Proust (170)

von Bert

Oriane will nicht länger mit Monsieur Frobervielle plauschen und Marcel will in den Rauchsalon. Das war’s dann schon an ›Ereignis‹ auf den dreizehn Seiten. Eine Kameraeinstellung / -fahrt von 20 bis 30 Sekunden vielleicht. Aber Proust charakterisiert derweil ein halbes Dutzend Personen chirurgisch scharf. Es ist der Widerspruch in sich – aber er gehört zu den effizientesten Autoren, die ich je gelesen habe.

In diesem Augenblick begegneten wir zwei jungen Leuten, deren große, aber ganz ungleiche Schönheit sich von ein und derselben Frau herleitete. Es waren die beiden Söhne von Madame de Surgis, der neuen Geliebten des Herzogs von Guermantes. Sie strahlten den Glanz der Perfektionen ihrer Mutter aus, doch jeder auf eine andere Art. In den einen war, weich schwellend in einem männlichen Körper, die königliche Stattlichkeit von Madame de Surgis übergegangen, und die gleiche rosig durchglühte, sakrale Blässe lebte in den marmorhaften Wangen von Mutter und Sohn; sein Bruder aber hatte die griechische Stirn, die vollkommene Nase, den statuengleichen Hals, die ins Unendliche schauenden Augen geerbt; aus den verschiedenen Gaben bereitet, welche die Göttin an sie verteilt hatte, bot ihre zweifache Schönheit so das abstrakte Vergnügen der Feststellung, daß der Grund dieser Schönheit außerhalb von beiden lag; man hätte meinen können, daß die Hauptattribute ihrer Mutter sich in zwei verschiedenen Körpern inkarniert hatten, daß der eine Sohn ihre Statur und ihr Teint war, der andere ihr Blick, so wie jene Götter, die nichts anderes als die Kraft und die Schönheit Jupiters oder Minervas waren. (4.131)