Proust (189)

von Bert

Mit der Lokalbahn geht es nach Doncières, um Robert zu treffen. Auf dem Weg begegnet man Monsieur Nissim Bernard und einer »Pfuffmutter auf Reisen« (4.380). Albertine ist von Robert fasziniert, Marcel ergeht sich in Eifersucht. Vor der Rückfahrt treffen sie auf dem Bahnhof den »gealtert(en)« (4.384) Monsieur Charlus mit »schwappendem Bauch … und symbolisch wirkende(m) Hinterteil« (ebd.), der nach Paris will. Er bittet Marcel einen jungen Soldaten herbeizurufen, in dem Marcel den Sohn des Kammerdieners seines Onkels – Morel (vgl. Nr. 128) – erkennt. Charlus will diesen, der als Musiker kenntlich ist, noch für denselben Abend (sic!) für eine Musikabend engagieren. Das fällt auch Marcel auf, der dann beobachten kann, wie Charlus sein Gepäck wieder ausladen lässt. Über die Freundschaft zu Robert.

Nicht weit von uns bemerkten wir Monsieur Nissim Bernard mit einem geschwollenen Auge. Seit kurzem betrog er den Chorknaben aus Athalie mit dem Hausknecht einer vielbesuchten Meierei in der Nachbarschaft, Aux Cerisiers genannt. Dieser rotwangige Bursche hatte mit seinen derben Zügen ein Gesicht ganz wie eine Tomate. Eine genau gleiche Tomate diente auch seinem Zwillingsbruder als Kopf. Für einen unbeteiligten Beobachter bietet solche vollkommene Ähnlichkeit unter Zwillingen den Reiz der Feststellung, daß manchmal auch die Natur, als habe sie sich vorübergehend auf industrielle Produktion umgestellt, ganz gleichartige Erzeugnisse hervorbringt. Unglücklicherweise war der Gesichtspunkt von Monsieur Nissim Bernard ein anderer, und diese Ähnlichkeit bestand nur äußerlich. Tomate Nummer zwei hatte ausschließlich und mit Leidenschaft einzig das Glück der Damen im Auge, Tomate Nummer eins aber war den Wünschen gewisser Herren nicht unbedingt abgeneigt. Jedesmal nun, wenn Monsieur Bernard von der Erinnerung an die mit Tomate Nummer eins verlebten angenehmen Stunden wie von einem Reflex durchzuckt sich in der Meierei einstellte, wandte sich in seiner Kurzsichtigkeit (deren es im übrigen gar nicht bedurfte, um die beiden zu verwechseln) der alte Jude als ein ahnungsloser zweiter Amphitryon an den Zwillingsbruder und sagte zu ihm: »Hast du heute abend für mich Zeit?«, worauf er auf der Stelle eine kräftige »Abfuhr« erhielt. Diese wiederholte sich sogar im Lauf ein und derselben Mahlzeit, wenn er mit dem zweiten ein Gespräch fortsetzen wollte, das er mit dem ersten begonnen hatte. Auf die Dauer faßte er, der Ideenassoziation folgend, eine solche Abneigung gegen Tomaten, selbst gegen die, die eßbar sind, daß jedesmal, wenn ein Reisender in seiner Gegenwart im Grand-Hôtel dieses Gemüse bestellte, er ihm zuflüsterte: »Verzeihen Sie, Monsieur, daß ich Sie anspreche, ohne Sie zu kennen. Aber ich höre gerade, daß Sie Tomaten bestellen. Die sind heute verdorben. Ich sage Ihnen das nur in Ihrem Interesse, denn mir selbst ist es ganz gleich, ich bestelle sie nie.« Der Fremde dankte dem menschenfreundlichen und selbstlosen Nachbarn überschwenglich, rief den Kellner zurück und tat, als habe er sich anders besonnen: »Nein, ich möchte doch lieber keine Tomaten.« (4.374f)