Durch die Zeit

Monat: Dezember, 2020

»Sprachloses Kind mit Schwanz«

Der wichtigste Texte für dieses Jahr stammt von Bodo Kirchhoff. Als ich ihn das erste mal las, hab ich nicht nur geflennt, sondern ich hatte zum ersten Mal erste Worte für das, was mir da geschehen ist – und dafür bin ich ihm echt dankbar. OK, bei war es kein Heimleiter sondern jemand aus der Familie, und auch das Zitat ist nicht gefallen – seis’s drum, der zweite Absatz hätte von mir stammen können! Er beschreibt dieses unermesslich nicht Fassbare, was da einem passiert. Und auch wenn der Missbrauch jetzt auch schon gut 40 Jahre her ist … so ein Dreck hat Auswirkungen bis heute und es war echt ein weiter, anstrengender Weg, diese Sprachlosigkeit zu überwinden.

Ich bin missbraucht worden – ein Wort, das nicht viel taugt, das nicht weiterhilft, das nur die ganze Misere der Sprachlosigkeit zeigt. Was ist geschehen? Ich war zwölf, ein hübsches Internatskind, und der Heimleiter und Schulkantor, ein Mann wie Winnetou (der meiner Phantasie, bevor es die Filme gab), Anfang dreißig, langes Haar (1960!), Roth-Händle-Raucher, Cabrio-Fahrer, führte mich, weil ich über Kopfweh geklagt hatte, am späten Abend auf sein Zimmer. (…) Dann streichelte er mein kindliches Ding, es wurde groß und hart, glühend gegen meinen Willen, also schämte ich mich auch glühend, und Winnetou flüsterte mir in den Mund „Dem Schwein ist alles Schwein, dem Reinen ist alles rein.“ Das waren seine einzigen Worte in dieser ersten Nacht von vielen.

Aber mit Streicheln war es nicht getan, er wollte mehr, ich sollte das Stigma der Lust tragen, von ihm empfangen. Er küsste das Harte, er streichelte es, er machte immer weiter, gnadenlos zärtlich, und ich hatte den ersten Orgasmus – von diesem Wort noch viele Jahre entfernt. Ich wusste nicht, was da unten los war, es war der Wahnsinn, wie man heute sagt, damals ein loderndes Rätsel zwischen den Beinen. Aus dem kindlichen Ding war innerhalb einer Nacht ein Schwanz geworden – ich war ein sprachloses Kind mit Schwanz.

Quelle bzw. der ganze Text (der nicht sehr lang ist).

Proust (221)

Wie ein Wetterwechsel verhindert, dass Marcel (mal was) arbeitet, also schreibt. Erinnerungen an den letzten Aufenthalt in Balbec, was er dort über Albertine erfahren hat. Machte der Oberkellner Aimé nicht gewisse Andeutungen? Weitere Ausführungen zur Eifersucht. Kurzfassung: »Wie viele Personen, Städte, Wege sind wir aus Eifersucht begierig kennzulernen!« (5.117) gilt auch für die »Eifersucht a posteriori« (5.117f). Albertine erwähnt am Rande, dass sie am nächsten Abend Madame Verdurin einen Besuch machen will – Grund genug für Marcel sofort eifersüchtig zu werden: »Die Eifersucht ist oft nur ein ruheloses Bedürfnis nach Tyrannei im Bereich von Liebesdingen« (5.124).

Manchmal war die Schrift, aus der ich die Lügen Albertines entzifferte, keine Bilderschrift, sondern man mußte sie einfach rückwärts lesen; so hatte sie mir an diesem Abend mit gleichgültiger Miene die Mitteilung gemacht, die eigentlich ganz unbemerkt passieren sollte: »Es wäre möglich, daß ich morgen zu den Verdurins fahre, ich weiß allerdings noch nicht, ob ich es tue, große Lust habe ich eigentlich nicht.« Das war ein kindisches Anagramm für das folgende Geständnis: Morgen gehe ich zu den Verdurins, es steht unabdingbar fest, denn ich lege den größten Wert darauf. (5.124)

The best of 2020 – Eurer Meinung nach

Und hier nun meine drei erfolgreichsten Einträge aus diesem Jahr. So sagt’s die Statistik:

Platz 1: Lumumpe
OK, erklärt sich mir jetzt nicht so wirklich, ich vermute, der Begriff war irgendwie interessant oder weckte Erinnerungen.

