Durch die Zeit

Monat: September, 2020

GT (55)

Im Grund eine gute und arbeitsintensive Runde. Ich habe überwiegend zugehört und bin aber nicht groß eingestiegen. Viel zu sehr bei mir, weil mit dem Aufstehen so ne doof Traurigkeit plötzlich über mich gekommen ist. Echt, die Psyche ist manchmal einfach ein Arschloch.

Proust (130)

Robert hat ein schlechtes Gewissen gegenüber seiner Geliebten – Verliebte sehen selten klar – und entscheidet, ihr das Kollier zu kaufen. Das will sie aber nicht mehr. Schneller Abschied von seiner Mutter, die etwas indigniert zurückbleibt. Auftakt zu einer weiteren großartigen Stelle der Recherche: Baron de Charlus biedert sich Marcel an. Das aber nicht schmeichelnd und / oder bittend bzw. wohlwollen und höflich. Nein, er putzt Marcel einfach mal runter. Marcel ist für ihn ein »›Bursche … der dem‹ (und er betonte das Wort mit Genugtuung) ›Kleinbürgertum angehört … ‹«(3.401). Aber er könne von »unschätzbarem Wert« (3.402) sein, denn: »Ich könnte Ihnen eine unbekannte Erklärung nicht nur der Vergangenheit, sondern auch der Zukunft geben« (ebd).

»Sie wollten mit mir über etwas reden, Monsieur?«
»Ach ja, richtig, ich wollte Ihnen gewisse Dinge sagen, aber ich weiß nicht recht, ob ich es wirklich tun soll. Ich bin zwar überzeugt, daß sie Ihnen unschätzbare Möglichkeiten eröffnen könnten. Doch ahne ich auch, daß das Ganze in meinem Alter, wo man anfängt, auf Ruhe Wert zu legen, viel Zeitverlust und Störungen aller Art in mein Leben trüge. Nun, ich frage mich, ob es sich bei Ihnen lohnt, daß ich mir um Ihretwillen all diese Mühe mache, und ich habe nicht das Vergnügen, Sie genügend zu kennen, um das zu entscheiden. Vielleicht verlangt es Sie auch nicht genug nach dem, was ich für Sie tun könnte, als daß ich mir deswegen so viele Ungelegenheiten mache, denn ich sage Ihnen noch einmal ganz offen, Monsieur, für mich kann es sich dabei wahrscheinlich nur um Ungelegenheiten handeln.« (3.399)

Proust (129)

Marcel begrüßt Madame Swann und den (gerne mal aufbrausenden) Baron de Charlus – die etwas eisig reagieren. Später steckt Madame Swann ihm, dass Norpois über ihn verlauten ließ, er sei »ein nahezu hysterischer Schmeichler« (3.380). Im Gegenzug stellt die Mutter von Robert de Saint-Loup Marcel dem Fürsten vor und bekommt von Robert danach zu hören, dass sich die Herzogin bei Robert beschwert hätte, »ob du [gemeint ist Marcel] nicht etwas gegen sie hast« (3.386). Man sieht, ein glitschiges Parkett. Zu Krönung meint Baron de Charlus, als Robert Marcel in ein Zimmer winkt, er wolle gehen und bittet ihn, ihn doch mal zu besuchen.

Alle unsere Handlungen, Worte und Verhaltensweisen sind von der »Welt«, von den Menschen, die nicht unmittelbar Zeugen davon waren, durch ein Medium getrennt, dessen Durchlässigkeit unendlich variabel ist und uns unbekannt bleibt; ich wußte zwar aus Erfahrung, daß diese oder jene wichtigen Dinge, die wir sehr gern verbreitet gesehen hätten (…), auf der Stelle unter den Scheffel gestellt wurden, oft gerade wegen unseres Wunsches; wie viel weiter aber war ich deshalb davon entfernt anzunehmen, ein winziges Wörtchen, das wir selbst vergessen, ja niemals ausgesprochen haben, das unterwegs durch die unvollkommene Refraktion eines anderen Wortes entstanden ist, könne unaufhaltsam über unendliche Distanzen (…) weitergetragen werden, um auf unsere Kosten das Mahl der Götter zu ergötzen. (3.380f)

Umfeld – nicht schön

  • G. und B. haben sich getrennt,
  • S. und D. sind in einer heftigen Beziehungskrise, Trennung nicht ausgeschlossen,
  • bei S. hat man einen Tumor entdeckt,
  • A. hält sich mit ihrem Krebs tapfer.

