Durch die Zeit

Monat: Oktober, 2020

Der Shutdown kann kommen

Heute nochmals einkaufen gewesen und genügend verschiedene Früchtetees besorgt, da ich derzeit kein Alk trinken darf. Blumen gab es noch oben drauf. Dann kamen noch 18 kg Rindfleisch vom Bauern, was jetzt in der Tiefkühle ist und die Hemden sind auch gebügelt.

Proust (161)

Weiteres Gelplaudere, Herzogin Oriane von Guermantes zeigt mal wieder, wie grausam sie gegen Bedienstete sein kann. Wir erfahren, dass das Herzogpaar auch schon »nicht nur nach Hessen, sondern auch nach Kassel (sic!)« (3.826f) gefahren sind, schließlich ist man seit ca. 700 Jahren irgendwie mit den Landgrafen von Thüringen und Hessen verwandt. Sie laden Swann auf eine Italienreise ein, er sagt ab, »weil ich dann schon mehrere Monate tot sein werde« (3.834). Man glaubt ihm nicht. Schließlich bricht man auf … und Marcel weiß immer noch nicht, ob er jetzt eingeladen ist.

[Ende Band 3]

»A propos … ist Jules, der sich nach dem Befinden des Herrn Marquis von Osmond erkundigen sollte, noch nicht wieder zurück?«
»Er ist gerade gekommen, Durchlaucht. Man rechnet jeden Augenblick mit dem Ableben des Herrn Marquis.«
»Ah! Er lebt!« rief der Herzog mit einem Seufzer der Erleichterung aus. »Man rechnet, man rechnet, o du heiliges Einmaleins! Wo noch Leben ist, ist auch Hoffnung«, belehrte uns der Herzog mit fröhlicher Miene. »Man hatte ihn mir schon als tot und begraben geschildert. In acht Tagen wird er munterer sein als ich.« (3.824f)

Es ist noch was da

Morgen wollte ich noch schnell in die Bib., um die Hörbücher zurückzugeben und mir für den Shutdowon nochmals sicherheitshalber ein paar andere holen.

Die Stadt hat heute Mittag beschlossen, schon morgen alles zu zumachen. Was bin ich froh, dass ich beim letzten Mal so zugeschlagen habe.

Proust (160)

Marcel wartet mit dem Herzog auf die Herzogin, damit er sie fragen kann, ob er denn wirklich bei der Fürstin eingeladen ist. Der Herzog will das aber nicht – seine Frau könnte sonst ›Arbeit‹ haben – und hofft ansonsten sehr, dass sein Vetter Amanien d’Osmond erst ein paar Stunden später stirbt, damit er als Ludwig der IX. verkleidet auf einen Ball kann, um dort »ein höchst pikantes Rendezvous mit einer neuen Geliebten« (3.810) zu haben. Swann kommt, die Herzogin kommt – Geplaudere, auch mal wieder über die Dreyfus-Affäre, und (hoch)adeliger Tratsch.

»Was für eine Art von Frau ist die Fürstin denn?« fragte ich.
»Aber Sie kennen sie doch, Sie habe sie ja hier gesehen, sie ist schön wie der Tag, aber auch etwas blöd, sehr nett dabei trotz ihrer echt germanischen Erhabenheit, voll Herz und voll Ungeschick.« (3.819)

Genug

Vor gut zwei Wochen meine Lesebrille irgendwo verloren. OK, ich hab‘ zwei davon, so dass es nicht gleich zur Katastrophe kam, aber der Entschluss war schnell gefasst, sie zu ersetzen. Da ich sie – aus was für Gründen auch immer – etwas preiswerter bekomme, gleich einen Ersatz bestellt und Anfang der Woche abgeholt. Passt.

Gestern habe ich die ‚verlorene Lesebrille‘ gefunden. War in meinem Rucksack – und den habe ich zwei Mal ausgeräumt um sicher zu gehen, dass sie da nicht ist.

