Proust (145)

von Bert

Als Robert das Restaurant betritt, wird er sofort vom Patron und allen Angestellten hofiert und ihm der beste Platz angeboten. Er entdeckt Marcel in der Menge und will ihn nicht zu einem Umzug nötigen, sorgt aber dafür, dass die zugigen Türen geschlossen werden. Er organisiert ihm sogar leihweise den Vikunjamantel – heutiger Anschaffungspreis um die 25.000 Euro! – des Fürsten Foix. Robert richtet ihm aus, dass sein Onkel Charlus Marcel morgen ohne wenn und aber erwartet. Über die Juden. Über den Adel Roberts und über die Freundschaft.

(S)o schnell, wie er vorausgesagt hatte, erschien Saint-Loup wieder im Eingang mit dem langen Vikunjamantel des Fürsten, von dem er ihn offenbar erbeten hatte, damit ich nicht friere. Er machte mir von weitem ein Zeichen, ich solle ruhig sitzen bleiben, und kam näher, aber man hätte noch einmal meinen Tisch wegrücken oder ich selbst den Platz wechseln müssen, damit er sich setzen konnte. Sobald er in den großen Saal trat, schwang er sich daher auf die roten Samtbänke, die rings an der Wand entlangliefen und auf denen außer mir nur noch drei oder vier junge Mitglieder des »Jockey« saßen, Bekannte von Robert, die im kleinen Saal keinen Platz mehr hatten finden können. Zwischen den Tischen liefen in einer gewissen Höhe elektrische Schnüre hindurch; ohne sich dadurch stören zu lassen, nahm Saint-Loup wie ein Turnierpferd geschickt jedes Hindernis; wenn auch verlegen, daß er das meinetwegen und nur in dem Bestreben tat, mir eine höchst einfache Bewegung zu ersparen, war ich doch von staunender Bewunderung über die Sicherheit erfüllt, mit der mein Freund diese Akrobatik ausführte; ich blieb nicht der einzige; denn wenn Patron und Kellner ihn wahrscheinlich von seiten eines weniger aristokratischen und weniger splendiden Gastes nicht so gern gesehen hätten, waren sie jetzt fasziniert wie Kenner am Wiegeplatz; ein Pikkolo stand, wie gelähmt, unbeweglich mit einer Schüssel da, auf die die Gäste auf der anderen Seite bereits warteten, und als Saint-Loup, der hinter seinen Freunden vorbei mußte, auf die Kante des Rückenpolsters stieg und sich darauf in vollkommenem Gleichgewicht weiterbewegte, wurden aus der Tiefe des Saales leise Beifallskundgebungen laut. Als er endlich bei mir angekommen war, bremste er seinen Schwung mit der Exaktheit eines Kommandeurs vor der Tribüne eines Herrschers, verneigte sich und reichte mir höflich ergeben den Vikunjamantel, den er gleich darauf, als er neben mir saß, ohne daß ich dabei eine Bewegung zu machen brauchte, als leichten warmen Umhang um meine Schultern breitete. (3.577f)