Macht gerade nicht so viel Laune zu fragen „Wie geht’s?“.

Proust (128)

Wie Fürst Faffenheim-Münsterburg-Weinigen es doch noch zu einem Sitz in der Akademie schafft. Auftritt von Madame Odette Swann, was die Herzogin veranlasst – ohne sich bei Marcel zu verabschieden – zu gehen. Einschub: Marcel hatte Besuch vom Sohn des Kammerdieners seines Onkels bekommen, Charles Morel, ein »hübsche[r] Bursche von achtzehn Jahren« (3.369). Der schenkt ihm aus dem Nachlass des Onkels Photographien berühmter Schauspielerinnen, darunter auch eines von Miss Scaripant, besser bekannt als Odette Swann. Nun erst erfährt Marcel, dass sie es war, die er bei seinem letzten Besuch bei seinem Onkel gesehen hat (vgl. Nr. 9 & 10). Morel lässt sich der Nichte des Westenmachers vorstellen.

Unter den verschiedenen Samtstoffen gewahrte er [Charles Morel] einem von so grellem, ja schreiendem Rot, daß er selbst bei seinem schlechten Geschmack die Weste später niemals tragen konnte. (3.372)

Lesetag

So könnte mindestens ein Tag pro Woche sein! Nur gelesen, dazwischen Nahrungsaufnahme, etwas Schlaf – ab 17:30 dann Kontrastprogramm mit kochen und Gästen.

  • Thomas Mann: Joseph und seine Brüder: 1. Buch die „Höllenfahrt“ und die ersten 40 Seiten. Mir ist da Mann etwas zu hoch in seinem Tone, andererseits macht die kommentierte Ausgabe klar, wie durchdacht und recherchiert das Ganze ist. Zudem sehe ich viele Motive aus seinen andern Texten. Ich will nicht unken, aber es könnte ein gute Wahl für den Lesekreis gewesen sein – vorallem, da ich die Bibel ja auch schon durch habe.
  • Proust (14 Seiten)
  • James Ellroy: Jener Sturm (ca. 100 Seiten – nur, aber der Mann hat echt Zeit gekostet).

Proust (127)

Bloch fällt unangenehm auf und erhält einen äußerst kalten Abschied. Ihn ersetzt die Vicomtesse von Marsantes, niemand anderes als Roberts Mutter (und die Schwester des Herzogs von Guermantes). Sie ist »ein höheres Wesen von engelhafter Güte und Ergebenheit« (3.349), wenn auch keine Schönheit. Allgemeines Geplauder und Gelüge bis – völlig überraschend – Robert kommt. Der stellt – endlich! – Marcel der Herzogin von Guermantes vor. Die reagiert distanziert-kühl, ein Gespräch will nicht in Gang kommen. Auftritt des deutschen Premierministers, es ist der Fürst Faffenheim-Münsterburg-Weinigen. Der hat Ambitionen auf einen Sitz in der Akademie, aber Norpois ist auf diesem Ohr taub.

Sie [die Herzogin von Guermantes] ließ das Licht ihres blauen Blicks auf mich niederfallen, zögerte einen Augenblick, entrollte den Stengel ihres Arms, um ihn auszustrecken, und neigte ihren Körper, der gleich wieder in die aufrechte Stellung zurückschnellte wie ein Strauch, den man niedergebogen hat und der, wenn man ihn losläßt, in seine natürliche Lage zurückkehrt. So verhielt sie sich unter dem Blitzen der Blicke Saint-Loups, der sie beobachtete und aus der Distanz verzweifelte Versuche machte, um von seiner Tante noch etwas mehr zu erreichen. (3.335f)

Volle Kante

Gestern zu P. gefahren. Diesmal nicht nach B. sondern nach H, weil er mir seine „neue“ Freundin vorstellen wolte. Neu in Anführungszeichen deswegen, weil sie schon seit drei (!) Jahren zusammen sind. (In der Zwischenzeit hatte ich mir schon überlegt, ob er sie nicht nur erfunden hat – aber nein, sie gibt es wirklich.)