Platz 2: Was ich habe, will ich nicht verlieren
Das hat mich komplett überrascht. Denn Lyrik geht normalerweise so gar nicht. Und der Titel ist ja jetzt auch nicht gerade so superspannend und besonders. Das Gedicht dagegen nach wie vor eins der besten, die zumindest ich kenne.

Platz 3: Vergessen
Immerhin mal ein originärer Beitrag von mir und nix ‚Geklautes‘. Zugegeben, beim Wiederlesen fand ich den kleinen Text auch nicht schlecht und zeugte von einer besonderen Gelassenheit (die mir echt nicht jeden Tag gegeben ist).

Zufrieden mit Eurer Auswahl? Und was waren Eure drei Hits?

Wurstsalat goes Excel

Heute mal alle Produkte für den Wurstsalat grammgenau abgewogen. Endjahresaufgabe wird sein, in Excel eine erinnerungsmögliche Formel zu kreieren, die ich dann in der Küche auch gut umsetzen kann. Bisher sind es mir noch zu viele Zahlen hinter dem Komma. Vielleicht wird’s ja dann auch gleich die Weltformel. Ich werde berichten.

Proust (220)

Erst über die schlafende, dann die aufwachende Albertine. Nach 3.466 Seiten (!) nun zum ersten Mal die Nennung des Vornamens des Protagonisten. Marcel genießt die Häuslichkeit, die Innigkeit, die Intimität mit Albertine und kann dann derweil alle »Zweifel anheim« (5.105) geben. Apropos Intimität: Da hält sich Proust extrem zurück, Küsse sind das Explizitestes bisher gewesen, heute immerhin die »beiden kleinen hochsitzende Brüste« (5.107) und wenn man will – man muss schließlich nicht –, lässt sich das folgende Zitat als eine ›Bettszene‹ lesen, ggf. bestärkt durch den Satz im nächsten Absatz: »Manchmal schlief ich schließlich an ihrer Seite ein« (5.108)

O große Gebärden des Mannes und der Frau, in denen sich in der Unschuld der ersten Tage und mit der Demut des Lehms, aus dem sie hervorgegangen sind, zu verbinden sucht, was die Schöpfung getrennt hat, bei denen Eva staunend und ergeben den Mann anblickt, an dessen Seite sie erwacht, wie er selbst, da er noch allein war, den Gott, der ihn erschaffen hat. Albertine verschränkte die Arme hinter ihrem schwarzen Haar, ihre Hüfte bog sich heraus, ihr Bein glitt in der weichen Biegung eines Schwanenhalses herab, der sich streckt und beugt, um sich vollends zu runden. Es gab lediglich – wenn sie ganz auf der Seite lag – eine Ansicht ihres (von vorn gesehen so gutmütigen und schönen) Gesichts, die ich nicht leiden mochte, mit hakenförmigen Linien wie auf gewissen Karikaturen Leonardos, ein Bild, das Bosheit und Habgier zu enthüllen schien sowie die Verschlagenheit einer Spionin, vor deren Anwesenheit mir gegraut hätte, die aber gerade durch diese Profilansichten entlarvt zu werden schien. Sogleich nahm ich Albertines Kopf in meine Hände und rückte ihn wieder so, daß ich ihr Gesicht von vorn sah. (5.108)

Statusmeldung

Alles gut. Sylvesterpost geschrieben. In einen Disher verliebt. Morgen gibt es Wurstsalat! Ich mag die Tage „zwischen den Jahren“.

Proust (219)

Viel passiert gerade nicht, denn Marcel / der Autor sinniert – mal wieder – über das Wesen der Eifersucht: »Sobald die Eifersucht erkannt ist, wird sie von der, auf die sie sich bezieht, als Mißtrauen ausgelegt, das zur Täuschung berechtigt« (5.82f). Gedanken zu der schnellen Veränderlichkeit junger Mädchen. Die Nichte Jupiens erkennt die negativen Charakteranteile bei Morel und dem Baron. Über die schlafende Albertine.