Proust (159)

Der Baron bringt Marcel mit der Kutsche nach Hause, mal plaudert auch über die Fürsrtin von Guermantes (nicht zu verwechseln mit der Herzogin!). Marcel würde gerne deren Gärten sehen. »Man müßte eingeladen sein und niemand wird eingealden, außer ich befürworte es« (3.792) ist die klare Antwort des Barons. Zwei Monate später erhält Marcel eine Einladung der Fürstin. Zwar ist der »Fürstentitel dem eines Herzogs nicht überlegen« (3.795), dennoch besticht der Salon der Fürstin durch »seine Exklusivität, die sich zum Teil aus der königlichen Geburt der Fürstin erklärte, vor allem aber auf dem fast fossilen Rigorismus der aristokratischen Vorurteile« (3.799). Marcel ist unsicher, ob die Einladung ernst gemeint wird und wartet auf der Treppe auf Herzog oder Herzogin, um sie fragen zu können. „Dieses Warten auf der Treppe aber sollte für mich so bedeutende Folgen haben und mir eine freilich nicht mehr turnersche, wohl aber eine sittlich-moralische Landschaft … eröffnen« (3.803f) – aber das ist dann Gegenstand vom nächsten Band.

Meine Rolle ist beendet, mein Herr; ich füge nur noch ein paar Worte hinzu. Ein anderer wird Ihnen vielleicht eines Tages Sympathie anbieten, wie ich es getan habe. Möge das gegenwärtige Beispiel Ihnen als Lehre dienen. Gehen Sie nicht daran vorbei. Eine Sympathie ist immer eine Kostbarkeit. Was man allein im Leben nicht vollbringt, weil es Dinge gibt, die man aus sich selbst werder ersterben noch tun, noch wollen, noch erlernen kann, vermag man zu mehreren, ohne daß man deswegen dreizehn sein muß wie in dem Roman von Balzac, noch vier wie in den Drei Musketieren. Adieu. (3.792f)

GT (56)

Nach drei oder vier Wochen Pause geht es weiter – mit einem kleinen Paukenschlag. C1 hat – für alle überraschend – beschlossen die Therapie zu beenden. Dann sind wir nur noch sechs. S. bekommt keine Verlängerung mehr und wird auch bald gehen – da waren es nur noch fünf. Das wird viel mit der Gruppe machen.

Bei mir kommt es gerade so an, als seien das die ersten Boten einer Auflösungserscheinung … kein Wunder, im März ist eh Schluss … aber so richtig will ich da wohl noch nicht dran. Geplant war, ja jetzt die Reha zu machen und dann noch etwas ‚Nachsorge‘ mit der gewohnten Gruppe zu haben …

Wie war das? Pläne sind dafür da, damit man sie ändert?

Proust (158)

Großes Kino! Richtig großes Kino! Charlus rammt Marcel ungespitzt in den Boden, weil er eine Botschaft eines Buches, welches Charlus ihm in Balbec schenkte (siehe Nr. 82), übersehen hat und er sich zudem erdreistete zu behaupten, mit ihm »in Beziehung« (3.779) zu stehen. Irgendwann rastet Marcel aus, zerfetzt den neuen Zylinder des Barons und stürmt hinaus. Der hinterher, besänftigend: »… wenn ich Sie gezüchtigt habe, so weil ich Sie eben liebe« (3.784). Dann erklärt er Marcel ausführlich: »Meine Sympathie für Sie ist ein für allemal erloschen« (3.786), ist aber so nett, ihn mit der Kutsche nach Hause zu begleiten, denn »(b)ei meinem Wunsch, sie nicht wiederzusehen, spielt es keine Rolle, ob ich noch fünf Minuten länger mit Ihnen zusammen bin« (3.788). Aber da er noch ein Geschenk für ihn hat … wird es nicht die letzte Begegnung sein. Wirklich großes (Tucken-)Kino!