Zusammen zum „Italiener“ (deswegen in Anfhrungszeichen, weil von Türken geführt), dann noch etwas Wein im Wohnzimmer. Zugegeben, wenig Alkohol war es nicht.

Bemerkt habe ich es als es schon zu spät wär. P. hat sich aber sowas die Kante gegeben, dass er wohl die halbe Nacht kotzend über der Keramik hing und sie sich mit seiner Freundin abwechselte, die das Essen nicht vertragen hat.

Bin dann nach dem Frühstück wieder zurück – war eh klar, dass da heute nichts mehr geht mit den beiden.

Proust (126)

Im Salon ist man mehrheitlich gegen Dreyfus – Norpois dagegen bleibt berufsbedingt neutral und hält, von Bloch angestachelt, seitenweise Vorträge über die aktuelle Lage (deren Brisanz dem heutigen Lesenden sich nur schwer und nur mit Hilfe vertiefter Kenntnisse der Materie erschließt). Norpois versucht zwar mal das Thema zu wechseln – »Gehen Sie heute abend nicht zum Ball bei Madame de Sagan?« (3.339) – scheitert aber am insistierenden Bloch.

Bloch mißfiel dem Botschafter eigentlich nicht, denn er sagte uns später nicht ohne Naivität und bestimmt unter dem Eindruck der in Blochs Sprache zurückgebliebenen Spuren der neohomerischen Mode, die er im Grunde schon überwunden hatte: »Er ist ganz amüsant mit seiner etwas antiquierten, etwas feierlichen Redeweise. … So etwas findet sich selten bei der heutigen Jugend und war schon selten in der vorhergehenden. Wir selbst waren seinerzeit eher romantisch.« (3.340)

Proust (125)

Im Salon  macht man sich weiter lustig über den Gedichtsvortrag von Roberts Freundin: »Ich habe sofort gemerkt, daß sie kein Talent hat, als ich die Lilien sah“ (3.321). Weitere Abfälligkeiten über Abwesende – »Ich gebe ja zu, sie sieht nicht aus wie eine Kuh, sondern wie mehrere Kühe« (3.323) – aber das zentrale Thema ist die Dreyfus-Affäre, wobei manche sie vom Antisemitismus trennen wollen. Man prüft die beiden neuen Begriffe »Mentalität« (3.330) und »talentiert« (3.331) auf ihre Brauchbarkeit.

»Sie [gemeint ist Bloch] sind kein Mensch dieser Zeit«, sagte der ehemalige Botschafter [Norpois] zu ihm, »und ich beglückwünsche Sie dazu, Sie gehören damit nicht dieser Epoche an, in dem es kein selbstloses Forschen mehr gibt und in der dem Publikum nur mehr Obszönitäten oder Ungereimtheiten verkauft werden.« (3.325)

J.E.

Per Zufall darüber gestolpert, dass gerade ein neuer Ellroy rausgekommen ist. Interessanterweise kaum was darüber zu finden. Aber ich habe keine Minute gezögert, um es zu bestellen. Morgen kann ich es holen und dann komme ich der Welt mal für 900 Seiten abhanden. So kompliziert sein Bücher auch immer sind – sie sind grandios.

Proust (124)

Bloch wird »seiner Exzellenz de[m] Marquis von Norpois« (3.308) vorgestellt, aber Marcel schafft es, mit dem Diplomaten auch noch ein paar Worte zu wechseln. Der Herzog von Guermantes gibt sich nun auch die Ehre. Hauptthema ist der Auftritt von Roberts Freundin von vor ein paar Tagen bei der Herzogin. Sie deklamierte Gedichte »mit einem Lilienstrauß in der Hand« (3.313) – und kam so gar nicht an. Wie konnte Robert sich in sie verlieben? Bei dem Thema machen alle gerne mit.

