Proust (105)

von Bert

Die Folgen dieses Grußes: Marcel liebt die Herzogin »wirklich« (3. 89) und ihr das zu beweisen, stalkt er sie. D.h. er macht lange Spaziergänge in der Hoffnung ihr zu begegnen und sie dann grüßen zu können – hin und wieder gelingts. Wieder mal über das Erinnern von Gesichtern. Françoise beäugt dieses Verhalten mit Misstrauen und lässt es Marcel spüren. Über Françoise‘ ›Bauernschläue‹ und das Phänomen, dass sie irgendwie schon immer alles weiß oder zumindest ahnt. Über die Erkenntnis, dass wir den anderen doch nicht in seiner Gänze erkennen können.

Auf alle Fälle begriff ich, daß es ganz unmöglich war, auf unmittelbare Weise zuverlässig in Erfahrung zu bringen, ob Françoise mich gern hatte oder verabscheute. Und so war sie es, die mir als erste zu der Erkenntnis verhalf, daß ein Mensch nicht, wie ich geglaubt hatte, mit seinen guten und schlechten Eigenschaften, seinen uns betreffenden Plänen und Absichten klar umrissen und unverrückbar uns vor Augen steht (wie ein Garten mit seinen Blumenbeeten, den man durch ein Gittertor vor sich liegen sieht), sondern ein dunkles Schattengebilde ist, in das wir nie eindringen können, für das es keine direkte Erkenntnisart gibt, das uns zwar zu zahllosen Überzeugungen kommen läßt aufgrund von Worten oder sogar Handlungen, die uns beide nur unzulängliche und im übrigen widersprüchliche Auskünfte erteilen, ein Schattengebilde, in dem wir uns abwechselnd mit gleicher Glaubwürdigkeit das Aufglimmen des Hasses und der Liebe vorstellen können. (3.89)