Proust (71)

von Bert

Die Großmutter kann Marcel beruhigen, wohnen sie doch Wand an Wand, können sich durch Klopfzeichen verständigen. Erstes Erwachen – »… wie süß war dieser erste Augenblick des Morgens, der wie eine Symphonie mit der rhythmischen Eröffnung eines Dialoges durch meine drei Schlägen anhob« (2.349) – erste Begeisterung über die Morgenstimmung(en). Analyse des Grauens, in fremder Umgebung sein zu müssen, Marcel definiert es als Widerstand gegen die »Notwendigkeiten des Lebens« (ebd.) Trotz seines Veränderungsunwillen – eine gewisse Begeisterung über den Aufenthalt kann er nicht leugnen.

Und anstatt sich zu verlieren, wächst die Furcht vor einer Zukunft, in der uns der Anblick unserer Lieben und die Unterhaltung mit ihnen, das heißt das, woraus wir heute unsere größten Freuden ziehen, versagt sein werden, immer weiter an, wenn wir uns vorstellen, daß zu dem Schmerz eines solchen Verlustes noch etwas hinzutreten wird, was uns jetzt noch fürchterlicher als jener scheint, nämlich daß wir ihn nicht als Schmerz verspüren, sondern fühllos dagegen sind; denn dann wäre unser eigenes Ich verwandelt, und nicht nur der Reiz, den unsere Eltern, unsere Geliebte, unsere Freunde für uns haben, wäre für uns verloren, sondern auch unsere Neigung für sie; sie würde dann so völlig aus unserem Herzen herausgerissen sein, von dem sie heute einen beträchtlichen Teil ausmacht, daß wir uns in jenem Leben ohne sie gefallen könnten, das uns heute noch grauenhaft erscheint; das aber wäre der wahre Tod unsrer selbst, ein Tod, auf den freilich eine Auferstehung folgt, aber doch nur in Gestalt eines neuen Ichs, zu dessen liebender Anerkennung die zum Sterben verdammten Teile des alten Ichs sich nicht aufschwingen können. (2.351)