Durch die Zeit

Monat: August, 2020

Möge es klappen

Bei der Hitze nicht viel gemacht. Morgen aber einen Termin bei meiner Hausärztin. Ich will ja gegen die Reha-Klinik, die man mir zugestanden hat, Einspruch einlegen. Was soll ich in einer Einrichtung, die sich auf Jugendliche mit Canabis-Missbrauch spezialisiert hat und dann so ein bisschen anderes nebenbei macht?

Die Klinik, in die ich will, ist da ganz anders aufgestellt, eben insbesondere auf mein „spezielles Thema“. Heute Argumente zusammengeschrieben, die für diese Klinik sprechen und die dann – hoffentlich – meine Ärztin morgen dann gut in Medizindeutsch umsetzt.

Ich will einfach mal positiv sein und hoffen, dass es funktionieren wird.

Proust (78)

Nicht nur Marcel, auch seine Großmutter ist von Saint-Loup – mit Vornamen Robert – begeistert. Er ist adlig, hat aber was für die Sozialisten übrig; er ist äußerst elegant gekleidet, wirkt aber natürlich; er errötet schnell, steht aber seinen Mann; er hat Geld, zeigt es aber nicht; er … kurz, nicht nur der ideale Mann sondern auch der ideale Freund. »Es war sehr bald zwischen ihm und mir eine ausgemachte Sache, daß wir Freunde fürs Leben geworden seien … (2.444). Bloch ist ebenfalls in Balbec – mit seinen ihn anhimmelnden Schwestern – und fällt unangenehm auf, als er lautstark gegen die angebliche »Judeninvasion« (2.448) im Seebad wettert. Man erinnere sich: Bloch ist selbst Jude.

Am bezauberndsten aber fand meine Großmutter die Natürlichkeit Saint-Loups in der völlig unkomplizierten Art, in der er seine Sympathie für mich bekundete, für die er Worte fand, wie sie selbst, sagte sie, nicht treffendere und zärtlichere hätte ausdenken, Worte, für die »Sévigné und Beausergent« hätten zeichnen können; er scheute sich nicht, über meine Fehler zu scherzen – er hatte sie mit einem Scharfblick erkannt, der meine Großmutter amüsierte –, aber doch nur so, wie sie selbst es getan hätte, auf eine liebevolle Art und verbunden mit fast übertriebener Bewunderung meiner guten Seiten, die er mit einem Überschwang rühmte, der nichts von der kühlen Reserve hatte, durch die im allgemeinen junge Leute seines Alters sich ein Ansehen geben zu müssen glauben. Auch zeigte er in seinem Bemühen, jedem geringsten Unbehagen bei mir zuvorzukommen, mir Decken über die Beine zu legen, sobald es kühler wurde, und ohne daß ich es merkte, es ohne darüber zu sprechen so einzurichten, daß er abends länger bei mir blieb, wenn ich ihm traurig oder mißgestimmt vorkam – eine Aufmerksamkeit, die meine Großmutter vom gesundheitlichen Standpunkt aus, unter dem etwas mehr Abhärtung erwünscht gewesen wäre, beinahe zu weitgehend, als Beweis inniger Zuneigung jedoch um so rührender fand. (2.443f)

„Was für eine ‚itz!“

So eine vom Service aus dem Sterneschnuppen von vor einem Jahr.

Hieß für mich heute nur dann Klamotten an, wenn ich das Haus verlassen musste – einmal Vogelfutter, einmal Buch – ansonsten Sparflamme auf allen Bereichen. Aber erholsamer Mittagsschlaf nach drei Horrornächten und mit den Videos für meinen Mann sind wir auch durch.

Der Prosecco jetzt ist also verdient.