»Ah!« antwortete er in verächtlichem Ton, »wie schlecht wissen die jungen Franzosen in den Kunstwerken unseres Landes Bescheid. Was würde man von einem jungen Berliner sagen, der die Walküre nicht kennt? Sie scheinen Ihre Augen nicht zum Sehen zu haben, da Sie mir ja sagten, Sie hätten zwei Stunden vor jenem Meisterwerk verbracht! Ich sehe, Sie verstehen ebensowenig von Blumen wie von Stilen: erwidern Sie nichts, was die Stile anbetrifft«, rief er mit einer vor Wut sich überschlagenden Stimme. »Sie wissen ja nicht einmal, worauf Sie sich niedersetzen. Sie bieten Ihrem Hinterteil eine Directoire-Chauffeuse als Louis-Quatorze-Sessel an. Eines Tages werden Sie die Knie von Madame de Villeparisis für den Abtritt halten und wer weiß was dort tun. Ebensowenig haben Sie auf dem Einband des Buches von Bergotte das Vergißmeinnichtmotiv am Sturz der Kirche von Balbec erkannt. Gab es eine deutlichere Art, Ihnen zu verstehen zu geben: ›Vergessen Sie mich nicht‹? (3.777)

o.T.

Genug gelesen für heute. So langsam muss mal wieder ein Ausgleich her. Corona macht das irgendwie aber auch nicht einfacher.

Proust (157)

Nach fast 250 Seiten ›Salon‹ setzt sich Marcel mit seinen »Snowboots« (3.765) in die Kutsche, um zu Baron de Charlus zu fahren. Reflexionenüber den »Gegensatz zwischen mondäner Oberflächlichkeit oder Konversation und Schöpfertum« (Keller, 3.951). Man lässt ihn warten, dann empfängt der Baron ihn liegend und lässt ihn erstmal im wahrsten Sinne des Wortes stehen. »Setzen Sie sich in den Louis-Quatorze-Sessel« (3.776) kommandiert er, Marcel weiß nicht was das ist, und nimmt das nächst beste Fauteuil. Darauf Charlus höhnisch: »Sie sind ja wirklich ein gebildeter junger Mann!« (ebd)

Trotz allem waren die Geschichten, die ich bei Madame de Guermantes hörte – darin ganz anders als das, was mich die Weißdornblüten oder eine Madeleine hatten empfinden lassen –, mir im Grunde fremd. (3.772)

Heute …

… einfach nichts zu vermelden.

Proust (156)

Für heutige Zeiten nur schwer nachvollziehbare Huldigung des Adels und das Wissens Marcels, letztendlich nie wirklich dazuzugehören: »So schließt die Aristokratie in ihrem gewichtigen Bau, der von nur wenigen Fenstern durchbrochen, wenig Licht eindringen läßt und denselben Mangel an Auflockerung, aber auch die gleiche massive geschlossene Mächtigkeit aufweist wie die romanische Architektur – hinter schroffen Mauern verborgen – die Gesamtheit der Geschichte ein« (3.752). Marcel macht sich zum Aufbruch bereit, um »den Gästen (zu) erlauben … endlich mit ihrer Geheimsitzung zu beginnen. Sie würden nun die Mysterien zelebrieren können, zu deren Zelebrierung sie sich versammelt hatten, denn offenbar waren sie doch nicht hier, um über Franz  Hals oder den Geiz zu reden, noch dazu auf die gleiche Art wie die Leute des Bürgertums« (3.761).