Ich sage nicht, daß nicht ein Tag kommen mag, an dem wir sogar diesen strahlenden jungen Mädchen ganz deutlich abgegrenzte Charaktere zuerkennen werden, aber das bedeutet dann, daß sie aufgehört haben werden, uns zu interessieren, daß ihr Auftreten für unser Herz nicht mehr jenes plötzliche Erscheinen sein wird, das wir jedesmal anders erwartet haben und das uns jedesmal in Entzücken über derart neue Inkarnationen versetzt. (5.89)

Proust (218)

Über Morels schlechten Charakter, der dennoch die Nichte des Westenmachers (Jupien) aufrichtig liebt (vgl. 203). Über seine Geldsorgen sowie, dass er Kredite nicht zurückzahlt, sich lieber vom Baron aushalten lässt. Marcel versteckt Albertine vor allen, niemand darf wissen, dass sie zusammenwohnen, gar dass er sie sieht. Nur Andrée ist eingeweiht. Im Vorgriff auf später eine kleine Szene, in der Marcel dann erkennen wird müssen, dass Albertine mit Andrée wohl im Bett gewesen ist. Marcel genießt die Häuslichkeit mit Albertine, hat aber panische Angst, dass man sie ihm ausspannen könne.

Während ich Albertines Schritte hörte und mich mit Behagen in dem Gedanken wiegte, sie werde an dem betreffenden Abend nicht wieder ausgehen, stellte ich mit Verwunderung fest, daß für dieses junge Mädchen, dessen Bekanntschaft zu machen ich früher nicht einmal erhofft hätte, das tägliche Nachhausekommen jetzt eine Heimkehr zu mir geworden war. Das aus Geheimnis und Sinnenreiz gewobene flüchtige, bruchstückhafte Vergnügen, das ich in Balbec an jenem Abend kennengelernt hatte, an dem sie zum Übernachten ins Hotel gekommen war, hatte sich vervollständigt, befestigt und erfüllte mein vordem leeres Heim mit einem steten Vorrat häuslichen, ja an Familienleben gemahnenden Glücks, das bis in die Korridore ausstrahlte, eines Glücks, an dem alle meine Sinne, teils wirklich, teils – in den Augenblicken, in denen ich allein war – in meiner Phantasie und in der Erwartung ihrer Heimkehr sich in Ruhe sättigten. (5.78f)

Dekadent

Aber wie anders soll die Welt schon untergehen?

Also heute mal Kaviar bestellt.

Aber den billigen. Denn 150 Euro für 50 Gramm habe ich dann auch nicht gerade mal so übrig.

Fall es schmeckt, weiß ich ja, auf was ich sparen kann.

Proust (217)

Dreyfuss-Affäre und Klamotten – die mit umgerechnet 30.000 Euro zu Buche schlagen – sind wechselnd das Thema zwischen der Herzogin und Marcel. Derweil besuchen Baron de Charlus und Morel regelmäßig (!) Jupien. Zur Erinnerung, Jupien ist der Westenmacher, mit dem der Baron gerne Sex hat (Nr. 99, 101 besonders 162f) und dessen Nichte, ebenfalls Schneiderin, die ja die Verlobte von Morel ist. »Man kann daran ablesen, daß eine Gewohnheit je absurder, desto beharrlicher ist« (5.56f). Über das geheime, unkonventionelle, schwule Leben des Barons und seine ›Taktik‹, Morel wie Jupien an sich zu binden.

Bevor wir zu Jupiens Laden zurückkehren, legt der Verfasser Wert darauf zu sagen, wie schmerzlich es ihm wäre, wenn der Leser an so seltsamen Schilderungen [Charlus‘ schwules Leben] Anstoß nähme. Einerseits (und dies ist der geringfügigere Aspekt der Sache) mag man finden, daß die Aristokratie in diesem Buch proportional noch mehr als andere Gesellschaftsklassen der Degeneriertheit beschuldigt wird. Selbst wenn das der Fall wäre, sollte man sich nicht wundern. Die ältesten Familien bilden schließlich in Gestalt einer roten und höckrigen Nase oder eines deformierten Kinns besondere Merkmale heraus, in denen die »Rasse« bewundert wird. Doch unter diesen beständigen und immer stärker werdenden Zügen gibt es auch solche, die nicht sichtbar sind, nämlich die Veranlagungen und Neigungen. (5.61)

Charles Boson de Talleyrand-Périgord, Prinz von Sagan (1832-1910), fotografiert am 28. Juli 1883 vom meisterhaften Paul Nadar, war eines der Vorbilder für den Baron Palamède de Charlus.