Proust (77)

Großmutter und die Marquise sind von Standesdünkel dann doch nicht ganz frei. Tiefe Verbundenheit zwischen Marcel und seiner Großmutter, Angst vor Trennung (Tod), Marcels These von den »Seelen und ihrer künftigen Wiedervereinigung« (3.433). Ein Neffe der Marquise tritt auf, es ist der junge Marquis von Saint-Loup-en-Bray: ein junger Mann »groß, schlank, mit freiem Hals, stolz erhobenem Haupt und durchdringendem Blick« (2.434), »dessen Haut so hell war und dessen Haare so golden schimmerten, als hätten sie alle Strahlen der Sonne in sich aufgesogen« (ebd.). Sehnsucht Marcels, mit ihm Freundschaft zu schließen, doch Saint Loup beachtet ihn mehrere Tage nicht. Dann werden sie einander vorgestellt und Saint Loup »erklärte mir nach einer langen Unterhaltung, er habe größte Lust, mich täglich mehrere Stunden zu sehen« (2.438).

Auf unseren Ausflugsfahrten hatte sie [die Marquise] uns gegenüber rühmend seine [Saint Loups] große Klugheit erwähnt, vor allem sein gutes Herz; schon stellte ich mir vor, er würde von Sympathie für mich erfüllt, ich würde sein bevorzugter Freund sein, und als vor seinem Eintreffen noch seine Tante meiner Großmutter zu verstehen gab, er sei unglücklicherweise einer üblen Person in die Hände gefallen, auf die er ganz versessen sei und die ihn nicht loslassen wolle, dachte ich, überzeugt, daß eine solche Art von Liebe schicksalhaft mit Geisteskrankheit, Verbrechen und Selbstmord enden müsse, an die kurze Zeit, die unserer Freundschaft vergönnt sein würde, einer Freundschaft, die in meinem Herzen doch schon so groß geworden war, bevor ich ihn überhaupt kannte, und ich beweinte sie bereits wie auch das viele Unglück, das ihn erwartete, ganz als handle es sich um ein geliebtes Wesen, von dem man uns mitgeteilt habe, es sei schwer krank und seine Tage seien gezählt. (2.433f)

*Huch*

Das ein oder andere Klische eines Homos erfülle ich ja locker. Nach drei Wochen Pause zwei Tage an der Arbeit und was ist: Das rechte Handgelenk macht schlapp, weil es zuviel die Maus hat schubsen müssen gestern und heute.

Proust (76)

Weiteres zur Sehnsucht Marcels nach Milch- (vgl. 2.413), Dorf- (vgl. 3.415) oder eben überhaupt nach Mädchen. Erste und völlig erfolglose Annäherungsversuche. Ähnlicher Zustand bei der Vorbeifahrt an drei Bäumen wie bei den Kirchtürmen von Martinville (vgl. Nr. 20), »in dem er sich der Welt entrückt und dem Wesen der Dinge … nahe fühlt« (L. Keller, 2.810). Gespräch mit der Marquise über Chateaubriand, Vigny, Hugo, Balzac. Sie kannte sie quasi alle – und damit auch ihre Schwächen.

Doch ebenso, wie es mir nicht genügt haben würde, wenn meine Lippen von den ihren Lust empfangen hätten, sondern nur, wenn auch ich sie ihr hätte schenken können, so wollte ich, daß die Vorstellung von mir, die in dieses Wesen eindringen und dort haften bleiben würde, mir nicht nur seine Aufmerksamkeit, sondern auch seine Bewunderung, ja sein Verlangen eintrüge und es zwingen möchte, die Erinnerung an mich bis zu dem Tag zu bewahren, da ich sie wieder träfe. (2.416)

Proust (75)

Marcel darf nicht – auf Anraten des Arztes – »den ganzen Tag bei großer Hitze am Strand in der Sonne« (2.398) sein. Die Marquise de Villeparisis bietet an, ihn und die Großmutter auf Spazierfahrten mitzunehmen. Das freut ihn, man plaudert über Künste und Künstler, sogar über Politik und ist erstaunt, »um wieviel ›liberaler‹ sie war als größtenteils die Bourgeoisie« (2.406). Man fährt auch an Geschöpfen vorbei »die wie natürliche Blüten eines so schönen Tages und doch nicht wie die Blumen der Felder sind« (2.409), kurz Marcel sehnt sich nach weiblicher Bekanntschaft.

