Proust (78)

von Bert

Nicht nur Marcel, auch seine Großmutter ist von Saint-Loup – mit Vornamen Robert – begeistert. Er ist adlig, hat aber was für die Sozialisten übrig; er ist äußerst elegant gekleidet, wirkt aber natürlich; er errötet schnell, steht aber seinen Mann; er hat Geld, zeigt es aber nicht; er … kurz, nicht nur der ideale Mann sondern auch der ideale Freund. »Es war sehr bald zwischen ihm und mir eine ausgemachte Sache, daß wir Freunde fürs Leben geworden seien … (2.444). Bloch ist ebenfalls in Balbec – mit seinen ihn anhimmelnden Schwestern – und fällt unangenehm auf, als er lautstark gegen die angebliche »Judeninvasion« (2.448) im Seebad wettert. Man erinnere sich: Bloch ist selbst Jude.

Am bezauberndsten aber fand meine Großmutter die Natürlichkeit Saint-Loups in der völlig unkomplizierten Art, in der er seine Sympathie für mich bekundete, für die er Worte fand, wie sie selbst, sagte sie, nicht treffendere und zärtlichere hätte ausdenken, Worte, für die »Sévigné und Beausergent« hätten zeichnen können; er scheute sich nicht, über meine Fehler zu scherzen – er hatte sie mit einem Scharfblick erkannt, der meine Großmutter amüsierte –, aber doch nur so, wie sie selbst es getan hätte, auf eine liebevolle Art und verbunden mit fast übertriebener Bewunderung meiner guten Seiten, die er mit einem Überschwang rühmte, der nichts von der kühlen Reserve hatte, durch die im allgemeinen junge Leute seines Alters sich ein Ansehen geben zu müssen glauben. Auch zeigte er in seinem Bemühen, jedem geringsten Unbehagen bei mir zuvorzukommen, mir Decken über die Beine zu legen, sobald es kühler wurde, und ohne daß ich es merkte, es ohne darüber zu sprechen so einzurichten, daß er abends länger bei mir blieb, wenn ich ihm traurig oder mißgestimmt vorkam – eine Aufmerksamkeit, die meine Großmutter vom gesundheitlichen Standpunkt aus, unter dem etwas mehr Abhärtung erwünscht gewesen wäre, beinahe zu weitgehend, als Beweis inniger Zuneigung jedoch um so rührender fand. (2.443f)