte Marcel zur Erinnerung eine Skizze schenken, da geht ihm ein Licht auf: Das Aquarell – bubenhaftes Mädchen versus verderbten Epheben – zeigt niemand anderes als Odette de Crécy respektive Madame Swann!

Diese Albertine war kaum mehr als eine Silhouette, alles was dazugekommen war, hatte ich selbst erfunden; so sehr haben in der Liebe die Dinge, die wir selber hinzutun – sogar unter einem rein quantitativen Gesichtspunkt – das Übergewicht über diejenigen, die das geliebte Wesen uns zukommen läßt. Das trifft sogar für durchaus echte Liebesbeziehungen zu. (2.622)

Wäre besser anders

Statt mal auf mich zu hören, habe ich mir in diese Woche einfach viel zu viel gepackt. Zur Krönung jetzt noch ein Ausbildungswochende mit Abendveranstaltung, so dass die nächste richtig freie Stunde für mich wohl dann erst am Sonntag späten Nachmittags seind wird.

Erkenntnis und Umsetzung sind halt zwei verschiedene Dinge.

Proust (90)

Elstir macht Marcel begreiflich, was das Schöne an der Kirche von Balbec ist, die ihn ja so enttäuscht hat. Dann passiert es: Die »junge Radfahrerin der kleinen Schar« (2.601) grüßt Elstir aus der Ferne und Marcel erfährt nicht nur ihren kompletten Namen – Albertine Simonet – sondern auch die der anderen und dass die Schar fast täglich zu Elstir kommt. Er will sogleich mit dem Maler an den Strand, der will aber erst noch ein Bild fertig machen. Betrachtung eines Aquarells das – in einer Person– sowohl ein »etwas bubenhaftes Mädchen« (2.609) wie einen »träumerischen, effeminierten und verderbten Epheben« (ebd.) zeigt. Madame Elstir – so Marcel – ist erst auf den zweiten Blick schön zu nennen.

Sie [Albertine] wußte ganz gewiß nicht, was sie eines Tages für mich bedeuten würde. (2.603)

GT (49)

Da waren’s nur noch sechs!

Kleine Paukenschläge zu Beginn, A. ist nach H. umgezogen, D. wird wohl berufsbedingt länger Zeit nicht kommen, L. ist für mehrere Wochen in der Klinik.

Immerhin ist J. wieder aus der Klinik zurück.

Wir brauchen wieder die ganze Zeit für die Einstiegsgrunde und nach den fünf Wochen Pause agieren wir miteinander eher zögerlich – aber niemand gibt auch wirklich ‚Angriffsfläche‘. Meine Konzentration schaltet sich je nach Thema an und ab, wie ich es in der Schärfe noch nie erlebt habe – der Psychdoc findet das gut, beginne ich langsam mir nicht einfach alles und jedes reinzuziehen.

Irgendwie roch es bei vielen nach dem Thema Sexualität – aber dazu sind wir leider nicht gekommen, ich hätte ja schon gern gewußt, ob J. in der Zwischenzeit vielleicht doch ein Licht aufgegangen ist.

Proust (89)

Die Großmutter wundert sich, warum Marcel nicht gleich zu Elstir ins Atelier eilt, sondern aufgehübscht Stund‘ um Stund‘ auf der Promenade und am Strand unterwegs ist. Er hält nach wie vor Ausschau nach der Mädchenschar – und kann erste Sichtungserfolge verbuchen. Dann doch im Atelier von Elstir, ausführliche Beschreibung seiner Bilder, die sich dadurch auszeichnen, dass sie Grenzlinien verwischen, wie bspw. die zwischen Strand und Meer, Meer und Himmel [vgl. Gemälde von William Turner, der hier Pate stand].

Natürlich standen jetzt in seinem Atelier fast nur hier in Balbec gemalte Seestücke. Sie verhalfen mir jedoch zur Erkenntnis, daß ihr Reiz in einer Art Metamorphose der dargestellten Dinge bestand, entsprechend derjenigen, die man in der Poesie als Metapher bezeichnet, und wenn Gottvater die Dinge schuf, indem er sie benannte, so schuf Elstir sie von neuem, indem er ihnen ihren Namen entzog oder ihnen einen anderen gab. Die Namen, mit denen die Dinge bezeichnet werden, entsprechend immer verstandesmäßigen Begriffen, die unsern wahren Eindrücken fernstehen und uns zwingen, von ihnen all das fortzulassen, was sich nicht auf diese Begriffe bezieht. (2.589)