Und wenn ich auch jetzt, wo ich leidend war und niemals allein ausging, sie [die Mädchen] nicht würde besitzen können, war ich dennoch glücklich wie ein im Gefängnis oder Hospital auf die Welt gekommenes Kind, das lange Zeit gemeint hat, der menschliche Organismus vertrage nur trockenes Brot oder Medikamente, und das dann plötzlich erfährt, Pfirsiche, Aprikosen, Trauben seien nicht nur eine Zierde der Landschaft, sondern köstliche und bekömmliche Nahrungsmittel. (2.409)

Essen kann glücklich machen

  • Amuses Bouches 1: Kaltes Selleriesüppchen, Mohnchip, Sellerie-Apfel-Kompott
  • Amuses Bouches 2: Gebratener Lachs, Rote Beete, Meeretichschaum, Rettich
  • Pochierte Entenleber auf eingelegten Aprikosen, verfeinert mit Sanddorn und schwarzen Indischem Pfeffer, neue Mandeln
  • Delice von der bretonischen Artischocke „poivrade“ mit Apfelaromen, kleine grüne Basilikumravioli, ligurische Oliven
  • Tranche vom wilden Steinbutt „in grün“ avec des herbes en folie, Radieschen aus dem eigenem Hochbeet, Piemonteser Haselnüsse
  • Ein Päckchen von Elsässer Taube und Wachtel aromatisiert mit Fichtensprossen und Gewürzen auf einer Essenz von Waldpilzen, pochiertes Wachtelei, Spinatblätter
  • Kleine lauwarme Feigentarte mit Waldbeeren grüner Pfeffer, Sauerampfer
  • Mara des Bois Erdbeeren, Zitrone und Fenchel
  • Petit Fours et chocolates

WMDEDGT 8/20

Der tiefere Sinn des Eintrags ist HIER nachzulesen.

Da letzter Urlaubstag, penne ich bis gegen 8:30 – danach etwas Tee, etwas Zeitung – kurz nach 9 schnell eine Ladung Wäsche in die Maschine und vor den Computer – seit Wochen will ich mich um meine Finanzen kümmern – auch wenig kann viel Arbeit machen – 10:30 ist soweit alles geregelt, Zeit um meine Urlaubslektüre zu besprechen – 12:15 gibt es ein Stück kalte Pizza als Mittagessen und Wäsche im Garten aufgehängt – danach geht es für die Lektüre von Simon Raven: Alomsen fürs Vergessen – Fielding Gray aufs Bett – wo ich dann auch einschlafe – 13:45 Wäsche im Garten eingesammelt – noch ein bisschen Schreibtischarbeit, dann gegen 14:45 mit dem Mann zu Freunden, die im Urlaub unsere Blumen gegossen haben – anschließend gleich Einkauf und kurz vor 16 gibt es dann ein Brötchen mit Leberkäse – das tägliche ‚prousten‚ schließt sich an und um 16:45 schaffe ich es endlich, mich mal zu rasieren – dann Hörbuch und ein bisschen spielen – 17:55 Küche, Salat richten mit Schinken und Ei – 18:20 mal was essen –

Proust (74)

Eines morgens prallen Marcels Großmutter und die alte Dame (vgl. Nr. 72) – die niemand Geringeres ist als die Marquis de Villeparisis – zusammen und können nicht mehr so tun, als würden sie sich nicht kennen. Glück für Marcel, denn die Marquis sorgt für erste Bekanntschaften, darunter die Prinzessin von Luxemburg. Die Marquis zeigt sich den beiden deutlich zugewandt – sie steigen im Prestige der Hotelgeäste. Das hindert aber die »Frauen des Notars, des Anwaltskammervorsitzenden und des Gerichtspräsidenten« (2.395) nicht daran, vor allem über die Marquis und die Prinzessin herzuziehen, denn die röchen »auf eine Meile im Umkreis nach einem bestimmten Gewerbe« (2.396).