Während er [der Herzog von Guermantes] über die große Zahl von Personen, die um den Teetisch saßen, liebenswürdig höfliche, maliziöse und von der untergehenden Sonne geblendete Blicke gleiten ließ, aus seinen kleinen runden Pupillen, die so exakt im Augen saßen wie das »Schwarze«, das er als ausgezeichneter Schütze unfehlbar visierte und traf, schob sich der Herzog mit vorsichtig stutzender Langsamkeit voran, ganz als ob er, von einer so glänzenden Versammlung eingeschüchtert, fürchtete, auf Schleppen zu treten oder Gespräche zu stören. (3.312)

ET (3) & GT (54)

Vor der Gruppe noch eine Einzelsitzung. So richtig der Knaller ist das nicht – auch wenn arg anstrengend und er mich richtig arbeiten lässt. Aber andererseits zeigt es mir, dass ich selber schon richtig gut gearbeitet habe. Das mit den Gefühlen ist halt noch so ein Ding – aber wenn ich mir das heute so anschaue, auch da auf gutem Weg. (Ach so: Um Verlängerung gebeten, ich würde gerne in der Gruppe bis zum Ende an Ostern nächsten Jarh bleiben, da sie mir gerade wirklich gut tut.)

GT selber interessanterweise extrem langweilig. Keine/r ht irgendwas auf der Pfanne, nirgends brennt es, keine/r kommt aus der Deckung. Und so kommt es zu einem Gruppenschweigen – und alle finden es gut und erholsam. Das erste Mal, dass die Gruppe eine Leichtigkeit hat – das ist gut zu spüren.

Proust (123)

Der Salon füllt sich. Es ist übrigens gute Sitte der Männer, den Hut mit in den Raum zu nehmen und ihn dann auf den Boden zu setzten. Mit: Man zeigt sich von der besten Seite bzw. zickt so rum – ist dieser Abschnitt vollständig beschrieben, leider eben aber nicht all die Feinheiten, Anspielungen, Hinterlisten und Speichelleckereien. Bloch wirf eine Vase um und will daraufhin gehen, Madame de Villparisis hält ihn aber davon ab, da sie ihn Norpois vorstellen will, der auf sich warten lässt.

»Ich sehe sie [die Apfelbäume] niemals«, sagte der junge Herzog, »weil ich Heuschnupfen davon bekomme, es ist wirklich einfach Klasse.«
»Heuschnupfen? Davon habe ich noch nie etwas gehört«, meinte der Historiker.
»Das ist die Modekrankheit jetzt«, bemerkte der Archivar. (3.298)

4 B’s

  • Das Finanzamt überweist mir 163 Euro – und ich habe nicht die geringste Ahnung warum bzw. wofür. Ich lasse das mal so stehen und warte ab, ob das nicht einfach eine Fehlbuchung ist.
  • S. schreibe ich noch nachträglich eine Geburtstagsmail, T. hat gestern immerhin ne WhatsUp bekommen, so dass ihr Freund fast schon eifersüchtig geworden ist, alle anderen von gestern und heute bleiben ungratuliert, darunter auch mein Bruder, dem es auch nicht auffallen wird, dass ich nicht pflichtmäßig Falschheiten abgesabbert habe.
  • Im Job stelle ich fest, dass QR-Codes sich eigenartig verhalten – auch die IT-Abteilung hat keinen blassen Schimmer warum das so ist / sein könnte.
  • Theoretisch wäre ein Canon EOS R5 drin – aber wirklich nur rein theoretisch!

Proust (122)

Marcel beleidigt den Schwätzer Legrandin unbeabsichtigt. Ausschweifende, bewundernde Betrachtung und weitere Vorstellung der Herzogin von Guermantes mit ihren Macken. So lädt sie nur Frauen zu sich ein – mit Ausnahmen natürlich – und spricht, wenn sie einen Dichter oder einen Wissenschaftler zu Gast hat, dann mit diesen sicher nicht über deren Profession / Beruf / Können. Die Herzogin und Madame de Villeparisis ziehen – noch ein wenig – über die dicke, froschähnliche Königen von Schweden her: »… aber in diesem Falle ist es dem Frosch gelungen, so fett zu werden wie der Ochse.« (3.293)

