Proust (81)

von Bert

Weiteres zu Baron de Charlus. Er ist schwer greifbar, da vielschichtig. Jedenfalls ist er gebildet, kennt sich in den Künsten bestens aus, ist redegewandt, kennt die Genealogie seiner Familie bis ins Kleinste und propagiert Männlichkeit / männliche Haltung. »Er gestand einem Mann auch nicht das Tragen eines einzigen Ringes zu« (2.483). Andererseits ist seine »schrille Stimme« (2.479) wenig angenehm, doch zeichnet ihn sein »geradezu weibliches Zartgefühl« und »die Empfänglichkeit einer Frau« (2.484), aus. Er lädt Marcel mit seiner Großmutter zum Tee bei seiner Tante Marquise de Villeparisis ein – und tut, als sie erscheinen, dann so, als sei es die Idee der Großmutter gewesen.

Als ich dann aber am Abend im Salon von Madame de Villeparisis deren Neffen [Baron de Charlus] begrüßen wollte, mochte ich noch so unermüdlich um ihn herumstreichen, er erzählte weiter mit schriller Stimme eine etwas abträgliche Geschichte über einen seiner Verwandten, so daß es mir nicht gelang, seinem Blick zu begegnen; ich entschloß mich also, ihm ziemlich laut guten Tag zu wünschen, damit er von meiner Anwesenheit Kenntnis nähme, kam jedoch zu der Überzeugung, er habe sie sehr wohl bemerkt; denn noch bevor ein Wort aus meinem Mund gedrungen war, sah ich ihn, während ich mich verbeugte, seine zwei Finger ausstrecken, damit ich sie drücken könne, ohne daß er die Augen zu mir gewendet oder seine Rede unterbrochen hätte. (2.479)