Inzwischen hatte die Prinzessin von Luxemburg uns die Hand gereicht, und von Zeit zu Zeit wandte sie sich, während sie ihre Unterhaltung mit der Marquise fortsetzte, zu uns um, um meiner Großmutter und mir freundliche Blicke zuzuwerfen, die jenen embryonalen Kuß enthielten, den man mit einem Lächeln einem Kleinkind mit seiner Bonne zuwirft. Sie hatte sogar in ihrem Eifer, nicht so zu wirken, als throne sie in einer über der unseren liegenden Sphäre, zweifellos die Distanz falsch berechnet, denn infolge einer falschen Einstellung tränkten sich ihre Blicke mit derartiger Güte, daß ich den Augenblick kommen sah, da sie uns streicheln würde wie zwei nette Tiere, die im Jardin d’Acclimatation durch ein Gitter ihr den Kopf hinstreckten. (2.391f)

Sommerlekütre – Rückschau

  • Connelly, Michael: Late Show – Ein actionreicher Krimithriller, aber nach klassischem Rezept ohne Eigenheiten. Muss man nicht lesen.
  • Cunningham, Michael: Ein Zuhause am Ende der Welt – Nicht fertig gelesen. Typisch amerikanischer Hinfühl-Literatur, nicht mehr auf der Höhe der Zeit.
  • Goldschmidt, Georges-Arthur: Vom Nackexil – Wer ihn nicht kennt, unbedingt „Die Absonderung“ lesen. Das hier eine Ergänzung, dazu. Er hat halt nur das eine Thema, aber das in einer Feinheit, die manchmal an Proust erinnern lässt.
  • Henschel, Gerhard: SoKo Heidefieber – Auf Henschel ist Verlass! Wunderbare Krimisatire, die sich Drehung für Drehung hochwindet. Das ist Sommerurlaubslektüre at the best.
  • Hensel, Kerstin: Regenbeins Farben – Tja, wenn konzentriert, hätte das eine klasse Novelle werden können – so aber einfach zu langamtig.
  • Höhtker, Christoph: Schlachthof und Ordnung – Ich hätte es mir denken können, dass es nichts für mich ist. Aber ein Versuch war es wert, wenn man denkt, es könnte Parallelen zur Cornoa-Impfstofffindung haben. Aber dann war es dann doch nur eine Art Doku-Thriller aus verschiedenen Perspektiven – einfach nur ermüdend.
  • Karples, Eric: Marcel Proust und die Gemälde aus der Verlorenen Zeit – Ich bin Karples echt dankbar, dass er die Bilder zusammengetragen hat und ich sie nicht mühseelig im Internet recherchieren muss. Ein beonderes Plus bei der Proust-Lektüre.
  • Leroy, Jerome: Der Schutzengel – Ein eher formstrenger Politthriller, der etwas an Logik zu wünschen übrig lässt. Woher kommt die Manie des Protagonisgten für die Frau? Für eine Verfilmung geeignet und dann sicher spannend.
  • Pleschinski, Hans: Wiesenstein – Eine Biographie über Gerhart Hauptmann in Romanform, an manchen Stellen arg bemüht, um die Infos an den Leser zu bekommen. Daher stellenweise arg bemüht, stellenweise aber auch schön erzählend.
  • Proust, Marcel: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 2: Im Schatten junger Mädchenblüten – Meine dritte Lekütre – und ich muss mich täglich bremsen, maximal 15 Seiten zu lesen.
  • Pynchon, Thomas: Die Enden der Parabel – Auch da hätte ich mir denken können, dass es nichts für mich ist. Einfach zu unlogisch für mich. Aber: Es gibt – auf den ersten 300 Seiten – schon grandiose Stellen. Höhtker hätte da mal schauen können, wie man es gut macht. Ich warte jetzt darauf, dass ich mir die Hörspielfassung leisten kann und ziehe es mir dann rein.
  • Ruschel, Rudolf: Ruhet in Friedberg – Skuriller ‚Krimi‘. Wer das nicht verfilmt, ist selber daran schuld. Aber noch ein Buch in diesem Stil: definitv Nein.
  • Shakespeare, William: Sämtliche Werke – Die Tage waren zu kurz, also doch nicht täglich ein Drama gelesen.

