Proust (120)

von Bert

Exzellentes schriftstellerisches Portrait der Madame de Villeparisis, die wohl nicht klug, jedoch nicht ungeschickt durchs Leben agierte. Unterscheidungen von Lebensphasen, die voneinander dann nichts mehr wissen wollen, aber damit leben müssen. In gewisser Weise ist und war sie eine Freigeistin – »Liebe? Mache ich oft, doch drüber reden tu‘ ich nie.« (3.270) – leidet derzeit aber darunter, nach dem Urteil Madame Lerois, nur einen »drittklassigen« (3.269) Salon zu führen. Marcel trifft dort bei seinem ersten Besuch auf seinen Schulkameraden Bloch der, wie schon in Balbec, sein Judentum dadurch zu kaschieren versucht, in dem er sich antisemitisch gibt – das ist auf dem Hintergrund der Dreyfus-Affäre gerade gesellschaftlich durchaus en vogue.

Wir sind unausgesetzt darum bemüht, unser Leben zu gestalten, kopieren dabei aber unwillkürlich wie eine Zeichnung die Züge der Person, die wir sind, und nicht derjenigen, die wir gern sein möchten. (3.260)