Proust (216)

Marcel erkundigt sich bei Herzogin von Guermantes, gilt sie doch nach Elstir »als die Frau in Paris, die sich am besten kleide« (5.41), nach modischen Accessoires für Albertine. Über die Sprechweise der Herzogin. Dreyfus-Affäre ist mal wieder Thema und aus der Bemerkung, dass sie »erst zwei Jahre« (5.50) zurückliegt, schließt der historisch Bewanderte: Wir schreiben das Jahr 1901.

»Sie hatten doch, Madame, als Sie bei Madame de Saint-Euverte speisten, bevor Sie zu der Fürstin von Guermantes gingen, ein ganz rotes Kleid und dazu rote Schuhe an, Sie sahen unerhört aus, wie eine große blutrote Blüte, ein Rubin in Flammen, was war das denn? Kann ein junges Mädchen so etwas tragen?« (…) »Ich wußte zwar nicht, daß ich wie ein Rubin in Flammen oder eine blutrote Blüte aussah, aber ich erinnere mich tatsächlich, daß ich ein rotes Kleid trug: Es war aus rotem Atlas, wie er damals hergestellt wurde. Ja, ein junges Mädchen kann unter Umständen so etwas tragen, doch Sie haben mir gesagt, daß die Ihre niemals abends ausgeht. Das war ein Abendkleid, und so etwas kann man nicht anziehen, um Besuche zu machen.« (5.47f)

Gräfin Élisabeth Greffulhe (1860-1952), eins der Vorbilder für die Herzogin de Guermantes, fotografiert vom Meister seiner Zeit: Paul Nadar.

Der perfekte Weihnachtsfilm

Da gestern nichts in der Kiste kam, auf Konserve umgestiegen. Hat gedauert, bis sich mein Mann und ich einigen konnte (ich nicht Psycho, er nicht Mafia). Zufällig dann auf »100 Dinge« gestoßen. Perfekt für Weihnachten: Kapitalismuskritik, Verzicht als Bereicherung, Liebesgedöhns, nackte Männer, eine Prise Sex, gute Schauspieler:innen, unterhaltsame Story, etwas Romantik, etwas Kitsch … Das könnte echt Tradition werden.

Gesundheitsmaßnahme

Um in dieser dunklen Jahreszeit fitt zu bleiben, haben mein Mann und ich wieder eine alte Tradition aufleben lassen. Abends führen wir uns nun eine extra Portion Vitamine zu, bestehend aus dem Saft von Apfelsinen, Limetten, Zitronenen ggf. Graipfruit und so weiter. Aber da wir nicht päpstlicher als der Papst sein wollen, halten wir uns dann nicht so ganz genau an das Rezept von Planters Punch – aber weißer und brauner Rum ist immer drin.

Proust (215)

Marcel bleibt wunderbar ambivalent. Er liebt sie »nicht im geringsten« (5.23) und ist froh, wenn sie von Andrée abgeholt wird, damit er endlich Ruhe hat, ergeht sich aber am dem Augenblick in Eifersucht, weil er nicht weiß, was die beiden machen und ob sie ihn beim heimkommen vielleicht nicht doch über ihre Aktivitäten belügt, »denn das Übel wohnte ja nicht in Albertine allein, sondern auch in anderen« (5.25.) Wohl zentral für den ganzen Band: »Einzig das Begehren, das sie bei anderen weckte, verlieh ihr, wenn ich davon erfuhr, wieder zu leiden begann und sie jenen streitig machen wollte, in meinen Augen neues Ansehen.« (5.34)

Denn wie ein ausgehungerter Rekonvaleszent, der schon im voraus alle Speisen genießt, die man ihm einstweilen noch vorenthält, fragte ich mich, ob eine Heirat mit Albertine nicht mein Leben ruinieren würde, einerseits, weil ich damit die für mich zu schwere Aufgabe übernehmen müßte, mich einem anderen Wesen zu widmen, andererseits aber auch dadurch, daß sie mich zwänge, infolge der unaufhörlichen Gegenwart einer anderen Person abwesend von mir selbst zu leben, und mich für immer der Freuden der Einsamkeit beraubte. (5.33)

Jetzt noch sieben Stunden, dann ist aber gut

Mache ich aus der „heiligen“ Nacht, eine lange. Das ist dann aber auch der letzte Termin für dieses Jahr.

Noch vier ungelesene Bücher gefunden, alle recht dünn, vielleicht schaffe ich noch ein zweites in diesem Monat.

Ansonsten werde ich mal meine Kosten bei Netflix weggucken. Wer was gutes weiß, der darf gerne es in den Komentar schreiben. (Aber nix Phantasy und Romantik.)