Darüberhinaus diverse Krimis, aber keiner, der erwähnenswert wäre.

glücklich | zuhause

  • So ein Nudisten-Urlaub ist – ich wiederhole mich – mit sehr, sehr wenigen Ausnahmen absolut kein ästhetisches Vergnügen.
  • So ein Nudisten-Urlaub ist – körpergefühlstechnisch bezogen – ein nicht nachlassendes Erleben. Und dieser Aspekt schlägt den ersten dann um Längen.
  • Hab dort auch „meinen“ Tadzio getroffen. Selten einen so schönen ca. 12-bis 13-jährigen Knaben gesehen, der mir dauernd über den Weg lief und mich dann formvollendet grüßte.
  • Mir hat der Urlaub jedenfalls sau gut getan, auch wenn zwei Wochen dann doch irgendwie zu kurz – vorallem dann, wenn es danach noch zum Rest der Ursprungsfamilie geht.
  • Schlaftechnisch eine neue Qualität erreicht: Durchschlafen trotz Horrorträume.
  • Essen kann echt glücklich machen (siehe einer der nächsten Posts).
  • Lesetechnische fast alles mau, meine Urlaubslektüre eher ein Reinfall (siehe einer der nächsten Posts).
  • Definitv werde ich das nächste Mal schauen, ob ich irgendwie Kontakt bekomme, um mit anderen dann Boule zu spielen – denn sich nackt bewegen ist so grandios.
  • Wer kennt jemand in Frankreich, der uns eine Miettes besorgen kann? Wir wollen keine 16 Euro Porto für etwas ausgeben, was 4,90 Euro kostet.

Proust (73)

Über die Eitelkeiten der Hotelgäste: Wer durfte bei wem am Tisch speisen? Wer wurde von wem eingeladen? Da Marcels Großmutter auf Reisen grundsätzlich keine Bekanntschaften macht – das verringert nur die Zeit an der frischen Luft – macht auch er keine, obwohl er doch so gerne Mademoiselle de Stermaria vorgestellt worden wäre. Françoise dagegen freundet sich mit dem halben Hotelpersonal an, darunter auch dem Kaffeekoch.

Unaufhörlich wiederholte er [der Anwaltskammerpräsident] den Namen Aimé [der Oberkellner], was dazu führte, daß, wenn er jemanden zum Abendessen eingeladen hatte, sein Gast bemerkte: »Ich sehe, Sie sind ja sehr gut bekannt in diesem Hause« und auch seinerseits fortwährend den Namen Aimé aussprechen zu müssen glaubte, und zwar aufgrund einer Neigung, in der Schüchternheit, Gewöhnlichkeit und Dummheit eine Rolle spielen, die aber jedenfalls gewisse Personen zu der Annahme führt, es sei geistreich und elegant, Leute, mit denen sie gerade zusammen sind, in allem zu kopieren. (2.379)

Proust (72)

Balbec ist ein »kleines Sonderuniversum« (2.358) was auch für das Palace-Hotel mit seinen Gästen und Bediensteten zutrifft. Es werden u.a. – durchaus ironisch – vorgestellt: ein selbsternannter König nebst Gattin, »der Notar, der Gerichtspräsident, der Anwaltskammervorsitzende« (2.359) nebst Gattinnen, eine alte Dame, der Hoteldirektor, Monsieur und Mademoiselle de Sterima, Oberkellner Aimé, eine unfähige Schauspielerin mit gleich drei männlichen Begleitern, der Schwager von Legradin, … Alle stehen stellvertretend für verschiedene Personen- bzw. Gesellschaftstypen, die sich gegenseitig missachten, da sie sich unterschätzen.

