Proust (172)

von Bert

Marcel unterhält sich mit Swann, Baron de Charlus mit Madame Surigs, in erster Linie aber mit ihrem Sohn Victurnien (Nr. 170f). Madame de Saint-Euverte muss sich vom Baron Schmähungen anhören und bitte Marcel ihn dennoch morgen auf ihre ›Garden-party‹ (Nr. 168) mitzubringen. Der verabschiedet sich, um Albertine nicht länger warten zu lassen, gerät aber in die Fänge Swanns, der ihm, als einzigem Vertrauten, erzählen will, was der Fürst mit ihm zu besprechen hatte und was ja schon für das ein oder andere Gerücht (Nr. 169) gesorgt hat.

»Können Sie sich vorstellen, daß dieser unverfrorene junge Mann hier«, sagte er zu Madame de Surgis und wies dabei auf mich, »ohne das geringste Gefühl dafür, daß man von dieser Art von Bedürfnissen nicht spricht, mich fragt, ob ich zu Madame de Saint-Euverte gehe, das heißt, wie ich annehmen muß, ob ich Durchfall habe. Wie auch immer, ich würde gewiß versuchen, mich an einem bequemeren Ort zu erleichtern als bei einer Person, die, wenn mein Gedächtnis nicht trügt, ihren hundertsten Geburtstag feierte, als ich begann, in der Gesellschaft, das heißt nicht bei ihr, zu verkehren. Und doch, wem zuzuhören könnte interessanter sein? Wie viele historische Erinnerungen, gesehen und erlebt in der Zeit des Ersten Kaiserreichs und der Restauration, wie viele intime Geschichten auch, die gewiß nichts Heiliges an sich hatten, aber wahrscheinlich sehr pikant waren – nach den immer noch losen Schenkeln der ehrwürdigen Tänzerin zu schließen! Was mich daran hindern würde, sie über diese aufwühlenden Epochen zu befragen, ist die Empfindlichkeit meines Geruchsapparates. Die Nähe dieser Dame genügt. Plötzlich sage ich mir: ›Mein Gott, sollte meine Abortgrube schadhaft geworden sein?‹ Statt dessen aber hat einfach die Marquise bei ihrer Gästejagd den Mund aufgetan. Sie begreifen, daß, wenn ich das Pech hätte, bei ihr zu verkehren, diese Abortgrube sich zu einem ungeheuren Jauchefaß ausweiten würde. Dennoch trägt sie einen mystischen Namen, bei dessen Anhören ich immer mit Jubilieren im Herzen – obwohl sie selbst längst sämtliche Jubiläen hinter sich gebracht hat – an jenen blöden Vers denken muß, der dekadent sein soll: ›Grün, ach wie grün war damals meine Seele …‹ Mir freilich liegt eine Grünanlage mehr, wenn sie sauberer ist. Wie ich höre, gibt diese Person, die unermüdliche Jägerin, ›Garden-parties‹; ich selbst würde das eher als eine ›Einladung zum Kloakenkorso‹ bezeichnen. Wollen Sie sich etwa damit verunreinigen?« fragte er Madame de Surgis, die diesmal ernstlich in Verlegenheit geriet. (4.151f)