Oft aber ging die Vetternschaft sehr viel weiter, da Madame de Guermantes sich eine Pflicht daraus machte, »Liebe Tante« zu Personen zu sagen, mit denen sie keine gemeinsamen Vorfahren fand, wenn sie nicht wenigstens bis auf Ludwig XV. zurückging; dementsprechend konnte denn auch, jedesmal wenn das Unglück der Zeiten es mit sich brachte, daß eine Milliardärin einen Fürsten heiratete, dessen Ururgroßvater ebenso wie derjenige von Madame de Guermantes mit einer Tochter Louvois’ vermählt gewesen war, die amerikanische Dame ein besonderes Vergnügen darin finden, gleich bei einem ersten Besuch im Hôtel de Guermantes, wo sie im übrigen mehr oder weniger schlecht aufgenommen und mehr oder weniger gründlich zerpflückt wurde, zu der Herzogin, die es mit mütterlichem Lächeln geschehen ließ, »Liebe Tante« zu sagen. (3.749f)

Konflikte gesucht

Denn ab heute darf ich ganz offiziell mediieren. OK, meine Ausbilderinnen möchten danach einen kurzen Bericht / Analyse, damit ich mir keinen Blödsinn aneigne … aber ich darf jetzt.

Ab morgen gehe ich mal auf Konfliktsuche, denn die Konflikte der anderen sind ja zudem immer spannender als die eigenen.

Proust (155)

Nun plaudert man über Pflanzen und deren Bestäubung (was für den wissenden Proust-Lesenden natürlich ein Hinweis auf den nächsten Band ist), Möbel, den Sohn von Madame de Chevreuse; Beethoven, Manet, der Tante des Zaren, Kaiser Wilhelm, Holland, Frans Hals, Elstir, »Arschälogen« (3.737). anglo-französische Annäherung, englisches Königshaus, Monsieur de Norpois, Fürst von Guermantes, u.v.a.m. Aber das, was sich in der Aufzählung eher langweilig anhört, ist einfach so gut gemacht, fließend und leicht, sarkastisch und entlarvend, komisch und einfühlsam, konkret und schwammig … kurz: ein Stück echt guter Literatur.

»Der Sohn [von Madame de Chevreuse] ist sogar recht angenehm … Was ich [Herzogin von Guermantes] jetzt sagen werde, gehört sich eigentlich nicht«, bemerkte sie, »aber er hat ein Zimmer und besonders ein Bett, in dem man schlafen möchte – ohne ihn!
(…)
»Er ist ein hübscher Bursche, glaube ich?« fragte sie [Prinzessin von Parma].
»Nein, denn er sieht wie ein Tapir aus. Seine Augen sind etwa die einer Königin Hortense, wie man sie auf Lampenschirmen sieht. Aber wahrscheinlich hat er es für einen Mann doch etwas lächerlich gefunden, diese Ähnlichkeit zu pflegen, und so verliert sie sich bereits in seinen enkaustischen Wangen, mit denen er wie ein Mameluck ausschaut. Man hat das Gefühl, sie werden jeden Morgen frisch gewichst.« (3.728f)

Praxis schlägt Theorie

Heute in der Mediationsausbildung. W. weigert sich einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, sie fühle sich in ihren Freiheitsrechten beschränkt bzw. beraubt. P. findet das so gar nicht gut und besteht darauf dass alle Teilnehmenden eine Maske tragen, wenn sie sich im Raum bewegen.

Für die Eskalation brauchen die beiden Frauen keine vier Minuten.

Dann greift die Ausbilderin ein – und zeigt mal so im Nebenbei, wie elegant man so einen Konflitk dann angehen kann.

Eine Lösung kommt zwar nicht zustande – was aber nicht an der Methode liegt, sondern an der Konfliktlösungsunwilligkeit von W.

Proust (154)

Weiter geht es in der munteren Konversation. Baron de Charlus bekommt sein Fett genauso ab wie Robert de Saint-Loup. »Von nun an wurde ich unaufhörlich, wenn auch manchmal nur in kleinem Kreis, zu diesen Mahlzeiten eingeladen …« (3.717f). Damit ist Marcel in die Gesellschaft aufgenommen und lernt deren Protagonistinnen und Protagonisten nacheinander kennen. Eines Abends geraden die Prinzessin von Parma und Oriane de Guermantes sich etwas in die Haare, weil die erstere sich bei einem General einsetzen will, das Robert von Marokko wegversetzt wird, während Oriane darin keine Notwendigkeit sieht.