Proust (88)

Nach diesen (be)rauschenden Abenden findet Marcel nur schwer in den Schlaf, pennt dann aber dafür bis zum Nachmittag [wie der Autor später selbst]. Vom (Nicht-)Einschlafen, Träumen, Erwachen. Obwohl er sie sucht, findet er die Mädchenschar kein zweites Mal mehr, auch die Hotelgäste kennen sie nicht, wie auch, denn sie waren letztes Jahr noch Backfische. Von der Veränderung. Bei den Abendessen werden die beiden Jungs auf den Maler Elstir aufmerksam und nehmen sich den Mut, ihm eine Nachricht zukommen zu lassen. Beim Gehen spricht Elstir die beiden kurz an und lädt Marcel – nicht Robert – zu sich ins Atelier ein.

Wenn nun aber im Schlaf meine Augen die Zeit nicht hatten sehen können, hatte doch mein Leib es verstanden, sie zu berechnen; er hatte sie nicht auf einem oberflächlich vorgestellten Zifferblatt ermessen, sondern an einem immer erneuten Abwägen meiner sich wiederherstellenden Kräfte, die er wie eine gewaltige Turmuhr Zahn für Zahn aus meinem Gehirn in die Tiefe meines übrigen Körpers hatte hinabsinken lassen, wo sie jetzt bis über meine Knie hinaus den unberührten Überfluß ihres Vorrates aufgestapelt hatten. (2568f)

Vorerbe

Ich komme gerade in so ein Alter, im dem man von denen, die 20, 30 Jahre älter sind und ihrer Endlichkeit noch bewußter, Dinge bekommt, die sie nicht mehr brauchen. Es scheint so zu sein, dass man eine gewisse ‚Reife‘ haben muss, um überhaupt in Betracht zu kommen.

So gab es dieses Jahr schon ein mehrbändiges, historisches Lexikon (welches Arno Schmidt immer nutzte). In Aussicht steht ein sehr hübsches Kaffeeservice für vier Personen und heute waren 26 Kasetten (!) mit der Lesung des genialen Gert Westphal von „Jakob und seine Brüder“ vom ollen Mann.

Ich muss das zwar jetzt erst digitalisieren – aber bevor ich da gut 100 Euro ausgebe …

Proust (87)

Marcel mit Robert bei einem Abendessen im Nachbarort Rivebelle. Ausführliche Beschreibung, wie solche Dinner ihn in eine andere Welt versetzen: »… die jungen Mädchen von Balbec, wog(en) dagegen nicht mehr als eine Schaumflocke in dem Sturm, der sie nicht zu Ruhe kommen läßt …« (2.562). Nichtsdestotrotz bleibt das Thema Frauen virulent, denn die meisten im Raum kennt Robert, »da sie mit ihm oder einem seiner Freunde wenigstens eine Nacht verbracht hatte(n)« (2.563f).

Ebenso war es in dem Restaurant von Rivebelle an den Abenden, an denen wir dort blieben; wäre dann jemand mit der Absicht, mich umzubringen, gekommen, so hätte ich, da ich alles nur noch in unwirklicher Ferne sah: meine Großmutter, meine künftige Existenz, die Bücher, die ich schreiben wollte, da ich ganz dem Duft der Frau am Nebentisch, der Höflichkeit der Oberkellner, der Melodienführung des Walzers, der eben gespielt wurde, hingegeben war, an das Bewußtsein des Augenblicks geheftet ohne Erstreckung über ihn hinaus und ohne anderen Zweck, als mich von ihm nicht zu lösen, hätte ich, sage ich, im Angesicht dieser Stunde mich töten, mich ohne Widerstand niedermachen lassen, reglos wie eine Biene, die vom Tabak betäubt den Instinkt verloren hat, den Vorrat ihrer angehäuften Mühen und die Hoffnung ihres Stocks zu erhalten. (2.561)

Wer macht mir jetzt die Brote für morgen?

Nach der unsäglichen Laberrunde noch mit S. auf Pasta und Wein bei einem Schnell-Italiener.

Ich kapiere einfach nach wie vor nicht, warum Menschen, wenn sich Menschen über ein (!) Thema unterhalten, immer mit anderen Themen kommen, oder mit Redebeiträgen, die mit dem eigentlichen Thema so viel zu tun haben wie Pasta mit dem Ablativ.

Immerhin, S. hat es auch so empfunden und ich fühlte mich nicht mehr so einsam und speziell.