Proust (214)

BAND V: DIE GEFANGENE

Paris. Marcel mit Albertine – »die ich übrigens kaum noch hübsch fand« (5.11) – und Françoise alleine in der Wohnung, die Mutter in Combray, der Vater … wird nichts dazu gesagt. Begann der erste Band mit dem Einschlafen, beginnt dieser mit dem Aufwachen. Albertine ist es verboten morgens in sein Zimmer zu kommen, wenn er nicht zuvor nach Françoise geläutet hat. Was er genießt ist die Zeit, die sie beide in ihrem jeweiligen Badezimmer, die aneinandergrenzen, verbringen. Die Mutter findet, dargelegt in den täglichen Briefen, es so gar nicht schicklich, dass die beide – unbeaufsichtigt – zusammenleben. Françoise achtet darauf, dass Albertine die zugegeben sehr eigenen Verhaltensregeln in der Wohnung einhält.

Sie [Albertine] hätte nie eine Tür geschlossen, umgekehrt aber sich ebensowenig gescheut, durch eine offenstehende einzutreten wie ein Hund oder eine Katze. Ihr etwas unbequemer Charme bestand darin, im Hause nicht wie ein junges Mädchen, sondern eher wie ein Haustier anwesend zu sein, das in ein Zimmer eintritt und es wieder verläßt, sich überall befindet, wo man es nicht erwartet, und sich – mir gab das ein tiefes Gefühl von Ruhe – neben mich auf mein Bett warf und sich dort einen Platz aussuchte, von dem sie sich nicht mehr rührte, ohne dabei wie sonst ein menschliches Wesen zu stören. (5.15)

Nur eins – und das schon zum zweiten Mal!

In diesem Monat werde ich wohl nur ein Buch zu Ende gelesen haben (den Proust). Nur ein einziges Buch! Was anderes wird nicht dazu kommen. Im September war das auch schon so. Auch schon! Nur ein (!) Buch! Ich baue ab! Ich werde alt! Ich werde langsam! Werde ich gar teilnahmslos? Habe ich mit allem schon abgeschlossen? Ist das Ende, also mein Ende nahe?

Was mich etwas beruhigt ist die Tatsache, ich habe in einem Jahr nur ein einziges Mal mehr gelesen als in diesem. Und die Aufzeichnung reicht bist in das Jahr 1983 zurück.

Proust (213)

BAND IV: SODOM UND GOMORRHA – 2. Teil – Viertes Kapitel

Marcel will mit Albertine endgültig brechen und setzt auch an, ihr es zu sagen. Doch im Zuge dessen erfährt er rein zufällig von Albertine, dass sie über eine gemeinsame Freundin die Tochter des Komponisten Vinteuil auch kennt (siehe Nr. 14, insbesondere Nr. 17 und 19). Daraufhin erbrennt er so in Eifersucht, dass er Albertine bittet, nicht nach Triest zu fahren, sondern mit ihm nach Paris zu kommen. Sie lehnt ab. Sie sagt zu. Über Eifersucht. Nicht überraschend, dass sich Marcel ein paar Gedanken macht sowie Betrachtungen anstellt und darüber ins Weinen ausbricht. Die Mutter kommt ihn trösten. Er fasst einen Entschluss (und setzt damit des Hauptthema für den nächsten Band):

»Ich weiß, welchen Schmerz ich dir jetzt bereiten werde, Mama. Zunächst einmal reise ich, anstatt hier zu bleiben, wie du es gern wolltest, gleichzeitig mit dir ab. Das aber ist noch nicht alles. Ich fühle mich hier nicht wohl, ich möchte lieber nach Hause. Doch höre gut zu und gräme dich deswegen nicht zu sehr. Ich muß dir noch etwas sagen. Ich habe mich getäuscht und in gutem Glauben gestern auch dich getäuscht, ich habe die ganze Nacht darüber nachgedacht. Es geht nicht anders – und wir wollen es gleich als entschieden betrachten, weil ich mir jetzt darüber klar bin, weil ich mich nicht mehr ändern werde und weil ich auf andere Weise nicht leben kann –, es geht nicht anders: Ich heirate Albertine.« (4.779)

[Ende Band IV]

Es reicht für heute

Langer, anstrengender Tag. War aber ganz schön, wie einer der Prüflinge sich vor (!) der Prüfung dafür bedankte, dass wir uns recht kurzentschlossen entschieden haben, Prüfungen abzunehmen. Nach der Prüfung stellt sich heraus, dass er jetzt nicht nur Meister ist, sondern auch seine Ehefrau Geburtstag hat. OK, der dürfte jetzt blau sein oder mit ihr in der Kiste.