»Immerhin, Oriane, Sie sollten doch gerade an Ihren Schwager Palamède [d.i. Baron de Charlus] denken, von dem Sie eben gesprochen haben; keine Geliebte kann hoffen, so sehr beweint zu werden wie die arme Madame de Charlus.«
»Ach!« antwortete die Herzogin, »Königliche Hoheit [d.i. Prinzessin von Parma] müssen mir erlauben, daß ich da nicht ganz der gleichen Meinung bin. Nicht jeder möchte auf dieselbe Weise beweint sein, jeder hat auch darin seinen speziellen Geschmack.«
»Jedenfalls bringt er ihr doch einen wahren Kult seit ihrem Tode entgegen. Freilich tut man manchmal für die Toten Dinge, die man für die Lebenden nicht getan hätte.«
»Zuerst einmal«, antwortete die Herzogin von Guermantes in einem träumerischen Ton, der im Widerspruch zu ihrer spöttischen Absicht stand, »geht man zu ihrem Begräbnis, was man ja für die Lebenden nicht tut!« (3.710)

So nen kleinen …

… Sprung in der Schüssel habe ich irgendwie schon. Arbeite gerade eine Einführung in die Rechtswissenschaft durch und war heute fast schon richtig stolz, als ich dann – wenn auch mit einiger Mühe – den Unterschied zwischen Verpflichtungs- und Verfügungsgeschäft verstanden habe.

Proust (153)

Weiter geht’s mit dem Literaten-Bashing, nun ist Émilie Zola dran: »Er ist der Homer der Kloake!« (3.699). Bei »Spargeln mit Mousseline« (3. 701) steht dann der Maler Elstir im Zentrum – der kommt besser weg, da die Aussagen entweder von »Koketterie« (3.703) oder von »Eitelkeit« (ebd.) geprägt sind, was schlichtweg daran liegt, dass Elstir Oriane porträtiert hat. Ausführungen über Spargel und Eier, insbesondere »verfaulte Ortolaneneier« (3.705) aus der chinesischen Provinz Kanton. Oriane dazu: »Ich finde ein Land entzückend, in dem man ganz sicher gehen will, daß der Milchhändler einem auch wirklich gründlich verfaulte Eier verkauft« (3.706)

»Aber Zola ist doch kein Realist, er ist ein Dichter!« sagte Madame de Guermantes, die sich an den kritischen Studien inspirierte, die sie im Laufe der letzten Jahre gelesen und ihrer persönlichen Denkform angepaßt hatte. Bis hierher hatte die Prinzessin von Parma in dem für ihre Verhältnisse bewegten Bad von Geist, das sie an diesem Abend nahm und von dem sie sich eine besonders heilkräftige Wirkung versprach, angenehm geplätschert, indem sie sich von den Paradoxen tragen ließ, die eines nach dem anderen anbrandeten; vor diesem letzten aber, das enormer als die anderen war, wich sie aus Furcht, umgeworfen zu werden, mit einem Sprung zurück. Mit stockender Stimme, als ob ihr der Atem versage, stieß sie nur die Worte hervor:
»Zola ein Dichter!« (3.699)

Ruhe vor

Ein ruhiger Tag. Obwohl, im Job heute mein Lesepensum nicht geschafft, weil eine Kollegin krank war und ich ein bisschen was von ihr übernehmen konnte. Aber die Ruhe ist ganz gut, denn morgen wird es dann ein 13-Stunden-Tag, weil wieder ein weiteres Ausbildungswochenende beginnt.

Und wenn ich früh ins Bett gehe nur deswegen, um weiter im neuen Raven lesen zu können.

Proust (152)

So ein Salon ist vor Klatsch und Tratsch definitiv nicht sicher. Man hechelt auch Künstler durch und ergeht sich bspw. in ein ausführliches Gustave-Flaubert- sowie Victor-Hugo-Bashing. Und gerade mit dieser Szene zeigt Proust, wie einerseits Nichtwissen entlarvend sein kann, andererseits aber auch im gleichen Maße, wie Nichtwissen den gesellschaftlichen Diskurs (mit)bestimmt. Das Ganze in Form einer leichten literarischen Karikatur – die man aber auch als reine durchaus zeitgemäße Dokumentation / Metapher lesen kann.