Unser Gespräch war dann mal wieder sowohl bunt wie intensiv.

Proust (86)

Auf der Promenade hatte Marcel noch gehört, dass eines der Mädchen mit Nachnamen Simonet heiße. Was folgt für ihn daraus? »Die kleine Simonet mußte die Hübscheste von allen sein, außerdem die, die meiner Meinung nach meine Geliebte hätte werden können« (2.541) – an Selbstbewußtsein mangelt es ihm heute jedenfalls nicht. Absolut grandiose Beschreibungen (!) der »Ansichten des Meeres im Fenster von Marcels Hotelzimmer im Lauf der Saison« (L. Keller, 2.839).

Die Erwartung des Abendessens in Rivebelle versetzte mich in eine noch frivolere Stimmung, und meine Gedanken, die in solchen Augenblicken nur die Oberfläche meines Körpers bewohnten, den ich gleich darauf bekleiden würde, um den weiblichen Blicken, denen ich mich sehr bald in dem hellbeleuchteten Restaurant aussetzen würde, möglichst angenehm zu sein, waren gänzlich außerstande, Tiefe hinter der Farbe der Dinge zu sehen. (2.545)

Nächste Woche bitte besser

Übe mich gerade mal wieder in ’schüchternem Eifer‘ – wie ich heute bei Proust lesen konnte – und frage mich mal wieder warum. Aber gerade bin ich fern der Welt.

Gut, ich bin frustriert, dass mein Reha-Widerspruch ggf. wg. Fristverletzung abgeschmetter werden wird, denn ich weiß nicht, ob Urlaubsabwesenheit fristverlängend ist.

Gut, ich bin frustriert, weil ein Prüfungskollege mir das Du nicht anbieten will – ich aber einfach nicht mehr weiß, ob nach den Etiketten es der Ältere anbietet oder der Dienstältere.

Gut, ich bin frustriert, weil ich zufällig im Netz auf eine Masturbationshilfe gestoßen bin, und wohl zu geizig bin, dafür 170 Euro auszugeben – und weil ich auch nicht ganz so genau verstehe, wie das funktonieren soll.

Gut, ich bin genervt, dass ich nachts derzeit so auf vier, fünf Stunden Schlaf komme, der Rest ist Rumwälzen.

Gut, ich bin ungeduldig, weil sich ein echt spannender Kontakt ergeben hat und ich davon gerade alles will und das sofort und jetzt und live – was natürlich weltfremd ist.

Proust (85)

Marcel ist ja sowas von begeistert von dem »Farbfleck« (2.521), von den »fünf oder sechs kleinen Mädchen« (ebd) die auf ihn zukommen, die er – obwohl »jede einen ureigenen Typ darstellte« (2.523) – alle schön findet. »Sie legten allem gegenüber, was nicht zu ihrer Gruppe gehörte, keine affektierte Verachtung an den Tag, ihre aufrichtige war ihnen genug« (2.526). Eine springt sogar über einen sitzenden alten Mann. »Jedenfalls spielte bei keiner meiner Vermutungen die Idee, sie könnten tugendhafte junge Mädchen sein, eine Rolle« (2.528) was ihn aber absolut nicht davon abhält, sie anzustarren. Ob die Radfahrerin, die Brünette, er sehnt sich »der Freund des einen oder anderen dieser jungen Mädchen [zu] werden« (2.532). Rückkehr ins Hotel.

Weder unter den Schauspielerinnen, den Bauernmädchen noch den Töchtern aus Klosterschulen hatte ich etwas so Schönes erblickt, etwas, das so sehr mit Unbekanntem versetzt, so unschätzbar wertvoll und allem Ermessen nach so völlig unerreichbar war. Sie boten ein so köstliches und vollkommenes Bild von unbekanntem, doch möglichem Glück im Leben, daß ich fast aus rein gedanklichen Gründen verzweifelt war, nicht unter einmaligen Bedingungen, die jeden möglichen Irrtum ausschlossen, die Erfahrung dessen machen zu können, was uns die Schönheit an Geheimnisvollem zu enthüllen hat, die Schönheit, nach der man verlangt und über deren ewige Unerreichbarkeit man sich dennoch tröstet, indem man – was Swann (vor Odette) immer verschmäht hatte – Freuden bei Frauen sucht, die man nicht eigentlich begehrte, so daß man stirbt, ohne jemals erlebt zu haben, wie dies andere Glücksgefühl beschaffen gewesen war. (2.535f)

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