Mit N. das Konzept nochmals umgeschmissen, siehe gestern, und nun auf dem Weg in die Feinplanung.

Noch paar Klausuren korrigiert.

Den Stress mit einem Dienstleister an der Arbeit (bin ja nach Prüfung noch im HO), der gerne noch ein paar Rechnungen bezahlt bekommen würde, die ich aber schon längst verweigert habe, weil die berechnete Leistung gar nicht erbracht worden ist, ist bis morgen nicht mehr zu klären – also kann ich sie ins nächste Jahr schieben.

Proust (212)

(Ermüdende) Etymologien: »So hatten nicht nur die Ortsnamen ihr anfängliches Geheimnis verloren, sondern auch die Orte selbst« (4.748) Bruch zwischen Marcel und Bloch, weil Marcel Albertine nicht mit Robert allein lassen will. Baron de Charlus interessiert sich für Bloch. Über Juden. Marcel wird von vielen eingeladen, man buhlt fast schon um ihn. Betrachtungen und schließlich die Erkenntnis, dass er sich zumindest ›heimisch‹ fühlt.

[Ende Drittes Kapitel]

Ich hatte jetzt nicht einmal mehr jene bedrückende Angst vor der Einsamkeit, die mich am ersten Abend befallen hatte, brauchte aber auch nicht mehr zu befürchten, daß sie wiederkehren, noch daß ich mich fremd oder verloren in diesen Landstrichen fühlen könnte, die fruchtbar nicht nur an Kastanienbäumen und Tamarisken waren, sondern auch an Freundschaften, die über die ganze Strecke hin eine lange Kette bildeten, die nur hin und wieder unterbrochen war wie die der blauen Hügel, wenn sie sich hinter einem Felsvorsprung oder den Linden der Allee verbarg, aber an jedem Haltepunkt einen liebenswürdigen Landedelmann entsandte, der mit einem herzlichen Händedruck meinen Weg unterbrach, mich daran hinderte, dessen Länge zu spüren, und sich notfalls erbot, ihn mit mir fortzusetzen. Ein anderer würde am folgenden Bahnhof stehen, so daß das Pfeifen der Trambahn uns nur einen Freund verlassen hieß, damit wir auf andere stoßen konnten. (4.751)

Proust (211)

Die Verdurins und die Cambremers liefern sich ein erbittertes (neudeutsches) ›Battle‹ um die Gunst der Gäste. Baron de Charlus weiß, wie er seine Stellung bei den Verdurins ausbauen kann und die Cambremers vorführt. Kurz, ein »paar Wochen darauf waren sie so gut wie zerstritten«. (4.727) Brichot ist in Madame de Cambremer verliebt. Marcel erfährt über Umwege, dass Albertine »seltsame Manieren« (4.731) zusammen mit einer »Lina, Linette, Lisette, Lia, irgendetwas in dieser Art« (ebd.) an den Tag gelegt hätte. Albertine leugnet, kenne die Frau gar nicht. Marcel zweifelt.

Die Cambremers taten so, als bedeute die Abwesenheit des Barons [der fiesheitshalber kurzfristig absagte und nur Morel schickte] für ihre Veranstaltung nur eine Annehmlichkeit mehr, und sagten, ohne daß Morel es hören konnte, zu ihren Gästen: »Wir können auf ihn verzichten, nicht wahr, es ist eigentlich netter so.« (4.726)

12 und mehr

Während der Großteil der Nation sich auf Weihnachten einstimmt, habe ich heute mal einen 12-Stunden-Tag hingelegt. Morgen könnten es 14 werden. Aber dann ist ja Weihnachten und wenn ich dann aus dem Nachtdienst zurück bin, dann habe ich mal ein paar Tage terminlos frei.

Anderer Modus

Gerade so gar nicht das Gefühl, dass ich noch drei Tage arbeiten muss. OK, ich habe HomeOffice – dennoch will alles nur frei haben. Glück ist, dass ich die nächsten beiden Tagen nach M. fahre, um dort Prüfungen abzunehmen. Wenn ich mich nicht so komplett verrechnet habe, dauert das nicht alles zu lange. Reisezeit ist Arbeitszeit in dem Fall und der Oberchef war so nett, mir das als Dienstreise zu genehmigen. Kann daher sein, dass, wenn ich wieder zurück bin, noch die Mails checke und dann in den Feierabend gehen kann.