»Wie merkwürdig jedenfalls«, fuhr sie [die Gräfin d’Arpajon] fort, »und wieviel besser als seine [Gustav Flauberts] Bücher ist doch sein Briefwechsel! Er erklärt im übrigen sein Wesen, denn aus dem, was er über die Mühe mitteilt, die ihn die Abfassung eines Buches kostet, ersieht man, daß er kein wirklicher Schriftsteller, kein Mann von Begabung war.« (3.686)

Mein neuer Fuhrpark …

… dank V.! Knuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuutsch!

Proust (151)

Über Oriane de Guermantes, die auch mal die Etikette zu sprengen weiß. Über die Geliebten des Herzogs – »große, gleichzeitig majestätische und doch zwanglos sich gebende Frauen (…) oft blond, seltener dunkel, manchmal rothaarig« (3.671) –, die Oriane zu ihren Salons selbstverständlich einlädt in der Hoffnung »wertvolle Verbündete gegen ihren schrecklichen Gatten zu finden« (3.673). Szenen aus dem Salon die bezeugen, dass das Ganze einem Haifischbecken gleicht und Oriane de Guermantes auch mindestens eine unangenehm fiese Ader hat.

Die gesamte Gesellschaft war verblüfft, und ohne geradezu die Herzogin nachzuahmen, empfand doch jedermann angesichts dieser Handlungsweise jenes gewisse Gefühl der Erleichterung, das man bei der Lektüre von Kant hat, wenn man nach den rigorosesten Demonstrationen des Determinismus entdeckt, daß über der Welt der Notwendigkeit noch die der Freiheit ist. (3.669)

Mal kurz eben

Kurz nach halb neun läutet das Telefon. Ein Herr S. will von mir wissen, ob ich »da« sei. Da ich am Telefon bin, ist leugnen schwer – außerdem ist er Mitarbeiter am Landgericht. Ich möge mich doch bitte als Ersatzschöffe aufmachen, die Verhandlung begänne umd 9 Uhr, drei Berufungsverhandlungen, ein Tag am Gericht.

Ich, der gehorsame Bürger, packe meine Sachen und fahre los – ist ja eh nicht weit. Auf dem Weg dorthin nochmals Herr S., er hätte sich getäuscht, es sein ein andere Saal, eine Berufungsverhandlung und auf zwei Tage angesetzt.

Mit der Mitschöffin langes Warten auf die Vorsitzende Richterin, die auch fünf Minuten zu spät erscheint. Sie kündigt an, dass es jetzt erst zu einem Rechtsgespräch kommen würde was entscheidend sei, ob die Berufungsverhandlung überhaupt stattfindet. Zwei Stunden später haben sich alle Verfahrensbeteilgten geeinigt, den Haftbefehl unter einer langen Latte von Auflagen auszusetzen.

Wenig spannend das Ganze – im Saal zudem echt kalt und daher ungemütlich.

Proust (150)

Proust kann nicht genug vom Adel und ihren Salons bekommen. Beschreibung der Hinterhältigkeiten der Teilnehmenden, um selber im besseren Licht dazustehen, während andere diskreditiert werden. Darüber, dass der einmal gewonnene Stand durch harte und hinterlistige Kämpfe erhalten werden muss. Analogien zur Politik. Geheimnis des Erfolges des Herzog und der Herzogin von Guermantes – sie sind Verbündete, nicht Verliebte. Das bekannte Lied von Sein und Schein.