Madame de Guermantes hatte sich gesetzt. Da ihr Name mit ihrem Titel verbunden war, fügte er ihrer realen Person das Herzogtum hinzu, das sich um sie herum abzeichnete, und ließ inmitten des Salons im Umkreis des Puffsessels, wo sie sich befand, die schattige, goldene Kühle der Wälder von Guermantes herrschen. Mich wunderte nur, diese Ähnlichkeit nicht deutlicher auf dem Gesicht der Herzogin zu lesen, das nichts Pflanzliches an sich hatte und in dem höchstens die geplatzten Äderchen der Wangen – die, so schien es mir, der Name Guermantes mit seinem Wappen hätte schmücken müssen – als eine Folge, nicht aber als Bild von langen Ausritten im Freien gelten konnten. (3.284)

Stolen day

So ein gestohlener Tag tut wirklich gut, vor allem, wenn man nicht nur dumm in der Ecke rumsitzt sondern Dinge erledigt, die über die letzten Tage liegen geblieben sind: Wäsche, Altglas, Altpapier, Bügelwäsche, Geschirr, Überweisungen, …

Proust (121)

Weitere Gäste betreten den Salon von Madame de Villeparisis. Sehr viel falsche Freundlichkeit untereinander, denn fast jede hat ja darauf zu achten, dass ihr Salon der bessere ist. Dann ein doppelter Herzinfarktmoment für Marcel: »Die Tür ging auf, und die Herzogin von Guermantes trat ein« (3.277). Er wird ihr, zusammen mit einem Historiker, vorgestellt, sie aber »begnügte … sich … um die Nichtigkeit des Eindrucks kund zu tun … damit, bestimmte Bewegungen der Nasenflügel auszuführen« (3.278). Viel Smalltalk, viel Angebereien.

Doch man stellt die Summe der Laster eines Menschen immer erst fest, wenn er kaum mehr imstande ist, ihnen zu frönen, und man nach dem Ausmaß der von der Gesellschaft auferlegten Sühne, die inzwischen in Kraft getreten ist und die man allein noch konstatiert, sich eine übertriebene Vorstellung von dem Verbrechen macht, das jener einst beging. (3.273)

Bullets

  • Höre die neuste Donna Leon und merke, wie ich die Brunettis einfach mag, aber auch, dass das teilweise purer Kitsch ist.
  • Schiß morgen vorn Augenartztermin. Vermutlich werde ich nur mal wieder ermahnt werden, mehr zu tropfen …
  • Langsam bin ich mir sich, dass ich echt ne schräge Type bin, wenn ich mit fremden Menschen agieren muss.
  • Aber dafür mag ich kalte Spaghettis.

Proust (120)

Exzellentes schriftstellerisches Portrait der Madame de Villeparisis, die wohl nicht klug, jedoch nicht ungeschickt durchs Leben agierte. Unterscheidungen von Lebensphasen, die voneinander dann nichts mehr wissen wollen, aber damit leben müssen. In gewisser Weise ist und war sie eine Freigeistin – »Liebe? Mache ich oft, doch drüber reden tu‘ ich nie.« (3.270) – leidet derzeit aber darunter, nach dem Urteil Madame Lerois, nur einen »drittklassigen« (3.269) Salon zu führen. Marcel trifft dort bei seinem ersten Besuch auf seinen Schulkameraden Bloch der, wie schon in Balbec, sein Judentum dadurch zu kaschieren versucht, in dem er sich antisemitisch gibt – das ist auf dem Hintergrund der Dreyfus-Affäre gerade gesellschaftlich durchaus en vogue.

Wir sind unausgesetzt darum bemüht, unser Leben zu gestalten, kopieren dabei aber unwillkürlich wie eine Zeichnung die Züge der Person, die wir sind, und nicht derjenigen, die wir gern sein möchten. (3.260)

60ster …

von K.

Beim 50. von F., seinem Mann, mich ganz bald in die Küche geflüchtet, weil ich mit den Gästen – alles Lehrer – so gar nicht konnte. Wochen später übergab mir mein Buchhändlerin einen Buchgutschein in echt enormer Höhe und es hat Wochen gedauert, bis es klar war, dass das der Dank von F. war, weil ich ihm die Küche gerockt habe.