Proust (210)

Morel hält sich die Abende frei, um angeblich Geigenunterricht zu geben bzw. einen Algebrakurs zu besuchen. In Wahrheit vergnügt er sich u.a. mit dem Fürsten von Guermantes in einem Bordell – also die beiden miteinander. Baron de Charlus hat so eine Ahnung, lässt Jupien aus Paris kommen, der Morel ausspioniert. So stellt man Morel im Bordell eine Falle, denn der Baron will aus einem anderen Zimmer dessen Schuld mit eigenen Augen sehen. Doch als er endlich ein Blick hinein werfen kann, sieht er dort nur Morell mit drei Damen höflich plaudern: Eine Inszenierung Jupiens und der Pfuffmutter Mademoiselle Noémie. Über Pierre de Verjus, Graf von Grécy.

»Wie, Sie haben mich nicht persönlich die Truthähne tranchieren sehen?« Ich antwortete ihm [dem Hoteldirektor], daß ich, da ich Rom, Venedig, Siena, den Prado, das Dresdner Museum, Indien, Sarah in Phèdre bislang nicht gesehen hätte, an Resignation bereits gewöhnt sei und sein Truthahntranchieren meiner Liste noch hinzufügen werde. (…) »Das ist ganz gleich, ich bin untröstlich für Sie. Wann werde ich einmal wieder tranchieren? Es müßte schon etwas Besonderes kommen, zum Beispiel ein Krieg.« (Tatsächlich sollte es der Waffenstillstand sein.) (4.713f)

To do’s für morgen

  • ETF’s klar ziehen.
  • Vielleicht doch noch den Porno schreiben?

Proust (209)

Morel hat in der Zwischenzeit für Marcel eine »Sympathie wie eine Kokotte, die weiß, daß man sie nicht begehrt« (4.678) übrig. Als Morel dem Baron eines abends einen Korb gibt, kommt es zum richtig großen hinterlistigem Tuntendrama – *kreisch* – bei dem der Baron vorgibt, sich wegen Morel duellieren zu müsen und daher dem Tod ins Auge blickt – wir Schwestern verstehen halt was von Inszenierungen! *Knuuutsch Marcel Proust Knuuutsch * Cottard – der vermeintliche Sekundant – eilt herbei. Der Baron erklärt ihm in einem Nebenraum die Finte, streichelt Cottards Hand »mit der Güte eines Herrn, der sein Pferd am Maul krault« (4.695f), so dass es Cottard angst und bange wird und er die Situation als »unmittelbare(s) Vorspiel einer Vergewaltigung« (4.696) empfindet.

»Ich glaube, es wird sehr schön werden«, sagte er [Baron de Charlus] skandierend, psalmodierend und in völliger Aufrichtigkeit zu uns. »Sarah Bernhardt in L’Aiglon sehen, was ist das schon? Ein Dreck. Mounet-Sully in Ödipus? Ein Dreck. Höchstens fällt ein gewisser verklärender Strahl darauf, wenn den Schauplatz die Arena von Nîmes abgibt. Aber was ist das neben dem unerhörten Erlebnis, einen echten Abkommen des Connétable* im Kampf begriffen zu sehen?« Und bei dem bloßen Gedanken begann Monsieur de Charlus, der sich vor Begeisterung nicht mehr zu halten wußte, Kontraquarten** in der Luft zu schlagen, die an Molière erinnerten und uns veranlaßten, vorsichtshalber unsere Biergläser etwas an uns heranzurücken und zu befürchten, daß schon beim ersten Gang die Gegner, der Arzt und die Sekundanten verwundet werden könnten.

* Connétable – alter Titel für ein mittelalterliches militärisches Amt, heute vergleichbar mit General-Marschall
** Kontraquarten auch Contrequarte basse bzw. Contrequarte baisée – eine bestimmte Parade im Fechten bzw. Duell »gegen äußere Finten und Hiebe oder Stöße einwärts« (Christmann, F.C.: Theoretischpraktische Anleitung des Hau-Stossfechtens und des Schwadronhauens, nach einer ganz neuen Methode bearbeitet, Offenbach am Main 1838, S. 78)

Proust (208)

Gespräche in der Lokalbahn. Wenn Morel zusteigt achtet Baron de Charlus darauf, dass die Unterhaltungen keine Anspielungen enthalten. Über die Toilette von Albertine. Erinnerungen an den Großonkel von Marcel, dessen Diener ja der Vater von Morel gewesen ist. Der macht einen großen Kult aus dem Onkel. Überlegungen des Barons, wie er Morel weiter protegieren kann.