Die Wandlungen im Urteil der Herzogin machten vor niemandem halt, ausgenommen vor ihrem Mann. Er allein hatte sie niemals geliebt; in ihm hatte sie immer einen eisernen Charakter gespürt, der ihre Launen nicht beachtete und ihre Schönheit übersah, brutal und von jenem unbeugsamen Willen beseelt, unter dessen Gesetz nervöse Menschen allein Ruhe finden können. Monsieur de Guermantes dagegen, der immer einem gleichen Typ weiblicher Schönheit nachjagte, ihn aber in häufig wechselnden Geliebten suchte, hatte, sobald er wieder eine verlassen, immer nur eine einzige, stets gleichbleibende Verbündete, mit der er sich über die Verlassene lustig machen konnte: eine Verbündete, die ihn oft durch ihr Geschwätz reizte, von der er aber wußte, daß alle sie für die schönste, tugendhafteste, gescheiteste, gebildetste Frau der Aristokratie hielten, für eine Frau, die er, Monsieur de Guermantes, sich glücklich schätzen könne, gefunden zu haben, die alle seine Unregelmäßigkeiten deckte, wie niemand sonst zu empfangen verstand und ihrem Salon den Ruf erhielt, der erste des Faubourg Saint-Germain zu sein. (3.661)

Proust (149)

Mal wieder sehr ausführlich, diesmal über den Salon der Prinzessin von Parma (Proust muss echt einen gehörigen Fetisch für den Adel gehabt haben). Im Vergleich zum Salon der Herzogin von Guermantes schneidet er natürlich nicht so gut ab, denn bei Oriane trifft sich die Crème de la Crème der höheren Gesellschaft.

Der Geist der Guermantes – eine ebensowenig existierende Substanz wie die Quadratur des Kreises, wenn man der Herzogin glauben wollte, die sich für die einzige Guermantes hielt, die ihn wirklich besaß – war eine Qualitätsbezeichnung wie die Rillettes de Tours oder die Biscuits aus Reims. (3.641f)

Gut essen

Freitag waren wir so richtig gut essen. Mit Gruß aus der Küche, 5 Gänge, Weinbegleitung und so. Bei »Salzwiesenlamm | Dumpling | Pistazie« (dazu einen Saint Emilion Grand Cru von 2016) bekomme ich einen echt heftigen allergischen Niesanfall, so dass ich für einige Zeit vor die Tür muss.

Zurück am Platz erkundigt sich der der Koch (offene Küche) nach meine Wohlbefinden, dann steht auch schon Servicekraft 2 da und fragt, ob sie Wasser oder Espresso (?) bringen soll. Servicekraft 1 – die uns meist bediente und beständig, wie süß!, zwischen »Du« und »Sie« wechselte – ist richtig besorgt und begibt sich auf Ursachensuche. Bist dato bin ich davon augegangen, dass es an Zimt liegen könne, aber bei Salzwiesenlamm? Doch, so sie, das ist schlüssig, denn das Dumpling (eine Art Teigtasche) würde über Wasser gegart, welches mit Zimt versetzt sei. Geschmeckt hatte ich es echt nicht.

Jetzt warten wir auf den nächsten Menüwechsel und sind dann wieder dort – und ich frage vorher, wo Zimt drin ist.

Proust (118)

Über Etikette am Hofe Ludwigs XIV. Über den adeligen Esprit und die Umgangsformen der Guermantes (Proust muss echt einen Fetisch für den Adel gehabt haben). Lange (!) und akribische Analyse, wie es den Guermantes gelingt, so zu tun als seien sie ganz normal, aber dennoch allen klar zu machen, das sie etwas besseres sind.

