Proust (100)

von Bert

BAND III: GUERMANTES – 1. Teil

Sie sind umgezogen. Marcel bekommt deswegen natürlich gleich mal »Temperatur« (3.8). Françoise braucht etwas, sich an die neue Wohnung zu gewöhnen. Über das Erinnern. Die neue Wohnung gehört zum Stadtpalais der Guermantes. Marcel geht deswegen fast einer ab, weil schon seit Anbeginn seines Denkens, er dem Geschlecht der Guermantes höchste Zuneigung – warum auch immer – entgegenbringt. Wir erinnern: Zum Geschlecht gehören Madame Villeparisis, Monsieur Charlus und Marcels bester Freund Robert. Françoise schaut supergerne in den Hof, nicht nur wegen des Westenmachers Jupien, der dort seine Werkstatt hat, sondern um alles rund um die zu beobachten, »die da hinten« (3.17) wohnt: Die Herzogin von Guermantes, »elegant und noch jung« (ebd)!

Es [das Stadtpalais] war eines jener alten Gebäude, wie sie vielleicht auch heute noch existieren, deren Ehrenhof … oft von Ladenräumen und Werkstätten, ja sogar von der Bude eines Schuhmachers oder Schneiders flankiert war, wie jene, die man an die Seiten der Kathedralen sich anlehnen sieht, soweit die Ingenieursästhetik diese nicht freigelegt hat; oder es gab dort einen schusternden Concierge, der Hühner und Blumen züchtete – und zuhinterst, in dem eigentlichen »Palais«, eine »Gräfin«, die, wenn sie in ihrer alten zweispännigen Kalesche ausfuhr, mit ein paar Kapuzinerblumen am Hut, die dem Gärtchen der Concierge-Loge entsprungen schienen (neben dem Kutscher saß ein Lakai, der vor jedem aristokratischen Palais im Stadtviertel abstieg, um Karten abzugeben), unterschiedslos ein Lächeln und einen winkenden Gruß den in diesem Augenblick vorüberkommenden Kindern des Concierge oder den bürgerlichen Mietern des Hauses zusandte, die sie mit herablassender Liebenswürdigkeit und egalitärem Dünkel in denselben Topf warf. (3.16f)