»Nur Frauen, die sich nicht anzuziehen verstehen, fürchten die Farben«, fuhr Monsieur de Charlus fort. »Man kann bunt sein, ohne vulgär zu wirken, und sanfte Töne tragen, ohne deswegen fade auszusehen.« (4.671)

Tschaka – 2 – nicht gut

Die Schwester ruft an. Um die 120 Minuten. Sie hat gerade echt ne Menge an der Backe, ohne jede Frage. Aber an Lösungen, Auswegen oder auch nur die Idee davon, ist sie definitv nicht interessiert.

Ich bin ja echt nicht unerfahren in dieser Art von Gesprächen und kenne in der Zwischenzeit schon einige Tricks und Hintertüren, um Leute, die so mauern, aus dem Gleichgewicht zu bekommen. Bei Fort Knox komme ich definitiv schneller zu so einem Ergebnis.

Es ist ein echtes Dilemma. Da jammert jemand, dass ihr niemand hilft / unterstützt – aber in dem Moment, wo eine Hilfe / Unterstützung auch nur angekündigt wird, wird alles getan, dass diese Hilfe / Unterstützung nichts bringt, nicht funktionieren kann.

Man kann niemanden helfen, der sich nicht helfen lassen will. Das ist bitter – aber manche brauchen eben ihre Zeit, bis sie etwas annehmen können.

Tschaka – 1 – gut

Ein Erfolg der Therapie ist, wie ich finde, auch, dass ich wieder auch das Gute, was passiert sehen und anerkennen kann.

  • Kostenträger der Reha hat meinem Antrag stattgeben, dass ich die Reha verschieben kann. Jetzt werde ich mit der Klinik verhandeln, dass es Ende März, Anfang April wird. Dann kann ich meine Mediationsausbildung in Ruhe fertig machen, und mit Ende der Therapie mir einen Abschlussnachschlag holen.
  • A. wird mich und N. bei unserem Mediationsprojekt beraten / supervidieren. Honora ist OK, vorallem bei der Erfahrung, die sie hat.

Proust (207)

Über die Stellung des Baron de Charlus im kleinen Kreis: Man war »also zu dem Schluß gelangt, Monsieur de Charlus sei ungeachtet seines Lasters (oder was man gemeinhin so nennt) inetelligent« (4.651) und wenn er nicht mitfahren kann, vermisst man »diese merkwürdig angemalte, dickwanstige und mysteriöse Persönlichkeit« (ebd.). Seine Homosexualität ist kein Geheimnis und solange keine Frau anwesend ist, spricht er sogar in Ansätzen darüber – vermeidet aber Morel zu nennen. Wenn er nicht dabei ist, werden sie aber eh in einem Atemzug genannt was bei einer Hälfte der Gesellschaft zu folgender Erkenntnis führt: »Wieso kannst du denken, Mémé sein in mich verliebt? Du vergißt wohl, daß ich eine Frau bin!« (4.661)

Wie sehr erstaunt aber wäre Monsieur de Charlus gewesen, wenn er eines Tages, als Morel und er sich verspätet hatten und nicht mit dem Zug angekommen waren, die Patronne [Madame Verdurin] hätte sagen hören: »Wir warten nur noch auf die Fräuleins!« Der Baron wäre um so verblüffter gewesen, als er sich kaum noch von La Raspelière fortrührte, die Rolle des Schloßkaplans, des obligaten Abbés, spielte und manchmal (wenn Morel achtundvierzig Stunden Urlaub hatte) zwei Nächte hintereinander dort blieb. Madame Verdurin gab ihnen dann zwei Zimmer mit Verbindungstür; damit sie sich in keiner Weise genierten, sagte sie zudem: »Wenn Sie Lust haben, Musik zu machen, so tun Sie sich keinen Zwang an, die Mauern sind dick wie die einer Festung, auf Ihrer Etage ist niemand sonst, und mein Mann schläft wie ein Murmeltier.« (4.654)

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