Corona-bedingt nur insgesamt zehn Leute heute, auch kleines Programm und im Gegensatz zu F. Gäste, die auch mal ein Geschirrtuch in die Hand nehmen können.

Aber ich fremdel wie verrückt.

Proust (119)

Hinter der Bühne. Rachel macht einem hübsch gebauten Tänzer schöne Augen, was Robert so überhaupt nicht gefällt. Wie kommen in Streit, er droht, sie nie wieder zu sehen. Dennoch hat er noch das Auge, um einen Journalisten zu bitten, wegen Marcel die Zigarette aus zu machen. Der sieht es nicht ein und ist dann arg verwundert, dass er von Robert eine gescheuert bekommt. Draußen auf der Straße verkloppt er gleich den nächsten, einen „heißblütigen Spaziergänger“ (3.253), der ihm „Anträge“ (ebd.) gemacht hat. Robert der „schöne Soldat“ (ebd.) ist maßlos empört und braucht mal Zeit für sich. Marcel alleine auf dem Weg zu Madame de Villeparisis, Robert will nachfolgen.

Dennoch war der Geprügelte insofern entschuldbar, als auf einer gewissen Neigungsebene das Verlagen ziemlich schnell in die nähe der Lust rückt, so daß bloße Schönheit schon wie Bereitschaft erscheint. Daß Saint-Loup schön war, ließ sich aber auf keinen Fall bestreiten. (3.253)

So und so

Sonne, leichter Wind, angenehme Temperaturen – ein toller Herbsttag.

Ich stehe nicht nur mit Kopfschmerzen auf, sondern friere den ganzen Tag so vor mich hin.

Proust (118)

Rachel macht nicht nur Aimé, dem Oberkellner, schöne Augen. Dennoch unterhält man sich über Literatur und Rachel macht dabei eine äußerst gute Figur. Dennoch wird Robert irgendwann zornig, weil sie mit einem jungen Mann vom Nachbartisch liebäugelt. Wenig später trifft man sich dann aber wieder bei Champagner in einem Chambre séparée als sei nie etwas gewesen. Robert will Marcel die Bühne überlassen, der will aber nicht, also schaut man zu, was Rachel auf der Bühne zu leisten vermag – nicht gerade umwerfend viel, wie es scheint. Wie lernt man andere kennen, wenn doch »die Zahl der menschlichen Schachfiguren kleiner ist, als die der Kombinationen, die sich aus ihnen ergeben können« (3.241f)?

Dank dem Champagner, den ich mit ihnen trank, ergriff mich allmählich ein ähnlicher Rauschzustande, wie in Rivebelle, doch vermutlich nicht genau der gleiche. Nicht nur jede Art von Rausch – von jenem, den die Sonne oder das Reisen schenkt bis hin zu jenem, der von Müdigkeit oder Wein herrührt –, sondern auch jeder Grad des Rausches, der seine besondere »Lotzahl« tragen sollte wie der Meeresboden, deckt in uns genau in der Tiefe, in der er sich befindet, einen besonderen Menschen auf. (3.236)

GT (53)

Man gewöhnt sich schnell an den kleinen Kreis, ich jedenfalls. Macht alles wirklich intensiver. Diesmal alle eher verkopft, was mir aber gut tut, so was wie letzte Woche wäre etwas zu viel. Kommen auch insgesamt wieder in einen guten Kontakt.

Spannend ist wirklich, dass jede/r von uns ja mit einem eigenen Thema da in der Runde sitzt, aber wenn es dann in die Tiefe geht, sich doch immer wieder kleine Paralleln auftun.

Der Psychdoc sagt gerne: „Gruppentherapie ist unmöglich“ … aber dennoch funktioniert sie.