Die Theorien der Herzogin, die nun allerdings derartig Guermantes war, daß sie gewissermaßen zu etwas anderem, etwas Angenehmerem wurde, stellten so unbedingt den Geist über alles andere und waren in der Politik so sozialistisch, daß man sich fragte, wo sich in ihrem Palais der Hausgeist verbarg, der dafür sorgte, daß der aristokratische Lebenszuschnitt aufrechterhalten wurde, und, immer unsichtbar, aber offenbar bald im Vorzimmer, bald im Salon, bald im Ankleidezimmer versteckt, die Dienstboten dieser Frau, die nicht an Titel glaubte, daran erinnerte, stets »Madame la Duchesse« zu ihr zu sagen, und diese Frau selbst, die nur die Lektüre liebte und sich nichts aus anderen Menschen machte, wenn die Uhr acht schlug, zu ihrer Schwägerin zum Diner zu fahren und sich zu diesem Zweck zu dekolletieren. (3.617)

92

Das ist die Anzahl der Stunden, die ich heute in Form von Hörbüchern auf mein Handy geladen habe. Und ich freu‘ mich so auf die beiden Winslows („Corruption“ (807 Minuten) & „Jahr des Jägers“ (1.787 Minuten)) die ich zwar schon gelesen habe, aber die vorgelesen einfach gleich nochmals so gut sind.

Proust (147)

Nochmals über die Liebenswürdigkeit der Fürstin von Parma. Viele im Salon rätseln, wer Marcel den eigentlich ist – darunter auch Graf Hannibal von Bréauté-Consalvi (was für ein Name!). Über Namensabkürzungen. Marcel wird verschiedenen Personen vorgestellt, darunter auch dem »ordinären Hampelmann« (3.607), dem Fürsten von Agrigent. Und endlich heißt es auch »›Madame, es ist angerichtet‹ in einem Ton, als meldete er [der Maître d’hôtel]: ›Madame liegt im Sterben‹« (3.609)

Doch ach, der ordinäre Hampelmann [der Fürst von Agrigent], dem ich vorgestellt wurde und der sich mit einer Halbdrehung zu mir wandte, um mir mit plumper Ungezwungenheit, die er selbst für elegant hielt, guten Tag zu sagen, hatte so wenig Beziehung zu seinem Namen wie zu einem Kunstwerk, das er besessen hätte, ohne den geringsten Widerschein davon auf seiner Person zu tragen, ja ohne es vielleicht auch jemals nur angesehen zu haben. (3.607)

Gute gedacht ist noch lange nicht …

Stift und Buch neben meinem Bett bewirkten in der ersten Nacht, dass ich wie immer träumte, aber diesmal auch davon träumte, wie ich die Träume der Nacht – übrigens sehr akribisch – aufschrieb. Im Traum war ich ganz stolz auf mich, dass es in der ersten Nacht gleich so gut funktioniert und ich mir so ausführlich – und übrigens leserlich! (und da hätte ich im Traum ja merken können, dass ich träume, denn ich kann gar nicht leserlich schreiben) – alles aufschreiben konnte.

In echt, da nur halbwach, heute morgen gegen 4 Uhr ein paar Stichworte hingeschmiert über die ich dann heute morgen lange rätselte – aber hilfreich war es dann schon, denn bei Traum zwei hätte ich das Ende ohne das Gekritzel nicht mehr rekonstruieren können.

Tutto paletti

Perfekt auf die entspannte Art

What makes me stumble

io scrivo quel che voglio quando voglio

Carax&VanNuys

Wir. Gastronomiegeschichten. Gesellschaftsbeobachtung. Gehirnfasching.

brigwords

Leben berührt - Gedichte und Geschichten

Kaleidoskop eines Alltags

Es gibt immer eine Geschichte hinter der Geschichte.

Anton Weyrother

weyrother.net

Mijonis chaotische Welt

Leben, Lieben, Queerbeet, Gedanken, Alles in einem

AISTHESIS

Texte zur Ästhetik, Philosophie und Kunstkritik sowie vermischte Bemerkungen

Kritzelkomplex

Just another WordPress.com site

wirbelwind68

ich lebe intensiv und reflektiert

Musil lesen

"Der Mann ohne Eigenschaften" in weniger als 123 Wochen

Ein Nudelsieb bloggt, ...

... denn man(n) kann sich ja nicht alles merken ;)

KenterKönig

und anderes aus der weiten Welt

winterlichtblog.wordpress.com/

Jedes Bild ein Selbstbildnis