Doch in diesem Hotel handelten offenbar alle nach dem gleichen Prinzip, obschon in verschiedenen Formen, und brachten wenn auch nicht der Eigenliebe, so doch gewissen Erziehungsgrundsätzen oder Denkgewohnheiten das köstliche Beben zum Opfer, das man fühlt, wenn man sich mit der Sphäre eines unbekannten Daseins vermischt. (2.361)

Proust (71)

Die Großmutter kann Marcel beruhigen, wohnen sie doch Wand an Wand, können sich durch Klopfzeichen verständigen. Erstes Erwachen – »… wie süß war dieser erste Augenblick des Morgens, der wie eine Symphonie mit der rhythmischen Eröffnung eines Dialoges durch meine drei Schlägen anhob« (2.349) – erste Begeisterung über die Morgenstimmung(en). Analyse des Grauens, in fremder Umgebung sein zu müssen, Marcel definiert es als Widerstand gegen die »Notwendigkeiten des Lebens« (ebd.) Trotz seines Veränderungsunwillen – eine gewisse Begeisterung über den Aufenthalt kann er nicht leugnen.

Und anstatt sich zu verlieren, wächst die Furcht vor einer Zukunft, in der uns der Anblick unserer Lieben und die Unterhaltung mit ihnen, das heißt das, woraus wir heute unsere größten Freuden ziehen, versagt sein werden, immer weiter an, wenn wir uns vorstellen, daß zu dem Schmerz eines solchen Verlustes noch etwas hinzutreten wird, was uns jetzt noch fürchterlicher als jener scheint, nämlich daß wir ihn nicht als Schmerz verspüren, sondern fühllos dagegen sind; denn dann wäre unser eigenes Ich verwandelt, und nicht nur der Reiz, den unsere Eltern, unsere Geliebte, unsere Freunde für uns haben, wäre für uns verloren, sondern auch unsere Neigung für sie; sie würde dann so völlig aus unserem Herzen herausgerissen sein, von dem sie heute einen beträchtlichen Teil ausmacht, daß wir uns in jenem Leben ohne sie gefallen könnten, das uns heute noch grauenhaft erscheint; das aber wäre der wahre Tod unsrer selbst, ein Tod, auf den freilich eine Auferstehung folgt, aber doch nur in Gestalt eines neuen Ichs, zu dessen liebender Anerkennung die zum Sterben verdammten Teile des alten Ichs sich nicht aufschwingen können. (2.351)

Proust (70)

Betrachtungen einer Skulptur an der Kirche von Balbec: »Tyrannei des Besonderen« (2.335). Weiterfahrt nach Balbec-Plage mit der Großmutter [unlogisch, da die Großmutter für einen Tag eine Freundin besucht und demnach noch gar nicht da sein kann] ohne Françoise, die vorgefahren ist, wenn auch in die falsche Richtung. Ankunft im Hotel, Beschreibungen, Fahrt mit dem Lift in sein Zimmer. Die Einsamkeit, die Fremdheit, das Wegsein setzt Marcel ungemein zu. »Da trat meine Großmutter ein; und der Ausweitung meines beengten Herzens boten sich auf einmal unermeßliche Räume dar« (2.345).

Doch er [der Liftboy] gab keine Antwort, sei es aus Erstaunen über meine Worte, Konzentration auf seine Tätigkeit, aus Gründen der Etikette, Schwerhörigkeit, Ehrfurcht vor dem Ort, an dem wir uns befanden, Angst vor Gefahr, Trägheit der Intelligenz oder wegen einer Vorschrift des Direktors.(2.343f)

Anton Weyrother

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