Proust (117)

Marcel kennt die Geliebten Roberts bereits – aus dem Bordell, in das er ging. Zugange war er mit ihr nie, weiß aber noch gut den Preis: 20 Francs. Betrachtungen darüber, dass zwei Menschen zwar »das gleiche, kleine, schmale Gesicht« (3.219) sehen, aber jeweils einen anderen Menschen vor sich haben. Über »die menschliche Einbildungskraft und die Illusion, auf der die Schmerzen der Liebe beruhen« (3.221). Auf dem Weg zum Bahnhof wird Rachel von zwei Kolleginnen angesprochen – Robert beginnt indirekt etwas zu ahnen, denn die Beziehung läuft nicht gut, da sie nur dann freundlich zu ihm ist, wenn das entsprechende Geld fließt. Sie verhehlt nicht, dass sie auch Augen für andere Männer hat, u.a. auch für den Oberkellner aus Balbec, der sie bedient.

Ich sah ein, daß etwas, was mir keine zwanzig Francs wert gewesen war, als es mir für ebendiesen Preis in einem Bordell angeboten wurde, wo es für mich nur eine Frau war, die gern zwanzig Francs verdienen wollte, mehr als eine Million, mehr als eine hochangesehen Familie oder eine allgemein beneidete Stellung im Leben wert sein kann, wenn man sich in ihr ein unbekanntes Wesen vorzustellen beginnt, das interessant zu kennen, mühsam zu erringen  und schwer festzuhalten ist. (3.219)

Proust (116)

Obwohl sie im gleichen Haus wohnen, geht die Großmutter, warum auch immer, Madame de Villeparisis nicht besuchen. Madame Sazerat schneidet als Dreyfus-Anhängerin Marcels Vater, den sie – etwas zu Unrecht –  als »Helfershelfer des Unrechts« (3.210) hält. Robert will kommen und mit seiner Freundin und Marcel essen gehen. Letzteres wünscht sich das Restaurant, in dem derzeit der Oberkellner aus Balbec arbeitet. Zufällig trifft er nach langer Zeit mal wieder den Schriftsteller Legrandin, der ihm ein Ohr abkaut. Zusammen mit Robert aufs Land zur Freundin, die, so Robert, »nach ihrem Äußeren … nichts Besonderes« (3.126) ist. Er ist sich auch nicht sicher, ob sie ihn liebt, hat aber ein Kollier für 30.000 Francs gekauft.

Meine Mutter, die zwischen der Liebe zu meinem Vater und der Hoffnung, ich sei intelligent, hin- und herschwankte, verharrte in einer Unentschiedenheit, die sie in Schweigen übersetzte.  (3.210)

Wiedergewählt

Bin mir gerade nicht so sicher, ob das eine gute Entscheidung war, nochmals für drei Jahre zu kandidieren, denn der Vorsitzende fand mal wieder kein Ende.

Immerhin ist G. jetzt mit dabei, der eher vernunftgesteuert ist. Dafür aber auch M., eher emotional-kompliziert.

Doch diesmal gibt es einen Rettungsanker: Im Fall der Fälle stehen sogar zwei Nachrücker bereit.

Auch eine Art von Bescheidenheit

P. ruft an. Er möchte meine Stimme hören.

Nach zwanzig Minuten legen wir auf. Schätzungsweise habe ich sechs bis acht Sätze gesprochen.

Proust (115)

Zurück in Paris – es geht auf Ostern zu – wartet Marcel vergeblich auf eine Einladung der Herzogin von Guermantes um ihre Bilder zu schauen. So bleibt es dabei, ihr ‚zufällig‘ auf der Straße zu begegnen. Beschreibung ihrer Toilette. Robert gesteht, seine Cousine gar nicht gefragt zu haben, ob er nicht lieber eine andere Cousine …? Nein, das will Marcel definitiv nicht. Der Vater berichtet, dass der Diplomat Norpois, wenn er ins Haus kommt, Madame de Villeparisis besucht, die Marcel ja von Balbec schon kennt – ob er nicht da mal vorbeischauen will? Würde doch seiner Karriere als Schriftsteller nicht schaden. Sicher nicht, denn er hat noch keine einzige Zeile zu Papier gebracht.

Jedes ihrer [Herzogin für Guermantes] Kleider kam mir wie die natürliche, notwendige Umgebung, wie die Projektion einer besonderen Ansicht ihrer Seele vor. (3.199)

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